Fail forward: Scheitern als Wachstumstreiber

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Foto von Headway

Herr Arnet, die meisten Menschen sprechen nicht gerne über ihr Scheitern. Wie kommen Sie als Berater und Coach über dieses Thema ins Gespräch?

Wenn ich zu einer Runde mir bislang unbekannter Menschen stoße, stelle ich mich so vor: „Mein Name ist Felix Maria Arnet und ich bin brutal gescheitert“. Schon steht allen der Schock ins Gesicht geschrieben. Aber es gibt auch einige, die den peinlichen Moment aushalten und das Gespräch fortsetzen. Das werden ungemein interessante Gespräche. Daher nenne ich diesen Satz mein Pass-Wort für ehrliche Kommunikation. Er öffnet nicht jede Tür, aber jede, die es zu öffnen lohnt, und er schafft Vertrauen.

Warum ist Scheitern so verpönt?

Für viele Epochen der europäischen Geschichte war Scheitern gottgegegebene Regel. Das sich stetig wiederholende Auf und Ab des Lebens war so natürlich wie die Abfolge der Jahreszeiten, eine zirkuläre Bewegung. Mit der Moderne änderte sich dies. Sie brachte viel Gutes: Die Aufklärung und der Fortschritt, sozial wie technologisch, waren ein Erfolg in fast jeder Hinsicht. Aber das zirkuläre Weltbild machte einem linearen Platz. „The only way is up!“, hieß fortan das Motto. Wenn ein geglücktes Leben dank Rechtsgleichheit, Freiheit, Bildung und Wohlstand für jedermann erreichbar ist, dann ist Scheitern kein gottgewolltes Schicksal mehr, sondern das Versagen des Einzelnen.

Sie sind selbst gescheitert. Was ist passiert?

Ich musste meine zu Zeiten enorm erfolgreiche Marketingagentur mit rund 40 Beschäftigten und Millionenumsätzen in die Insolvenz führen. Da ich Hauptgesellschafter war und auch Kreditlinien und Versicherungen auf mich persönlich liefen, traf die Schieflage des Unternehmens vor allem mich. Der Insolvenzverwalter überzeugte mich, mit den verbliebenen Mitarbeitern und unter Verzicht auf jegliche Einkünfte meinerseits ein „Experiment“ zu wagen. Seines Erachtens reichten die verbliebenen Aufträge, um das Rumpfunternehmen fortbestehen zu lassen. Dem war nicht so, aber dafür musste ich am Ende noch den Vorwurf der Insolvenzverschleppung entkräften. Nebenher ging meine Partnerschaft in die Brüche und die Situation zehrte an meiner Physis. Als im Sommer des Jahres 2012 alle Menschen das Leben feierten, kam ich kaum mehr aus dem Bett.

Wie ging es für Sie weiter?

Schon vor der Insolvenz der Werbeagentur war ich zu neuen Horizonten unterwegs. Ich hatte die Bekanntschaft eines Coaches gemacht und fand dessen Beruf faszinierend. Ich machte eine Ausbildung bei einem Institut für systemische Beratung, setzte Fortbildungen und Universitätskurse obendrauf und gründete meine eigene Gesellschaft für Unternehmensberatung. Diese bestand schon, als ich noch versuchte, die Agentur wieder auf Kurs zu bringen. Das war eine Kraftprobe, aber letztlich meine Rettung. Ich ergatterte erste Coachingaufträge. Und dann passierte etwas bei einer Coachingsitzung: Der neue Klient war ein echtes Alphatier – und hatte panische Angst! Ich konnte helfen, weil ich wusste, wovon er sprach und wie man diese Angst überlebt. Als ich als Coach unaufgeregt und offen über mein Scheitern als Unternehmer sprach, entspannte sich die Atmosphäre. Dem Thema war das Skandalöse genommen. Das war gut für den Klienten. Es war aber auch gut für mich. Nun hatte ich ein einzigartiges Thema, denn ich wusste aus eigener Erfahrung, was Scheitern bedeutet.

Wie gelingt es Menschen, sich nach dem Scheitern wieder neu zu orientieren?

Auf Krisen reagieren wir emotional. Scheitern an sich ist schlimm, zur Katastrophe aber wird es erst durch den Gefühlscocktail aus Wut, Angst, Scham und Schuldgefühlen. Daher müssen wir vom Fühlen und Leiden ins Denken und Tun kommen. Menschen werden in Krisen lethargisch. Sie fühlen sich als Opfer und lassen die Dinge mit sich geschehen. Angezeigt ist aber das ganze Gegenteil. Gescheitert müssen wir das Heft in der Hand behalten und aktiv an der Überwindung der Krise arbeiten. Wir müssen vor allem raus mit der Sprache gegenüber unserem Umfeld. Sich schamhaft verstecken, Halbwahrheiten erzählen oder Ausreden finden, gilt nicht. Man muss selbst aussprechen, dass man ein Projekt oder eine ganze Firma vor die Wand gesetzt hat, Chancen für einen Neustart finden und dann schnell und konsequent anpacken. Wer meint, man müsse für Erfolge arg schuften, wird staunen, wie viel mehr Kraft es braucht, Misserfolge klug zu managen.

Sie haben ein Strategie entwickelt, die Sie „Fail forward“ nennen. Was verbirgt sich dahinter?

Vorwärts- oder Voranscheitern bedeutet, auf eine Niederlage zu reagieren mit dem Ziel, einen Vorteil zu gewinnen. Das Zauberwort heißt Achtsamkeit. Achtsamkeit ist höchste Konzentration auf das Leben bei gleichzeitig maximaler Gelassenheit gegenüber seinen Überraschungen. Achtsamkeit kennt keine Routinen, Reflexe, Vorurteile. Auch wenig Emotionen, außer einer generellen Freundlichkeit gegenüber allem und jedem.

Im Unternehmensalltag ist das nicht unbedingt die Regel. Sobald der Weg holprig wird, schlagen auch die emotionalen Amplituden aus und führen zu Beschuldigungen, Beschimpfungen, Mobbing oder Wegloben. Was meiner Erfahrung nach viel zu wenig geübt wird, ist die gute alte Manöverkritik. Sowohl individuell für sich selbst als auch im Team. Eigentlich sollte diese regelmäßig geschehen, nach jedem Projekt oder sogar nach bestimmten Meilensteinen. Ehrlich und unaufgeregt, ergebnisoffen und vor allem nur an einem orientiert: es zukünftig besser zu machen. Ganz nach dem Diktum des Nobelpreisträgers Samuel Beckett „Ever tried. Ever failed. No matter. Try again. Fail again. Fail better.“

Bleiben Fehler dennoch hartnäckig, hilft Visualisierung oder Verschriftlichung. Menschen denken zumeist in Bildern oder finden Beispiele hilfreich. Also halten Sie Ihre Manöverkritik in Skizzen fest. Sind Sie in Ihrem Team mehrheitlich eher der verbale Typ, schreiben Sie es in Bonmots oder Reimen auf. Bringen Sie diese an Stellen an, wo Sie sie häufig sehen. Wenn Sie den Fehler bewältigt haben, kann der Zettel verschwinden. Aber nicht wegwerfen! Schaffen Sie sich einen dieser altmodischen Zettelkästen an. Schleicht sich der Fehler wieder ein, wird der Zettel wieder aufgehängt.

Aphorismen und Zettelkästen: Lassen sich so Managementprobleme lösen, Veränderungsprozesse kontrollieren, Organisationen neu aufstellen?

Im Beratersprech heißt das dann Scrum oder KVP, aber im Prinzip ist es ähnlich. Sie lernen, wie oft Sie Fehler machen. Sie lernen, dass Sie sogar öfter Fehler machen als alles richtig. Sie lernen, dass Sie dies ändern können – aber nicht mit Wut, Druck oder Selbstbetrug, sondern mit intellektueller Verarbeitung, Geduld und Demut. Die „Karte des Scheiterns“ hingegen ist kein Tool für den Optimierungspfad. Sie ist ein Tool zur Bestandaufnahme und Lösungsfindung nach dem Vorbild der etablierten kognitiven Technik des Mindmappings. Visualisierung und Versprachlichung/Verschriftlichung zwingen zum Denken und verhelfen zu gedanklichen Verknüpfungen und logischen Schlüssen.

Wenn wir diese Methoden beherrschen, können wir unsere Fehlertoleranz andere Menschen lehren. Von der Selbstführung zur Menschenführung – ein geradezu idealer Verlauf von persönlichem Wachstum für eine Führungskraft.

Scheitern lohnt sich also?

Unbedingt, wenn wir damit umgehen und die Erfahrung nutzen können. Denken Sie mal daran zurück, wie Sie Radfahren gelernt haben. An den Dingen, die wir als Kinder lernen, scheitern wir anfänglich ständig, machen aber einfach weiter. Später bewundern wir Menschen, die nicht aufgeben, zum Beispiel Sportler, die nach Niederlagen ein Comeback haben.

Was genau lernen wir denn aus unserem Scheitern? Und warum lernen wir es nicht aus unseren Erfolgen?

Natürlich kann man auch für Erfolge Faktoren finden, aber aus Erfolgen lernen wir nur, bestimmte Strategien immer wieder zu kopieren, im Businessjargon heißt das „best practice“. Scheitern hingegen lässt sich analysieren. Wir können exakt nachvollziehen, welche Fehler wir gemacht haben, und sie künftig vermeiden. Wer Höchstleistungen vollbringt, weiß das. Der Extrembergsteiger Reinhold Messner etwa sagt von sich, dass er ohne seine misslungenen Expeditionen vermutlich längst tot wäre. Auch der Multi-Erfinder Edison stellte nach dem x-ten gescheiterten Experiment, das richtige Material für den Glühfaden zu finden, ganz cool fest: „Jetzt kenne ich schon 1000 Wege, wie man keine Glühbirne baut.“ Das mag lakonisch klingen oder bei Messner sogar zynisch, aber es zeigt, dass beide ihrem Scheitern mit dem Verstand begegneten. Mentale Widerstandsfähigkeit ist eine bewusst eingesetzte intellektuelle Technik, keine angeborene Charaktereigenschaft oder im Laufe des Lebens entwickelte Dickfelligkeit.

Scheitern beginnt meist mit einzelnen Fehlern. Hat jeder Fehler etwas Gutes?

Es gibt Fehler aus mangelnder Konzentration, mangelnder Motivation oder Überheblichkeit. Die gehören unbedingt abgestellt. Und es gibt Fehler aus Unerfahrenheit, Arglosigkeit, Emotionalität, zu hohem Arbeits- und Erwartungsdruck oder aus Mangel an Informationen oder Kenntnissen. Diese Fehler lassen uns lernen, was nicht geht, aber sie zeigen auch, was gehen könnte und wie. Sie sind hilfreiche Leitplanken auf unserem Weg voran. Auf dieser Fehlerkultur bauen die erfolgreichsten Unternehmen der Welt auf. 3M, der US-amerikanische Multikonzern und nicht zufällig einer der beliebtesten Arbeitgeber der Welt, hat gar ein ganzes Manifest zu Fehlerkultur. Warum nicht wir?

 

Literaturtipp

Brutal gescheitert. Wie der Start in ein neues Leben gelingt. Von Felix Maria Arnet. Gabal Verlag 2018.

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