Es gibt ein Naturgesetz, das unser aller Verhalten bestimmt. Ich spreche vom Prinzip des geringsten Widerstands, auch bekannt als Prinzip der geringsten Anstrengung. Der Harvard-Linguist George Kingsley Zipf beschrieb es bereits 1949: Menschen wählen instinktiv den Weg, der den geringsten Aufwand verspricht. Das ist keine Faulheit, sondern evolutionär sinnvolles Energiesparen. Unser Gehirn ist darauf programmiert, Energie zu sparen – eine Überlebensstrategie, die uns seit Jahrtausenden begleitet. Das Problem: Im Recruiting wird dieses Prinzip höchst einseitig gelebt und das hat Konsequenzen.
Wenn Recruiter das Prinzip der Bequemlichkeit perfektionieren
Personalabteilungen haben das Prinzip des geringsten Widerstands längst internalisiert – und nutzen es konsequent zu ihren Gunsten:
- Copy-Paste als Dauerzustand: Stellenanzeigen werden seit Jahrzehnten recycelt, angepasst und neu verpackt. Heute übernimmt die KI das Kopieren. Sie scannt Millionen Anzeigen, erkennt Muster und produziert Texte, die sich anfühlen wie der statistische Durchschnitt aller jemals geschriebenen Stellenanzeigen. Das Ergebnis? Austauschbarkeit statt Authentizität. Und Bewerber, die sich nicht angesprochen fühlen.
- Funkstille als Strategie: Zwischenbescheide? Absagen? Zu aufwändig! Laut StepStone erhalten fast zwei von drei Jobsuchenden keine abschließende Rückmeldung. Warum auch Zeit investieren, wenn Ghosting so viel einfacher ist? Dieses Schweigen signalisiert Desinteresse und mangelnde Wertschätzung. Und das merken sich Bewerber. Wie Sie möglicherweise schon bemerkt haben.
- Standard-Absagen im Sekundentakt: Wer doch absagt, tut dies gern mit vorformulierten Textbausteinen. Kein Feedback, keine Wertschätzung, nur ein automatisierter Klick. Die Botschaft: „Sie sind uns keine individuelle Antwort wert.“
- Interviewfragen aus dem Netz: „Wo sehen Sie sich in fünf Jahren?“ Recruiter googeln (oder nutzen KI), um dieselben Standardfragen zu stellen, und Bewerber googeln (oder nutzen KI), um die passenden Standardantworten zu finden. Ein absurdes Ritual, bei dem beide Seiten wissen, dass niemand authentisch antwortet.
- Active Sourcing per Gießkanne: „Ihr spannendes Profil ist mir aufgefallen!“ – eine Nachricht, die täglich zehntausendfach auf LinkedIn landet. Mass Mailing als Direktansprache getarnt. Personalisierung? Fehlanzeige. Was genau an dem Profil spannend sein soll, bleibt offen.
- Entscheidungen an die Maschine delegieren: Und wenn es darum geht, aus der Masse der Bewerbungen die passenden herauszufiltern, übernimmt die Software diese Aufgabe. Screening, Matching, Vorauswahl – alles automatisiert. Bequemer geht’s nicht. Ob die Algorithmen dabei fair entscheiden, steht auf einem anderen Blatt. Wohin das führen kann, zeigt exemplarisch der Fall Workday: Hier läuft aktuell die bislang größte Sammelklage im Bereich Recruiting wegen systematischer Diskriminierung durch KI. Die Ironie dabei ist: Während sich das Unternehmen gegen die Vorwürfe wehrt, hat es 1.750 Mitarbeiter entlassen, um sie durch KI zu ersetzen. Und Bewerber quälen sich weiterhin durch die wenig intuitiven Bewerbungsformulare.
Die Asymmetrie: Bequeme Recruiter, gequälte Bewerber
Während sich Recruiter also auf dem Sofa der Bequemlichkeit zurücklehnen, sieht die Realität für Bewerber in der Regel ganz anders aus. Für sie scheint das Prinzip des geringsten Widerstands nicht zu gelten. Im Gegenteil, denn hier wird Widerstand systematisch aufgebaut:
- Zwangsregistrierung: Laut Softgarden würden 63,6 Prozent der Jobsuchenden sofort die Flucht ergreifen, wenn sie sich erst registrieren müssten. Trotzdem setzen laut Wollmilchsau 46 Prozent der DAX‑160‑Unternehmen auf diesen Bewerberkiller. Äußerst kontraproduktiv, denn jeder zusätzliche Klick erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass Bewerber aufgeben.
- Bewerbungsformulare aus der Hölle: Ein Großteil der Nutzer bricht den Bewerbungsprozess ab, weil Formulare so benutzerfreundlich sind wie eine Steuererklärung aus den 80ern. Klar, denn kognitive Überlastung führt zu Frust – und Frust führt zum Abbruch.
- Das Anschreiben-Ritual: Noch immer verlangen Unternehmen Anschreiben, obwohl jedem klar ist, dass sie entweder von ChatGPT oder aus einem Standardbaukasten stammen. Eine weitere Hürde, die Bewerbungen kostet. Die Ironie dabei: Während Recruiter Stellenanzeigen per KI-Copy-Paste erstellen, verlangen sie von Bewerbern individuelle Texte.
- Mobile Bewerbung? Theoretisch: Bewerbungsformulare sind oft so mobiloptimiert wie ein Faxgerät. Also gar nicht. Obwohl der Zugriff auf die Karriereseite überwiegend mobil erfolgt, sind nur die wenigsten Prozesse darauf ausgelegt.
Das Ergebnis: Unternehmen beklagen den Fachkräftemangel, während sie selbst die Hürden aufbauen, an denen potenzielle Bewerber scheitern.
Wenn Bewerber den Spieß umdrehen
Es war nur eine Frage der Zeit, bis Bewerber das Spiel durchschauten und das Prinzip des geringsten Widerstands für sich entdeckten:
- KI-generierte Stellenanzeigen werden mit KI-generierten Anschreiben beantwortet. Warum sollte man sich Mühe geben, wenn der Empfänger es auch nicht tut?
- KI-optimierte Lebensläufe treffen auf KI-gestütztes Screening. Algorithmen matchen mit Algorithmen – Menschen bleiben außen vor.
- KI-Avatare antworten als digitale Doppelgänger, wenn Unternehmen KI-Chatbots für Interviews einsetzen.
- Ghosting? Können Bewerber auch. Schließlich haben sie in den letzten Jahren viel von den Unternehmen gelernt.
All dies ist nur die logische Konsequenz eines Systems, in dem beide Seiten längst aufgehört haben, authentisch zu sein. Am Ende kommunizieren Maschinen mit Maschinen, das Prinzip „Wie du mir, so ich dir“ dominiert und niemand gewinnt. Außer vielleicht die Konkurrenz, die es schafft, menschliche Prozesse mit technologischer Effizienz zu verbinden.
Die Lösung: Einfachheit für alle – vor allem für Bewerber
Wenn man es richtig anwendet, ist das Prinzip des geringsten Widerstands nicht das Problem, sondern die Lösung. Die japanische Industrie hat es in den 70er Jahren mit der schlanken Produktion vorgemacht: Durch die konsequente Eliminierung aller Reibungspunkte konnte sie schneller, besser und günstiger produzieren als die amerikanische Konkurrenz. Das gleiche Prinzip funktioniert im Recruiting. Vorausgesetzt, man lässt sich darauf ein:
- Weniger Formularfelder bedeuten mehr Bewerbungen. Klar, denn je weniger Hürden Sie Bewerbern in den Weg legen, desto höher ist die Conversion.
- Keine Zwangsregistrierung bedeutet weniger Abbrüche. Klar, denn jeder zusätzliche Schritt reduziert schließlich die Bereitschaft, sich zu bewerben.
- Klare Gehaltsangaben bedeuten passendere Kandidaten. Klar, denn Transparenz schafft Vertrauen – und Vertrauen erhöht die Bereitschaft, sich zu bewerben.
- Schnelles Feedback bedeutet eine bessere Candidate Experience. Selbst eine Absage wird akzeptiert, wenn sie respektvoll und zeitnah erfolgt.
Der Informatiker Calvin Mooers formulierte es 1959 in etwa so: „Ein Informationssystem wird nicht genutzt, wenn es für den Nutzer mühsamer ist, Informationen zu haben, als sie nicht zu haben.“ Übertragen aufs Recruiting: Wenn es einfacher ist, sich woanders zu bewerben, wird genau das passieren. Schließlich ist die Konkurrenz nur einen Mausklick entfernt.
Fazit: Machen Sie den Weg frei, anstatt Hürden zu bauen
Das Prinzip des geringsten Widerstands ist tief in unserer DNA verankert. Es zu ignorieren, ist, wie gegen die Schwerkraft anzukämpfen: Möglich, aber wenig erfolgversprechend. Die Frage ist also nicht, ob Menschen den einfachsten Weg wählen. Die Frage ist, ob dieser Weg zu Ihnen oder zur Konkurrenz führt.
Die Lösung liegt auf der Hand:
- Reduzieren Sie jeden überflüssigen Schritt im Bewerbungsprozess. Jedes Feld weniger erhöht die Conversion.
- Vermeiden Sie Medienbrüche wie Zwangsregistrierungen oder unnötige Formulare. Bewerber haben keine Zeit und keine Lust auf solche Spielchen.
- Transparenz schafft Vertrauen. Vertrauen führt zu mehr und besseren Bewerbungen. Klare Gehaltsangaben, relevante Inhalte, ehrliche Jobbeschreibungen und schnelles Feedback sind entscheidend.
- Nutzen Sie Technologie, um menschlicher zu werden, nicht um sich hinter ihr zu verstecken. KI soll Prozesse beschleunigen, nicht die Candidate Experience verschlechtern.
Am Ende gewinnt nicht, wer die aufwändigsten Prozesse hat, sondern wer versteht, dass Einfachheit nicht Verzicht bedeutet, sondern einen Wettbewerbsvorteil.
Weniger Hürden bedeuten mehr Bewerber. Weniger Aufwand für Kandidaten bedeutet mehr Erfolg für Ihr Unternehmen.
Oder, um Zipfs Erkenntnis auf einen einfachen Nenner zu bringen: Menschen wählen immer den leichtesten Weg. Die Frage ist nur, wer ihn ebnet – Sie oder Ihre Konkurrenz.













