Mehr Wertschätzung im Recruiting, bitte!

Auch wenn das Jahr in wenigen Tagen zu Ende geht, werde ich weder einen Jahresrückblick wagen noch irgendwelche Trends prognostizieren, die sich ohnehin nicht bewahrheiten werden. Das gilt insbesondere, solange Unternehmen ihre Hausaufgaben nicht machen – etwa, Recruiting strategisch aufzustellen. Oder Karriereseiten und Stellenanzeigen endlich als das zu begreifen, was sie sind: die wichtigsten Touchpoints im Kontakt mit potenziellen Bewerbern, die maßgeblich über den Recruiting-Erfolg entscheiden. Denn Hand aufs Herz:

Was hilft der neueste heiße Scheiß, wenn er im Nichts verpufft?

Stattdessen schreibe ich, dem nahenden Weihnachtsfest angemessen, eine Art „Wunschzettel“. Den kann man durchaus als Strategie auslegen – oder zumindest etwas für eine Strategie daraus mitnehmen. Ich mache es kurz, denn ich habe nur einen einzigen Wunsch:

Mehr Wertschätzung im Recruiting, bitte!

Ich bin überzeugt – nein, ich weiß es, und diverse Studien belegen es schwarz auf weiß: Wer mehr Wertschätzung zeigt, erhält Wertschätzung zurück. Leider bringt uns niemand bei, wie man wertschätzend kommuniziert. Im Gegenteil: Wir sind umgeben von dem, was der Psychologe Marshall Rosenberg als „lebensentfremdende Kommunikation“ bezeichnete – Kommunikation, die trennt statt verbindet. Bewertungen statt Beobachtungen. Forderungen statt Bitten. Vorwürfe statt Verständnis. Schauen Sie sich Spielfilme an, folgen Sie Debatten im Bundestag, lauschen Sie Dialogen in der Bahn oder noch eindrucksvoller auf Social Media. Die Menschen wollen immer Recht behalten, hören nicht zu und kontern mit Gegenangriffen. Hass und Hetze haben die Oberhand. Echte, wertschätzende Kommunikation ist selten geworden.

Dieser Mangel an Wertschätzung prägt auch das Recruiting. An allen Ecken und Enden. Aber fangen wir vorne an:

Was bedeutet Wertschätzung?

Wertschätzung bedeutet, den Wert eines Menschen als individuelle Persönlichkeit bewusst wahrzunehmen – unabhängig von seinen Taten und Leistungen. Sie ist eine positive Grundhaltung.

Schon kleine Gesten drücken Wertschätzung aus: ein freundliches Kopfnicken, ein sympathisches Lächeln, ein nettes Hallo. Wer Wertschätzung zeigt, ist zugewandt, freundlich und interessiert. Und wer sich wertschätzend zeigt, hat eine positive Wirkung auf andere – in der Folge fühlen sich Menschen wohl.

Im Gegensatz zur lebensentfremdenden Kommunikation ist dies kein Teufelskreis, sondern ein wahrer „Engelskreis“, der wie eine sprudelnde Quelle niemals endet.

Ganz schön pathetisch, werden Sie jetzt vielleicht denken. Aber was hat das mit Recruiting zu tun? Eine ganze Menge. Ein wertschätzender Umgang mit den Mitarbeitern von morgen entscheidet maßgeblich über Ihren Recruiting-Erfolg und zahlt positiv auf Ihre Arbeitgebermarke ein. Schließlich kann man nicht nicht employerbranden: Alles, was Sie als Arbeitgeber nach außen strahlen, ob bewusst oder unbewusst, prägt Ihre Employer Brand.

Übrigens: Nichts drückt Wertschätzung so sehr aus wie Dankbarkeit. Mit Dankbarkeit zeigen Sie Respekt und Anerkennung. Sie verdeutlichen, dass Sie das Engagement Ihres Gegenübers nicht als selbstverständlich empfinden.

Die WERT-Formel für wertschätzendes Recruiting

Sie können das „WERT” in Wertschätzung durchaus auch als Eselsbrücke verstehen:

W – Wahrnehmung: Sie nehmen den Bewerber mit seinen Bedürfnissen und Erwartungen wahr. Das bedeutet: zielgruppenorientiert gestaltete Karriereseiten und Stellenanzeigen. Keine Copy-Paste-Texte, die an der Zielgruppe vorbeigehen. Sondern Inhalte, die zeigen: Wir haben verstanden, was Ihnen wichtig ist.

E – Empathie & Ehrlichkeit: Versetzen Sie sich in die Lage der Bewerber und kommunizieren Sie ehrlich. Kandidatenzentriertes Denken bedeutet: keine überzogenen Anforderungsprofile, keine geschönten Jobbeschreibungen. Wenn der Job stressig ist, sagen Sie es. Authentizität schlägt Marketing-Blabla.

R – Respekt: Sie respektieren Bewerber als gleichwertige Partner. Das klingt selbstverständlich? Ist es nicht. Respekt bedeutet z. B.: kein Ghosting nach dem Bewerbungseingang. Keine Zwangs-Logins, um sich zu bewerben. Es bedeutet auch barrierefreie Bewerbungsformulare, die Zugang für alle ermöglichen. Keine automatisierten Absagen nach sechs Wochen Funkstille. Jeder Mensch, der sich bei Ihnen bewirbt, verdient eine zeitnahe, persönliche Rückmeldung.

T – Transparenz: Sie sind offen und transparent. Das heißt z. B. Gehaltstransparenz in Stellenanzeigen (ja, wirklich!). Ein klar beschriebener Bewerbungsprozess mit Zeitangaben und teilnehmenden Personen. Keine versteckten Hürden und keine bösen Überraschungen im Vorstellungsgespräch. Wer transparent ist, signalisiert: Wir haben nichts zu verbergen und profitiert von passenderen Bewerbern.

Reflexionsübung: Wie wertschätzend ist Ihr Recruiting?

Ergänzen Sie die folgenden Sätze, und zwar ehrlich. Formulieren Sie jeweils mindestens drei Ergänzungen. Sie machen das nicht für mich. Sie machen das für sich und für ein erfolgreiches Recruiting:

  • Wenn ich Bewerbern mehr Wertschätzung entgegenbringe, dann …
  • Wenn es wirklich einen Fachkräftemangel gibt, dann sollte ich …
  • Wenn ich nicht genügend passende Mitarbeiter finde, dann sollte ich …
  • Wenn ich unseren Stellenanzeigen/Karriereseiten/Bewerbungsformularen/ Vorstellungsgesprächen … mehr Bewusstheit entgegenbringe, dann …

Ich garantiere Ihnen: Mit mehr Wertschätzung im Recruiting punkten Sie beim Bewerber. Sie erhalten mehr und vor allem passendere Bewerbungen, profitieren von einer besseren Conversion. Ihre Arbeitgebermarke strahlt dann ganz von allein – ohne sinnfreie, teuer bezahlte Arbeitgebersiegel.

Das Schöne an diesem Wunschzettel ist, dass Sie weder Christkind noch Weihnachtsmann benötigen, um ihn zu erfüllen. Sie brauchen lediglich den Willen, es besser zu machen. Und das nicht nur an Weihnachten, sondern das ganze Jahr über.

In diesem Sinne: Frohes Fest!

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