Von Studium auf Beruf umzusteigen bedeutet Persönlichkeitsveränderung

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Foto von JESHOOTS.COM

Der Sozialisierungsprozess des Berufseinstiegs

Nachdem Hahnzog seine Basis abgesteckt hat, beschreibt im nächsten Schritt den Berufseinstieg als Teil des Sozialisierungsprozesses, den er in drei Phasen gliedert: 

Primäre Phase: Der junge Mensch und seine Familie beeinflussen sich wechselseitig.

Sekundäre Phase: Bei Schulantritt nehmen Institutionen, wie die Schule und
später Berufs- und Hochschule, Einfluss auf die Sozialisierung.

Tertiäre Phase:
Der Berufseinstieg und die Entwicklung der damit verbundenen Lebenswelt.

Während all dieser drei Phasen entwickelt der junge Mensch seine Persönlichkeitsanteile. In seiner Untersuchung stellte Hahnzog fest, dass es stabile Anteile gibt, die sich trotz wechselnder Lebensumstände nicht verändern, wie zum Beispiel die Fähigkeit strukturiert zu handeln. Doch gibt es auch dynamische Anteile, wie zum Beispiel den Ehrgeiz, der erst während des Berufsalltags an Bedeutung gewinnt. Andere Anteile wiederum hatten sich erst im Beruf entwickelt, dazu gehörte unter anderem die Selbstständigkeit.

Hinzu kommt, dass Anteile, die bereits in der primären Sozialisierungsphase entwickelt wurden, einen stärkeren Einfluss auf die Persönlichkeitsentwicklung haben als Anteile, die erst später im Leben hinzugefügt werden. Die Tatsache jedoch, dass sich Anteile verändern oder vollständig neu entwickeln können, macht den Berufseinstieg zu einer spannenden Phase in Bezug auf das Entwicklungspotenzial eines Menschen.

Den Übergang zwischen Studium und Beruf erleichtern

Die Lösung sieht Hahnzog in der Vermittlung von Wissen und Informationen. Der Berufseinsteiger hat von Beginn an ein Informationsdefizit, das er nicht alleine bewältigen kann. Daher ist es erforderlich, dass sein Umfeld offen und verständnisvoll mit dem Defizit umgeht und Informationen bietet: Der Status- und Rollenwechsel kann leichter erfolgen, wenn Unternehmen ihre Erwartungen und Anforderungen klar formulieren. Berufseinsteiger leiden anfangs oft unmäßig unter dem allgemein herrschenden Termindruck und der Überbelastung durch eine Vielzahl von Aufgaben, die in Jobs heute bewältigt werden müssen. Viele bräuchten erst einmal so genannte „Einarbeitungsprogramme“, die sie auf die Berufsrealität hinführen. Willkommen wären insbesondere Mentoren oder Paten, die dem Anfänger in jeder Situation zur Seite stehen könnten. Die Begleiter müssten ein Verständnis dafür entwickeln, dass sie es mit werdenden Persönlichkeiten zu tun haben. Gleichfalls sollten sie die Situation der Berufseinsteiger nicht nutzen wollen, um sie nach ihrem Gutdünken zu formen. Menschen in dieser Phase reagieren noch sensibel auf derartige Einflussnahme und die aktuelle Wirtschaftslage macht es ihnen leicht, sich entsprechend zur Wehr zu setzen – nämlich durch Absprung.  

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Fotocredit: © Berthold Bronisz | www.pixelio.de

Hahnzogs Basis: Die Polydynamische
Persönlichkeitstheorie

 
Um zu beschreiben, in wie fern sich die Persönlichkeit eines Einsteigers entwickelt und um messbare Kriterien für seine Arbeit zu erhalten, entschied sich Simon Hahnzog für seine Dissertation mit der so genannten Polydynamischen Persönlichkeitstheorie zu arbeiten; als Basis seiner Untersuchungen. Er wählte diese Theorie, da sie zum einen die Vielgestaltigkeit (Polymorphie) und zum anderen die Entwicklungsfähigkeit (Dynamik) der Persönlichkeit berücksichtigt. Ein wichtiger Bestandteil dieser Theorie ist außerdem die Ressourcenorientierung. Dabei wird ein bestimmter Anteil der Persönlichkeit – wie zum Beispiel der Ehrgeiz – als eine wichtige Ressource erkannt, die dem Menschen im Arbeitsalltag hilfreich sein kann. Nimmt der Ehrgeiz – um bei diesem Beispiel zu bleiben – jedoch einen zu großen Raum in der Persönlichkeit ein, kann sich das negativ auf das Verhalten eines Menschen auswirken. Es ist also von Bedeutung, in welchem Ausmaß eine Ressource, also eine Eigenschaft, in Erscheinung tritt.

Folgende Kernpunkte sind in der Polydynamische Persönlichkeitstheorie enthalten:

  • Die Persönlichkeit des Menschen ist in einzelne Anteile gegliedert, die als Charakterzüge, Fähigkeiten und Eigenschaften des Menschen beschrieben werden können.
  • Die charakteristische Zusammensetzung von Anteilen eines Menschen kann als seine Individualität beschrieben werden.
  • Die meisten Anteile eines Menschen sind über lange Zeiträume hinweg stabil, manche entwickeln sich erst im Laufe des Lebens oder sind nur vorübergehend präsent.
  • Die Anteile sind dynamisch angeordnet und können sich je nach Situation und Herausforderung neu gruppieren.
  • Jeder Anteil beinhaltet konkrete Aufgaben des Verhaltens und Erlebens. In dieser Funktion stellt jeder Anteil also eine Ressource der Persönlichkeit dar, da er Aufgaben entspricht.
  • Neben den Anteilen gibt es einen stabilen Kern einer Persönlichkeit dar: das Selbst. Die Aufgabe dieses Selbst liegt in der Strukturierung und Ordnung der einzelnen Anteile – es hat die exekutive Funktion der inneren Persönlichkeitsdynamik.

Status- und Rollenwechsel des Berufseinsteigers

Besonders der Status- und Rollenwechsel während des Berufseinstiegs wirkt sich ausschlaggebend auf die Persönlichkeit aus, sagt Simon Hahnzog. Der „Status“ wird hierbei durch die Bewertung einer Rolle durch eine Gruppe definiert, die „Rolle“ wiederum ist an Erwartungen geknüpft, die eine Gruppe an ein Gruppenmitglied hat.

Hahnzog beschreibt diesen Umstand in einem Artikel des Spiegel-Magazins „JOB“ folgendermaßen:„ Ist jemand plötzlich Arzt, Lehrer oder Anwalt, gehen die Leute davon aus, dass das Gegenüber auf seinem Gebiet Bescheid weiß, auch wenn er kaum Berufserfahrung sammeln konnte.“ Hahnzog fügt hinzu, dass der Status einer Person sich außerdem je nach Situation und Ansprechpartner ändert: Unter Kollegen habe man den Status eines „Anfängers“, stehe man jedoch als Arzt einem Patienten gegenüber, werde jedoch ein kompetenter und professioneller Status erwartet. Das Fazit: Jungen Menschen müssen diese sozialen Spiele erst verstehen und mit ihnen umgehen lernen. Und das braucht Übung und Zeit.

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