Leadership wird häufig mit Management, Entscheidungen oder strategischer Planung gleichgesetzt. Doch erfolgreiche Führung entsteht nicht allein im Besprechungsraum. Manchmal lohnt sich der Blick in völlig andere Welten – beispielsweise auf die Bühne eines Opernhauses.
Genau diesen ungewöhnlichen Perspektivwechsel wagt Holger Huff im Podcast HRM Hacks. Der Recruiting-Experte und Gründer von Career Peakr berichtet von seinen Erfahrungen als Statist beim Staatsballett und zeigt, welche Parallelen zwischen einer Opernproduktion und moderner Unternehmensführung bestehen. Dabei wird schnell deutlich: Erfolgreiche Teams funktionieren überall nach ähnlichen Prinzipien.
Ob klare Ziele, eine durchdachte Rollenverteilung oder eine gelebte Feedbackkultur – viele Erfolgsfaktoren aus Kunst und Kultur lassen sich direkt auf Unternehmen übertragen.
Wenn aus Leidenschaft Leadership wird
Der Einstieg in die Welt des Balletts begann für Holger Huff eher zufällig. Nachdem seine Personalberatung in ein Berliner Hinterhofgebäude gezogen war, hörte er regelmäßig Klaviermusik aus einem benachbarten Ballettstudio. Was zunächst nur Neugier auslöste, entwickelte sich über mehrere Jahre zu einer echten Leidenschaft.
Trotz seines fortgeschrittenen Alters entschied er sich schließlich, den Schritt zu wagen und selbst mit dem Ballettunterricht zu beginnen. Ein mutiger Entschluss, denn klassische Tanzkunst gilt als äußerst anspruchsvoll. Genau diese Erfahrung bildet später die Grundlage seiner Überlegungen zu moderner Führung.
Denn bereits während der ersten Proben fiel ihm auf, dass professionelle Ensembles erstaunlich strukturiert arbeiten. Hinter jeder scheinbar mühelosen Bewegung steckt eine präzise Organisation.
Eine Erkenntnis, die sich unmittelbar auf die HR-Praxis übertragen lässt und den Ausgangspunkt für wertvolle Impulse moderner Führung bildet.
Erfolgreiche Teams beginnen mit einem gemeinsamen Ziel
Bevor bei einer Oper oder einem Ballett überhaupt die erste Szene geprobt wird, findet eine ausführliche Konzeptbesprechung statt. Dort erläutert die Regie allen Beteiligten die Vision der Inszenierung.
Welche Geschichte soll erzählt werden?
Welche Atmosphäre soll entstehen?
Welche Wirkung soll das Publikum erleben?
Jede beteiligte Person kennt dadurch das große Ganze.
Genau dieser Schritt fehlt laut Huff in vielen Unternehmen. Mitarbeitende wissen zwar häufig, welche Aufgaben sie erledigen müssen, verstehen aber nicht immer den eigentlichen Zweck ihrer Arbeit.
Leadership bedeutet deshalb zunächst, Orientierung zu geben. Wer den Sinn einer Aufgabe kennt, arbeitet motivierter, trifft bessere Entscheidungen und übernimmt eher Verantwortung. Gerade in Zeiten permanenter Veränderungen wird diese Zielklarheit zu einem wichtigen Erfolgsfaktor.
Vision schafft Identifikation
Unternehmen investieren erhebliche Ressourcen in Strategien und Geschäftsmodelle. Dennoch gelingt es nicht immer, diese verständlich an die Mitarbeitenden zu vermitteln. Dabei entscheidet genau dieser Punkt oft über den Erfolg.
Menschen möchten wissen,
- warum Veränderungen notwendig sind,
- welchen Beitrag sie selbst leisten,
- welche Ziele verfolgt werden,
- woran Erfolg gemessen wird.
Führung beginnt deshalb nicht mit Kontrolle, sondern mit Kommunikation. Wer seine Mitarbeitenden frühzeitig einbindet und transparent informiert, schafft Vertrauen und reduziert Unsicherheiten.
Rollen müssen eindeutig definiert sein
Ein weiterer Unterschied zwischen Oper und vielen Unternehmen liegt in der Klarheit der Verantwortlichkeiten. Während einer Produktion kennt jede Person ihre Aufgabe bis ins kleinste Detail:
Wer steht wann auf der Bühne?
Wer übernimmt welche Szene?
Wer springt im Vertretungsfall ein?
Bereits in den ersten Proben werden sämtliche Rollen eindeutig festgelegt. Gerade diese Präzision verhindert Missverständnisse.
In Unternehmen hingegen entstehen Reibungsverluste häufig dadurch, dass Verantwortlichkeiten nicht eindeutig geregelt sind. Entweder mehrere Personen fühlen sich zuständig oder niemand. Die Folge sind Verzögerungen, Doppelarbeit und Unsicherheit. Leadership bedeutet daher auch, Rollen klar zu definieren und Erwartungen eindeutig zu formulieren.
Nicht jede Stärke gehört ins Rampenlicht
Besonders spannend ist eine weitere Beobachtung aus der Welt des Balletts. Nicht jede Person möchte im Mittelpunkt stehen. Während Solistinnen und Solisten das Publikum begeistern, arbeiten hinter den Kulissen zahlreiche Menschen daran, dass die Aufführung überhaupt gelingt.
Sei es Technik, Maske, Kostüm oder Requisite, ohne diese Teams wäre keine Vorstellung möglich. Dasselbe gilt für Unternehmen. Auch dort stehen häufig bestimmte Bereiche wie der Vertrieb oder die Geschäftsführung im Fokus. Jedoch werden andere Bereiche oftmals übersehen oder als weniger wichtig erachtet. Dabei tragen gerade diese Mitarbeitenden wesentlich zum Unternehmenserfolg bei.
Modernes Leadership erkennt deshalb unterschiedliche Stärken an. Nicht jede Person eignet sich für öffentliche Auftritte oder Führungsverantwortung. Manche Mitarbeiter entfalten ihr Potenzial gerade im Hintergrund. Die Aufgabe guter Führung besteht folglich darin, Menschen entsprechend ihrer Fähigkeiten einzusetzen.
Wer Talente stärkenorientiert entwickelt und alle Rollen im Unternehmen wertschätzt, steigert Motivation, Leistungsfähigkeit und langfristige Mitarbeiterbindung.
Fehler sind Teil des Erfolgs
Eine Opernproduktion lebt von intensiven Proben. Niemand erwartet, dass vom ersten Tag an jede Bewegung sitzt oder jede Szene perfekt funktioniert. Ganz im Gegenteil: Fehler gehören zum Entwicklungsprozess.
Während der Proben werden Abläufe getestet, angepasst und immer wieder verbessert. Genau dafür gibt es diese geschützten Räume. Sie ermöglichen es dem Ensemble, Erfahrungen zu sammeln, gemeinsam zu wachsen und besser zu werden.
In vielen Unternehmen sieht die Realität leider anders aus. Fehler werden häufig vermieden oder erst dann thematisiert, wenn bereits größere Probleme entstanden sind. Dadurch geht wertvolles Lernpotenzial verloren.
Leadership bedeutet deshalb auch, eine Kultur zu schaffen, in der Mitarbeitende Neues ausprobieren dürfen. Wer Innovation fördern möchte, muss akzeptieren, dass nicht jede Idee sofort zum Erfolg führt. Entscheidend ist nicht der Fehler selbst, sondern der Umgang damit.
Lernräume schaffen statt Perfektion erwarten
Holger Huff beschreibt die Proben als sicheren Raum, in dem kontinuierlich gelernt wird. Dort darf experimentiert werden, ohne dass sofort wirtschaftlicher Druck entsteht. Auch Unternehmen können solche Lernräume schaffen.
Das können beispielsweise Pilotprojekte, Testphasen oder interne Workshops sein. Neue Prozesse lassen sich zunächst mit kleinen Teams oder ausgewählten Kund:innen ausprobieren, bevor sie flächendeckend eingeführt werden.
Dadurch entstehen wertvolle Erkenntnisse, Risiken werden reduziert und Mitarbeitende gewinnen Sicherheit. Eine moderne Führungskultur betrachtet Lernen nicht als Zeitverlust, sondern als Investition in zukünftigen Erfolg.
Feedback muss zeitnah erfolgen
Während einer Probe unterbricht die Regie den Ablauf sofort, wenn eine Szene verbessert werden kann. Hinweise erfolgen unmittelbar und beziehen sich konkret auf die jeweilige Situation. Das hat einen entscheidenden Vorteil: Alle Beteiligten erinnern sich noch genau an den Moment und können die Rückmeldung direkt umsetzen.
In vielen Unternehmen finden Feedbackgespräche dagegen nur einmal jährlich statt. Zwischen einer Situation und ihrer Besprechung liegen oft Wochen oder sogar Monate. Dadurch verliert Feedback an Wirkung.
Wirksame Führung setzt deshalb auf regelmäßigen Austausch statt auf starre Jahresgespräche. Kurze Rückmeldungen im Arbeitsalltag helfen Mitarbeitenden deutlich stärker bei ihrer Entwicklung als seltene, umfangreiche Beurteilungen.
Kritik gehört zur Aufgabe – nicht zur Person
Im Theater wird nicht die Person selbst bewertet, sondern ihre Darstellung einer Rolle. Das heißt, die Rückmeldung bezieht sich ausschließlich auf die Umsetzung der Aufgabe.
Genau diese Trennung fällt im Unternehmensalltag häufig schwer. Viele Mitarbeitende empfinden Kritik schnell als persönlichen Angriff. Gleichzeitig scheuen Führungskräfte notwendige Gespräche, um Konflikte zu vermeiden.
Professionelles Leadership unterscheidet jedoch klar zwischen Mensch und Leistung. Konstruktives Feedback beschreibt beobachtbares Verhalten, nennt konkrete Verbesserungsvorschläge und zeigt Entwicklungsmöglichkeiten auf. Dadurch entsteht eine Atmosphäre des Vertrauens statt der Verunsicherung.
Vielfalt macht Teams leistungsfähiger
Oper und Ballett vereinen Menschen unterschiedlichster Herkunft, Altersgruppen und Erfahrungen. Internationale Tänzer:innen, Musiker:innen, Techniker:innen und Schauspieler:innen arbeiten gemeinsam auf ein Ziel hin. Gerade diese Vielfalt sorgt für neue Perspektiven und kreative Lösungen.
Auch Unternehmen profitieren von heterogenen Teams. Unterschiedliche Erfahrungen führen häufig zu besseren Entscheidungen, fördern Innovationen und erhöhen die Anpassungsfähigkeit von Organisationen. Diversity sollte deshalb nicht als Selbstzweck verstanden werden, sondern als wirtschaftlicher Erfolgsfaktor.
Entscheidend ist allerdings, dass Vielfalt tatsächlich gelebt wird. Nur wenn alle Mitarbeitenden ihre Perspektiven einbringen können und Wertschätzung erfahren, entsteht das volle Potenzial eines diversen Teams.
Führung ist situationsabhängig
Ein weiterer interessanter Aspekt zeigt sich während einer Opernproduktion. Zu Beginn der Proben herrscht ein kooperativer Führungsstil. Ideen werden diskutiert, Vorschläge aufgenommen und verschiedene Lösungen ausprobiert.
Je näher jedoch die Premiere rückt, desto klarer werden Entscheidungen getroffen. Diskussionen treten dann in den Hintergrund. Jetzt geht es darum, Abläufe zu stabilisieren und gemeinsam das bestmögliche Ergebnis auf die Bühne zu bringen.
Auf Unternehmen übertragen bedeutet dies: Leadership bedeutet nicht, immer denselben Führungsstil anzuwenden. Je nach Projektphase, Teamreife oder Zeitdruck sind unterschiedliche Formen der Führung sinnvoll. Mal steht Beteiligung im Mittelpunkt und mal braucht es wiederum klare Entscheidungen.
Erfolgreiche Führungskräfte erkennen diese Unterschiede und passen ihr Verhalten entsprechend an.
Motivation entsteht nicht allein durch Gehalt
Viele Künstler:innen investieren enorme Zeit und Energie in ihre Arbeit. Lange Proben, intensive Vorbereitung und körperliche Höchstleistungen gehören zum Alltag. Trotzdem steht für viele nicht das Gehalt im Vordergrund. Denn sie verfolgen eine Aufgabe, die sie erfüllt.
Natürlich spielt eine faire Vergütung auch in Unternehmen eine wichtige Rolle. Sie allein sorgt jedoch nicht dauerhaft für Engagement. Menschen möchten erleben, dass ihre Arbeit Sinn stiftet, wahrgenommen wird und einen Beitrag zum Gesamterfolg leistet.
Leadership bedeutet deshalb, Rahmenbedingungen zu schaffen, in denen Motivation entstehen kann.
Dazu gehören unter anderem:
- transparente Ziele
- ehrliches Feedback
- Entwicklungsmöglichkeiten
- Vertrauen
- Eigenverantwortung
- Anerkennung
- eine positive Unternehmenskultur
Gerade diese Faktoren entscheiden langfristig darüber, ob Mitarbeitende sich mit ihrem Unternehmen identifizieren und bereit sind, Verantwortung zu übernehmen.
Lebenslanges Lernen kennt keine Altersgrenze
Eine der persönlichsten Botschaften von Holger Huff geht über Leadership hinaus. Sie zeigt, wie wichtig Offenheit für Neues im Berufsleben ist.
Er selbst begann erst mit Mitte 40, Ballett zu lernen – ohne Vorkenntnisse und mit vielen Selbstzweifeln. Nach einem zunächst erfolglosen Casting bereitete er sich daraufhin gezielt vor, arbeitete mit professionellen Schauspieler:innen und seiner Ballettlehrerin zusammen und erhielt schließlich einen Platz als Statist beim Staatsballett.
Diese Erfahrung zeigt eindrucksvoll: Entwicklung ist keine Frage des Alters, sondern der Haltung.
Auch Unternehmen können davon profitieren. Wer Mitarbeitenden unabhängig von Alter oder Berufserfahrung neue Perspektiven eröffnet, stärkt Motivation, Innovationskraft und Lernbereitschaft. Gerade angesichts des Fachkräftemangels wird lebenslanges Lernen zu einem entscheidenden Wettbewerbsfaktor.
In vielen Unternehmen wird noch immer zu stark auf bestimmte Altersgruppen fokussiert. Dabei verfügen erfahrene Mitarbeitende über enormes Fachwissen, wertvolle Netzwerke und langjährige Praxiserfahrung. Jüngere Kolleg:innen bringen häufig neue Ideen, digitale Kompetenzen und einen frischen Blick auf bestehende Prozesse mit. Erfolgreiche Teams verbinden beide Perspektiven.
Leadership bedeutet deshalb auch, generationenübergreifende Zusammenarbeit aktiv zu fördern und unterschiedliche Erfahrungen als Stärke zu begreifen.
Fazit: Gute Führung ist Teamarbeit
Leadership bedeutet heute weit mehr als das Delegieren von Aufgaben oder das Treffen strategischer Entscheidungen. Erfolgreiche Führung schafft Orientierung, fördert Zusammenarbeit und entwickelt Menschen weiter.
Die Erfahrungen aus der Oper zeigen eindrucksvoll, dass leistungsstarke Teams nicht zufällig entstehen. Klare Ziele, transparente Rollen, kontinuierliches Feedback und gegenseitige Wertschätzung bilden das Fundament für nachhaltigen Erfolg.
Gleichzeitig macht der Blick hinter die Kulissen deutlich, wie wichtig die oft unsichtbaren Beiträge jedes Einzelnen sind. Ob auf der Bühne oder im Unternehmen – Spitzenleistungen entstehen immer durch das Zusammenspiel vieler Beteiligter.
Wer als Führungskraft Vertrauen schafft, Lernräume ermöglicht und unterschiedliche Stärken gezielt einsetzt, legt die Grundlage für motivierte Teams und eine starke Unternehmenskultur.
Die Oper liefert damit nicht nur beeindruckende Aufführungen, sondern auch überraschend praxisnahe Impulse für modernes Leadership.
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