DEX – Deutscher Ethik Index: Interview mit Frank Breckwoldt (Episode #64)

Frank Breckwoldt

00:00:01
Alexander Petsch: Glückauf und herzlich willkommen zu der heutigen HRM-Hacks-Folge, präsentiert von der TALENTpro, dem Expofestival für Recruiting, Talent Management und Employer Branding, das am 6. und 7. Juli nach Corona-Pause wieder live in München stattfindet. Unter www.talentpro.de könnt Ihr mehr zum Line-up und zu allem, was Euch erwartet, erfahren. Mein Name ist Alexander Petsch, ich bin der Gründer des HRM Instituts, Euer Gastgeber. In unserer heutigen HRM-Hacks-Folge spreche ich mit Frank Breckwoldt zum Thema Ethik und Mitarbeiterbindung. Frank Breckwoldt kenne ich schon fast zwanzig Jahre, ich habe mehrfach meine Geschäftsführer, Kolleginnen und Kollegen zu ihm in die Weiterbildung geschickt. Und die waren immer sehr zufrieden und begeistert, vor allem aber hatte ich immer das Gefühl, wir haben echten Impact erzeugt, weil Frank Breckwoldt die zwei Welten vereint – Vollblutunternehmer auf der einen Seite, Führungskräftetrainer auf der anderen Seite. Das liegt auch daran, dass Frank Breckwoldt aus einer Unternehmerfamilie kommt und zusammen mit seinem Bruder die Friseurkette Ryf Coiffeur aufgebaut hat.

In einer vorherigen Podcast-Episode haben wir zusammen über das Thema Hochleistung und Menschlichkeit gesprochen. Die kann ich Euch, liebe Hörer, nur ans Herz legen.

Herzlich willkommen, Frank Breckwoldt!

00:01:35
Frank Breckwoldt: Vielen Dank, gerne.

00:01:52
Alexander Petsch: Herr Breckwoldt, Ethik und Mitarbeiterbindung, wie passt das überhaupt zusammen?

00:02:02
Frank Breckwoldt: Ja, das passt deshalb besonders gut zusammen, weil im letzten Jahrzehnt das Thema Sinngebung für Mitarbeiter bei der Auswahl ihres Arbeitgebers eine ganz andere Bedeutung bekommen hat. Das spielte vorher in dem Maße eigentlich keine Rolle. Und deshalb spielt Ethik, anständiges Umgehen mit den Mitarbeitern, mit den Lieferanten, mit dem Umfeld, mit der Umwelt eine ganz große Rolle, weil das dazu führt, dass sich Mitarbeiter identifizieren können mit dem Unternehmenszweck, mit dem, was im Unternehmen gemacht wird und wie im Unternehmen zum Beispiel mit den Menschen umgegangen wird. Für mich hat das Thema Ethik deshalb eine besondere Bedeutung. Ich als Unternehmer bin eigentlich immer darum bemüht, wie viele, viele andere Unternehmer auch, mich anständig zu verhalten. Dabei habe ich auch die Erfahrung gemacht, dass, wenn du dich anständig verhältst, du in aller Regel auch dauerhaft erfolgreich bist. Und mich hat unheimlich geärgert, dass die große Zahl, und ich behaupte, das ist die Mehrheit der Unternehmen, sich anständig verhält, ethisch anständig aufgestellt ist und auch anständig unterwegs ist, aber im Prinzip eine große, schweigende Mehrheit ist. Es scheint ja so zu sein, dass sich ethisch zu verhalten einfach unspannend ist, etwas langweilig. Die Presse wird beherrscht von den Unternehmen, die eher unethisch unterwegs sind. Die Faulspieler sind morgens in der Bild-Zeitung oder abends in der Tagesschau. Und das vermittelt ein Bild von Wirtschaft, dass du eigentlich ein Schwein sein musst, um erfolgreich zu sein. Das stellt völlig auf den Kopf, was tatsächlich stattfindet. Und so ging es mir. Ich habe mich jahrelang darüber geärgert, habe gesagt, wir müssen versuchen, dagegen etwas zu tun. Und das hat dann ergeben, dass wir eine Stiftung gegründet haben, den Club of Hamburg, mit dem Untertitel „Erfolg mit Anstand“. Also, wir wollten deutlich machen, natürlich muss ein Unternehmen erfolgreich sein, sonst wird es auf Dauer nicht bestehen, aber dass es auf Dauer nur erfolgreich sein kann, wenn es sich anständig verhält. Dass diese beiden Begriffe, die in der Führungskultur mit Hochleistung und Menschlichkeit beschrieben sind, im größeren Zusammenhang mit Erfolg und Anstand zum Ausdruck kommen. Und ich hatte dann sehr prominente Mitstreiter, auch sehr kompetente Mitstreiter. Mitbegründer war dann Professor Thomas Straubhaar, einer der Top-Wirtschaftswissenschaftler und -Volkswirtschaftler, der an der Uni Hamburg lehrt. Als zweite Mitstreiterin ist dann Frau Professor Annette Kleinfeld mit an Board, sie lehrt an der Hochschule in Konstanz und ist eine der bedeutendsten Wirtschaftsethikerinnen Deutschlands. Auch sie hat sich sehr schnell dafür gewinnen lassen, hier mitzumachen. Insofern war das auch wissenschaftlich gut hinterlegt, dass wir nämlich sagen, dass wir auf der einen Seite mit Wissenschaftlern und auf der anderen Seite unternehmerisch, wo ich mit weiteren Mitstreitern dabei war, das zusammenführen und beweisen wollten, dass Ethik, anständiges Verhalten, Erfolg mit Anstand wichtig und erfolgversprechend ist. Und dann eben den besonderen Aspekt dabei gebracht haben, dass das offensichtlich auch ausgesprochen gut geeignet ist, als Arbeitgebermarke Erfolg zu versprechen und damit in einer Zeit, in der es zunehmend schwierig wird, gute Leute zu finden, Fachpersonal ist knapp und wird immer knapper, diese Frage dabei immer eine Rolle spielt.

00:06:08
Alexander Petsch: Und dann haben sie den Deutschen Ethik Index (DEX) entwickelt.

00:06:11
Frank Breckwoldt: Genau, um das jetzt nicht nur als Sonntagsrede und irgendwelche schöne Veranstaltung zu machen, oder die 250. Veranstaltung zu sein, die über Anstand und Ethik referiert. Wir haben gesagt, wir wollen das anfassbar machen, wir wollen irgendwo etwas schaffen, womit Unternehmen, die anständig unterwegs sind, eine Art Siegel bekommen können und deutlich wird, wir sind erfolgreich ­– das ist immer eine Grundvoraussetzung – und wir sind anständig unterwegs. Deshalb haben wir unter der Führung von Frau Professor Kleinfeld den DEX, den Deutschen Ethik Index, geschaffen, der das messbar machen sollte. Und das ist uns dann gelungen, das gab es bis dahin in dieser Form so nicht. Kann man ethisches Verhalten, anständiges Verhalten im Unternehmen irgendwie zertifizieren, messbar machen und zertifizieren? Und das ist gelungen. Es ist uns damit in jahrelanger Arbeit gelungen, auch unterstützt von einer ganzen Reihe von Unternehmen, den DEX unter der Führung von Frau Professor Kleinfeld zu entwickeln. Den Deutschen Ethik Index gibt es jetzt. Es gibt auch die ersten Unternehmen, die sich in diesem DEX haben zertifizieren lassen und sich “Erfolg mit Anstand“ auf die Fahnen geschrieben haben und damit auch nach außen auftreten und ihren Mitarbeiter, auch potenziellen Mitarbeitern deutlich machen, dass sie wirtschaftlichen Erfolg, Spitzenleistungen kombinieren mit bedingungslos anständigem Verhalten.

00:08:01
Alexander Petsch: Gehen wir doch mal rein. Was sind denn Ihre Tipps und Tricks, wie ich das Thema Ethik nicht nur angehe, sondern verankere?

00:08:19
Frank Breckwoldt: Da kommen wir natürlich wieder auf so ein paar Themen, die wir im letzten Podcast auch hatten, nämlich zur Frage, und damit fängt ja alles an, welches Menschenbild habe ich? Ich glaube, das ist ein ganz wichtiges Thema, ein negatives Menschenbild von Führungskräften zerstört am Ende alles. Also, es geht schon mal damit los, ein positives Menschenbild, dass du den Menschen zugewandt bist, auch die berühmten vier V, dass du bereit bist, Verantwortung zu übertragen, dass du bereit bist, zu vertrauen, dass du auf der anderen Seite für Verbindlichkeit sorgst, dass du als Führungskraft eine gewisse Vorbildfunktion hast. Diese Dinge gilt es zu klären. Und wie ist eigentlich das Geschäftsmodell? Darum ging es dann auch beim DEX. Wie ist das Geschäftsmodell so aufgestellt, dass es nachhaltig und künftig erfolgreich sein kann? Denn nochmal, wir haben grundsätzlich gesagt, du kannst nur im DEX sein, wenn du unternehmerisch, wirtschaftlich auch erfolgreich bist. Also, Unternehmen, die toll und ethisch aufgestellt, aber nicht erfolgreich sind, sind nicht im DEX. Sondern das ist die Kombination aus wirtschaftlichem Erfolg und anständigem Verhalten, was sich aus meiner Überzeugung heraus auch gegenseitig bedingt. Und mit meinem Unternehmen haben wir uns dem auch unterzogen, haben uns auf den Weg gemacht, sind auf der ersten Stufe, DEX-Bronze, eingestiegen, haben uns da zertifizieren lassen. Und da spielt dann eben eine Rolle, wie geht ihr mit Mitarbeitern um, wie ist der Rekrutierungsprozess? Wie ist auch die Unternehmensorganisation aufgestellt? Welche Spielregeln gibt es im Unternehmen?

00:09:58
Alexander Petsch: Gehen wir mal näher auf den Rekrutierungsprozess ein. Was ist aus Ihrer Sicht ein ethischer Rekrutierungsprozess?

00:10:06
Frank Breckwoldt: Ethik spielt zum Beispiel da mit rein, wirklich keine Unterschiede nach Nationalität, Geschlecht oder sonstigen Geschichten zu machen, also da offen zu sein, sich wirklich breit aufzustellen. Dann im Rekrutierungsprozess Chancen zu geben, auch Leuten eine Chance zu geben, die vielleicht schon mal auf ihrem Weg nicht erfolgreich waren, vielleicht auch mal etwas gemacht haben, das nicht so toll war. Und ich komme dann immer wieder zu den vier V, Vertrauen zu geben. Und dann immer wieder die wichtige Thematik, Wertschätzung zu sehen. Hast du jemanden vor dir, der aus deiner Sicht, das musst du als Führungskraft, wenn du ihn einstellst, natürlich auch berücksichtigen, und aus seiner Sicht bereit ist, Verantwortung zu übernehmen, sich wirklich einzusetzen und sich zu identifizieren mit deiner Geschäftsidee? Ich glaube, es gibt heute eine ganze Reihe von Unternehmen, die sind auch so unterwegs und die haben aus meiner Sicht als Arbeitgeber damit einen deutlichen Vorteil in diesem immer enger werdenden Arbeitsmarkt.

00:11:26
Alexander Petsch: In unserem vorherigen Podcast hatten Sie gesagt, dass sich Führung in den letzten 20, 30 Jahren kaum verändert hat und dass im Wesentlichen nur zwei Dinge dazugekommen sind. Eines davon ist Sinngebung, und da spielt ja das Thema Ethik voll rein.

00:11:59
Frank Breckwoldt: Ja, und wie gesagt, das ist ein Thema, das sich in den letzten zehn Jahren deutlich verändert hat. Das erleben wir oder diejenigen, die Personaleinstellungen vornehmen, ganz deutlich, dass das hinterfragt wird. Dass junge Leute wissen wollen, wie ist eigentlich das Unternehmen unterwegs? Ich beobachte eben auch, dass immer mehr Unternehmen sich wirklich Mühe geben, nach draußen deutlich werden zu lassen, was ihre Unternehmensgrundsätze ernsthaft sind. Also, nicht nur die Hochglanzbroschüren, in denen das Blaue vom Himmel versprochen wird, sondern wo man auch nachvollziehen kann, ob in der Tagesaktualität des Geschäfts auch bestimmte Grundsätze berücksichtigt werden. Und das spielt heute eine Rolle bei der Entscheidung, wo ich hingehen will. Meine Frau ist Ärztin und ihr Unternehmen betreibt sechs große Hausarztpraxen im süddeutschen Raum, in einem Bereich, in dem Arzt- und Fachpersonalmangel ohne Ende herrscht. Das Unternehmen ist inzwischen auch DEX-zertifiziert, oder DEX-gelistet. Wir haben dort merkwürdigerweise keinen Ärztemangel, weil bekannt wird und das Unternehmen auch deutlich macht, dass man sich dort nach bestimmten Grundsätzen verhält. Und dann wird es interessant, zumindest mal zu einem Gespräch dahinzugehen. Könnte das nicht ein Unternehmen für mich sein? Und dadurch haben wir eine andere Situation, als die, die von links bis rechts teilweise im Markt herrscht.

00:13:45
Alexander Petsch: Was machen Sie anders in den Hausarztpraxen?

00:13:52
Frank Breckwoldt: Das ist ganz spannend, das unterstelle ich jetzt aber nicht nur diesen Hausarztpraxen, sondern das sage ich generell. Im Gesundheitswesen kann und darf nicht, und das muss man aber auch deutlich machen, Profit die oberste Zielsetzung sein. Das ist aus meiner Sicht eines der kritischen Dinge in der ganzen Krankenhauslandschaft, eine Entwicklung, bei der bei uns zunächst sehr stark auf Wirtschaftlichkeit geblickt wird. Und da ist irgendwo eine Entwicklung eingetreten, dass auch sehr stark die Profitabilität im Mittelpunkt steht. Wenn du im medizinischen Bereich bist, und ich nenne es mal Hausarztpraxis, dann muss als oberste Zielsetzung sein, erstklassige Patientenversorgung, die Grundversorgung, die medizinische Versorgung der Bevölkerung. Und das musst du auf hohem Niveau machen wollen. Und das ist das Spannende und auch immer wieder das Gleiche: Wenn du das wirklich tust, dafür auch bereit bist, richtig Geld zu investieren, nicht auf den schnellen Gewinn achtest, sondern nachhaltig unterwegs sein willst, dann merkst du am Ende, dass auch wirtschaftlich etwas sehr Vernünftiges herauskommt. Und deshalb sage ich auch, und das geht über die Arztpraxis hinaus, Ziel des Wirtschaftens, oberstes Ziel darf aus meiner Sicht, und ich bin Unternehmer und will natürlich auch Profit haben, ich freue mich über hohen Profit, nicht Profit sein, sondern muss erstklassige Dienstleistung, erstklassige Nutzenstiftung für meine Kunden, Patienten oder was auch immer es ist, sein. Und wenn ich das dann besser mache als fast alle anderen Unternehmen, dann habe ich einen richtig guten Profit, und den habe ich zu Recht, weil ich die Bedürfnisse derer, für die ich da sein will, besonders gut erfülle. Man hat enorm investiert, man hätte auch weniger investieren können, man hat jetzt modernste Praxen, unter Pandemiegesichtspunkten ist das ganz wichtig, nicht eine kleine, verschachtelte Praxis irgendwo in einer Wohnung, sondern du hast so richtig große, vernünftige Räumlichkeiten, wo du auch trennen und Abstand halten kannst, das alles ist jetzt nützlich in einer solchen Situation. Und unter solchen Rahmenbedingungen möchten die Leute dann auch gerne arbeiten. Und die Patienten kommen auch gerne, weil sie sehen, das ist eine neue Form, das konsequent zu machen. Und nicht nur vorne zu gucken, wann kommt das wieder raus? Sondern diese Rahmenbedingungen erstklassig sicherzustellen. Allerdings auch das Vertrauen haben, dass sich das am Ende auch lohnt. Denn auch da, wie wir ja schon bei Hochleistung und Menschlichkeit diskutiert haben, Erfolg und Anstand schließen sich nicht aus. Nicht das größte Schwein hat auf Dauer den größten Erfolg. Nicht Unanständigkeit macht sich bezahlt. Vielleicht kurzfristig, nicht mittelfristig und schon gar nicht langfristig. Wer dauerhaft auch wirklich wirtschaftlich erfolgreich sein will, der muss anständig antreten. Und ich sage wieder ganz kühl: anständig anzutreten und sich anständig zu verhalten, lohnt sich.

00:17:09
Alexander Petsch: Wahrscheinlich sogar doppelt, nämlich zum einen in der Rekrutierung und Bindung der richtigen Mitarbeiter und zum anderen gegenüber den Kunden und dem Produkt.

00:17:22
Frank Breckwoldt: So ist es. Genau so ist es, ja.

00:17:26
Alexander Petsch: Herzlichen Dank für Ihren Input zum Thema Ethik und Mitarbeiterbindung. Schön, dass Sie da waren!

00:17:37
Frank Breckwoldt: Ja, vielen Dank! Ich danke Ihnen.

00:17:40
Alexander Petsch: Wenn Ihr das noch mal zusammengefasst nachlesen wollt, dann einfach in die Suchfunktion von hrm.de Ethik und Mitarbeiterbindung eingeben, dann werdet Ihr sicher fündig werden. Glückauf, bleibt gesund und denkt daran, der Mensch ist der wichtigste Erfolgsfaktor für Euer Unternehmen.

Melde dich jetzt zum HRM Newsletter an