Schmelzpunkt. Eine Bilanz für alle, die noch glauben, der Klimawandel sei kein HR-Thema.

Eigentlich haben wir es alle gewusst. Schon seit Jahrzehnten warnen Klimaforscher davor, dass sich Hitzerekorde in Europa häufen und verschärfen werden. Genau das ist eingetreten. Und so stand trotz all der Warnungen am Ende der letzten Juniwoche 2026 vieles still, was eigentlich nicht stillstehen sollte.

In Leipzig und Nürnberg kam der Straßenbahnbetrieb vollständig zum Erliegen, da die Fugengussmasse im Gleisbett schmolz und sich an den Rädern festsetzte. Die Bahn riet von nicht dringend notwendigen Reisen ab und führte erstmals eine Sonderkulanzregelung wegen der Hitze ein. Auf mehreren Autobahnen platzte der Asphalt in sogenannten „Blow-ups”. In mehreren Bundesländern brannten die Wälder. Der Bodensee erreichte am Pegel Konstanz mit 3,30 Metern den niedrigsten Juni-Stand, der je gemessen wurde. Der DWD nennt die Hitzewelle „ohne Umschweife” historisch. Noch nie zuvor habe es in Deutschland seit Beginn der Wetteraufzeichnungen eine so lange und intensive Hitzewelle so früh im Sommer gegeben. Am 29. Juni wurde mit 41,7 °C der neue deutsche Allzeit-Temperaturrekord erreicht. Der bisherige Rekord aus dem Jahr 2019 wurde drei Tage in Folge nach oben korrigiert.

Die gefährliche Verharmlosung: Eis essen gegen das Sterben?

Bezeichnend ist, wie deutsche Medien die Hitzewelle illustrierten: Menschen im Freibad, Kinder, die Eis essen, und Passanten, die unter Sprinklern lachen. Motive, die suggerieren: Endlich mal wieder der Sommer, so wie er laut Rudi Carrell früher einmal war (den es in der Form so aber nie gegeben hat). Solche Bilder verharmlosen jedoch genau das, was Hitze so tückisch macht: Vor ihr gibt es kein Entrinnen. Weder ein Freibadbesuch noch eine ausgedehnte Mittagspause oder eine kalte Cola verhindern, dass eine Wochenmitteltemperatur ab 20 °C die Sterblichkeit signifikant erhöht – und ab 26 °C, wie in der Woche vom 22. bis 28. Juni, zu einer Katastrophe wird.

Das RKI führt rund 4.310 Sterbefälle direkt auf die Hitze zurück. Selbst die WHO bezeichnet diese bedrohliche Entwicklung als „Generalprobe für künftige Sommer”. Wer nicht in einer klimatisierten Umgebung leben und arbeiten kann, hat schlicht keine Ausweichmöglichkeit und riskiert im Extremfall seine Gesundheit, wenn nicht gar sein Leben. Genau das ist der Unterschied zwischen einem angenehmen Sommertag und einer Hitzewelle. Und der Unterschied zwischen einem Nachmittag im Schwimmbad und rund 5.100 Toten.

Die ökonomische Quittung: 431 Millionen Euro pro Hitzetag

Trotz all der alarmierenden Meldungen scheint die Dramatik weder in der Politik noch in Unternehmen und ihren Personalabteilungen anzukommen. Es ist ja nur ein weiterer heißer Sommer. Was prinzipiell auch stimmt. Nur ein weiterer heißer Sommer von vielen, die mit immer extremeren Rekordtemperaturen aufwarten werden. Dass dies bereits der Fall ist und sich auch schon bei einigen unserer europäischen Nachbarn beobachten lässt, zeigen auch die Daten der World Weather Attribution, die berechnet, wie viel wahrscheinlicher jede Rekordhitze durch den Klimawandel geworden ist.

Wie sich Hitze auf Produktivität, Arbeitsunfälle und Krankheiten auswirkt und was allein die Hitzewelle im Juni die deutsche Wirtschaft konkret gekostet hat, hat das Prognos Institut im Auftrag des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales untersucht. Das Ergebnis: Ein einziger Hitzetag ab 30 °C verursacht in Deutschland Kosten von rund 431 Millionen Euro. Laut AOK entstehen allein durch Krankmeldungen bei einer dreitägigen Hitzewelle Kosten in Höhe von 32 Millionen Euro. Hochgerechnet auf die zwölf Tage der Juni-Hitzewelle 2026 ergibt das eine Größenordnung von etwa fünf Milliarden Euro – und das nur für diese paar Tage!

Besonders brisant: Rund 97 % dieser Kosten entfallen auf Produktivitätsverluste, nicht auf Arbeitsunfälle oder Krankheitsausfälle. Denn die meisten Beschäftigten arbeiten trotz Hitze weiter. Nur eben deutlich weniger effizient. Verringerte Konzentrationsfähigkeit, häufigere Fehler und schwerere Arbeitsunfälle führen zu Produktivitätsabnahmen von bis zu 12 %, rechnet das Umweltbundesamt vor. Wer glaubt, zwischen 26 und 32 °C im Büro liege für die Arbeit nur ein bisschen mehr Schwitzen, irrt also. Hinter diesen Zahlen verbirgt sich vielmehr der Absturz jeder Leistungskurve.

Zwischen Pflicht und Haftung: Der Paragraph für HR

Inmitten dieser Gemengelage schwitzten gut 46 Millionen Beschäftigte, deren Arbeitgeber die Wahl hatten, sie zu schützen oder nicht. Die Rechtslage ist eigentlich eindeutig. § 618 BGB verpflichtet Arbeitgeber dazu, Räume, Geräte und Arbeitsabläufe so einzurichten, dass der Dienstverpflichtete gegen Gefahren für Leben und Gesundheit so weit geschützt ist, wie es die Natur der Dienstleistung zulässt. Die ASR A3.5 konkretisiert dies für Innenräume: Ab 26 °C besteht Handlungsbedarf, ab 30 °C müssen Schutzmaßnahmen ergriffen werden und bei über 35 °C ist der Raum als Arbeitsstätte nicht mehr geeignet. Seit August 2025 gilt zusätzlich die ASR A5.1 für Arbeitsplätze im Freien.

Wer im Juni 2026 als Arbeitgeber keine aktualisierte Gefährdungsbeurteilung, kein Hitzeschutzkonzept und keine klimatisierten Rückzugsräume für seine Mitarbeiter hatte, hatte also mehr als nur ein meteorologisches Problem. Er hatte ein Compliance-Problem. Und ein zunehmend teures dazu, wenn der Krankenstand nach oben schießt und die Produktivität leidet.

Die Chance im Recruiting: Hitzeschutz als Benefit?

Was das alles mit Recruiting und Employer Branding zu tun hat? Einiges: Bewerber erleben im Alltag, was Unternehmen tun oder nicht tun. Sie sprechen darüber, schreiben Bewertungen und treffen Entscheidungen. Der Kollege, der bei 50 °C Innenraumtemperatur im Lieferwagen sitzt, wechselt zu einem Arbeitgeber mit klimatisierter Flotte. Die Pflegekraft, die in einer Einrichtung mit Hitzeschutzplan arbeitet, empfiehlt ihren Betrieb weiter. Die IT-Fachkraft, die bei 32 °C im Büro ohne Kühlung Kopfschmerzen bekommt, schaut sich nach einem Arbeitgeber mit besseren Arbeitsbedingungen um.

Ein dokumentierter Hitzeschutzplan auf der Karriereseite, glaubwürdige Homeoffice-Angebote bei DWD-Hitzewarnstufen, hitzeangepasste Arbeitszeiten, bereitgestellte Kühlwesten für Außenberufe und klimatisierte Pausenräume in der Produktion: All das sind Argumente, die in Zeiten des Klimawandels im Wettbewerb um Fachkräfte tatsächlich ziehen. Während andere dann über ihre unerträgliche Sommerhölle am Arbeitsplatz klagen, erwähnen die eigenen Beschäftigten diese Maßnahmen auf LinkedIn oder kununu und stärken so als Markenbotschafter indirekt die Arbeitgebermarke.

Das Versagen der Politik und die Verantwortung der Unternehmen

Es gibt einen Aspekt, der weit über die individuelle Fürsorgepflicht hinausgeht. Unternehmen sind Teil einer Gesellschaft, die gerade eine Generalprobe für künftige Sommer erlebt hat. Die World Weather Attribution hat ausgerechnet, was das bedeutet. Demnach wäre eine vergleichbare Hitzewelle vor einem halben Jahrhundert im Juni tagsüber um 3,5 °C und nachts um 2,4 °C weniger heiß gewesen. „Der Klimawandel ist eindeutig dafür verantwortlich”, heißt es in der Studie.

Übersetzt bedeutet das: Was im Juni geschah, war nur ein erster Vorgeschmack. Während diese Zeilen entstehen, brütet Frankreich unter der dritten Hitzewelle dieses Sommers. Angesichts dieser katastrophalen Lage hat die französische Regierung einen bislang einmaligen Notfallplan für Hitze in Gang gesetzt. Und Deutschland? Ächzt gerade unter Hitzewelle Nummer zwei.

Die aktuelle Regierung und andere Interessenvertreter zeigen jedoch ganz offensichtlich kein Interesse daran, dass wir besser gegen den Klimawandel gewappnet sind. Stattdessen möchte man die Klimaziele lieber aufweichen, da sie angeblich der deutschen Wirtschaft schaden. Was der Wirtschaft jedoch schadet, sind nicht die Klimaziele, sondern die Schäden, die durch den Klimawandel entstehen. Allein in den letzten Tagen der Hitzewelle haben diese der deutschen Wirtschaft Milliarden gekostet und Tausende Menschenleben gefordert. Einen nationalen Hitzeaktionsplan wie in Frankreich oder Österreich gibt es bei uns aber nicht.

Stattdessen diskutiert und verharmlost man und treibt die Eskalation voran: mit weiteren Kürzungen beim Klima- und Transformationsfonds, einer teilweisen Umwidmung der Erlöse aus dem Emissionshandel zur allgemeinen Haushaltskonsolidierung sowie dem Ausbau fossiler Energien statt erneuerbarer Energien.

In der Folge bedeutet das: Unternehmen müssen mehr Verantwortung übernehmen und die Maßnahmen ergreifen, die die Bundesregierung nicht für nötig hält. Wer heute in Beschattung, Gebäudedämmung, Regenwassernutzung und Elektrifizierung der eigenen Fahrzeugflotte investiert, schützt nicht nur seine Beschäftigten, sondern reduziert auch den Beitrag des eigenen Unternehmens zu genau der Erwärmung, die einen solchen Arbeitsalltag unmöglich macht. Darüber hinaus liefert er weitere Argumente für eine Bewerbung bei einem klimaresistenten Arbeitgeber.

Zurück zum Schmelzpunkt

Aufgeplatzte Straßen und geschmolzene Gleise lassen sich reparieren. Menschen, die aufgrund von Hitze in ungeschützten Arbeitsverhältnissen zusammenbrechen oder gar sterben, sind hingegen nicht zu ersetzen.

Die nächste Hitzewelle kommt. Der Schmelzpunkt ist längst erreicht. Wann werden Sie handeln?

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