Schwarzes Schaf Zeitarbeit?

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Foto von ThisisEngineering RAEng

Zeitarbeit ist aus dem Wirtschaftsleben nicht mehr wegzudenken. Keine Branche, die sich nicht dieses Instruments bedient und dabei von der Flexibilität, die sie bietet profitiert. Längst beschränkt sich das Angebot der Personaldienstleister nicht mehr auf den Helferbereich. Es werden Anwälte, Piloten, Ärzte und Lehrer überlassen und zunehmend setzt eine Spezialisierung der Zeitarbeitsunternehmen ein. In der Wirtschaftskrise der vergangenen Wochen und Monate hat sie sich als Pufferzone für den Abbau von Personal bewährt und ihre Funktionalität unter Beweis gestellt. Wenngleich das Argument, die abgemeldeten Zeitarbeitskräfte würde nicht entlassen sondern hätten ein festes Arbeitsverhältnis mit dem Zeitarbeitsunternehmen, tatsächlich nur wenig greift, da diese natürlich gekündigt werden, sobald kein Folgeauftrag besteht und dies in der Probezeit dank spezieller tarifvertraglicher Regelungen innerhalb weniger Tage möglich ist, so darf man dies nicht losgelöst betrachten. Genau so schnell wie sie gekündigt werden, erhalten Leiharbeitnehmer ein neues Angebot für ein Beschäftigungsverhältnis.
Das Zeitarbeit funktioniert und ihrer Rolle als Flexibilisierungsinstrument gerecht wird, ist wohl kaum mehr zu bestreiten.
Getreu dem Motto „Alles Gute ist nie beisammen“ finden sich jedoch ebenfalls massive Nachteile und berechtigte Kritik. Das Leiharbeitnehmer und Stammpersonal für ein und dieselbe Tätigkeit ungleiche Entlohnung erhalten, ist Alltag und dient nur dem Gewinninteresse der Überlassungsvertragsparteien. Gleichwohl ist eine Sache nie schwarz oder weiß. Kaum jemand kann verlässliche Auskunft darüber geben, wie viele Einsätze von Leiharbeitnehmern dem entleihenden Unternehmen das wirtschaftliche Überleben und damit auch die Arbeitsplätze der Stammbelegschaft gesichert haben. Dies wiederum war nur möglich, da die Entlohnung der Leiharbeitnehmer geringer war.
Stets finden sich Vor- und Nachteile der Zeitarbeit. Zum einen ist sie unbestritten hauptsächlich ein Niedriglohnsektor. Zum anderen bietet sie ungelernten Hilfskräften die Möglichkeit einer Beschäftigung. Sie ist nahezu zu 100 % tariflich abgedeckt. Die Tarifverträge werden aber in ihr Gegenteil verkehrt und sind in weiten Teilen arbeitgeberfreundlich. Zeitarbeit bedeutet in den meisten Fällen permanenter Wechsel der Arbeitsorte. Gleichzeitig stellt jeder neue Einsatz die Chance auf eine Festanstellung im entleihenden Unternehmen dar, da die Übernahme eines Leiharbeitnehmers in eine Festanstellung im Entleihbetrieb weder vertraglich noch tatsächlich verhindert werden darf und viele Entleiher die Zeitarbeit auch zur Personalrekrutierung und Erprobung potentieller Mitarbeiter nutzen.
Die Abschaffung der Zeitarbeit wie sie nach wie vor verlangt wird, erscheint ausgeschlossen. Nachbesserungen in rechtlicher und alltäglicher Praxis sind dagegen dringend vorzunehmen. Betrachtet man die Entwicklung der Zeitarbeit, so ist sie in ihrer jetzigen Form eine noch sehr junge Branche. Erst im Zuge der Job-AQTIV-Gesetzgebung im Jahr 2001 wurden elementare Beschränkungen der Arbeitnehmerüberlassung aufgehoben und sie konnte eine – wie wir heute wissen – rasante Entwicklung nehmen. Der Erfolg gibt ihr Recht. Gleichwohl steckt sie noch in den Kinderschuhen und Ecken und Kanten müssen geschliffen werden. So ist die Verbesserung der Situation der Leiharbeitnehmer ein wesentlicher Bestandteil der zukünftigen Strategie. Die Richtung ist jedoch eindeutig. Die Nutzung von Zeitarbeit wird zunehmen. Das führt auch dazu, dass Markregulierungsmechanismen greifen. So werden Personaldienstleister sich zunehmend spezialisieren und Nischen besetzen. Weg vom Massengeschäft, hin zur maßgeschneiderten Qualitätslösung. Das wiederum kann nur durch motiviertes und qualifiziertes Personal bewerkstelligt werden. Löhne spielen dabei eine übergeordnete Rolle. Gleichwohl ist die Spezialisierung nicht die Lösung für die Gesamtheit der Branche, aber auch andere Entwicklungen zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen werden eintreten. So ist die verstärkte Mitwirkung in Gewerkschaften eine Möglichkeit für Zeitarbeitskräfte ihre Situation zu ändern. Ebenso kann der Einsatz von Zeitarbeit zu angemessenen Arbeitsbedingungen steigende Nachfrage erfahren, indem Entleiher diese fordern und sich dafür entscheiden, lediglich mit Personaldienstleistern zu arbeiten, die derartige Bedingungen anbieten. Das scheint widersprüchlich, sind es doch gerade die Entleiher, die von niedrigen Löhnen, etc. profitieren. Langfristig gesehen, ist dies aber eine Investition in die Zukunft. Die Nutzung von Zeitarbeit zu fairen Arbeitsbedingungen wird so zur Marketingstrategie und trägt zur Imageverbesserung bei. Die öffentliche Wahrnehmung und Akzeptanz einer Marke ist kaum mit Geld zu erkaufen aber Unmengen an Geld wert.
Die neuesten Tarifabschlüsse in der Zeitarbeit belegen den positiven Trend. Die Lohnstufen sind flächendeckend angehoben worden und arbeitnehmerunfreundliche Gestaltungs- und Anrechnungsmöglichkeiten wurden abgeschafft. Ebenfalls flächendeckend war man bemüht, die konzerninterne Überlassung in ihrer nachteiligen Form der Drehtürvariante zu unterbinden. Dies nicht etwa deswegen weil man sein soziales Gewissen entdeckt hat, sondern weil es die Marktentwicklung, die öffentliche Wahrnehmung der Zeitarbeit und nicht zuletzt die zunehmende Bedeutung der Branche verlangt hat.

Sebastian Ofer

Chefredakteur bei HRM Research Institute

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