Digital Addicts im Digital-Detox-Camp

people sitting near window having conversations
Foto von Romain V

Das Detox-Camp als eine mögliche niederschwellige, praxisorientierte und gleichzeitig idyllische Anlaufstelle

Diplom-Betriebswirtin Ulrike Stöckler hat das Camp gegründet. Sie war früher selber ständig online, selbst nachts und im Urlaub beantwortete sie berufliche Mails. Besonders Medienschaffende wie sie und Leute, die ohnehin branchenspezifisch mehr als andere auf Informationen und Informationsverarbeitung durch IT-, digitale Dienste und Internet angewiesen sind, kommen auf Internet-Zeiten, die weit über den „normalen“ Arbeitszeiten liegen. Doch in dem, was in diesem Zusammenhang heute noch „normal“ gilt, sind sich auch Experten uneins. Sicher ist jedoch: Immer erreichbar zu sein, wie es im digitalen Zeitalter propagiert wird, lässt Arbeits- und Lebenssphären verschwimmen. Da fällt die eigene Abgrenzung gegen beruflichen wie auch privaten Druck immer schwerer. Wer ständig die News beobachten muss, surft u.U. auch privat immer mehr, denn entgrenzte Zeitstrukturen führen auch dazu, dass man bestimmte Vereins- oder Sportangebote, die an feste Zeiten gebunden sind, nicht mehr wahrnimmt. Dafür gibt es Sport-Apps. Geturnt wird vor dem Fernseher. Oder man joggt schnell im Dunkeln, die Kopfhörer im Ohr. Immer mehr Freunde trifft man daher online. Wenigstens das will man pflegen. Und so ist man auch nach „Feierabend“ privat im Netz unterwegs. Und plötzlich ist es drei Uhr morgens. Und um sechs Uhr müsste man ja eigentlich wieder raus…

Lernen, Arbeit am PC vom restlichen Leben zu trennen

Apps sagen uns wo es lang geht. Wieviel wir abnehmen sollten. Wo der nächste Partner oder Pizzeria ist, je nach Präferenz. Alexander Markowetz fand mit seinem Team und 300 000 Smartphone-Nutzern an der Universität Bonn heraus, dass wir “aktuell im Schnitt 88-mal am Tag auf unser Handy zu schauen. 35-mal nur, um die Uhrzeit abzulesen, die restlichen 53-mal, um mit dem Gerät zu interagieren: E-Mails zu schreiben, per WhatsApp zu kommunizieren, andere Apps zu benutzen oder zu surfen”. (aus “Digitaler Burnout”, Markowetz). Die DAK (aus Liebermeister “Digital egal”) fand in einer Studie heraus, dass die meisten Deutschen lieber auf Alkohol als aufs Internet verzichten.
Andere sagen: “Ohne mein Smartphone bin ich aufgeschmissen! Als wäre mein Kopf weg!”

Im Digital-Detox-Camp lernen sie wieder – im wahrsten Sinne des Wortes „abzuschalten“ – und den Dingen des Lebens, die sie umgeben, wieder mehr Bedeutung zu geben und sich darauf einzulassen. Im Video, das am 21.12.2015 auf welt.de veröffentlicht wurde, zeigen die Reporter dazu im Kameraschwenk einen Brunnen, Blumenrabatten, einen Torbogen. Denn das Internet-Entzugs-Camp und Detox-Seminar findet im Rheinland-Pfälzischen Kloster Haftelhof statt. Idylle pur und perfekte Kulisse, um zu erkennen, wieviel echte analoge Schönheit einem Menschen verloren gehen könnte, wenn er ständig online ist und sich die Welt auf einen Bildschirmausschnitt reduziert. Eine der Besucherinnen, eine Social Media und PR-Beraterin, sieht es „als einen Luxus, dort keinen Internetzugang zu haben, so dass man sich auf andere Sachen konzentrieren kann, auf das, was einen umgibt.“

Wann ist man digital abhängig?

Der Bereich zwischen „problematischem Verhalten“ und echter Abhängigkeit ist fließend. Entscheidend für alle Süchte sind folgende Kriterien: Entzugserscheinungen, Dosissteigerungen, Schäden im und Vernachlässigung vom Privatleben, Schäden im und Vernachlässigung vom Berufsleben. Beispiele: Man macht etwas, auch wenn die Argumente, mit denen man sie rechtfertigt, gar nicht mehr zutreffen (z.B. soziale Kontakte pflegen, wenn man nur noch blind und vor allem viel alleine surft). Außerdem ist man gefährdet, wenn man andere Tätigkeiten und Unternehmungen, die man früher sehr gerne tat und die einem guttaten, ständig vernachlässigt oder völlig fallen lässt, wenn einem nichts anderes mehr Spaß macht, wenn man u.U. anfängt, sich selbst körperlich zu vernachlässigen und gesundheitliche Schäden ignoriert, wenn man häufig auf sein problematisches Verhalten angesprochen wird und zunehmend rechtfertigend und aggressiv darauf reagiert, wenn man ohne Hilfe von außen alleine nicht mehr damit aufhören kann etc., denn das Belohnungszentrum im Gehirn reagiert dabei ähnlich wie bei anderen „nichtstofflichen“ Suchterkrankungen wie Arbeitssucht oder Sportsucht.

Gegenseitige Hilfe und Hilfe von außen nötig – und viel Humor

Im Digital-Detox-Camp finden Abhängige und solche, die bei sich Anzeichen sehen, gegenseitige Hilfe, Unterstützung und Tipps, wie sie individuell Strategien zum Abschalten entwickeln können. Gemeinsam fällt es leichter, auch ernste, sensible und schwierige Themen anzusprechen: Gemeinsam kann man darüber lachen, dass man das Handy bis mit auf die Toilette nahm und von dort die meisten Nachrichten schrieb und wie sich die Panik anfühlt, wenn man eine bestimmte Zeit nicht mehr auf den Bildschirm geguckt hat oder die Emails gecheckt hat. Eigentlich klingen die Tipps ganz einfach, schwer ist, wie immer, die Umsetzung. Aber die Gemeinschaft hilft – und bei Suchterkrankungen, die das Internet betreffen, gibt es mittlerweile auch einige Krankenhäuser und psychosomatische Kliniken, die darauf spezialisiert sind. Außerdem auch Selbsthilfegruppen (12-Schritte-Gruppen nach dem Vorbild der AA ) oder auch gute Verhaltenstherapeuten. Das Camp ist ein erster, niederschwelliger Einstieg in den Ausstieg.

Einige der Tipps:

  • Feste Internet- und E-Mail-Zeiten einrichten und einhalten
  • E-Mails gebündelt nur ein paar Mal pro Tag abrufen als ständig, immer und überall aufpoppende Mail- und Instant-Massenger-Nachrichten zu beachten und sich damit aus dem Arbeitsflow ziehen zu lassen. Merke: die durchschnittliche Zeit, bis man nach Beginn einer Tätigkeit schon wieder abgelenkt wird, beträgt heute nur noch drei! Minuten. Unser Ehrgeiz könnte daher heißen: diese Zeit zu verlängern, um das Gefühl bewusst auskosten zu können, dass wir etwas geleistet haben. Und sich daran zu erinnern, was wir geleistet haben.
  • E-Mails brutal sichten, Zeitvernichter erkennen und aussortieren. Dafür am besten keinen Online-Kurs buchen, sondern sich echten Rat bei einem echten lebendigen Coach holen.
  • Handy zu bestimmten Zeiten abschalten – bei Meetings und Dates ohnehin selbstverständlich – aber auch zu anderen Zeiten und immer häufiger auch auf lautlos.
  • Feste Kommunikationszeiten mit Kollegen, Kunden, Geschäftspartnern und Dienstleistern ausmachen.
  • So schwer es auch fällt: Auf klare Ansagen der Geschäftsführung, der Geschäftspartner und Kollegen bestehen, wann wer wen im Rahmen der geschäftlichen Tätigkeit noch zu bestimmten und nach bestimmten Zeitspannen kontaktieren darf und sollte. Das sollte auch schriftlich niedergelegt und an alle kommuniziert werden. Hier sollte man ganz klar Grenzen und Prioritäten setzen – und zwar wirklich von verantwortlicher geschäftsführender und leitender Stelle aus. Diese Regelung muss alle Arbeitsformen, die es in dem Unternehmen gibt, einbeziehen, die „Festen“, die „Vollzeitler“, die festen Freien“, „die Freien“, die „Jobsharer“, die 450-Euro-Jobber, die „Teilzeitler“, die Praktikanten, aber auch die leitenden Angestellten, Projektleiter etc. Hier gilt trotz Digitalisierung: Es gibt auch eine Fürsorgepflicht der Geschäftsleitung und der Vorgesetzten. Ein Ausreizen, „wie weit kann ich gehen, bis mein Mitarbeiter geht“, ist hier angesichts gestiegener Fluktuationskosten und immer schwieriger Rekrutierung hochkompetenter Mitarbeiter nicht wirklich zielführend.
  • Merke für Führungskräfte: Die Leistung eines Mitarbeiters misst sich nicht unbedingt an seiner Bereitschaft, um 23:30 noch auf eine Nachricht zu reagieren, außer es handelt sich um einen Notfall wie: „Unser Server wurde gehackt“, „unsere Abteilung wird jetzt veräußert, wir brauchen eine Pressekonferenz“, „ich musste ins Krankenhaus, Notfallplan B tritt in Kraft, Mayer übernehmen sie!“ oder „die Firma brennt“.
  • Merke für Mitarbeiter: Immer online auf Anweisungen zu warten oder immer den Hörer beim ersten Klingeln abzunehmen, führt seltsamerweise nicht immer zur Beförderung. Und: wenn Sie immer „On“ sind, sind Sie bald „Out“ – nämlich „burned-out“.
  • Richten Sie auch private Ruhezonen ein. Z.B.: Das Schlafzimmer ist für Bildschirme jeglicher Art tabu. Da tobt nur das echte Leben.
  • Verständigen Sie sich auch privat mit Freunden, dass ab einer bestimmten Zeit, Ihr Schlaf, Ihre Familie oder Ihre analoge Welt zählen. Laden Sie sie ganz analog zum Feiern ein. Und wenn es dann drei Uhr wird, haben Sie wenigstens keine Gewissensbisse. Denn analog verbrachte Zeit fühlt sich in der Regel erfüllter an als digital verbrachte Zeit. Außer echten Digital Victims oder Online-Spiel-Addicts hat sich noch niemand glücksstrahlend daran erinnert, dass er / sie stundenlang Videoclips geschaut hat. Kann jemand danach noch einen Clip genau beschreiben? Aber, dass man gemeinsam gefeiert und gelacht hat – daran erinnern sich alle Beteiligten noch lange.

    Quellen u.a.:

  • https://www.welt.de/wirtschaft/webwelt/video133536328/Wenn-die-Smartphone-Sucht-das-Leben-zerstoert.html
  • http://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/studie-zur-internetsucht-von-jugendlichen-verloren-im-netz/12659880.html

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