Roboter 4.0 Sie werden nicht müde und widersprechen nicht

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Foto von Gabrielle Henderson

Beispiele für Strukturwandel in der Automobilindustrie und industriellen Fertigung

Beispiel Automobilindustrie: Wo früher Scharen von Facharbeitern Türen lackierten und Windschutzschreiben montierten, sind heute zu einem hohen Prozentsatz Roboter am Werk. Dennoch konnte die Branche in Deutschland ihre Beschäftigtenzahlen in den vergangenen zehn Jahren steigern. Die Produktion ist bei vielen Autobauern längst weitgehend automatisiert. Die Karosserien werden zu 98 Prozent von Robotern zusammengeschweißt. Und die Entwicklung geht weiter. Viele Unternehmen setzen auf Konzepte wie die „smart Factory“, der digital vernetzten Produktion. Damit erreicht man Stückzahlen mit all ihren  individuellen Ausfertigungen, die so nicht mehr manuell herzustellen wären. Das wäre völlig unwirtschaftlich und würde es Herstellern noch schwerer machen, ihre Standorte in personalkostenintensiven Ländern zu halten.

Der Mitarbeiter des “New Work” soll die Maschinen bauen, einrichten, überwachen und warten können

Heute überwachen die Mitarbeiter die Maschinen, warten sie, planen die Prozesse. Dafür ist in der Produktion ein höherer Ausbildungsstand notwendig als noch vor 20 Jahren. Klassische Hilfstätigkeiten gibt es immer weniger. Die Menschen sind für hochautomatisierte und sündteure Anlagen zuständig, die Eigenverantwortung steigt“, sagt Tutner, Personalchef bei Magna Steyr. Ausreichend qualifiziertes Fachpersonal müssen sich die Firmen zunehmend selber “heranbilden” und recrutieren. Entweder über “Job Days” oder die Qualifizierung und Ausbildung eigener Nachwuchskräfte.

Die menschenleere Produktionshalle wird es nie geben“, so Roland Sommer, Geschäftsführer des Vereins „Industrie 4.0 Österreich – die Plattform für intelligente Produktion“ über ein Ergebnis der Arbeitsgruppe „Mensch in der digitalen Fabrik“. „Es gibt sogar schon erste Beispiele von Unternehmen, die wieder verstärkt Personal in die Produktion einbinden, weil durch eine zu starke Digitalisierung der kontinuierliche Verbesserungsprozess stockt“. Unternehmen brauchten eben nach wie vor Menschen, die auf Probleme hinweisen und um die Ecke denken könnten.

Weiterqualifizierung der Schlüssel für Zukunftsfähigkeit der Unternehmen

Da die Komplexität der Prozesse laufend zunehme, steige allerdings der Qualifizierungsbedarf – zum Beispiel im Hinblick auf das Prozesswissen: „Einige Unternehmen versuchen, den Mitarbeitern ein Verständnis für die gesamten Prozesse zu vermitteln, andere teilen komplexe Prozessketten in kleine auf und definieren klare Verantwortlichkeiten. Das hängt stark von der Unternehmenskultur ab“, erläutert Sommer. Neben Prozess- und Fachwissen werde ein gekonnter Umgang mit Daten immer wichtiger. Dazu gehöre das Verarbeiten großer Datenmengen ebenso wie Kenntnisse im Datenschutz. Hinzu komme der große Bereich der Selbstkompetenzen. In vielen Jobs seien Flexibilität, Selbstmotivation und Problemlösungskompetenzen zentral. „Ein wichtiger Punkt ist die Eigenverantwortung“, beobachtet der Geschäftsführer.

 „Einige Unternehmen berichten, dass sie immer größere Probleme haben, Mitarbeiter zu finden, die bereit sind, Managementverantwortung in der Produktion zu übernehmen, weil die Verantwortung für  mehrere Maschinen oft schon eine recht große ist.“ Wer jahrelang in einer Facharbeiterposition unter eng definierten Hierarchiegrenzen gearbeitet hat, will diesen Schritt unter Umständen nicht gehen. Andere bringen das notwendige Know-how erst gar nicht mit.

Arbeit der HR-Abteilungen wird wichtiger und differenzierter

Die Unternehmen und vor allem die Personalabteilungen sind somit stark gefordert, Mitarbeiter ins Boot zu holen, zu entwickeln und zu qualifizieren. Sie können auch gegensteuern, wenn sie merken, dass Arbeitgeber Mitarbeiter überforderten – einerseits, weil diesen die notwendigen Qualifikationen fehlen, andererseits aber auch, weil sie beim Tempo und der Komplexität der Produktionsprozesse nicht mehr mitkämen. Soziale Systeme ändern sich, wenn sich Produktionsprozesse wandeln. Wir alle müssen uns daher fragen, welche Auswirkungen es auf das soziale Miteinander hat, wenn Maschinen plötzlich die Rolle von Führungskräften einnehmen und den Menschen Anweisungen geben könnten. Wie fühlt sich das an, wenn gewohnte Teamstrukturen oder bekannte Hierarchien verschwinden? Auch hier sind Personalverantwortliche gefragt, Veränderungsprozesse in der Organisationsentwicklung zu begleiten. Den Menschen im Rahmen der Veränderungsprozesse und dem Change-Management zu begleiten, zu unterstützen und zu qualifizieren, hat dabei höchste Priorität. Das entspricht auch der allgemeinen Entwicklung (siehe Trendreports in diesem NL), dass Unternehmen immer mehr erkennen, dass sie Ihre Mitarbeiter auf die digitalen Veränderungen angemessen vorbereiten müssen.

Vom Arbeitsort zum Trainingsort

Die Art und Weise, wie Unternehmen Mitarbeiter auf neue Herausforderungen in der betrieblichen Weiterbildung vorbereiten, verändert sich gerade massiv, beobachtet Frank Riemensperger. „Der Arbeitsort wird zunehmend zum Trainingsort, der Trainer ist nicht mehr der Kursleiter, sondern der Kollege.“ Auch die Art, wie gelernt werde, sei einem zunehmenden Wandel unterworfen. Gelernt wird nicht mehr „auf Vorrat“, sondern in kleinen Micro-Trainingseinheiten.

Fazit: Aus- und Weiterbildung gefragt

Doch nicht nur die bestehenden Mitarbeiter müssen qualifiziert werden, auch Nachwuchs ist notwendig. Hier gibt es gerade in Schlüsselbereichen vieler Branchen Engpässe. Wie finden Unternehmen die Facharbeiter von morgen – und wie gewährleisten sie eine exzellente Ausbildung? Möglicherweise liegt die Lösung hier in der Kooperation von Unternehmen. Kreativität und Netzwerke sind hier gefragt. Und gegenseitige Unterstützung in einer Region, an einem Standort, in einer Branche. Letztlich bedeutet Aus- und Weiterbildung das A und O für die Arbeitsplatzsicherheit – da sind sich alle Befragten und Statistiken einig.

Was bedeutet Industrie 4.0 eigentlich?

Laut Arbeitskreis Industrie 4.0 versteht man darunter “eine Vernetzung von autonomen, sich situativ selbst steuernden, sich selbst konfigurierenden, wissensbasierten, sensorgestützten und räumlich verteilten Produktionsressourcen (Produktionsmaschinen, Roboter, Förder- und Lagersysteme, Betriebsmittel) inklusive deren Planungs- und Steuerungssysteme” (Umsetzungsempfehlungen für das Zukunftsprojekt Industrie 4.0).
Dazu gehören beispielsweise Forschungsprojekte wie das Fraunhofer-Leitprojekt “E3-Produktion”. Dort arbeiten die Wissenschafler daran, die Produktion energie- und ressourceneffizienter zu gestalten, emissionsneutrale Fabriken zu konzipieren und den Menschen in die Produktion einzubinden.

Beispiele der Forschung 4.0

Industrielle Produktion in neuem Gewand und neu erdacht

Im Verbundprojekt ACME 4.0 untersuchen Partner aus Industrie und Forschung das Potenzial der akustischen Überwachung von Maschinen und Produktionsprozessen. Ziel ist es, durch Energie-Harvesting und drahtloser Kommunikation eine energieautarke, hochintegrierte Sensorplattform zu entwickeln, die ohne jegliche Verkabelung in Industrieanlagen integriert werden kann. Im Rahmen des Projekts wird diese Technik für die Qualitätskontrolle in der Halbleiterproduktion und die Fehlererkennung an Axialkolbenpumpen getestet. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung BMBF fördert das Vorhaben über einen Zeitraum von drei Jahren mit 3,5 Millionen Euro.

Hirnforschung trifft Arbeitswissenschaft

Das neu eröffnete NeuroLab am Fraunhofer IAO erforscht speziell, was im Gehirn passiert, wenn Menschen technische Geräte benutzen. Auf Basis dieser Erkenntnisse wollen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Mensch-Computer-Schnittstellen entwickeln, die mentale und emotionale Nutzerzustände erkennen und sich automatisch an individuelle Bedürfnisse anpassen.

Die unterschiedlichen Arbeitsmarkts-Szenarien durchgespielt

Einer, der radikale Veränderungen erwartet, ist Jens-Uwe Meyer. Der Managementberater, Autor, Dozent und Geschäftsführer eines Softwareunternehmens hat zahlreiche Studien über die Auswirkungen des digitalen Fortschritts auf das Arbeitsangebot analysiert und die Ergebnisse in seinem jüngsten Buch „Digitale Disruption“ aufgeschrieben. Bis zu 40 Prozent der Jobs werden demnach durch Technik ersetzt. „Bestimmte Tätigkeitsprofile werden entfallen“, erklärt Meyer. Dazu gehörten eben die leicht zu standardisierende Arbeiten wie das Prüfen eines Vorgangs nach bestimmten Regeln – Tätigkeiten also, in denen Computer besonders gut sind. Der Job des Steuerberaters sei so ein Fall, den zu 95 Prozent Algorithmen erledigen könnten.

Standardisierte Aufgaben versus Fachaufgaben

Da standardisierte Aufgaben in vielen Jobs eine Rolle spielen, klingt das zunächst einmal bedrohlich. Da lohnt sich vielleicht der Blick auf eine Seite der Süddeutschen Zeitung. „Wie wahrscheinlich ist es, dass ich durch einen Computer ersetzt werde?“ fragt mich die Headline. Wenn ich dort meine Berufsbezeichnung eingebe, berechnet das Tool die Wahrscheinlichkeit, mit der mein Job mittelfristig verschwinden wird. Redakteure verlieren mit einer immerhin 5,5-prozentigen Wahrscheinlichkeit ihre Arbeit Bei Personalmanagern liegt diese Wahrscheinlichkeit bei beruhigend niedrigen 0,6 Prozent.

Personaler haben noch gute Chancen auf dem digitalisierten Arbeitsmarkt

Ein Beitrag auf wiwo.de (http://www.wiwo.de/deutscher-arbeitsmarkt-die-verlierer/19198692-4.html)
listet für Personaler und Personalmanager folgende dazu folgende beruhigende Statistiken:

  • Personalmanagement im Berufsfeld Personalwesen: -22,59 Prozent Heute: 723| Letztes Jahr: 934 • Nahezu ausgeglichenes Verhältnis von Angebot und Nachfrage ermöglicht weiterhin neue Job-Möglichkeiten.
  • Personalleitung im Berufsfeld Personalwesen: -4,18 Prozent Heute: 275| Letztes Jahr: 287 • Allerbeste Chancen auf der Suche nach dem idealen Job, da das Angebot die Bewerberzahlen stark übertrifft.
  • Leitung im Berufsfeld Vertrieb: -7,58 Prozent Heute: 5.621| Letztes Jahr: 6.082 • Extremer Bewerber-Überschuss steigert den Konkurrenzdruck, die Jobsuche gestaltet sich sehr schwierig.
  • Personalcontrolling im Berufsfeld Personalwesen: -15,56 Prozent Heute: 418| Letztes Jahr: 495 • Allerbeste Karriere-Chancen, das Job-Angebot übersteigt die Nachfrage extrem.
  • Personalmarketing im Berufsfeld Personalwesen: -17,62 Prozent Heute: 631| Letztes Jahr: 766 • Angebots-Überhang ermöglicht neue Chancen auf der Suche nach dem idealen Job.
  • Personalbeschaffung im Berufsfeld Personalwesen: -41,21 Prozent Heute: 97| Letztes Jahr: 165 • Winziger Job-Markt, dank fehlender Nachfrage herrschen derzeit exzellente Karriere-Chancen. Professionelle Unterstützung für Jobsuche ist allerdings nötig

In vielen Sparten sehen die Zahlen laut Onlineberechnung deutlich dramatischer aus. Auch die WirtschaftsWoche listet reihenweise Jobs auf, die sich besonders einfach von Computern erledigen lassen – vom Konditor bis zum Chemiker. Der Spiegel machte im vergangenen September die Angst vor Arbeitsplatzverlusten sogar zum Titelthema. Unter der Headline „Sie sind entlassen! Wie uns Computer und Roboter die Arbeit wegnehmen“ greift die Hand eines Roboters nach einem Mann im Anzug, um ihn vor die Tür zu befördern.

Angst vor Jobabbau hat Tradition

Neu sind diese Bedrohungsszenarien allerdings nicht. Schon im März 1965 (!) veranstaltete die IG Metall im deutschen Oberhausen eine internationale Tagung zu den Chancen und Risiken der Automatisierung. Die Angst vor einer umfassenden Freisetzung von Arbeitnehmern durch den technologischen Fortschritt war auf dieser Veranstaltung vor rund 50 Jahren ein zentrales Thema. Das war ganze 17 Jahre bevor das Time Magazine den Computer als neues Leitmedium zur „Maschine des Jahres“ kürte. Im selben Jahr – 1982 – warnte der „Club of Rome“ in seinem Bericht zu „Chancen und Gefahren der Mikroelektronik“ vor Massenarbeitslosigkeit durch Computertechnik.

Roboter ergänzen das menschliche Arbeitsspektrum

Roboter ergänzen das menschliche Handlungsspektrum, müssen Menschen jedoch nicht zwangsläufig ersetzen. Einige Roboter können schwer tragen, schnell laufen und haben einen guten Gleichgewichtssinn. Sie nehmen Menschen monotone krankmachende Arbeit ab, stoßen in Wartungsregionen vor, die für Menschen schädlich wären, beispielsweise in Klär- oder Kraftwerken. Dafür überwachen die Menschen die Computer. Firmengigant wie Online Händler Amazon forscht an Zustell-Drohnen und übernahm 2012 Kiva Systems, die Automaten bauen, die wiederum Warenlager sortieren. Apple investiert in Roboter für Fabrikpositionen und die Automatisierung von Lieferketten. Ihre neue Firma Prime Sense stellt Kameras und Sensoren her, die als Roboteraugen dienen können. 2012 faszinierte Momo auf der Solarmesse Intersolar in München die Besucher: Momo kann 4.000 Module pro Tag zusammenbauen und wird doch nie müde. Ein großes Einsatzgebiet für Roboter und digitale Lösungen stellt die Medizintechnik dar: Intuitive Surgical stellt Operationsautomaten her, FGo Communications Roboter, die Ärzte nutzen, um mit ihren Patienten zu kommunizieren, die nicht in die Sprechstunde kommen können.

Sachliche Gegenstimmen

Und doch scheint sie wieder aktueller denn je zu sein, die Angst vor dem Jobabbau. Immerhin, es gibt auch Gegenstimmen, die ebenfalls statistische Belege heranziehen. So wendet sich Frank Riemensperger, Vorsitzender der Accenture-Ländergruppe Deutschland, Österreich und der Schweiz sowie Hauptvorstandsmitglied des IT-Branchenverbands Bitkom gegen Angstmache in Sachen Jobabbau. „Alle Studien, die uns vorliegen, sagen ganz klar: Es droht kein massenhafter Verlust von Arbeitsplätzen“. (Siehe Interview)

Studie untermauert stabile Marktsicht

Eine dieser Studien ist ein Gutachten des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW) im Auftrag der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM). In dem Papier, das vergangenen Sommer herauskam, heißt es: „Die Möglichkeit negativer Beschäftigungseffekte wird zwar immer wieder politisch thematisiert und diskutiert, wissenschaftlich lassen sich aber keine Belege für diese Vermutung finden.“ Schließlich sei die Digitalisierung ja bereits seit Jahren in vollem Gange. Und während sie einige Jobs verändert oder vielleicht auch vernichtet hat, sind andere entstanden. Wer hätte schließlich vor zehn Jahren schon vermutet, dass es irgendwann den Beruf des App-Entwicklers geben wird? In manchen Branchen ist die Produktion sogar schon nahezu vollständig digitalisiert – ohne die befürchteten massenhaften Jobverluste.

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