Kultur der Achtsamkeit für Gesundheit

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Foto von Bench Accounting
Veranstaltungstipp

Keynote-Vortrag von Prof. Dr. Bernhard Badura:

„Von der Kultur der Unachtsamkeit zur Kultur der Achtsamkeit für Gesundheit“

Messe Corporate Health Convention,

M,O,C, München, Halle 4

Donnerstag, 14. April 2011,

13.30 – 14.15 Uhr, Forum2

Weitere Informationen:

www.corporate-health-convention.de

Gesunde Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind leistungsfähiger, kreativer und flexibler. Gesundheit fördert Produktivität und Qualität und bildet deshalb einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil. Das ist unsere Botschaft. In der Wirtschaft, in Verwaltungen, Schulen und Krankenhäusern ist sie noch längst nicht überall angekommen.

Selbst dafür aufgeschlossene Unternehmen bleiben in Sachen Professionalität und Qualität Betrieblichen Gesundheitsmanagements weit hinter dem heute Möglichen zurück. In der Unternehmenspraxis tun sich Manager und Mitarbeiter insbesondere mit der psychischen Gesundheit schwer: weil es immer noch ein Tabu-Thema ist und weil weder über die einzuleitenden Interventionen noch über ihren möglichen Nutzen unter Experten und den Betriebsparteien leicht Einvernehmen erzielt werden kann.

Im Fokus: Die psychische Gesundheit

Was ist Gesundheit? Gerade unter Experten, die es eigentlich wissen müssten, entzündet sich häufig Streit darüber. Dementsprechend kontrovers sind oft auch die dabei verfolgten Ziele und Maßnahmen. Durchgesetzt hat sich die Definition der Weltgesundheitsorganisation als soziales, psychisches und körperliches „Wohlbefinden“. Unstrittig ist auch, dass die Gesundheit der Erwerbsbevölkerung zahlreiche Ursachen hat: persönliche (Genetik, Sozialisation und Bildung), arbeitsbedingte und Vereinbarkeit von Arbeit und Privatleben.

Geht man der Frage nach, was genau die Arbeitsleistung des Menschen ausmacht, dann richtete sich in der Vergangenheit der Blick zu allererst auf die physische Leistungskraft. Das psychische Befinden galt als zu vernachlässigende Größe. Heute stellt sich die Situation gänzlich anders dar. Die Durchdringung der Industrie mit Dienstleistungstätigkeiten, die starke Zunahme dematerialisierter Arbeit insbesondere in den Bereichen Bildung, Gesundheit, Beratung, Medien und Informationstechnik haben zu einem grundlegenden Wandel der Arbeitsaufgaben und der dazu erforderlichen Fähigkeiten geführt.

Mit dem zunehmenden Wissen über das menschliche Belohnungssystem, über die biologischen Voraussetzungen von Empathie und sozialer Kompetenz sowie über die Wechselwirkungen zwischen sozialen, psychischen und biologischen Vorgängen kommt dem psychischen Befinden und seinen Rückwirkungen auf kognitive Prozesse, auf Arbeitsmotivation, soziales Verhalten und körperliche Gesundheit eine hohe Bedeutung zu (Eisenberg 1995, Insel 2003, Rizzolatti und Sinigaglia 2008). Der Kopf ist das für Arbeit und Gesundheit wichtigste Organ.

Präsentismus größere Produktivitätsbremse als Absentismus

Die ökonomische Betrachtungsweise spielt in der betrieblichen Gesundheitspolitik eine zentrale Rolle, weil Wirtschaftsunternehmen – von Ausnahmen abgesehen – nur dann in die Gesundheit ihrer Mitarbeiter investieren, wenn sich das auch nachweislich positiv auf ihr Betriebsergebnis auswirkt. Dies wird bisher zumeist festgemacht am Krankenstand. Die Bedeutung der Fehlzeiten als wichtigste Gesundheitskennzahl wird heute allerdings immer häufiger in Frage gestellt. Da Studien belegen, dass nicht jeder, der fehlt, krank und nicht jeder Anwesende gesund ist, stellt sich die Frage: Was genau messen eigentlich Fehlzeiten? Sie messen offensichtlich ein Quantum entgangener Arbeit – so dies nicht durch „Einspringen“, das heißt durch Mehrarbeit, von Kollegen wettgemacht wird.

Wie aber steht es zum Beispiel mit dem demographiebedingt künftig immer häufigeren Fall, dass Mitarbeiter zwar regelmäßig zur Arbeit erscheinen, ihre Arbeitsleistung aber wegen psychischer oder körperlicher Beeinträchtigungen reduziert ist? Dieses als „Präsentismus“ bezeichnete Phänomen ist eine größere Produktivitätsbremse als der Absentismus. Auf 10 Tage pro Kopf und Jahr entgangener Arbeit durch Absentismus kommen – je nach Schätzung – nochmals 10-20 Tage entgangener Arbeit bedingt durch Präsentismus, was insgesamt pro Kopf und Jahr 20-30 Tage an entgangener Arbeit ausmacht. Zahlen wie diese sollten auch die letzten Zweifel daran ausräumen, ob sich Investitionen in Gesundheit „rechnen“ (Steinke und Badura 2011).

Das aus unserer Sicht wichtigste Argument wird dabei noch gar nicht berücksichtigt: Investitionen in das Sozial- und Humankapital dienen der Vermeidung von Stress und der Erschließung ungenutzter Energien eines Unternehmens: durch bessere Zusammenarbeit und ungehinderten Fluss von Wissen und Informationen entlang der Arbeitsabläufe aber auch zwischen den Hierarchieebenen, mit anderen Worten durch Förderung kollektiver Intelligenz zum Thema Arbeit und Gesundheit.

Kollektiver Lernprozess erforderlich

Im Zeitalter des Internet drohen Informationsüberflutung und das Ertrinken in weniger Wichtigem oder Irrelevantem. Dem wirkt das Konzept der Achtsamkeit entgegen. Es lenkt Aufmerksamkeit, Denken und Handeln darauf, was in einer Gruppe, einer Organisation oder Gesellschaft als besonders wichtig angesehen wird und deshalb hohe Beachtung und gemeinsame Anstrengungen verdient. Wie die Achtung-Schilder den einzelnen Autofahrer auf für seine Sicherheit relevante Sachverhalte im Straßenverkehr hinweisen, lenkt die Kultur der Achtsamkeit für Gesundheit die Mitglieder einer Organisation auf Herausforderungen und Risiken, die neues Denken, aber auch neue Strukturen und Prozesse und einen veränderten Umgang mit sich selbst und den Mitmenschen gebieten.

In den Unternehmen heute immer noch stark verbreitet ist die Kultur der Unachtsamkeit oder Sorglosigkeit. Eine Kultur der Unachtsamkeit für Gesundheit lässt sich an folgenden Überzeugungen und Praktiken erkennen:

  • die Gesundheit der Mitarbeiter ist aus Sicht des Managements von untergeordneter Bedeutung oder verdient gar keine besondere Beachtung;
  • das Thema seelische Gesundheit ist ein Tabu;
  • unterstellt wird, dass, wer zur Arbeit erscheint, gesund und wer fehlt, krank ist;
  • Gesundheit ist Privatsache. Das Unternehmen soll sich da – so die verbreitete Auffassung der Mitarbeiter – gefälligst heraushalten;
  • das Topmanagement erfährt so gut wie nichts über den tatsächlichen Gesundheitszustand der Mitarbeiter. Geführt wird ausschließlich mit Unfall- und Fehlzeitenstatistiken.

Wie steht es damit in Ihrem Unternehmen?

Die Entwicklung einer Kultur der Achtsamkeit für Gesundheit ist ein entscheidender Meilenstein in Richtung gesunde Organisation. Sie beinhaltet einen kollektiven Lernprozess. Dieser Lernprozess beginnt in den Köpfen einiger engagierter Fach- oder Machtpromotoren und verbreitet sich über deren Netzwerke in die gesamte Organisation. Ziel dieses Prozesses ist ein Wandel ihrer Prioritäten, Strukturen und Prozesse, der zur nachhaltigen Stärkung ihres Human- und Sozialvermögens und dadurch zur Verbesserung ihrer Wettbewerbsfähigkeit beiträgt. Anknüpfungspunkte können dabei zum Beispiel eine kritische Analyse bisheriger Aktivitäten betrieblicher Gesundheitspolitik sein, die aus aktuellem Anlass (zum Beispiel „Burnout-Debatte“) oder mit Blick auf absehbare Herausforderungen (zum Beispiel demographischer Wandel) als nicht mehr ausreichend oder zu wenig koordiniert und wirksam angesehen werden.

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