Erst Probleme verstehen, dann Verantwortungsbewusstsein einfordern

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Foto von Headway

Ein Modell für das Verständnis sozialer Probleme

Unterstützung beim Dialog bieten Ansätze zur Analyse von Prekariatsproblematiken aus den Sozialwissenschaften. An ihnen wird deutlich, wie diese funktionieren.

Der Schweizer Sozialwissenschaftler Werner Obrecht hat in einer Abhandlung unter dem Titel „Umrisse einer biopsychosozialen Theorie sozialer Probleme“ die typischen Zusammenhänge von Problemen beschrieben. Das bedeutet, das Probleme in verschiedenen Lebensbereichen automatisch andere in weiteren Feldern triggern, die mit diesen zusammenhängen. Dies wiederum bedeutet, es werden Kettenreaktionen ausgelöst.

Praktisch wird ein Verantwortlicher sich also eher mit den Verkettungen beschäftigen müssen, statt einfach nur ein paar Probleme zu „beseitigen“. Dafür jedoch müssen die typischen Verkettungsstellen bekannt sein. Nach Werner Obrecht sind soziale Probleme bedürfnistheoretische praktische Lebensbewältigungsprobleme, die in eklatanten Ungleichgewichten wurzeln. Prof. Dr. Juliane Sagebiel – ebenfalls Sozialwissenschaftlerin – hat die Erkenntnisse in nebenstehender Grafik zusammengefasst.

Anhand dieses Modells kann es der Führungskraft oder dem Ausbildungsbeauftragten leichter fallen, neuralgische Fragen zu stellen: Aus welchem Lebensbereich rührt ein Problem im Verhalten des Jugendlichen her? Reicht Unterstützung in einem Lebensbereich oder bedarf es weiterer in anderen Feldern? Wie ist ein Verhalten eines jungen Kollegen einzustufen?

Diese Fragen können im Betriebsalltag höchst wertvoll sein. Angenommen, ein junger Kollege hat nicht wie gewünscht für eine Teilaufgabe die Verantwortung übernommen und es ist Schaden entstanden. Die Verhaltensweise ist das Symptom. Doch welcher Lebensbereich macht sich damit als problematisch bemerkbar? Statt pauschal über Schuldhaftigkeit zu diskutieren, hilft ein systemischer Blick auf die Person. Und es geht auch nicht darum, aktionistisch nach Verhaltensbegradigungen zu suchen, ohne das Problem bei der Wurzel anzufassen. Mehrdimensionale Probleme erfordern – so Prof. Dr. Juliane Sagebiel – eine mehrdimensionale Sicht von Arbeitsweisen und Handlungsregeln. Erfährt der Begleitete echtes Verständnis, erhält er echte Unterstützung, so kann er sich auch der Forderung nach Übernahme von Verantwortung öffnen.

Prekariat, sozialer Ausschluss und Verantwortung

Verunsicherung durch diese Erwerbsformen in einer Arbeitsgesellschaft bedeutet nach der Diktion Bourdieus und Castels Prekarisierung. In der Verunsicherung eines solchen Ausmaßes erkennen beide Forscher höchst belastende Momente. So schrieb Pierre Bourdieu schon Ende der 1990er Jahre in einem Vortrag zu einem Kongress über Prekariat: „Prekarität hat bei dem, der sie erleidet, tiefgreifende Auswirkungen. Indem sie die Zukunft überhaupt im Ungewissen lässt, verwehrt sie den Betroffenen gleichzeitig jede rationale Vorwegnahme der Zukunft und vor allem jenes Mindestmaß an Hoffnung und Glauben an die Zukunft, das für eine vor allem kollektive Auflehnung gegen eine noch so unerträgliche Gegenwart notwendig ist“. Bei den Betroffenen hemme dies die Fähigkeit, für die Zukunft aktiv zu werden. Dies sei allerdings die Voraussetzung für jegliches rationales Verhalten.

Es fällt nicht schwer, zu erkennen, dass Verantwortungsbewusstsein notwendig bei jenen Prekären und von der Gesellschaft Verlorenen leidet, die pessimistisch von Tag zu Tag leben und die vom Typ her zur Verantwortungslosigkeit neigen.

Im Betrieb mag es oft schwerfallen, Verständnis für destruktive, distanzierte junge Menschen aufzubringen, die mit vielen Problemen umgehen müssen. Was allzu menschlich ist, darf bei Führungskräften und Ausbildungsleitern nicht Usus sein. Wer sich keine Zugänge zum Jugendlichen oder zu jungen Erwachsenen eröffnen kann, der wird nicht darauf hoffen können, dass die Gegenseite Betontüren aufschließt.   

Vorsicht mit dem Begriff „Prekariat“

Bedeutet soziale Benachteiligung unbedingt Prekariat? Was ist das eigentlich? Umgangssprachlich bezeichnet das Prekariat eine gesellschaftliche Zone, in der sich Menschen befinden, die den Dialog mit den meisten anderen Menschen um sie herum aufgeben mussten oder aufgegeben haben. Die Gründe dafür sind vielfältig und reichen von beständiger Ausgrenzung, hohen Meinungsverschiedenheiten über Mainstream-Themen bis hin zu finanzieller Armut. All das muss für diese Menschen selbst nicht unbedingt immer negativ sein, doch wird das Prekariat von der vorherrschenden Meinung in der Gesellschaft systematisch abgewertet. Bis hin zur Anschuldigung, die vermeintlichen Verlierer seien zu faul, um an den fahrenden Kulturzug anzuschließen.

Der Begriff „Prekariat“ entstammt der Soziologie. Definiert wurde er unter anderem von den französischen Soziologen Pierre Bourdieu und Robert Castel. Letzterer beschäftigte sich mit der Zusammensetzung von Arbeitsgesellschaften. Er unterteilte sie in Zonen, die ganz verschiedenen gesellschaftlichen Gravitationen unterliegen. Die Zone der Prekarität liegt für Castel zwischen jener der Integration in die Gesellschaft und jener der völligen Entkoppelung. Prekäre sind all jene, die nach beiden Seiten hin an der Schwelle stehen. Unter ihnen sind laut Castel solche, die auf Integration hoffen, jene, die sich mit ihrer Situation abgefunden haben und wiederum solche, die sich in Zufriedenheit arrangieren können. Dieser Definition zufolge sind prekäre Verhältnisse nicht mit völliger Armut und dergleichen gleichzusetzen.

Der Grund, warum das Prekariat vor zehn Jahren zum Gesellschaftsgespräch wurde, liegt darin, dass Forscher ausgehend von einer Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung laufend offenlegen, dass die Zahl der Prekären in die Millionen geht und wächst, womit sozialer und politischer Zündstoff entstehen könnte. Die Tatsache des Anwachsens bedarf keiner Belege, denn die umfassende Flexibilisierung durch befristete Verträge, Werkverträge und anderes ist nahezu jedem Bürger bewusst.

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