Willkommenskultur umgekehrt: So schrecken Staaten – darunter die Schweiz – mögliche Einwanderer ab

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Foto von Antonio Janeski

Die Macht der Bilder – was bewirkt sie?

 

Australien

Australien scheint sein Ziel erreicht zu haben: Kamen in 2013 einem ARD-Bericht zufolge noch 16.000 Bootsflüchtlinge aus dem Irak, Iran, Sri Lanka und Afghanistan an den Küsten des Landes an, so hatten in 2014 mit rund 150 Asylsuchenden vergleichsweise wenige Personen den Seeweg angetreten. Die Tatsache entspricht dem inzwischen oft von anderen Ländern kopierten Kampagnenslogan der Australier: „Kein Weg. Ihr werdet Australien nicht zu Eurer Heimat machen“. Konkret hatte man mehrsprachige Anzeigen in den Herkunftsländern der Asylsuchenden geschaltet, in denen es hieß: „Denkt zweimal nach, bevor ihr euer Geld verschwendet. Menschenschmuggler lügen.“ In einem weiteren Video erklärte der Kommandeur der Küstenschutzmission “Souveräne Grenzen” Angus Campbell in Militärkleidung: “Die Politik der australischen Regierung zur Bekämpfung illegaler Einwanderer hat sich nicht geändert. Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Das Boot mit Flüchtlingen muss umkehren oder die Menschen werden in ein anderes Land gebracht.” Das Video wurde auf Youtube verbreitet.

Niederlande

Auch in den Niederlanden wurde in diesem Jahr eine Kampagne lanciert; Foxnews griff sie prominent in ihren Berichten über europäische Flüchtlingspolitik auf. Der Slogan und die Grafik entsprechen dem australischen Modell: „Kein Weg, Du wirst die Niederlande nicht zu Deiner Heimat machen“. Als Sprecher des in den Niederlanden ausgestrahlten und bei Youtube veröffentlichten Spots tritt der Geert Wilders auf, ein niederländischer rechtspopulistischer Politiker.

Dänemark

Gegenwind für Einwanderer kommt auch aus Dänemark. Die regierende Venstre-Partei will demnächst in ausländischen Zeitungen abschreckende Botschaften schalten. Man setzt darauf, dass sich diese Aktion unter möglichen Asylanten und Schleppern rumspricht. Im Gegensatz zu Australien kündig der Venstre-Abgeordnete Marcus Knuth an, nicht auf Angst, sondern auf sachliche Information zu setzen, wie er in einem Interview mit dem Sender „Deutsche Welle“ im August 2015 sagte.

Schweiz startet Anti-Einwanderer-Soap

  

In der Schweiz wurde der Bund im Frühjahr 2015 nach Maßnahmen in 2012 erneut aktiv, um Migranten – insbesondere von Balkanländern – fernzuhalten. Konkret veröffentlichte das Staatssekretariat für Migration einen Informationsspot. Wie Schweizer Tagesmedien im April berichteten, sehen Parlamentarier hinter der Initiative neben reinen Infoabsichten auch Abschreckungsziele. Hinweise dazu entnehmen sie der Tatsache, dass das Staatssekretariat noch für dieses Jahr eine 13-teilige TV-Serie in Nigeria plant. Der Projekttitel lautet „Missing Steps“, Partner ist die Filmindustrie Nigerias. Zuschauer sollen eine Soap gegen Einwanderung erleben. Finanziert wird diese dem SRF zufolge vom Bund.

Die steigende internationale Kampagnenzahl – die genannten Länder bilden nur Beispiele – zeigt, dass sich zunehmend ein medialer Kampf entwickelt, der seine Wirkung nicht verfehlen wird; auch bei jenen Menschen nicht, die Schweizer Unternehmen als Fachkräfte gewinnen wollen. Es bleibt abzuwarten, wie die Reaktionen im Einzelnen ausfallen und welche gesellschaftlichen Schäden entstehen. Verantwortungsbewusste HR-Verantwortliche wissen um die Risiken und gehen sensibel mit der Einwanderer-Thematik um. Ihnen könnte ein Satz aus dem neuen Kursbuch des Soziologen Armin Nassehi „Wohin flüchten?“ (Nr. 183) helfen: „Die Wanderungen, die uns bevorstehen, werden eher vormodernen Wanderungen ähneln, werden unkontrollierbarer sein und ganz neue Herausforderungen zeitigen“. Im Klartext: Ein Einwanderer nutzt sein Recht als Mensch, um einen Platz in der Welt zu finden, der ihm Frieden bringt. Er will kein Bittsteller sein. Er fordert abseits seiner Nützlichkeit Respekt.

International tonangebende Staaten stecken immer mehr Geld in aggressive Kampagnen gegen für sie unerwünschte Ausländer. Damit transportieren sie ein hartes und unerbittliches Menschenbild.

Einwanderer – ob auf Flucht oder durch freien Entschluss – müssen den Eindruck gewinnen, dass sie wenn überhaupt nur geduldet sind, weil sie Arbeitskraft stellen und nützlich sein könnten. Viele von ihnen werden vor diesem Hintergrund selbst nur soweit die Ziele der Unternehmen, Sozialsysteme und Gesellschaften mittragen, wie es für sie nützlich ist. Willkommenskultur muss diese Möglichkeit im Blick haben, um darüber hinaus Gemeinschaft zu stiften. Andernfalls reißen unter einem wachsenden Systemdruck wie beispielsweise bei Wirtschaftskrisen soziale Gräben auf.

HR-Verantwortliche sollten daher wissen, welche Botschaften westliche Staaten aktuell in alle Welt senden. Das hilft ihnen, Feingespür im Umgang mit Zuwanderern zu entwickeln. Die für sie maßgebenden Fragen lauten: Wer hat welches Bild vom jeweils Anderen im Kopf? Wodurch entstanden diese?

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