Mythos „Last man standing“: Gestresste Beschäftigte verharren lieber in Problemen

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Foto von Antonio Janeski

Junge Talente kommen schon zurecht.
Best Ager und Generation Y sind unter Druck …

Wenig wunderlich ist, dass der Stresspegel bestimmter Generationen über dem anderer steht. So fühlen sich insbesondere 30- bis 39-jährige Arbeitnehmer starken Belastungen ausgesetzt: 51,2 Prozent von ihnen sehen sich ‚hohen‘ oder ‚sehr hohen‘ körperlichen und 71,1 Prozent ‚hohen‘ oder ‚sehr hohen‘ psychischen Belastungen ausgesetzt. Personen dieser Altersgruppe stellen sich oft unter Karrieredruck und richten privat zeitgleich Weichen für Partnerschaft und Familienplanung. In einer entsolidarisierten Kleinfamiliengesellschaft wie der deutschen kommt auf den Einzelnen ein hoher Verantwortungsdruck zu. Er kann oft nur noch zusätzlich oder ersatzweise auf staatliche und betriebliche Angebote zurückgreifen. Dabei handeln viele Akteure nach Maßgabe von Image und Status, Probleme werden zu wenig offengelegt. Der „last man standing“ hält dem Druck stand, statt sein Setting zu ändern.

Vielleicht mag es im Personalmanagement helfen, diese eisernen Köpfe daraufhin zu weisen, was ihnen in zehn bis 15 Jahren bevor steht. Bekanntlich wird Mensch ja nicht jünger. Wie die Arbeitsmarktstudie zeigt, fühlen sich die sogenannten Best Ager (50 bis 59 Jahre) in noch höherem Maße körperlichen Belastungen ausgesetzt. 55,2 Prozent spüren ‚hohe‘ oder ‚sehr hohe‘ körperliche Belastung. Erst jenseits des 60. Lebensjahres sinkt die Belastung in der Eigenwahrnehmung dann wieder deutlich (36 Prozent). 

Massig Arbeit – darf´s noch ein bisschen mehr sein?
Aber wahren Sie bitte den Frieden!

Als zentrale Ursachen für den Stress machen die Arbeitnehmer vor allem das hohe Arbeitspensum (72,5 Prozent) sowie Konflikte mit Vorgesetzten (45,8 Prozent) und Kollegen (43,5 Prozent) aus.
Und jetzt kommt der springende Punkt: Die Studienteilnehmer tun noch zu wenig, um Belastungen zu vermeiden oder abzubauen:

>> Nur etwa die Hälfte der Befragten sucht bewusste Erholungsphasen in der Freizeit.
>> Die offene Kommunikation mit den Vorgesetzten pflegen nur 38 Prozent.
>> Lediglich ein Drittel der Arbeitnehmer versucht über gute Ernährung oder Sport einen Ausgleich zu schaffen.

Auch Arbeitgeber haben durchaus Nachholbedarf: Knapp die Hälfte der Arbeitgeber ergreift aus Sicht der befragten Arbeitnehmer gar keine Maßnahmen, um Stress zu vermeiden. Immerhin 24,3 Prozent bieten flexible Arbeitszeiten an. Fazit: Wenn niemand etwas tut, wird die Lage schlimmer. Da lohnt es sich doch, lieber gleich tätig zu werden. Mit Aushalten wurde noch nie eine neue Stadt gebaut.  

Es ist zwar richtig, dass man eine Kuh zwar an eine Tränke führen kann, diese aber selbst saufen muss. Und so mancher Personalverantworlicher wird entsprechend handeln; getreu dem Motto: Niemand kann zu seinem Glück gezwungen werden. Es ist aber auch Fakt, dass angesichts dünner Personaldecken in der deutschen Wirtschaft und hoher Aufgabenkomplexität in so manchem Gewerbe kein Mann oder keine Frau über Bord gehen darf. Abgesehen davon, dass jeder Mensch einen im Grundgesetz verankerten Anspruch auf Unversehrtheit hat, ist heutzutage das Wohlbefinden jedes Beschäftigten erfolgskritisch.

Die Ergebnisse der Orizon Arbeitsmarktstudie 2015 bedeuten in letzter Konsequenz Handlungsbedarf für Gesundheitsbeauftragte und Personaler. Und dieser muss im aktiv forcierten Empowerment von Beschäftigten liegen.

Für die Erhebung waren 1.872 Arbeitnehmer und 128 Auszubildende und Arbeitssuchende interviewt  worden. Immerhin fühlen sich 79,1 Prozent der befragten Arbeitnehmer an ihrer Arbeitsstelle wohl. Doch geben in der gleichen Befragung 48,9 Prozent der Teilnehmer eine ‚hohe‘ oder ‚sehr hohe‘ körperliche Belastung an und 66 Prozent sprechen von einer ‚hohen‘ oder ‚sehr hohen‘ psychische Belastung. 

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