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Foto von Van Tay Media

Durch diese Kreativität regnen geniale Einfälle
und innovative Produkte wie Manna vom Himmel …

Einer dieser Mythen – vermutlich ein besonders fundamentaler Mythos – besagt, dass der Heilige Geist der Kreativität in der rechten Hirnhälfte des Gläubigen zu finden sei und dort aktiviert und beschworen werden könne. Zu dessen Beschwörung dienen bestimmte Rituale, die vorzugsweise unter symbolischer Opferung des Denkens eine vorübergehende, vollständige Ausschaltung des Verstandes bewirken sollen.


Ist der ketzerische Verstand erst einmal ausgeschaltet, dann werden von den Adepten plötzlich anstatt Finanzströmen Blutströme gelenkt, und zwar mitten in die wehrlose rechte Hälfte ihres Großhirns. In diesem Zustand wird nun geduldig Inspiration erwartet, die als höchstes Ziel des Kults gilt. Diese Inspiration wird als Quelle und wichtigste Infusion des Ideenreichtums angesehen.

Eine zeremonielle Taufe ist dagegen gänzlich unbekannt. Aus Gründen der Rationalisierung – einer Gottheit, die in allen bekannten Glaubensrichtungen der Chefetagen eine wichtige Rolle spielt – lässt man sich, statt sich taufen zu lassen, gleich und direkt inspirieren. Auf diese Weise wird die hoch verehrte Kreativität also rituell beschworen. Zudem wird sie im Berufsalltag und bei jeder Gelegenheit vehement gefordert, aber – wie bei Gläubigen jeglicher Couleur üblich – eher ungern tatsächlich praktiziert. Zu diesem Thema fanden unsere Forscher ebenfalls einen verbreiteten und vielsagenden Mythos, welcher eine natürliche oder auch spezifische „Unkreativität“ jedes einzelnen Gläubigen zum Inhalt hat.

Um nun an der Kreativität und dem erwarteten Segen an wirtschaftlichem Erfolg durch innovative Überlegenheit teilhaben zu können, strebt der Gläubige nach professioneller Unterstützung, um die vermeintliche persönliche „Unkreativität“ zu überwinden. Diese Unterstützung findet der Adept bei professionellen Schamanen der Kreativität, einer Art „Priesterkaste“, wenn Sie so wollen, die dieser Kult hervorgebracht hat. Wie wir es auch von anderen Religionen kennen, üben diese Schamanen eine große Autorität aus und werden weniger am Erfolg ihrer Maßnahmen, denn an der Intensität ihrer Rituale gemessen.

So wurde beobachtet, dass sich verdiente Entscheidungsträger mit ernsten Gesichtern und dem  unerschütterlichen, festen Vorsatz zur Höchstleistung in die Hände von Hohenpriestern der Kreativität begeben. Willig unterziehen sie sich dort Ritualen mit erschreckenden Namen wie „Brainstormings“ und „Aufstellungen“ und lassen sich mit „Kopfstand“- und „Negativmethoden“ systematisch den Verstand rauben – gegen eine stattliche Gebühr, versteht sich. Der Glaube versetzt bekanntlich Berge…

Rituale schaffen Teamgeist, sind eindrücklich, manchmal auch wirksam, und vor allem beruhigend – vom Kleinkind bis zum Aufsichtsrat. Aber führt dieser Weg zu mehr Kreativität? Oder überhaupt zu Kreativität? Eine effiziente Kreativität nach Plan innerhalb eines vorgesehenen Zeitfensters – natürlich mit Ergebnisvorgaben – ist so lächerlich wie eine Betriebsanalyse während eines karnevalistischen Prunkabends. Kreativität kann man nicht lernen wie Yoga, Golfen oder Business English – Kreativität ist angeboren und wird von jedem täglich angewandt. Sie ist ein fester Bestandteil unseres Denkens und dient dazu neue Lösungen zu erdenken – Lösungen, die wir weder aus unserer Gewohnheit, noch aus unserem Erfahrungsschatz ziehen können.

Das findet täglich statt, im Großen wie im Kleinen. Sei es beim Pläne schmieden, beim Verleihen eines Spitznamens oder dem Erfinden einer glaubwürdigen Ausrede. Selbst beim Manövrieren in einer Menschenmenge, wo Sie ohne jegliche Vorfahrtsregeln Kollisionen erfolgreich vermeiden. Kreativität gehört zur serienmäßigen Ausstattung der Gattung Mensch – jeder kann sie entwickeln und sie in den beruflichen Alltag implantieren. Wie alles andere auch kann man die Kreativität trainieren und optimieren. Man kann lernen, auf seine Wahrnehmungen Acht zu geben. Man kann das Assoziieren üben, also unter der Prämisse „Was wäre, wenn…“ Informationen neu in Verbindung zu bringen. Und man kann den Umgang mit inneren Bildern trainieren und sein bildhaftes Denken weiterentwickeln. Vielleicht nicht ohne Hilfe, aber sicher ohne Hokuspokus.

Haben Sie Ihre Kreativität erst einmal perfektioniert, dann steht Ihnen die Welt offen. Bekanntlich verdient man besonders gut, wenn man Menschen Dinge verkauft, die diese gar nicht brauchen. Aber es ist ein beachtenswerter Geniestreich und zeugt von größter Kreativität, Menschen Dinge zu verkaufen, über die sie selbst im Überfluss verfügen.

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Quelle: Dieser Beitrag erschien im Original in der
Zeitschrift “Lernende Organisation” / Ausgabe 77 / Februar 2014

Fotocredit: © Paul Georg Meister | www.pixelio.de

Link zu Wolfgang Traub: www.fluegel-am-kopf.de

Dort stießen Forscher unlängst auf einige Ritualhandlungen in Zusammenhang mit einem eher im Verborgenen praktizierten Kult, der offenbar mit dem vorherrschenden und weit verbreiteten Glauben an die Dreifaltigkeit von Logik, Rendite und Shareholder Value koexistiert. Auffällig ist, dass erstere nur hinter verschlossenen Türen ausgeübt werden, die Bewohner der Chefetagen sich allerdings unter der Voraussetzung des Erfolgs ausführlich öffentlich dazu bekennen:

Die Rede ist von einer sogenannten „Kreativität“. Die Anhänger dieses Kultes glauben an die Erschaffung eines – nicht näher festgelegten – „Neuen“ und leben in der Überzeugung, dass durch diese Kreativität geniale Einfälle und innovative Produkte wie Manna vom Himmel regnen. Wie in Glaubensdingen üblich, brüsten sich die Jünger dieses Kultes gerne mit ihren kreativen Handlungen, ohne das Subjekt ihrer Verehrung weiter definieren zu können. Anstatt Definitionen existiert lediglich eine Reihe von Mythen, die die Eckpunkte,ihrer Überzeugungen, spiegeln und als grundlegende Dogmen angesehen werden.

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