Handlungskompetenz durch
situiertes Lernen fördern


Handlungskompetenz zu fördern, führt unweigerlich zu Fragen der Pädagogik und Didaktik. Ein Ansatz, der in den 1990er Jahren von Forschern entwickelt wurde, eignet sich für dieses Unterfangen bestens. 1991 veröffentlichten die US-amerikanische Soziologie-Professorin Jean Lave und er Schweizer Sozialforscher Étienne Wenger ein Fachbuch über „Situiertes Lernen“. Die Stoßrichtung lässt sich salopp auf den Punkt bringen: Lernen ist keine „One-man-Show“. Weil Lernen immer auf Situationen bezogen ist und dafür geschieht, dass jemand in Situationen zu handeln weiß, geht es darum, Bedeutungen aushandeln zu können. Viele berufliche Tätigkeiten sind heute weniger standardisiert als zu Zeiten der tayloristischen Produktion. Jean Lave und Etienne Wenger kritisierten am damaligen Lernverständnis: „Lernen als Internalisierung wird zu leicht ausgelegt als unproblematischer Prozess der Absorbtion von Gegebenem, als eine Angelegenheit der Weitergabe und Assimilation.“

Ein Lernprozess ist den Forschern zufolge ein Partizipationsprozess in beide Richtungen; Lehrender beziehungsweise Beteiligte und Lernender müssen zu gleichen Teilen über ihr Verhalten nachdenken. Beispielsweise muss ein Meister überlegen, wie er bestimmte Handgriffe beibringt und das Verhalten seines Auszubildenden zu deuten verstehen; nicht zu deuten wissen. Andersherum wird der Auszubildende Erfolge für sich sehen, die ihm der Meister nicht zugesteht. Auch er wird über Bedeutungen nachdenken müssen. Wie ist sein individuelles Lernen sozial verankert? Geschult wird das Erfassen von Handlungssituationen und ihren Bedeutungen; nicht das Auswendiglernen von Normen und Fertigkeiten.

Wer lernt, mit den sozialen Bedeutungen dessen umzugehen, was er erfasst, der legt zwingend Hand an seine Identität an. Diese wiederum gibt ihm im sozialen Raum für Partizipation. Situiertes Lernen setzt mehr als andere Ansätze auf soziale Interaktion.

Für Situiertes Lernen im Betrieb empfiehlt sich
vor dem Hintergrund dieser Ausführungen:


>> Lernen muss an realistischen und authentischen
     Situationen möglich sein.
>> Der Lerninhalt sollte kein Selbstzweck sein,
     sondern zur Lösung vielfältiger Probleme befähigen.
>> Lernsituationen müssen bewusst gestaltet werden,
     damit Lerner sinnvoll miteinander inteagieren können.    
>> Situiertes Lernen erfordert von Lehrenden und Führenden
     ein anderes Selbstverständnis. Sie fungieren nicht als Richter,
     sondern stehen dem Lernenden auf Augenhöhe gegenüber.

Dass die Schulung von Handlungskompetenz bei jungen Menschen quasi nebenbei befördert, dass sie lernen, auch Verantwortung zu übernehmen, ist ein Kniff, den sich viele Betriebe zu eigen machen könnten. Sicher handeln wollen viele, etwas verantworten dagegen weniger. Also müsste man das Pferd einfach nur anders aufzäumen. Allerdings wird man auch besorgen müssen, dass dieses Handeln nicht zum blinden Aktionismus führt. Der Segen befindet sich wie immer in der Mitte. 

people sitting near brown wooden coffee table
Foto von Jessica Sysengrath

Handlungsvermögen bedeutet Kompetenzmix

Doch was sind Kompetenzen? John Erpenbeck und Lutz von Rosenstiel sprechen von „überdauernden Persönlichkeitseigenschaften“, die sich dann zeigten, wenn jemand selbständig handelt. Dieses selbständige Handeln muss sich heute anders ausdrücken als noch vor zwanzig Jahren. Die stark fragmentierte Welt erfordert, dass der Einzelne sich auf sie einlässt, statt ihr überwiegend seine Person gegenüberzustellen. Dass die Persönlichkeit damit unter Spannung gerät und sich gewisse Eigenschaften gar nicht so gut verfestigen lassen, versteht sich von selbst. Umso wichtiger ist es, dass der Einzelne vielfältige Kompetenzen entfaltet. Nach einer Handreichung der  Kultusministerkonferenz für Berufsschulen und Ausbildungsberufe fußt Handlungsvermögen auf ….


>> Fachkompetenz

     Aufgaben / Probleme sachgerecht, methodisch
     und selbständig lösen, Ergebnisse beurteilen

>> Sozialkompetenz

      Beziehungen leben, Entwicklung von Verantwortung / Solidarität,
      Konflikte bewältigen

>> Selbstkompetenz  

      Bereitschaft und Fähigkeit, als individuelle Persönlichkeit die
      Entwicklungschancen, Anforderungen und Einschränkungen in Familie,
      Beruf und öffentlichem Leben zu klären, zu durchdenken und zu beurteilen,
      eigene Begabungen zu entfalten. Selbstständigkeit, Kritikfähigkeit, Selbstvertrauen,
      Zuverlässigkeit, Verantwortungs- und Pflichtbewusstsein. Entwicklung durchdachter     
      Wertvorstellungen und die selbstbestimmte Bindung an Werte.
 


>> Methodenkompetenz  

      Planmäßiges Vorgehen bei Aufgaben.

>> Kommunikative Kompetenz  

      Dialogsituationen verstehen und gestalten. Eigene und
      fremde Bedürfnisse wahrnehmen, verstehen und gestalten.  

>> Lernkompetenz  

      Sachverhalte und Informationen selbständig und gemeinsam mit anderen
      verstehen, auswerten und in gedankliche Situationen einordnen. Lerntechniken und
      -strategien selbst entwickeln.

Ist eine Kompetenz weniger stark entwickelt, kann dies die Handlungsfähigkeit und damit auch das Verantwortungsvermögen einer Person einschränken. Statt also global im Betriebsalltag das mangelnde Verantwortungsbewusstsein eines Auszubildenden oder eines jungen Kollegen zu verurteilen, müsste eher erhoben werden, wie seine Persönlichkeitsfelder gestaltet sind. Besitzt die Person beispielweise viel Selbstkompetenz, verhält sich aber zurückhaltend im sozialen Feld, so kann sie weniger Verantwortung darin übernehmen.

Notwendigerweise gibt es keine ideale Ausgestaltung der Felder, beziehungsweise einen Idealzustand, der zu erreichen wäre: Insbesondere weil durch die heute nötige ständige Interaktion mit dem Umfeld laufend andere Notwendigkeiten bestehen. Wer wollte zwingend bestimmen, wann jemand vollumfänglich handlungsfähig ist.

Die didaktischen Empfehlungen der Kultusministerkonferenz (KMK)
können auch auf die Arbeit im Betrieb angewendet werden:



KMK >>
„Handlungen fördern das ganzheitliche Erfassen der beruflichen Wirklichkeit,
zum Beispiel technische, sicherheitstechnische, ökonomische, rechtliche,
ökologische, soziale Aspekte.“

Übertragung >>
Sollen Auszubildende oder junge Kollegen gezielt im Handeln geschult werden,
so sollten ihre Vorgesetzten mit ihnen Situationen aus ihrem Berufsausalltag hinsichtlich
der verschiedenen Implikationen und Rahmenbedingungen durchgehen:

>> Welches technische Wissen ist oder war nötig, um die Situation zu meistern?
>> Welche sicherheitstechnischen Vorkehrungen mussten oder müssen bedacht werden?
>> Was bedeuten Entscheidungen ökonomisch?
>> Welches Verhalten ist rechtlich gesehen gerechtfertigt?
>> Welche ökologischen Rahmenbedingungen sind zu berücksichtigen?
>> Wie wurden oder werden Beziehungen für die bearbeitende Aufgabe gestaltet?


KMK >>
„Lernen vollzieht sich in vollständigen Handlungen, möglichst selbst
ausgeführt oder zumindest gedanklich nachvollzogen.“

Übertragung >>
Wer möchte, dass Menschen im Handeln selbständig werden, der sollte ihnen in fraglichen Situationen nicht zu weiten Teilen das Heft aus der Hand nehmen oder ständig in ihre Aktionen funken. Kleine Aufgaben zuteilen, reflektieren und langsam den Aktionsradius aufstocken, ist immer noch die bessere Alternative. Allerdings muss die zu schulende Person auch sicher sein können, dass sie selbständig handeln kann. Nur dann wird sie anfangen, selbst zu denken.


KMK >>
„Handlungen greifen die Erfahrungen der Lernenden auf und
reflektieren sie in Bezug auf ihre gesellschaftlichen Auswirkungen.“

Übertragung >>
Planen Ausbildungsleiter und Vorgesetzte Schulungssituationen oder Ausbildungsabschnitte, so sollten sie die Erfahrungswelt der Betreffenden berücksichtigen. Das klingt einfach, ist aber oft schwer umzusetzen, weil mit Standards gearbeitet wird. Wer sich jedoch die Mühe macht, die Lebenswelt seiner jungen Menschen zu adressieren, der entfaltet ihre Kräfte. Sie erkennen Themen wieder, fühlen sich sicher im Umgang mit Situationen und können so besser Ideen entwickeln. Die Jugendlichen und jungen Erwachsenen sehen aber auch, was ihre Erfahrungswelt in einem anderen sozialen Feld bedeutet und können individuelle und situativ erwägen, ob zum Beispiel ein gewisses Verhalten hier wie da sinnvoll ist. Wiederum geht es nicht um das Erreichen idealen Verhaltens, sondern darum, das situative Erfassen zu schulen.


KMK >>
Handlungen berücksichtigen auch soziale Prozesse, zum Beispiel die
Interessenerklärung oder die Konfliktbewältigung, sowie unterschiedliche
Perspektiven der Berufs- und Lebensplanung.

Übertragung >>
In einer ökonomischen und sachgetriebenen Arbeitswelt geraten soziale Interaktionen oft ins Hintertreffen. Das Soziale ordnet sich dem Prozess unter. Gerade für junge Menschen ist es jedoch wichtig, den Dialog zu erlernen. Denn es gilt auch: Wissensarbeit ist vor allem Arbeit mit und zwischen Menschen. Angesichts der Globalisierung und einer starken Vernetzung in der Wirtschaft müssen Junge lernen, einerseits sie selbst zu sein, aber auch auf ihr Gegenüber einzugehen. Im Betrieb könnten die Verantwortlichen zur Reflexion von Interessenslagen im Markt, in der Branche oder zwischen Unternehmen und Kunden anleiten.   

Handlungsvermögen fördern

Die Zusammensetzung der Handlungsfähigkeit macht deutlich, dass sie sich erst dann sinnvoll üben lässt, wenn der Betreffende gefordert ist, vielseitig selbsttätig zu handeln. Daher wird auch im schulischen Bereich auf ein aufgaben- und ergebnisorientiertes Learning by doing gesetzt; nämlich auf ein Lernen, das den ganzen Menschen beansprucht. Lernen zu handeln bedeutet, als Mensch insgesamt zu wachsen. Dies wiederum bedeutet, dass auch in unsicher erscheinenden Situationen der Einzelne auf Erfahrungswerte zurückgreifen kann, beziehungsweise Vertrauen aus ihnen zieht, sich bewähren zu können. In der Psychologie spricht man dann von Selbstwirksamkeitserwartungen (Albert Bandura). Wer also im Betrieb junge Menschen zur Verantwortungsübernahme anleiten möchte, der sollte ihre Handlungsfähigkeit stärken, indem er Möglichkeit gibt, Persönlichkeit und ihre Fachlichkeit zu entwickeln.

Weiterführende Lektüre


Standardwerk von Jean Lave, Étienne Wenger:
„Situated learning: Legitimate peripheral participation“

Lesetipp


Umfangreiches Methodenpool von Prof. Dr. Kersten Reich,
Inhaber einer Professur für „Internationale Lehr- und Lernforschung“
an der Universität Köln. Zahlreiche OER.

methodenpool.uni-koeln.de

Die Kultusministerkonferenz hat im Jahr 2011 Handlungskompetenz definiert als „die Bereitschaft und Befähigung des Einzelnen, sich in beruflichen, gesellschaftlichen und privaten Situationen sachgerecht durchdacht sowie individuell und sozial verantwortlich zu verhalten.“ Der Terminus „sachgerecht“ ist sicherlich streitbar. Was bedeutet er angesichts einer inzwischen intransparenten Welt, der Durchwirkung des Alltags durch, von Big Data gesteuerten Prozessen und der kulturellen Entfesselung rund um den Globus? Wie sachgerecht lässt sich da diskutieren und handeln?

Eine Definition der Arbeits- und Organisationspsychologen John Erpenbeck und Lutz von Rosenstiel setzt den Begriffsrahmen für Handlungskompetenz anders, indem sie ihn segmentierten: Sie sprachen von „Aktivitäts- und umsetzungsorientierten Kompetenzen“. Darunter verstanden sie das Vermögen, sämtliche menschlichen Kompetenzen mit den eigenen Willensantrieben zu vereinbaren, um handeln zu können.