Anleitung zur Verantwortung: Wie sag ich es meinem Auszubildenden?

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Foto von Campaign Creators

Negative Konnotationen reframen | Psychologie

Niemand wird von einem Betrieb oder gar seinen Führungskräften verlangen, dass diese Verantwortung philosophisch sauber argumentieren können. In der Praxis können die Wellen der Emotionen hochschlagen, die Zeit scheinbar rasend schnell vergehen und Positionen Handelnder undurchsichtig sein. Praktisch ist es jedoch zumutbar und notwendig, zu klären, was im Unternehmen, in einem Team oder zwischen Kollegen mit dem Begriff verbunden werden kann. Nicht überall wird das Thema heiß gegessen. Wer jedoch feststellt, dass Auszubildende oder junge Mitarbeiter sich schwer mit Verantwortung tun, der sollte nachfassen, warum das so ist. Kommt heraus, dass die Übernahme von Verantwortung als schwer, lästig oder unmöglich gesehen wird, der könnte erwägen, dem Begriff eine neue Aura zu geben. Er könnte versuchen, ihn umzudeuten. Diese Technik wurde von Virginia Satir eingeführt; einer Pionierin der Systemischen Therapie. Ziel wäre hierbei, die positiven Seiten der Verantwortung hervorzukehren und sie dadurch positiv zu besetzen; so dass sie weniger einseitig mit „Schuld“ assoziiert wird. Doch Achtung: Wer reframt und im Ernstfall doch mit der Keule hantiert, der büßt Glaubwürdigkeit ein und bewirkt eher, dass Verantwortung nun erst recht abgelehnt wird.    

Lektüretipps „Reframing“:

www.coaching-report.de/lexikon
www.train-the-trainer-seminar.de

Methoden aus der Sozialarbeit für den Betrieb

Andersherum muss aber auch bei Ausbildern und Führungskräften das Bewusstsein für die Notwendigkeit von Partizipation wachsen. Wenn sie sich einseitig als Instrukteure positionieren, dann behindern sie das Partizipationsvermögen der jungen Menschen. Dabei muss der Einzelne das Rad durchaus nicht neu erfinden. Es gibt zum Beispiel in der Sozialarbeit zahlreiche Methoden und Ansätze, die sich auch für die Arbeit im Betrieb eignen.  

Prof. Dr. Peter-Ulrich Wendt hat als Professor für Grundlagen und Methoden der Sozialen Arbeit an der Hochschule Magdeburg-Stendal ein Lehr- und Arbeitsbuch zur Sozialen Arbeit geschrieben, in dem er  Maßgaben für das Empowerment zur Partizipation vorstellt, welche als Anhaltspunkte dienen können, um einerseits mehr über die Zielgruppe zu erfahren, aber auch um zu empowern:

>> Grundsätzliche Methodik im Umgang mit Betreuten: Systematisch Handeln
>> Subjektzentrierte Gesprächsführung: Angemessen Aufgaben und Vorfälle besprechen,
     bedeutet den Adressaten im Blick zu behalten
>> Klärungs- und Deutungsprozesse reflektieren: Fallverstehen zu praktizieren, bedeutet,
     eine Zusammenarbeit mit einem Begleiteten als Fall ab- und eingrenzen; statt zu
     verallgemeinern („Die jungen Leute heute …“, „Unsere Azubis …“).
>> Reflexion der Systemzusammenhänge: Zum Beispiel: Wie hängen gesellschaftliche
     Umstände, Betriebskultur und Verhalten junger Menschen im Betrieb zusammen?
>> Handlungsorientierung: Effektivität, Effizienz und Evidenz fördern

Für alle, die über eigene Ausbildungsprogramme verfügen, besonderen Problemen gegenüberstehen, in Coaching und Training qualifiziert sind oder mit spezielleren Methoden arbeiten möchten, empfehlen sich folgende Ansätze aus der Sozialarbeit:  

>> Sozialpädagogische Diagnostik

www.ash-berlin.eu

>> Biografiearbeit

Der folgende Beitrag stammt aus der Kinder- und Jugendarbeit. Er stellt kompetent verschiedene fachliche Zugänge zur Biografiearbeit vor und dürfte auch für Personalverantwortliche, Vorgesetzte und Führungskräfte einen reichhaltigen Materialfundus darstellen.
 
www.kita-fachtexte.de

>> Soziometrie und Sozialraumanalysen

Wir verlinken auf einen Beitrag des Lehrstuhls für Erziehungswissenschaft, Jugendbildung, Erwachsenenbildung, Neue Medien der Universität Rostock über Gegenstand und Methodik von Lebenswelt- und Sozialraumanalysen. Aus diesem ergibt sich, welche Experten die Forschung vorantreiben, welche Ergebnisse Leser von den Analysen für ihre eigene Arbeit erwarten können und vermittelt Einblicke in die regionale Situation von Jugendlichen im Raum Rostock. Der Beitrag liefert wichtige Stichpunkte für die Arbeit mit jungen Menschen, weil er ihre Situation verständlich werden lässt. Für die jeweilige Anwendung im Betrieb könnte es lohnend sein, für die eigene Region derlei Berichte und Aufstellungen zu recherchieren.

http://rathaus.rostock.de

Empowerment zur Partizipation | Sozialarbeit

Dass ein Erwachsender, beziehungsweise Erwachsener Verantwortung übernimmt, setzt voraus, dass er sich am Leben beteiligt, dass er partizipiert. Wer nur konsumiert, der erzeugt Ungleichgewichte, die zum Schluss auf ihn selbst zurückfallen. Prof. Dr. Stefan Schnurr von der Fachhochschule Nordwestschweiz hat die Funktionen der Partizipation in einer Präsentation zur Demokratie in der Sozialarbeit folgendermaßen umrissen: Sie bedeute Teilnahme und Teilhabe

>> am öffentlichen Leben
>> an der Herstellung und dem Gebrauch von Gütern und Leistungen
>> am politischen Prozess; nämlich der Artikulation und
     der Aushandlung von Interessen
>> an Entscheidungen
>> an Macht, Wohlstand, Freiheit und Sicherheit

Zu der Frage, warum jemand partizipieren solle, schreibt Prof. Dr. Stefan Schnurr unter Verweis auf die Arbeiten des Politikwissenschaftlers Manfred G. Schmidt, dass es dafür demokratische und pädagogische Gründe gibt. Durch Partizipation nutzt ein Mensch unter anderem seinen Freiheitsspielraum und er lernt die Verschiedenheit von Interessen kennen. Die pädagogischen Gründe besagen, dass Teilhabe und Teilnahme fördern, dass ein Mensch …

… seine Interessen, seine Präferenzen und Bedürfnisse artikuliert.
… kompetent mit Sprache, Bildern und Medien umgeht.
… sich kritisch mit Gesellschaft, Wirtschaft, Technologie und Alltagsleben auseinandersetzt.
… demokratisch zu leben weiß (Lösungen finden, Konflikte austragen, Interessen ausgleichen).
… sich selbst verwirklicht und Verantwortung übernimmt.

Es lohnt sich, diese Aspekte jungen Menschen im Betrieb zu vermitteln; sei es durch Gespräche zwischen Tür und Angel über das Tagesgeschehen oder etwas formeller als Inhalt bei Schulungsmaßnahmen. Es geht darum, Anreiz für die Erkenntnis zu vermitteln, dass Partizipation persönliche Spielräume ermöglicht und mehr Ansatzpunkte hat, als der einzelne Jugendliche oder junge Erwachsene realisiert.

Die heutige Jugend im Fokus

Verantwortung könnte – glaubt man verschiedenen Jugend- und Wirtschaftsforschern – in naher Zukunft innerhalb der Personalerzunft wieder zum großen Gesprächsstoff werden. So könnten sich junge Menschen der Generation Z weniger als andere Jugendgenerationen vor ihnen vorstellen, später Verantwortung im Betrieb und in der Kommune zu übernehmen. Begründet wird dies von Forschern wie Bernhard Heinzlmaier und Prof. Dr. Christian Scholz damit, dass sie angesichts einer durchökonomisierten Arbeits- und Bürgerwelt gelernt haben, realistisch darauf zu schauen, in welchem Verhältnis Geben und Nehmen stehen. An den Altlasten einer fragmentierten Welt wollen sie nicht mittragen; außer es gälte, für die eigene Zukunft aufzuräumen. Prosaisch ausgedrückt: Die Älteren haben Chaos angerichtet, also sind sie dafür auch verantwortlich. Generation Z möchte sich raushalten.

Dieser Wunsch vieler junger Menschen ist verständlich, aber auch unerfüllbar. Im tief vernetzten sozialen Gefüge sind sie bereits Profiteure eines Systems, das sie getragen hat und trägt. Die globalen Verstrickungen rund um den Globus lassen ein Inselleben nicht mehr zu. Es gibt keine Seite mehr, von der sich sagen ließe, das Gras wäre dort grüner. Und an der jüngsten Flüchtlingswanderung lässt sich lernen: Das Paradies wartet nirgendwo an der nächsten Ecke. Sollen die Dinge besser werden, so muss ein jeder Erwerbstätige, Bürger und auch junge Mensch bewusster handeln. Um seine Verantwortung gemäß seiner Möglichkeiten besser tragen zu können.

Welche Möglichkeiten haben Betriebe, Verantwortung und ihre Übernahme für ihre jungen Mitarbeiter zu thematisieren; aber auch bei ihren Kooperationsprojekten im Bildungsbereich? Welche Ansätze gibt es schon und welche Ankerpunkte bieten sich für die Diskussion? Wir schlagen Ihnen einige vor; sie stammen aus Fachbereichen, in denen professionell und notwendig über Empowerment nachgedacht werden muss.

So wie der Mensch nicht handeln kann – und jedes Handeln erzeugt Tatsachen – so kann er auch nicht verantwortungslos bleiben. Denn die Tatsache verweist oft auf ihren Urheber. In Wirtschaft und Gesellschaft haben sich Formen der Übernahme von Verantwortung herausgebildet. Dabei geht es darum, wer denn für zumeist negative Tatsachen kleinen, mittleren oder großen Ausmaßes etwas im Gegenzug zum Ausgleich leisten muss. Im Alltag wird in Verbindung mit Verantwortung meist die Schuldfrage gestellt. Und da praktisch bei bestimmten Handlungen nicht jeder Handelnde zur Gegenleistung herangezogen werden kann, übernehmen Einzelne für andere Menschen die Pflicht, für sie einzustehen. Die Eltern verantworten sich für ihre Kinder, der Geschäftsführer für Mitarbeiter oder ein Schuldirektor für seine Lehrer.

Wer für das, was er tut, von anderen Menschen adressiert und belangt wird, der wird abgesehen von allzu menschlichen Schwächen bewusst handeln. Das bedeutet aber auch, dass er sich etwas bei dem denken muss, was er tut. Verantwortung heute bedeutet, Bereitschaft zur Diskussion und Gegenleistung in einer Zeit zu übernehmen, die von der Flüchtigkeit von Ideen, Produkten, Konzepten und Beziehungen geprägt ist. Wer wollte im Wust der Datenmeere und der Kommunikationsmarathons schon immer genau auf Punkt und Komma achten. Es ist leicht geworden, nicht mehr über Konsequenzen nachzudenken. Doch wenn sich – wie im Unternehmensalltag – viele kleine Situationen und Handlungen zu größeren Konflikten verdichten, dann erhitzen sich die Gemüter. Wer hätte wann was unterlassen oder doch tun sollen? Und dann fragt sich auch: Können denn diejenigen, die etwas verschuldet haben, überhaupt in Gegenleistung treten?

In der Philosophie, Rechtswissenschaft und Ethik gibt es unterschiedliche Positionen dazu, wo Verantwortung Fragen der Haftung, der Moral und nach der Verursachung berührt. Der Alltagsmensch hat dazu privat und am Arbeitsplatz nur ein diffuses und durch seine persönlichen Erfahrungen geprägtes Bild. Für die einen spielt der Begriff keine sonderlich große Rolle, andere wiederum tragen schwer an ihm.

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