Wie Ratingagenturen das Human Capital bewerten

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Foto von Ant Rozetsky

Welche Bedeutung hat das Humankapital für die Kapitalanleger?
Human Capital ist ein Softfaktor, der sich in ganz besonderem Maße auf die wirtschaftliche Entwicklung eines Unternehmens auswirkt. Gutes HC-Management bringt motivierte und qualifizierte Mitarbeiter hervor – mit entsprechend positiver Auswirkung auf die Produktivität des Unternehmens. Das Gegenteil ist der Fall bei schlecht geführtem Humankapital. In der Vergangenheit haben bereits ethisch motivierte Investoren entsprechende Kriterien bei ihrer Kapitalanlage beachtet. Sobald sich die Hinweise auf den positiven Einfluss von HC auf den Unternehmenserfolg weiter verdichten, werden dies auch zunehmend Mainstream-Investoren machen.

Inwieweit fließt das Human Capital in die Bewertungen der Ratingagenturen ein?
Ich denke, man muss zwischen zwei Arten von Ratingagenturen unterscheiden. Die Finanzratingagenturen berücksichtigen überwiegend quantitative Kennzahlen und decken Human-Capital-Aspekte nur unzureichend ab. Ihre Bewertungen des Human Capitals beschränken sich meist auf die Qualifikationen der Topmanager. Im Unterschied dazu sind HC-Aspekte integraler Bestandteil bei der Bewertung von Unternehmen durch Nachhaltigkeits-Ratingagenturen. Über klassische HC-Themen hinaus gehen diese auch der Frage nach: „Wie gehen Unternehmen mit ihren Mitarbeitern um?“

Nach welchen Kriterien misst oekom research den Umgang der Unternehmen mit den Mitarbeitern?
Wir bewerten zum Beispiel soziale Richtlinien des Unternehmens, Aspekte der Arbeitssicherheit, Vergütung, Arbeitszeitmodelle, Chancengleichheit und das Management von Kündigungen. Außerdem berücksichtigen wir die Beziehungen zu externen Gruppen, wie zum Beispiel Zulieferern, Kunden und Wettbewerbern, aber auch der Gesellschaft als Ganzes. Hier spielen Corporate-Governance-Aspekte ebenso eine Rolle wie Sponsoring und der Umgang mit Menschenrechten.

Wie hängen diese sozialen Aspekte mit dem Geschäftserfolg der Unternehmen zusammen?
Ich bin davon überzeugt, dass eine reine Reduktion auf ökonomische Kennzahlen zu kurz greift. Denn Unternehmen sind keine abstrakten Strukturen, sondern werden von Menschen getragen und mit Leben gefüllt. Die Motivation, die Zufriedenheit dieser Menschen liefert sehr wohl einen Beitrag zum Unternehmenserfolg.

oekom research und Morgan Stanley haben diesen Zusammenhang in einer Studie untersucht. Wie sehen die Ergebnisse aus?
Ausgangspunkt waren unsere Research-Ergebnisse zu knapp 800 internationalen Unternehmen, die zu den größten ihrer Branche gehören. Diese haben wir verglichen mit deren Aktienkursentwicklung zwischen Januar 2001 und August 2004. Dabei haben wir festgestellt, dass Unternehmen, die gemessen an sozialen und ökologischen Kriterien besonders gut abschneiden, auch bezogen auf den Aktienkurs zu den Outperformern gehören. Inwiefern einzelne ökologische und soziale Kriterien mit ökonomischen Indikatoren korrelieren, kann noch nicht gesagt werden. Dies wird aber zurzeit im Rahmen eines Forschungsprojekts mit der TU München analysiert.

Die börsennotierten Unternehmen sollen ab 2005 auch ihre immateriellen Vermögenswerte – zu denen ja auch das Human Capital gehört – in den Bilanzen ausweisen. Ändert sich dadurch die Ratingpraxis?
Wir erhoffen uns von einer stärkeren Transparenz auf Seiten der Unternehmen vor allem eine gesteigerte Sensibilität gegenüber dem Thema – sowohl im Unternehmen als auch natürlich auf Investorenseite. Für uns Ratingagenturen ist jede Form erhöhter Transparenz positiv zu bewerten.

Interview: Bettina Geuenich

Quelle: personal manager 2/2005

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