Webkonferenzen ja, …. aber virtuelles Coaching?

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Foto von Damian Patkowski
Coaching unterstützt Menschen in Führungspositionen. Coaching ist ein zielorientierter Prozess, der Führungskompetenz erweitert und die Handlungsfähigkeit im Führungsalltag erhöht. Coaching ist Arbeit an der eigenen Führungspersönlichkeit und das immer im konkreten Bezug zum Unternehmen. Coaching wirkt über Reflexion und vertieftes Erkennen, über das Hinterfragen gewohnter Denk-, Beurteilungs- und Handlungsschienen und ebenso die Kreation und Ausgestaltung neuer Wege und Strategien. Damit dies erreicht werden kann ist eine solide und tragfähige Arbeitsbeziehung zwischen Führungskraft und Coach notwendig. Coaching ist ein vertrauensgeleiteter, in vielen Phasen intensiver, Kooperationsprozess. Der Kontakt zwischen Führungskraft und Coach ist, neben der effektiven Methodik, der essentielle Wirkungsmechanismus des Coaching.
Kritiker und Skeptiker bezweifeln, dass dies in gleicher Weise über ein virtuelles Medium geleistet werden kann und können dabei auch auf Aussagen von Medienwissenschaftlern zurückgreifen. Deren Theorie der Kanalreduktion besagt, dass virtuelle Medien die Wahrnehmungsmöglichkeit reduzieren: non-verbale Signale (Mimik, Gestik, Haltung etc.) sind wenig bis gar nicht erkennbar. Für das Coaching – und alle weiteren virtuellen Beratungsformate – bedeute das, dass im Coaching-Prozess wichtige Informationen über das Gegenüber fehlen. Dies führe zu einem eingeschränkten Kontakt und lasse somit eine Arbeitsbeziehung von benötigter Intensität nicht zu. Virtuelle Arbeitsformen könnten als Ergänzung oder Ersatz dienen, könnten aber in keiner Weise dem Face-to-face-Coaching das Wasser reichen.
Die Medienwissenschaft hat auch hierfür Erkenntnisse bereit:
  1. Menschen können fehlende Sinneskanäle kompensieren.
  2. Fehlende non- und paraverbale Informationen können durch Anpassung an das Medium kompensiert werden z.B. durch verstärkte Verbalisierung oder durch das Finden präziserer Ausdrucksformen für Gefühle und Stimmungen.
  3. Kanalreduktion bietet die Möglichkeit zu einer Steigerung des Empfindens; die fehlende physische Präsenz kann dazu führen, dass Menschen sich gedanklich stärker mit dem Gegenüber beschäftigen; die vorhandenen Kanäle werden zum kompensatorischen Ausgleich genutzt.
Ein weiterer interessanter Aspekt kommt hinzu: Menschen haben die Möglichkeit zu „fiktionaler Empathie“. Dieser Begriff aus der Forschung beschreibt, wie Protagonisten in Romanen, Schauspieler und auch andere Figuren in Filmen fiktionale Empathie initiieren, genauso wie Nachrichten von realen, aber gegenwärtig nicht anwesenden Personen. Gleiches geschieht auch mit Personen, die zwar existent, jedoch in der Begegnung nicht real gegenwärtig vorhanden sind. Unser Bewusstsein kann diese doppelte Realität wahrnehmen und integrieren.
Virtuelles Coaching ist anders als f2f-Coaching, aber in seiner Qualität – insbesondere was die essentiellen Erfordernisse an Coaching-Kooperationen betrifft – nicht minderwertig. Wir sind als Menschen sehr anpassungsfähig. Wie die Forschungsstudien zeigen, haben wir die Fähigkeit, uns sehr schnell in solcher Weise an dieses Medium anzupassen, dass im virtuellen Coaching die gleichen notwendigen Rahmenbedingungen für eine anspruchsvolle und effektive Kooperation hergestellt werden können.
Mittlerweile gibt es viele Erfahrungen und auch wissenschaftliche Studien zu virtuellen Beratungsformaten. Aus der Therapieforschung z.B . gibt es dazu interessante Ergebnisse. In einer australischen Studie aus dem Jahr 2014 wurden englischsprachige Studien der letzten 20 Jahre ausgewertet, die videobasierte Therapien daraufhin untersucht haben, ob und inwieweit sie eine wirkungsvolle Arbeitsbeziehung aufbauen konnten.
Im Blick waren die beiden Dimensionen „Präsenz“ und „Kontaktaufbau“. Die Forschung unterscheidet zwischen physischer und sozialer Präsenz. Während physische Präsenz die Anwesenheit am selben geographischen Ort beinhaltet, bezeichnet soziale Präsenz das Gefühl tatsächlich in einem Raum mit dem Coach zu sein. Entgegen der gängigen Meinung , dass physische Präsenz notwendig sei, um im Coaching am effektivsten arbeiten zu können.
fanden die Forscher heraus, dass die Klienten/Beteiligten in virtuellen Beratungssettings sich als „in einem Raum befindlich“ mit dem Berater wahrnehmen, während Ihnen gleichzeitig bewusst ist, dass sie sich an einem physisch anderen Standort befinden. Ähnliches sagen die Forschungen auch über die Frage aus, ob und inwieweit in der virtuellen Beratung ein zum Präsenz-Coaching äquivalenter Kontaktaufbau möglich ist. Die befragten Teilnehmer der Studien sagen in der überwiegenden Mehrheit aus, dass der Kontakt als gleich intensiv empfunden wird und –erstaunlicherweise – in manchen Fällen sogar als intensiver.

Das Ergebnis ist eindeutig: Weder bzgl. des Präsenz-Empfinden noch bzgl. der Kontaktqualität steht virtuelles Coaching dem f2f oder Präsenz-Coaching nach. Wie viel Kontakt und Arbeitsintensität im Coaching erreicht wird, ist nicht abhängig von geographischer Präsenz. Die Kanalreduktion führt nicht zu einem „minderwertigen“ Coaching.
Susan G Simpson, Corinne L. Reid; Psychology in the Bush, Australian Journal of Rural Health, 22/2014, S. 280-299
Michaela Enja Kytir, Virtuelle Intersubjektivität, Polyloge, 10/2018
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