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100 Exzentriker zu einem Ziel anleiten

Mit blumiger Sprache wird kein Dirigent zu 100 Experten im Orchester sprechen, um seine Vision zu vermitteln. Begriffe wie „wahr“, „tief“, „bedeutungsvoll“ helfen nicht im Findungsprozess, so Christian Gansch. Die Lösung liegt in klarer Sprache, die beschreibt wie ein Ausdruck in der Musik erreicht wird: „Atmen Sie nach der dritten Note.“ / „Spielen Sie mit dem Bogen im oberen Drittel“. Gansch rät zu Pragmatismus und technisch genauer Beschreibung.  

Ein Orchester ist keine Ansammlung harmonisch
gesinnter Menschen, die völlig gleich gestellt sind.


Ein Orchester – so Christian Gansch – besteht aus Abteilungen (Celli, Kontrabässe etc.), die für den Konzertgänger nicht sofort ersichtlich sind. Jede Abteilung hat ihre Leitenden. Die technische Umsetzung der Vision des Dirigenten ist Sache dieser Leute. In Proben steht also nicht der Dirigent am Pult und vermittelt quasi jedem Einzelnen die Details.

Die zweite Geige ist so was wie die erste Geige

Weil die zweite Geige ihre ganz eigene Wertigkeit hat, ist sie der ersten eben nicht unterlegen, wie es so oft im Volksmund heißt, sagt Christian Gansch. Die zweite Geige spielt mit ganz verschiedenen Partnerinstrumenten, was die erste nicht zwingend tut. Daher muss der Spieler der zweiten Geige ein besonderes Talent zum Zusammenspiel entwickeln.   

Wenn die Musikanten dem Chef bei der Vision helfen,
gerät das Orchester aus dem Fahrwasser.


Der Dirigent sollte eine klare Vorstellung von seinem Ziel haben. Die Profession der Spieler ist eben das Spiel ihres Instrumentes. Durch ihre Erfahrungen können sie Unklarheiten im Konzept abfedern. Doch nur bis zu einem gewissen Grad. Das Orchester ist zu groß, als dass der Dirigent durch seine Spieler aufgefangen werden könnte.

Alle Abteilungen haben ihre Strategie und was dann?

Hat eine Abteilung im Orchester eine Strategie für sich gefunden, ist diese nur ein vorläufiges Ergebnis, denn sie muss mit denen der anderen Abteilungen harmonieren. Der Dirigent muss hören, wo sich unerwünschte Dissonanzen ergeben. Im Prozess hat niemand völlig Recht oder Unrecht.    
 
Exzentriker brauchen Platz, oder nicht?

Im Orchester sitzt es sich eng. Gut für das Orchester, denn so können sich Abteilungen nicht gegeneinander abschotten, resümiert Gansch. Immerhin heißt es jeden Tag, um Kompatibilität zu ringen. Und das ist wörtlich gemeint.

Weisheiten begeistern das Orchester in schwierigen Phasen – von wegen

Wenn die Stimmung am Boden ist, nützen hehre Weisheiten nichts. Der Dirigent muss Aha-Erlebnisse auslösen können, indem er Sachverhalte auf den Punkt bringt. Nur das setzt die Spielfreude und Kraft wieder frei.


Fotocredit: Rainer Sturm / www.pixelio.de