Markus Väth: Feierabend hab ich, wenn ich tot bin. Warum wir im Burnout versinken.

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Foto von Mimi Thian

Markus Väth: Feierabend hab ich, wenn ich tot bin. Warum wir im Burnout versinken.
GABAL Verlag, 2011,
ISBN: 978-3-86936-231-1,
240 Seiten,
19,90€ (Buch), 39,90€ (Hörbuch)

Der steinige Weg, den Väth mit seinem Leser in Kapiteln abgeht, führt über leistungsorientierte Elternhäuser, „kollektive Erfolgsgeilheit“, eine Burnout-Industrie, den Mythos Multitasking, die „Rolle unseres Lebens“ als Kick fürs süchtige Ego und dergleichen. Der Autor schreibt, was er dazu weiß und sagen will, ohne Besorgnis dafür, dass er Lesern auf den Schlips treten könnte oder eine gewisse politische Korrektheit im Business strapaziert. Er stellt unsere Kultur, unsere Gesellschaft und unsere liebsten Erfolgsgeschichten unter die Lupe. So für sich betrachtet, erklären sich manche Ursachen selbstredend. Väth weiß, dass der Leser weiß, dass gewisse Handlungen und Einstellungen hanebüchen sind und das eigene Leben notwendig in eine Sackgasse manövrieren.

Daher geht er in raschem Schritt viele Schlaglöcher mit prägnanten Kommentaren ab. Verwundert das? Er spricht als Coach und Diplom-Psychologe immerhin zu Menschen, die möglicherweise tatsächlich auf dem besten Wege in ein soziales und individuelles Blackout sind. Wer würde dieses Buch sonst kaufen? Väth räumt auf mit Illusionen, denn wer im Burnout versinkt, hat sich zu lange belogen. Allerdings dürfte der Autor damit viele Leser ansprechen, denn – so schreibt er – unsere ganze Kultur ist auf Burnout programmiert.

Eines leistet dieses Buch nicht: Diagnose, Rezept, Heilung. So vielfältig die Faktoren für Erschöpfung sind – persönliche Situation, Unternehmenskultur, Gesellschaftskultur etc. – so wenig lassen sich einfache Lösungen präsentieren. Väth liefert Impulse, Schlaglichter, Geschichten, Fakten und Fragen. Es liegt am Leser, an sich zu arbeiten. Jeder hat sein ganz eigenes Burnout, beziehungsweise Burnout-Risiko – so er denn wirklich eines hat.

Wie ernsthaft der Autor mit seinem Sujet umgeht, wie gut er es mit seinem Publikum meint, zeigt seine kritische Auseinandersetzung mit dem Begriff „Burnout“ und der sich darum formierenden Industrie. Er unterscheidet zwischen Modeerscheinung und einer Entwicklung in einen tatsächlichen Burnout. Und er rät: „Die Burnout-Industrie hat naturgemäß ein Interesse daran, dass die Gesellschaft im Allgemeinen und einzelne Menschen im Besonderen Burnout ‘produzieren’. Sonst bricht ihr das Geschäft weg. Genauso wie die Autolobby keine Förderung des Güterverkehrs auf der Schiene will, hat die Burnout-Industrie kein Interesse an breiten Präventionsmaßnahmen, obwohl man sonst gern das geflügelte Wort ‘Vorsorge ist besser als Nachsorge’ in den Mund nimmt.“ Es empfiehlt sich durchaus, Väths Buch erst zu lesen und dann weitere Ratgeber zu konsultieren.

Am Ende kommt übrigens raus, was der Leser ohnehin vermutet: Burnout lässt sich – bildlich gesprochen – nur mit der Stopptaste vorbeugen und kurieren. Für eingefleischte Arbeitssüchtige hat Väth ein schneidiges Beispiel parat: Eine Studie unter 1.000 Versuchspersonen im Auftrag von Hewlett Packard ergab in 2005, dass exzessives elektronisches Kommunizieren das Intelligenzvermögen eines Menschen erheblich beeinträchtigt. Weiterhin waren die Informationsjunkies kaum mehr in der Lage, relevante von irrelevanten Informationen für sich zu unterscheiden. Hewlett Packard empfahl daraufhin, SMS sowie Email nur in Leerlaufphasen zu kontrollieren. Wie präsent war diese Meldung in der Presse? Bei Väth gibt es mehr davon. Und das hilft garantiert, aus dem Club der Süchtigen auszusteigen und auch Mitarbeitern die Chance dafür zu geben. Für Väth übrigens eine Grundbedingung: Ein Einzelner allein bewegt wenig. Alle stehen in der Pflicht, sich zu wandeln: Mitarbeiter, Unternehmen und Gesellschaft.

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