Boris Faißt (Dual-Student, 6. Semester): Meine Bachelorarbeit und ihre Geschichte

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Foto von Hunters Race

Die Ziele meiner Bachelorarbeit

Da es für kleine Unternehmen – die in Branchen mit harten Bandagen arbeiten – wenig konzeptionelle Handreichungen zur Personalentwicklung gibt, möchte ich hier Neuland betreten. Sicher kann man das Rad nicht neu erfinden, doch ich kann durch gute Erfahrungen mit den Berufsgenossenschaften unserer Gegend und der Kooperation mit Partner-unternehmen ein allgemeines Konzept erstellen, das sich in Module aufteilt und so verschieden adaptierbar ist. Es wäre sogar auf Betriebe anzuwenden, die mit weniger als 20 Personen am Markt sind.

Wichtig ist mir, dass Unternehmen zur Umsetzung kaum externe Unterstützung brauchen. Alle Maßnahmen sollten mit dem bestehenden Mitarbeiterstamm umsetzbar sein. Ein zweiter Aspekt ist, dass ich die Rolle des emotionalen Führens und Entscheidens neu aufrolle. Ich beziehe mich dazu auf einen Ansatz von Carl Otto Scharmer vom Massachusetts Institute of Technology, den er in seinem Buch „Theorie U: Von der Zukunft her führen“ vorgestellt hat. Er sagt, dass der eigentliche Hebel der Führungsarbeit und jeden Erfolges das eigene Selbst ist. Und zwar das persönliche Selbst eines Menschen, was Ratio und Emotion umfasst. Mit anderen Worten: Ich muss mich wieder trauen, der im Beruf zu sein, der ich selbst bin. Scharmer zeigt Instrumente, mit denen Entscheidungen davon ausgehend aus dem Bauch raus wieder möglich werden. Ich denke, dass ich damit Menschen abholen kann, die aus Schichten kommen, in denen ganz anders mit Gefühlen umgegangen wird, als beispielsweise in gehobenen Schichten. An dieser Stelle liegt durchaus noch Neuland. Hier einen Beitrag zu leisten, ist mir ein persönliches Anliegen. Und die ersten Umsetzungen unserer Ideen bei ZP Gebäude-Service GmbH zeigen, dass sich dieser neue Weg gehen lässt. 

Ich freue mich auf Ihre Anregungen und Fragen.
Und vielleicht sehen wir uns ja in Göppingen beim Kick-Off
zur mittelständischen Personalentwicklungs-Kampagne am 06. Juni 2013.

Mit vielen Grüßen

Boris Faißt
Systembeauftragter / Dualer-Student (6. Semester)
ZP Gebäude-Service GmbH, Freiburg


Redaktionshinweis:
Kick-off-Veranstaltung:
https://www.hrm.de/fachartikel/2-bericht-in-folge:-kick-off-zur-esf-f%C3%B6rderinitiative-f%C3%BCr-mittelst%C3%A4ndler–10723


Fotocredit: Faißt

Meine Zusammenarbeit mit dem Chef

Das Studium selbst ist sehr praxisorientiert. Wir Studenten erhielten zu Beginn einen Rahmenplan, es wurde uns ein großer Überblick auch zum Thema Personalführung vermittelt und es lag an uns, Aspekte zu vertiefen. Meine Vertiefungen waren mit meinem Chef abgesprochen. Jedesmal. wenn ich von den Blocksequenzen zurückkam, setzten wir uns zusammen und ich schilderte ihm, was ich gelernt hatte. Er gab mir immer direkt sein Feedback aus seiner Erfahrung als Unternehmer. Er war 20 Jahren als Subunternehmer in der Reinigungsbranche tätig, bevor er 2010 unser Unternehmen, die ZP Gebäude-Service GmbH gründete. Bei diesen Absprachen zu meinem Studium hat er dann auch jeweils geschildert, was im Tagesgeschäft angefallen ist und wir haben überlegt, wie sich das mit dem Gelernten vereinbaren lässt. Dabei fiel uns auf, dass einige Inhalte schwer auf kleine Unternehmen übertragbar sind. Für mich persönlich waren die Rückfragen meines Chefs oft Wegweiser in der Übertragung des Studiums in die Praxis.   

Warum ich das Bachelor-Thema wählte

Es hat mich persönlich bewegt. Im Gebäude-Service ist der Mitarbeiter der Dreh- und Angelpunkt des Geschäfts. Die Erfahrungen vieler Mitarbeiter in unserem Sektor sind erschreckend. Da werden Preiskämpfe auf deren Rücken ausgetragen. Genau an dieser Stelle setzt meine Studienarbeit an. Wie kann ich in diesem Feld solide Strukturen schaffen, damit Mitarbeiter langfristig aktiv bleiben können, unsere Kunden zufriedenstellen und uns die Treue auch künftig halten?

„Ziel der Arbeit soll ein praxisnahes und flexibles Personalentwicklungs-Konzept sein, das in unserem Unternehmen durchgeführt wird und relativ einfach auf andere Branchen und KMU´s angewendet werden kann. Dazu beschreibe ich zum Beispiel Fachtermini griffiger. (Bsp.: Controlling = Bewährung am Arbeitsplatz)“  
Boris Faißt

Steckbriefe

  • Boris Faißt

– 33 Jahre
– 1999 Abitur
– Kaufmännische Ausbildung im Einzelhandel
– 3 Jahre Marktleiter bei REWE
– Arbeitsunfall mit zweijähriger Rekonvaleszenz-Zeit
– 2010 Einstieg bei ZP Gebäude-Service GmbH
– Beauftragter für Qualitätsmanagement bei ZP Gebäude-Service GmbH
– Dualer-Student an der Hochschule Lörrach – „Handels- und Dienstleistungsmanagement“

– Abschluss der Bachelorarbeit im Herbst 2013

  • ZP Gebäudereinigung GmbH

– 2010 gegründet
– 150 Beschäftigte
– Gebäudereinigung, Sonderreinigung, Baugrob- und -feinreinigung,
  Winter- und Hausmeisterdienste, individuelle Dienste wie Automatenservice
– Einzugsgebiet: Dreieck „Freiburg, Singen, Stuttgart“
– Geschäftsleitung: Zafer Parlar

Die Geschichte dieser Bachelorarbeit beginnt eigentlich mit einem Schicksalsschlag. Ich erlitt vor einigen Jahren einen schweren Arbeitsunfall, von dem ich mich nur langsam erholte. Durch eine Bekannte bin ich 2010 zu meinem heutigen Arbeitgeber  in Freiburg – der ZP Gebäude-Service GmbH – gekommen, die 150 Mitarbeiter beschäftigt. Unsere Geschäftsleitung  stellte mich als Beauftragten für Qualitätsmanagement ein. Für mich sollte es nach meiner langen Auszeit der Wiedereinstieg in den Beruf werden. Ich verstand mich recht schnell mit dem Geschäftsleiter und dem Team. Nach einem halben Jahr ging ich auf ihn zu und fragte, inwiefern ich ein duales Studium im Handels- und Dienstleistungsmanagement belegen könne. Er informierte sich darüber und sagte mir das Studium zu. Er selbst fand es spannend, vom Fachwissen, das an der Hochschule vermittelt wird, zu profitieren und sein Unternehmen optimieren zu können. Mich bringt das Studium weiter, weil ich mit meinem Chef viel besser an unsere Aufgaben gehen kann. Da ich ja bei uns als Qualitätsbeauftragter tätig bin, kann ich nun einerseits Arbeitsprozesse mehr auf Linie bringen und die Bildung anderer Unternehmensstrukturen unterstützen. Andererseits stehe ich mit einem halben Bein im Thema Personal: Wer könnte sich wie entwickeln? Wer braucht welche Unterstützung? Wie gestalten wir Arbeit so, dass die Arbeitskraft unserer Mitarbeiter langfristig erhalten bleibt. Unsere Branche ist im Vergleich zu anderen relativ hart; was den Einsatz von Körperkraft, Präzision und Organisationstalent anbelangt, aber auch das Wettbewerbsumfeld ist relativ hart.

Warum unsere Mitarbeiter uns bislang die Treue halten

Unser Geschäftsleiter ist einfach präsent. Er fährt in die verschiedenen Objekte und kennt jeden unserer 150 Beschäftigten – zum Großteil Teilzeitkräfte – persönlich. Er ist ihnen als jemand vertraut, der die Dinge in seine Hand nimmt. Er kam vor zwanzig Jahren aus der Türkei und hat sich hier in Deutschland etwas aufgebaut. Anfangs führte er für Generalunternehmer Aufträge aus und baute das immer mehr aus. In 2010 – quasi mit dem Eintritt von mir – hat er sich aus diesem Geschäft verabschiedet, da es für ihn auf Dauer persönlich nicht mehr tragbar war. In unserem Unternehmen wollen wir andere Wege gehen. So versuchen wir Mitarbeiter vor Kunden zu schützen, wo sie alles andere als nicht wertschätzend behandelt werden. Wir zeigen unseren Mitarbeitern, dass wir knallharten Preiskampf- ausgetragen auf ihrem Rücken – nicht tolerieren. Beziehungsweise, wenn wir Druck seitens des Marktes nicht ausschließen können, weil unsere finanzielle Lage das verlangt, holen wir den Mitarbeiter an dieser Stelle ab. Wir sind seine Anlaufstelle bei Fragen und Sorgen. Natürlich ist unser Weg ungewöhnlich, zumal wir ja an den Rahmenbedingungen unseres harten Business nicht so viel ändern können. Aber wir sind überzeugt von unserem Weg und erste positive Rückmeldungen seitens Kunden und Mitarbeiter zeigen uns, dass wir weitergehen sollten.

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