Betriebe können extrem viel zur Burnout-Prävention beitragen

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Foto von Austin Distel

Herr Musalek, was ist ein Burnout-Syndrom?

Der amerikanische Psychiater Herbert Freudenberger hat den Begriff in den 1970erJahren geprägt. Er beschrieb Burnout als einen Zustand der Erschöpfung in Verbindung mit einem Gefühl der Entfremdung gegenüber dem Arbeitsplatz, den Kollegen und letztendlich auch gegenüber sich selbst. Charakteristisch ist weiters ein Verlust an Effektivität, also ein Leistungsabfall. Burnout steht immer in Zusammenhang mit der Arbeit. Und hier sind wir schon bei den Ursachen: Einehohe Arbeitsbelastung kann Burnout fördern, aber niemand bekommt ein Burnout, nur weil er viel arbeitet. Andere Faktoren sind entscheidender, zum Beispiel ein schlechtes Arbeitsklima, unfaire Behandlung, Mobbing, aber auch Partnerprobleme, die berufliche Probleme verschärfen.

Als Krankheit ist Burnout nicht anerkannt. Was bedeutet das für die Diagnose?

Burnout wird in den ICD-10, der internationalen Klassifikation der Erkrankungen, nicht als Krankheit gewertet. Aber das heißt nicht viel, denn die ICD-10 bilden ein medizinisches Wissen ab, das ungefähr ein Vierteljahrhundert alt ist. Freudenberger hat Burnout in seinen Spätstadien sehr wohl als Krankheit gesehen. Er beschreibt zwölf Burnout-Stadien und insbesondere in den Spätstadien kommt es häufig zu psychosomatischen Beschwerden, depressiven Symptomen, Depersonalisationen oder Identitätsstörungen. Das letzte Stadium ist dann die völlige Erschöpfung beziehungsweise der Zusammenbruch.

Das Anton-Proksch-Institut ist auf das Thema Sucht spezialisiert, therapiert aber auch Burnout. Wie hängen Burnout und Sucht zusammen?

Zum einen sehen wir, dass Burnout-Patienten vor allem im Spätstadium Suchterkrankungen entwickeln können. Zum anderen zeigen viele Patienten mit Suchterkrankungen BurnoutSymptome. Darüber hinaus beschäftigen wir uns schon lange mit dem Thema Arbeitssucht und hier sehen wir eine Überschneidung von 95 Prozent mit der Burnout-Thematik. Es gibt fast keinen Burnout-Patienten, der nicht auch deutliche Verhaltensmuster einer Arbeitssucht zeigt.

Wie lässt sich ein Burnout von einer Depression abgrenzen?

Es wird immer wieder gesagt, ein Burnout sei eigentlich nur eine Erschöpfungsdepression. Aber das ist schlichtweg falsch. Natürlich gibt es Überschneidungen. Aber viele BurnoutLeidende haben keine Depression. Umgekehrt haben viele Patienten mit Depression kein Burnout.

Wie hat sich der Bedarf an Burnout-Therapie in der Vergangenheit entwickelt?

Der Bedarf ist riesengroß. Leider gibt es keine wirkliche Qualitätskontrolle der Therapien. Zweifelhafte Burnout-Einrichtungen sprießen im Übermaß aus dem Boden, und für die Betroffenen ist es extrem schwer, professionelle Ansprechpartner zu finden. Wir haben daher in Österreich Anfang des Jahres eine Gesellschaft für Arbeitsqualität und Burnout mit Namen „BURN AUT“ gegründet, die Qualitätskriterien definieren und eine sinnvolle Fachdiskussion anstoßen will. Wir möchten auch mit Politik und Wirtschaft zusammenarbeiten, um die Situation für Betroffene zu verbessern.

Was sollte geschehen, wenn in einem Unternehmen erkannt wird, dass ein Mitarbeiter burnoutgefährdet ist. Was sind erste Schritte?

Das hängt ganz vom Stadium ab, in dem sich ein Mitarbeiter befindet. Anfangs spüren burnoutgefährdete Menschen einen zunehmenden Zwang, sich zu beweisen, die Arbeit rückt immer mehr ins Zentrum ihrer Wahrnehmung und sie versuchen, alle Probleme mit Arbeit überzukompensieren. In diesem Stadium brauchen sie keine Therapie. Beratungsgespräche wären hier durchaus ausreichend. Ab Stadium 3 vernachlässigen sie mehr und mehr eigene Bedürfnisse und verdrängen Konflikte. Hier könnte eine psychotherapeutische Kurzintervention helfen. Ab Stadium 6 verleugnen die Betroffenen ihre Probleme – und sie benötigen in der Regel fachgerechte Hilfe von außen.

… diese Hilfe können sie aber vermutlich nur schwer annehmen, wenn sie ihre Probleme verleugnen.

Eben. Hinzu kommt, dass sie sich ab Stadium 7 zunehmend sozial isolieren. Sie entfremden sich immer mehr von ihrer Umgebung und die Erschöpfung nimmt zu. Zu diesem Zeitpunkt sind schon komplexere Hilfsangebote erforderlich. Die Mitarbeiter müssen jetzt aus der Situation herausgenommen werden und sich erholen. Ihre körperlichen Beschwerden sind abzuschätzen – seien es Magenprobleme oder Blutdruckbeschwerden. Auch psychische Probleme wie Depressionen, Angstoder Schlafstörungen müssen fachgerecht behandelt werden. Außerdem braucht es in jedem Fall eine Lebensneugestaltung. Im Anton-Proksch-Institut haben wir beispielsweise ein Programm entwickelt, in dem die Patienten neu erlernen können, wieder Freude zu empfinden. Das ist aus unserer Sicht der entscheidende Schritt. Natürlich müssen sich die Betroffenen erholen. Aber wenn sie ihr Leben nicht ändern, ist das nächste Burnout vorprogrammiert.

Was können Unternehmen zur BurnoutPrävention beitragen?

Es nützt nichts, nur den betroffenen Mitarbeiter zu behandeln. Wenn der in einem Betrieb tätig ist, in dem Mobbing zur Alltagskultur gehört, kann der trotz der umfangreichsten Erholung nach der Rückkehr an den Arbeitsplatz nur einen Rückfall bekommen. Die Arbeitskultur in den Betrieben ist ganz wesentlich – und hier gibt es riesige Unterschiede. Die Arbeitspsychologin Christina Maslach hat sehr gut herausgearbeitet, wo die größten Gefährdungspotenziale im Berufsalltag liegen. Besonders hoch ist das Burnoutrisiko dann, wenn Mitarbeiter chronisch überfordert sind und – noch viel wesentlicher – kein Lob erhalten, sondern nur Tadel, wenn etwas nicht funktioniert. Ein Mangel an Fairness und eine Diskrepanz zwischen den Wertmaßstäben des Mitarbeiters und denen des Betriebes sind weitere Risikofaktoren. Hinzu kommt natürlich das unmittelbare Arbeitsklima – Stichwort Mobbing. Betriebe können extrem viel zur Burnout-Prävention beitragen und es ist für sie auch sehr sinnvoll, Prävention zu leisten. Denn in der Regel sind Burnout-Patienten ja sehr wertvolle Mitarbeiter, die hohe Ansprüche an sich selbst haben und bereit sind, über das Maß hinaus zu arbeiten. In der Burnout-Situation aber werden sie völlig ineffektiv. 

Interview: Bettina Geuenich

Quelle: personal manager 6/2012

Michael Musalek ist Facharzt für Psychiatrie und Neurologie, Vorstand und Ärztlicher Leiter des Anton-Proksch-Instituts in Wien, ehemaliger Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie (ÖGPP) sowie Präsident der Gesellschaft für Arbeitsqualität und Burnout (BURN AUT). Im Gespräch erklärt er, was ein Burnout ausmacht und wie Unternehmen vorbeugen können.

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