Arbeitssicherheit: Damit der Wissensarbeiter sich nicht den Kopf zerbricht

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Foto von ThisisEngineering RAEng

I Selbstwirksamkeitskonzept stärken (Self-Efficacy)

„Menschen streben nach Kontrolle über Vorkommnisse, die ihr Leben beeinflussen. Indem sie Einfluss ausüben in Bereichen, in denen sie Kontrolle einigermaßen beherrschen, vermögen sie gewünschte Zukunftsentwürfe besser zu realisieren und jene zu verhindern, welche sie nicht beabsichtigen.“ (Ph.D. Psych. Albert Bandura)  

Lernziel: Erfahrungen ermöglichen, das Vertrauen in das eigene Können stärken.
Empfohlene Lektüre: Standardwerk des Begründers des Self-Efficacy-Konzepts Albert Bandura:
„Self-Efficacy in changing societies“.

Literaturtipp 1

Wissenschaftliche Präsentation des Konzeptes von Dr. phil. Heinz Bolliger-Salzmann, Universität Bern, Institut für Sozial- und Präventivmedizin, Abteilung Gesundheitsforschung

Literaturtipp 2


II Zur Selbstorganisation anleiten

„Anstelle von berufsbiografischer Selbststeuerung und Selbstorganisation herrschten also Selbstzweifel, Selbstvorwürfe, Gefühle von Handlungsohnmacht, Orientierungslosigkeit oder sogar Nutzlosigkeit, Sorge um die Zukunft und Angst vor einer beruflichen Neuorientierung vor. Ausgerechnet in einer Situation, die besonders hohe Anforderungen an die berufsbiografischen Gestaltungskompetenzen, an die Fähigkeit zur Selbstregulation, Selbstorganisation und Selbstverantwortung sowie an die Planungs- und Entscheidungsfähigkeit stellte, waren die Entlassenen also von einem massiven Kontrollverlust über ihre existentiellen Lebensbedingungen sowie von einer Beeinträchtigung ihrer emotionalen und kognitiven Handlungsressourcen betroffen.“ (Dr. Rüdiger Preißer über die Erforderlichkeit von biografischer Selbstorganisation).

Lernziel: Biografischer Bezug zur Arbeit und damit die Selbstorganisation fördern.
Empfohlene Lektüre: Essay von Dr. Rüdiger Preißer, Sozialforscher und Trainer: „Berufsbiografische Selbstorganisation, biografisches Lernen, Selbstorganisation – Herausforderung in der Erwachsenenbildung?“

Literaturtipp 1

Durch Selbstorganisation zur verbesserten Kompetenzentwicklung. Herausgeberband mit elf Fachbeiträgen von Prof. Dr. Rolf Arnold und Dr. Birgit Milbach.

Literaturtipp 2

 

III Abweichungstoleranz | Erkenntnis statt
imperativer Schulddebatte

„Fehler aller Art können als Impuls unentbehrlich, lernwirksam, erhellend, produktiv, eben ergiebig sein. Sie ermöglichen dem Menschen in seinem Dazu- und Umlernen Fortschritte und in seiner biographischen Entwicklung Neuorientierung, in seinem schöpferischen Tun Durchbrüche und in seinen soziokulturellen Prozessen wichtige Anstöße. Bereits Horaz mahnte in seiner Ars Poetica: „In Fehler führt uns die Flucht vor Fehlern.“ (Martin Weingardt in „Fehler zeichnen uns aus“ | Verlag Julius Klinkhardt).

Lernziel: Fehler reframen, gestalten statt klagen, Sinn von Fehlern erkennen
Empfohlene Lektüre: “Fehlerkultur – was Führungskräfte beim Fehlermanagement stärkt”.
Fachbeitrag von Coach Ursula Dehler. Drei weiterführende Beiträge.


Literaturtipp 1

“Introvision | Innere Konflikte auf einfache Weise auflösen”.
Fachartikel von Dipl. Psychologe und Coach Ulrich Dehner.

Literaturtipp 2

Literaturtipp 3 | Recherche

IV Selbstwahrnehmung durch Körperarbeit erhöhen

“Wir handeln nach dem Bild, das wir uns von uns machen. Ich esse, gehe, spreche, denke, beobachte, liebe nach der Art, wie ich mich empfinde. Dieses ICH-Bild, das einer von sich selbst macht, ist teils ererbt, teils anerzogen; zu einem dritten Teil kommt es durch Selbsterziehung zustande.” (Moshé Feldenkrais)

Selbstbezug und Souveränität durch einfache Körperübungen korrigieren und stärken – nach der Methodik von Moshé Feldenkrais. Literaturliste des Schweizer Feldenkrais-Verbandes über Hintergründe und Konzept.

Literaturtipp 1

Im Jahr 2000 verabschiedeten europäische Staats- und Regierungschefs auf einem Sondergipfel ein Programm, durch welches sich die Europäische Union zu einem innovationsgetriebenen Wirtschaftsraum mit höherer Wettbewerbsfähigkeit entwickeln sollte. Die Entwicklung der Gesellschaften hin zu einer grossen Wissensgesellschaft war dabei ein für die Politvertreter entscheidender Faktor.

Auch wenn die damalige Vision politisch im Verlauf der letzten sechzehn Jahre in den einzelnen Mitgliedsstaaten anders als geplant umgesetzt wurde, so hat sie sich doch erfüllt. Tatsächlich gelang der Übergang von der schwerpunktmässig industriellen Gesellschaft – auch in der Schweiz – auf ein durch Wissen getragenes Modell. Arbeit ist heute für weite Teile der Bevölkerung mehr denn je Kopfarbeit. Dass einer sich also auf seinen Kopf verlassen kann, gibt ihm Sicherheit im Leben. Ehemals körperbetonte Tätigkeiten übernehmen inzwischen zunehmend Roboter und sonstige Maschinen.

Darüber, was Wissen ist, gibt es in der Praxis wie in der Theorie unterschiedliche Ansichten. Den gemeinsamen Nenner unter dem Strich hat die Hirnforschung gefunden. Ihr zufolge basiert das Erarbeiten und Behalten von Informationen auf einem hochkomplexen Zusammenspiel von Hirnarealen.

Wie wichtig diese Erkenntnis ist, zeigt sich nicht zuletzt daran, dass grosse Teile der Fachlektüre für Management und berufliche Weiterbildung inzwischen anhand von Hirnforschungsergebnissen erläutern, wie Beschäftigte, die wissensbasiert arbeiten, zu führen oder anzuleiten und zu begleiten sind. Dass also eine gewisse Abweichungstoleranz, weniger beängstigende Rahmenbedingungen, abwechslungsreiche Inhalte und vieles mehr für den Wissensarbeiter unabdingbar sind, damit sein Kopf tut, was er soll – das ist inzwischen dank gesellschaftlicher Entwicklung Standardwissen.

Die gesundheitliche Verfassung der Schweizer Erwerbstätigen zeigt allerdings auch, dass „gewusst“ noch lange nicht „getan“ heisst. Die Gesundheitsförderung Schweiz wollte in 2014 zum ersten Mal wissen, wie burnoutgefährdet Arbeitnehmende sind und organisierte dazu einen Job-Stress-Index. Ihre Studie ergab, dass 300.000 Personen berufsunabhängig damals gemäss wissenschaftlicher Klassifikation am Rande einer Erschöpfungsdepression standen. Der Job-Stress-Index 2015 meldet, dass nun gut jeder fünfte Erwerbstätige erschöpft ist. Die Zahlen dokumentieren nicht, wie gestresst die Befragten sich fühlen. Sie zeigen, in welchem Verhältnis diese Belastungen und Ressourcen in ihrem Job sehen.   

Der Mensch bleibt, was er ist.

Wenn also der Kopf das Zentrum der Arbeit ist, dann ist der Umgang mit der Psyche umso sensibler. Klarheit, Bewusstheit im Verhalten und Energetik hängen davon ab, wie der Einzelne der Realität ins Gesicht sehen kann und welchen Lebensbezug er über die Jahre hinweg seelisch entwickelt. Geistige Klarheit durch seelische Stabilität lautet eines der wichtigsten Lebensgesetze, an denen keine Technologisierung oder sonst wie geartete Innovationskultur ein Komma oder einen Punkt ändert.

Um dieses Lebensgesetz ist es aber eben nicht gut bestellt in einer machbarkeitgläubigen Gesellschaft, die den Bezug zu ihren wichtigsten Ressourcen zu verlieren droht. Die inzwischen gängigen Bilder von der vernetzten Wirtschaft und der vernetzten Lebenswelt dokumentieren einen Vorgang, der in der Natur zum Exitus eines im Netz gefangenen Wesens führen würde und der inzwischen die Federführung in der Weltgestaltung übernommen hat. Gemeint ist das zeitgenössische Thema der Orientierung: Hin- und hergedreht zwischen immer neuen möglichen Gefahren in der Arbeit wie in der Politik, gefangen in den Verstrickungen der allzu mächtigen Fakten, die unsere Kultur täglich per Computer auswirft, haben viele Menschen seelisch und also auch im Kopf ihr Zentrum aus dem Griff verloren. Wem soll man zuhören? Was soll man tun? Was ist nötig, was dringend, was nicht zu vernachlässigen? Fäden, die einer aufnimmt, um sie fortzuspinnen, muss er vielleicht morgen schon wieder gleiten lassen, weil eine andere Agenda ansteht.

Die Zukunft der kopfbasierten Arbeit
in den nächsten 20 Jahren.


Die Zukunft der Wirtschaft bringt für viele Menschen grossen Wandel. Die Nachrichten zu den Hintergründen sind durchaus kein Science Fiction mehr, wie der bürgerliche Hausverstand sonst zu beruhigen weiss. Science Fiction deswegen nicht, weil die Dinge existieren und bereits weltweit die Rahmenbedingungen am Arbeitsmarkt formen. Dafür haben Wissenschaftler und Praktiker den Begriff „disruptiv“ geprägt. Gemeint ist, dass Entwicklungen in der Technik, am Wohnungsmarkt, im Sozialen und so weiter ausgehend von ihrem Start eine ungeheure durchschlagende Kraft dadurch entwickeln, dass Tausende Menschen sie mittragen und dadurch etablierte Strukturen zersetzen. Das Gefährliche am Disruptiven ist, dass die anfangs willkommene Neuerung unter Umständen viele Verlierer produziert. Und das wiederum produziert Angst. Sei es, dass Bauarbeiter weltweit den Einsatz von 3D-Druckern im Hausbau fürchten müssen oder Unternehmensberater die Konkurrenz durch Algorithmen, die rasch Szenarien durchspielen können, beziehungsweise Handlungsvorschläge unterbreiten. 

Eine Ende letzten Jahres produzierte Studie vom Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsunternehmen Deloitte im Auftrag der SRF-Sendung „ECO“ hat für den Schweizer Arbeitsmarkt Licht in die Materie gebracht. Sie kommt zu dem Schluss, dass innerhalb der nächsten 20 Jahre jeder zweite der aktuell vorhandenen Jobs automatisiert werden könnte. Hatte man bislang also angenommen, die digitale Technologisierung kürze vor allem Jobs für geringer Qualifizierte, so zeigt sich nun, dass Roboter und Algorithmen auch als hochqualifiziert geltenden Beschäftigten zu schaffen machen werden. Die Studie benennt beispielsweise Buchhalter, Finanz- und Anlageberater, Augenoptiker oder Vermessungsingenieure. Im mittleren Bereich sind es Officekräfte, Bankangestellte, oder Fachkräfte in der Landwirtschaft, die Umwälzungen entgegen sehen müssten. In einer ECO-Sendung zur Studie kommen zwei international beachtete Ökonomen vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) – Andrew McAfee und Erik Brynjolfsson – zu Wort. Sie meinen, die durch Technik wegfallenden Jobs werden diesmal die durch sie geschaffenen Jobs überwiegen. Und damit träte die Frage nach der sozialen Absicherung ganz neu und dringend auf die politische Agenda.

Das alles bedeutet Stress für den Arbeitsmarkt und für den Einzelnen. Es gilt, locker zu bleiben, um produktiv und zentriert zu bleiben. Produktivität im Hier und Jetzt mit Blick auf die möglichen Nebenwirkungen des Geschaffenen. Work-Life-Balance wird zur besonderen Aufgabe.

Doch wie kann am Arbeitsplatz für die psychische Arbeitssicherheit garantiert werden, wenn das Unternehmen samt seiner Führungskräfte oftmals zwingend auf Marktbewegungen reagieren muss, statt in Ruhe agieren zu können? Chefs sind längst keine auktorialen Erzähler mehr, die der Belegschaft mit weltwissendem Blick die Schienen legen. Was tun, damit vernetzt sein nicht zur Selbstauflösung, sondern zur Sicherung führt?

Klar und bewusst durch innere Zentrierung.

Dass Respekt, menschenwürdige Entlohnung und so viel finanzielle Absicherung wie möglich nötig sind, versteht sich von selbst. Für die am Arbeitsplatz praktische psychische Arbeitssicherheit gibt es ein paar Leitlinien, die sich aus der Burnout-Forschung, aus Social Skill-Trainings und aus der Medizin ergeben. HRM.ch hat Ihnen zu den Sätzen verschiedene Literaturtipps für Ihre Weiterbildung zusammengestellt.

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