Wettbewerbsfaktor Gesundheit: Systematik und ganzheitliche Sicht gefragt

selective focus photography of people sitting on chairs while writing on notebooks
Foto von The Climate Reality Project

Angesichts des Fachkräftemangels und der Zunahme chronisch und mentaler Erkrankungen sind Motivation, Gesundheit und Leistungsfähigkeit der Mitarbeiter entscheidende Wettbewerbsfaktoren. Unternehmen sind heute besonders gefordert ihre organisatorischen Strukturen von der Führung, über die Prozesse bis hin zur Mitarbeiter – und Kundenzufriedenheit kontinuierlich zu verbessern. Entscheidend für den Erfolg ist, das Themen wie Führung und Gesundheit sowie die Umgangs- und Organisationskultur eine zentrale Rolle einnehmen, was in den Unternehmen ein geplantes und systematisches Vorgehen erforderlich macht.

Leider erkennen zwei Drittel der Großunternehmen in Deutschland die Notwendigkeit und Nachhaltig eines systematischen, zielorientierten Betrieblichen Gesundheitsmanagements (BGM) noch nicht. Und im Mittelstand kümmert sich nur jedes zwanzigste Unternehmen um die Förderung der Motivation und Leistungsfähigkeit der eigenen Belegschaft. Damit wird deutlich, dass deutsche Unternehmen auf die demografischen, strukturellen und wirtschaftlichen Veränderungen nur unzureichend vorbereitet sind. Wie der IGA Report 21 feststellt, werden als Hauptgründe Vorrang des Tagesgeschäfts, mangelnde Ressourcen und fehlendes Wissen bezüglich der Umsetzungsungsmöglichkeiten eines BGM genannt.

Die Hilti Deutschland AG etwa setzt als Teil der Unternehmenskultur auf die konsequente Förderung des individuellen Potentials jedes Mitarbeiters und jeder Mitarbeiterin. Die Führungskräfte tragen Mitverantwortung und verbringen einen Anteil ihrer Arbeitszeit ausschließlich mit Personalaufgaben: „Entwickle Deine Mitarbeiter und erreiche Deine Ziele“, lautet der Leitsatz.

Teamarbeit, Einsatz für das Unternehmen, Integrität und Mut zur Veränderung sind Hiltis Unternehmenswerte. Einmal pro Jahr nimmt Hilti Deutschland die Belegschaft mit auf eine „Kulturreise“ um die Werte ins Tagesgeschäft zu integrieren. Ein wöchentliches „Stimmungsbarometer“, wie auch die jährliche Mitarbeiterbefragung dienen als Indikatoren zur Sicherung der Zufriedenheit der Belegschaft.

Wie sich Arbeitszeitmodelle im Rahmen der Mitarbeiterbeteiligung und -entwicklung für beide Seiten positiv auswirken, zeigt sich beim schwäbischen Familienunternehmen Gerhard Rösch. Die 400 Mitarbeiter des Wäscheherstellers haben die Wahl zwischen 130 verschiedenen Arbeitszeitmodellen.

Bei Hansgrohe, Sanitärspezialist aus dem Schwarzwald ist Gesundheitsmanagement ein wichtiges Thema innerhalb der Gesamtstrategie zum Erhalt der Beschäftigungsfähigkeit. So erhalten etwa Auszubildende Aufklärungskurse zu Bewegung und Ernährung. Investiert wurde darüber hinaus in rückenschonende Produktionstechniken und älteren Mitarbeitern werden spezielle Arbeitszeitmodelle angeboten.

Der Messtechnikproduzent Endress + Hauser Wetzer aus Nesselwang verfügt bereits über ein Excellentes Management System. Oberste Unternehmensprinzipien sind Respekt und Vertrauen. Kernstück der Unternehmensphilosophie ist ein betriebliches Gesundheitsmanagement, das neben betriebsspezifischen Strategien zur Arbeitssicherheit und Schulungsprogrammen für Mitarbeiter und Vorgesetzte auf flexible Arbeitszeit setzt. Jeder Mitarbeiter bestimmt hier seine Arbeitszeit selbst, nur vier Arbeitsstunden am Tag sind Pflicht.  Arbeitsbeginn und -ende sind individuell wählbar und werden durch Absprachen im Team mit Klärung der aktuell zu erledigenden Arbeit geregelt. Die daraus resultierende Arbeitszufriedenheit drückt sich in einer gestiegenen Produktivität und einer hohen Identifikation der Mitarbeiter mit dem Unternehmen aus. Kreative Verbesserungsvorschläge werden mit Sachleistungen sowie Geldprämien bei nennenswerter Kostenersparnis belohnt.

Die inhaltliche Ausrichtung des Betrieblichen Gesundheitsmanagements am IBGM-Modell erzeugt eine ganzheitliche Sicht auf das Unternehmen. Durch die Einbindung unterschiedlicher Fachexperten, abgestimmte Strategien sowie einen planvollen Einsatz der Ressourcen, wird die Zufriedenheit aller Interessengruppen berücksichtigt und eine Win-Win-Situation für Mitarbeiter und Unternehmen gleichermaßen geschaffen. Das Modell wird in einem schrittweisen Entwicklungsprozess umgesetzt, bei dem Führungskräfte und Mitarbeiter in regelmäßigen Abständen überprüfen, inwieweit die getroffenen Maßnahmen kontinuierlich verbessert wurden.

Gerade mittelständische Unternehmen profitieren von diesem ganzheitlichen Ansatz, um die eigenen Potentiale zu stärken und die Attraktivität als Arbeitgeber zu erhöhen. Allerdings muss die Führung eine ganz wesentliche Rolle einnehmen, damit ein Betriebliches Gesundheitsmanagament überhaupt in das Tagesgeschäft integriert werden kann. Sie schafft die Rahmenbedingungen für motivierte und zufriedene Mitarbeiter mit einer Kultur, in der Mitarbeiter ihre Fähigkeiten einbringen und Potentiale freisetzen.

Die Philosophie des EFQM-Modells ist in das innovative betriebliche Gesundheitsmanagement-Modell (IBGM) der Initiative TOP Gesundheitsmanagement Award eingeflossen, das wissenschaftlich nachgewiesen ist und seine Wirksamkeit bestätigt hat. Dem IBGM-Modell liegen sieben Qualitäts-Kriterien zugrunde. Diese werden nach Voraussetzungs- und Ergebniskriterien unterschieden. Die Voraussetzungskriterien befassen sich damit, wie die Ergebnisse erzielt werden. Die Ergebniskriterien erfassen das, was die Organisation erreicht hat.

Zur Gewichtung werden den sieben Kriterien jeweils ein Gewichtungsfaktor und eine Höchstpunktzahl zugeordnet. Die Zahlen im Bewertungsmodell belegen die maximale Punktzahl für jedes Kriterium sowie den entsprechenden Anteil an der Gesamtsumme. Es sind maximal 1.000 Punkte erreichbar. Diese sieben Kriterien fließen in die Selbstbewertung der Tätigkeiten und Ergebnisse ein, die regelmäßig und systematisch durchgeführt wird, um Stärken und Verbesserungspotentiale sichtbar zu machen.

Das Tool zur Selbstbewertung liefert darüber hinaus Hilfestellung für den Aufbau und ermöglicht die kontinuierliche Weiterentwicklung eines BGM-Systems, um die Gesundheitspolitik gezielt auszurichten. Es zeigt welches Qualitätsniveau mit den eigenen Maßnahmen erzielt wird, erleichtert Prioritäten für künftige Maßnahmen abzuleiten und bietet Leistungsvergleiche mit anderen Organisationen (Benchmarking).

Rund 82 Prozent der Unternehmen, die bereits ein Betriebliches Gesundheitsmanagement anwenden, bestätigen laut einer repräsentativen Umfrage der Initiative Gesundheit und Arbeit – iga, dessen Nutzen. Es leistet einen wichtigen Beitrag zur Erreichung der Unternehmensziele und des Unternehmenserfolgs, wenn es als Teilprozess des Qualitätsmanagements verstanden wird. Dies erfordert eine strategische und konzeptionelle Vorgehensweise mit dem Ziel der Qualitätssicherung und der kontinuierlichen Verbesserung.

Vielfach erprobte und angewandte Qualitätsmanagementsysteme liefern Hilfestellung bei der Umsetzung im Unternehmen. Das bekannteste Qualitätsmanagementsystem ist die so genannten „Zertifizierungsnorm“ DIN EN ISO 9000 ff. Ein ebenfalls weit verbreitetes und von vielen Organisationen für das Qualitätsmanagement sehr erfolgreich eingesetztes Modell ist das der „European Foundation for Quality Management“ (EFQM), das mit seinen Prämissen und Kriterien deutlich weiter geht.

Das EFQM-Modell für „Excellence“ beruht nicht auf einer Fremdzertifizierung, sondern auf einer regelmäßigen Selbstbewertung des Unternehmens anhand bestimmter Kriterien und betrachtet die fundamentalen Säulen von Menschen (Führung), Prozessen und Ergebnissen. Durch die ganzheitliche Sicht der Organisation und ihrer Interessengruppen sollen alle Leistungsaspekte nachhaltig verbessert werden.

Sebastian Ofer

Chefredakteur bei HRM Research Institute

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