Wenn das Verlangen siegt: Suchterkrankungen im Betrieb erkennen und gegensteuern

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Foto von Carlos Muza

Depressionen, Rückenleiden, Burnout, all diese Krankheitsfelder und viele weitere stehen zu Recht im Fokus der öffentlichen Wahrnehmung. Es gibt wohl keinen Personaler, der sich noch nicht mit diesen Themen beschäftigt hat – zumindest oberflächlich. Suchterkrankungen gelten jedoch nach wie vor als Tabu. Darüber spricht man einfach nicht. Dabei sind die volkswirtschaftlichen Schäden alles andere als vernachlässigbar.

 

Was glauben Sie, welche Kosten 100 suchtkranke Mitarbeiter in gerade einmal 5 Jahren verursachen? Nun, die Überschrift verrät es ja eigentlich schon: Es sind unvorstellbare 100 Millionen Euro. Das macht pro Mitarbeiter und pro Jahr Schäden in Höhe von 200.000 Euro. Doch warum überhaupt gelten Suchterkrankungen als Tabuthema? Die Folgen sind schließlich nicht zu übersehen – das beweisen alle Zahlen und Fakten. Vielen Personalverantwortlichen ist es wohl schlicht unangenehm, gegenüber einem Mitarbeiter heikle Themen wie den Alkoholkonsum oder eine Medikamentenabhängigkeit anzusprechen.

 

Doch alleine dieser Grund wäre zu kurz gegriffen. In vielen Köpfen herrscht eine Angst vor, die jeglichen Dialog und eine Beschäftigung mit dem Thema verhindern. Nicht wenige Führungskräfte glauben nämlich, sie müssten im Zweifel ihre Mitarbeiter regelrecht umsorgen, müssten mitfühlend auf diese einreden und vielleicht sogar emotionale Gespräche führen. Wahr ist: Vorgesetzte haben natürlich eine Verantwortung, eine Verpflichtung, sich um die Gesundheit ihrer Kollegen und Angestellten zu kümmern. Doch zum Therapeuten müssen und dürfen Sie dennoch nicht werden!


Die größte Gefahr für Verantwortliche besteht darin, in den Sog einer Co-Abhängigkeit zu geraten. Dabei handelt es sich um ein Verhalten, welches für Sie, den betroffenen Mitarbeiter und den gesamten Betrieb schädlich sein kann. Daher sollten Sie auch Ihr eigenes Verhalten stets kritisch hinterfragen.

 

Verbünden Sie sich mit dem erkrankten Kollegen, beginnen Sie Fehler zu rechtfertigen und zu decken, dann verschärfen Sie das Problem weiter – trotz bester Absichten. Sie sollen schließlich gegen die Suchterkrankung einschreiten, nicht diese verharmlosen oder gar fördern. Zeigen Sie zum einen Mitgefühl und Empathie, machen Sie das Problem jedoch auf keinen Fall zu dem Ihren. Schildern Sie der betroffenen Person Ihre Sorge. Kündigen Sie sachlich, aber dennoch ganz offen an, welche Schritte in Betracht kommen und was geschehen kann, sollten sich die betriebsrelevanten Verhaltensauffälligkeiten wiederholen.

 

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Es gibt Grenzen, die Sie weder übertreten müssen noch sollen. Als Personalverantwortlicher sind Sie in erster Linie dem Betrieb verpflichtet und müssen dafür Sorge tragen, Schaden von diesem abzuwenden. Das bedeutet aber erst einmal nur, dass Sie nicht wegschauen, sondern sich mit dem betroffenen Mitarbeiter beschäftigen sollten. Zu Ihren Aufgaben zählt es aber ausdrücklich nicht, als Psychologe tätig zu werden. Sie müssen sich nur um zwei ganz konkrete Dinge kümmern: Zum einen sollten Sie gegenüber Ihrem Mitarbeiter zum Ausdruck bringen, dass Sie sehr genau wissen, was vor sich geht, und arbeitsrechtlich konsequent reagieren werden, falls das notwendig sein sollte. Zum anderen müssen Sie konstruktiven Druck aufbauen, sodass Ihr Mitarbeiter die ihm zur Verfügung stehende Hilfe auch tatsächlich annimmt. Um die Behandlung selbst kümmern sich dann aber andere.

 

Unbedingt sollten Sie Abstand davon nehmen, mögliche Suchterkrankungen oder Verdachtsfälle mit Kollegen oder Mitarbeitern zu besprechen. Auch dann, wenn Sie im Sinne der betroffenen Person handeln wollen und zunächst einmal Ihre Vermutung überprüfen möchten, sollten Sie mit qualifizierten Ansprechpartnern darüber sprechen (Ansprechpartnern Sucht in oder außerhalb des Betriebes). Die Folgen einer öffentlichen Bloßstellung können für den Mitarbeiter selbst und das gesamte Betriebsklima katastrophal sein.

 

Sie sollten daher zunächst einmal mit der betroffenen Person selbst sprechen und Ihre Wahrnehmung sowie Ihre Besorgnis zum Ausdruck bringen. Womöglich gibt es andere Ursachen für das in Ihren Augen auffällige Verhalten. In jedem Fall sollten Sie offen mit diesem Thema umgehen und die Suchtprävention zu Ihrem Kernanliegen machen. Dadurch stärken Sie nicht nur die Gesundheit Ihrer Mitarbeiter, sondern erhöhen gleichzeitig auch die Produktivität – eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten.

Sebastian Ofer

Chefredakteur bei HRM Research Institute

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