Was Du als Unternehmen im Bewerbungsprozess falsch machen musst, damit sich keiner bei Dir bewirbt: Interview mit Ellen Maier (Epidose #69)

Ellen Maier
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Alexander Petsch: Die HRM Hacks, Tricks, Tipps und Hilfe für Ihre HR-Herausforderungen und HR-Strategien. Denn der Mensch ist der wichtigste Faktor für den Erfolg Ihres Unternehmens.

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Alexander Petsch: Glückauf und herzlich willkommen zu den heutigen HRM Hacks, präsentiert von der TALENTpro, dem Expofestival für Recruiting, Talent Management und Employer Branding, das am 6. und 7. Juli wieder live in München stattfindet. Unter www.talentpro.de könnt ihr mehr zum Line-up und zu dem, was euch erwartet, erfahren. Mein Name ist Alexander Petsch. Ich bin der Gründer des HRM Instituts, euer Gastgeber.

In unserer heutigen HRM Hacks Folge spreche ich mit Ellen Maier zum Thema „damit sich keiner bei euch bewirbt“ und dazu, was du als Unternehmen im Bewerbungsprozess so alles falsch machen solltest.

Ellen Maier ist Personalerin durch und durch, aus Leidenschaft und Out-of-the-box-Thinkerin. Sie hat im Berufsbildungswerk angefangen und dort mit den härteren Fällen begonnen, um Menschen in Arbeit zu bringen und zu bestätigen. Danach war sie zehn Jahre Lehrbeauftragte bei drei bayerischen Hochschulen mit dem Thema Persönlichkeit und Personalentwicklung sowie Geschäftsführerin eines BGM-Anbieters mit 25 MitarbeiterInnen. Außerdem Mama of two Kids (nicht Dogs) und Personalleiterin bei einem Elektro-Großanlagenbauer und IT-Softwareentwicklungsunternehmen. Jetzt ist sie HR-Freelancerin, die mit Herz und Seele Aufgaben wie Recruiting, Active Sourcing, HR-Strategie und Interims-HR-Leitung anbietet. Auf der anderen Seite auch sehr spannend: in wenigen Tagen kommt ihr erster Psychothriller heraus, der durchaus aus ihrer Arbeitswelt inspiriert ist. Also wer sie kennt, sollte den Thriller fürchten, schätze ich mal, und das gleich mit 480 Seiten als echte Thriller-Bibel. Herzlich willkommen!

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Ellen Maier: Herzlichen Dank, lieber Alexander, für dieses fulminante Entree. Ja, ob sich der eine oder andere fürchten soll, das muss man für sich selbst entscheiden. Wenn man ein schlechtes Gewissen hat, vielleicht schon, ja.

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Alexander Petsch: Ja, schön, dass du da bist. Unser Ziel ist heute: „Damit sich keiner bei dir bewirbt“. Was muss man da so alles falsch machen? Also Hacks für den fulminanten Bewerbungsprozess-Crash nenne ich es mal.

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Ellen Maier: Dann wollen wir gleich loslegen. Also es da gibt so einiges, was man als – und ich sage jetzt mal bewusst dieses Wörtchen – vermeintlich Personalsuchender falsch machen kann. Da fällt mir als Erstes ganz spontan ein: Du erstellst eine Stellenanzeige, eine ganz schöne klassische und stellst sie bei den Job-Portalen ein. Variante A: Du denkst daran, dich als Ansprechpartner zu nennen, zum Beispiel mit E-Mail-Adresse, bestenfalls sogar noch mit deiner Telefonnummer. Und dann kommt ein komischer Bewerber tatsächlich auf die Idee, dir entweder A) gleich zu schreiben oder B) dich anzurufen, weil er eine Frage hat. Und was passiert dann? Es springt ein automatischer Anrufbeantworter an, zum Beispiel per E-Mail mit „Herzlichen Dank für Ihre Nachricht. Ich bin leider momentan im Urlaub, zufälligerweise genau ab dem Zeitpunkt des heutigen Tages, der Freischaltung der Anzeige…“ Das steht da nicht genau so drin, aber ich sage das nur als Erklärung. „Also ich bin von heute, vom 01.01. bis einschließlich 20.01. im Urlaub. Vertretung habe ich keine, melden Sie sich gerne später mal.“ So nach dem Motto. Oder du rufst als Bewerber an und dann sagt die Kollegin „Oh, ich habe da keine Ahnung, was die Anzeige betrifft. Die ist jetzt auch im Urlaub. Die oder der Verantwortliche melden sich doch irgendwann mal zurück.“ Also, damit lieber Alex, kannst du schon mal ganz gut loslegen. Eigentlich wollte er oder sie sich ja bei dir bewerben. Also ja, das fängt schon mal ganz gut an!

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Alexander Petsch: Könntest du es aber auch gleich noch freundlicher machen? Er oder sie erwischt dich tatsächlich live sozusagen. Und du bist natürlich erst mal total empört, weil du in der Anzeige zwar deine Nummer angegeben hast, du aber ja geschrieben hast, man soll sich über das Bewerber-Management-System melden. Denn nur so erscheint der Bewerber überhaupt erst in der Prozesslandschaft, oder?

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Ellen Maier: „Ja, Entschuldigung, Herr Bewerber, also ich bin jetzt gerade in einem ganz wichtigen Termin. Können Sie bitte mal – genau wie du es gerade gesagt hast, Alex – … Denn das übliche Prozedere und so, ich habe jetzt einfach gar keine Zeit.“ Interessant ist ja auch, wenn man diese Person unter vier Augen oder vier Öhrchen sprechen würde, stellt sich die Frage, ob sie dann denken würde, dass diese etwas herablassende Art noch State-of-the-Art sei. Ich glaube schon, dass es da den einen oder anderen / die eine oder andere geben könnte, die sagt „Entschuldigung, also Sie bewerben sich ja bei uns. Sie wollen ja was von uns. Dementsprechend geben wir die Richtung vor.“ Und so zu denken, lieber Alex, das ist Möglichkeit Nummer 2. Oder sind wir schon bei der Möglichkeit Nummer 4, um nicht an gute Bewerber zu kommen? Das passiert leider viel zu oft.

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Alexander Petsch: Also immer schön von oben nach unten denken.

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Ellen Maier: Ja, selbstverständlich. Oberschicht und so. Also dieses „Wir befinden uns jetzt gerade in einer ganz anderen Ära: Die Arbeitgeber bewerben sich bei den Arbeitnehmern… Ach, Schmarrn, uns geht es doch gut!“ Das ist Möglichkeit Nummer 3 bzw. diese Art und Weise zu denken. Mittlerweile sind wir schon bei Variante Nummer 4, denke ich. Glaube bitte nicht daran, dass wenn du am Markt Erfolg hast, sprich erfolgreich vor deinen Kunden, vor deinen Kooperationspartnern auftrittst… Wenn du also losgelöst vom Bewerbermarkt betrachtet als Unternehmen Erfolg hast, das Geschäft läuft und du super Umsätze einfährst, glaube dann doch bitte nicht, dass du dich irgendwie dem Bewerber gegenüber menschlich, werteorientiert, zuvorkommend zu verhalten hast, den roten Teppich ausrollen sollst etc.. Nein, denke einfach nur „Es läuft, das haben wir immer schon so gemacht.“ Dann bist du auf dem richtigen Weg, denn auf Dauer gesehen wirst du so nicht an die richtigen Leute kommen.

00:07:18

Alexander Petsch:Jetzt haben wir über die Einstellung gesprochen und darüber, wie der Bewerber überhaupt das erste Mal mit dir in Kontakt kommt. Was wäre dann der nächste Tipp?

00:07:27

Ellen Maier: Der nächste Tipp, um weiterhin alles falsch zu machen, wäre, wenn sich jemand dann doch die Mühe gemacht hat und das von dir Geforderte weiter ertragen kann. Er oder sie hat tatsächlich das Motivationsschreiben aufgesetzt. Und wenn du ein ganz kleines bisschen Grips in der Birne hast, dann merkst du, dass sich der Mensch sogar tatsächlich Gedanken gemacht hat. Das ist ja gar nicht Copy-and-paste, da hat sich ja jemand wirklich darüber Gedanken gemacht, warum er oder sie zu uns passt. Aber wie verhalte ich mich dann korrekt? Im Sinne unseres Podcasts, zunächst einmal ein bisschen schmoren lassen. Ich antworte also eine Woche lang nicht…

00:08:09

Alexander Petsch: Der soll ja nicht denken, wir brauchen ihn.

00:08:11

Ellen Maier: Bist du verrückt oder was? Immer schön den Ball flach halten. Ja, es gibt noch nicht mal automatische Antworten. „Herzlichen Dank für die Bewerbung. Wir melden uns wieder.“ Nein, sogar das gibt es nicht. Und es vergeht eine Woche, es vergehen zwei Wochen…

00:08:26

Alexander Petsch: Aber das könnte man vielleicht noch ein bisschen abschreckender machen.

00:08:30

Ellen Maier: Ja, nämlich?

00:08:32

Alexander Petsch: Mit einem Auto-Responder wie „Du bist jetzt die 100. Bewerbung…“

00:08:40

Ellen Maier: „… Bitte sehen Sie davon ab, sich auch nur ansatzweise bei unserem Ansprechpartner zu melden, geschweige denn über die Assistenz und Sekretariat zu gehen. Wir sind vollkommen Oberkante-Unterkante und haben so wichtige Kundenaufträge. Wir nehmen uns die Zeit, die wir brauchen. Wir bitten um etwas Geduld.“

00:09:07

Alexander Petsch: Sehr gut, noch viel besser als sich gar nicht zu melden.

00:09:11

Ellen Maier: Viel besser, natürlich. So, und jetzt pass auf, Alex, da kommt dann doch so ein verrückter Bewerber tatsächlich auf die Idee und klopft mal nach zwei Wochen an die Tür. Sei es auch nur die virtuelle Tür. Also nicht am Gebäude stehen, darüber braucht man sich weniger Gedanken machen. Obwohl, es gibt ja auch das eine oder andere Mal, wo das passiert. Ich fände es aber auch mal ganz charmant, wirklich zu merken, dass da jemand Interesse hat. Aber so etwas Bescheuertes, das lasse ich als Personalentscheider gar nicht zu, dass man nebenan doch vielleicht noch mit der Mappe Interesse zeigt. Da klopft also jemand an meine Telefonleitung an oder an mein E-Mail-Account und sagt „Haaalllooo, Frau Maier, räusper, räusper. Können Sie mir eine Rückmeldung zu meiner Bewerbung geben?“ Und weißt du, was du dann machen musst, Alex? Weißt du, was du dann machen musst, um so richtig auf die nächste Stufe deines Thrones emporsteigen zu können? Eine Minute später sagst du „Herzlichen Dank, sehr geehrtes Lieschen Müller, dass Sie sich bei uns im Unternehmen beworben haben. Der Entscheidungsprozess ist uns leider nicht leicht gefallen. Wir haben eine Vielzahl unterschiedlicher BewerberInnen. Ihre Bewerbung ist besonders hervorgestochen. Leider können wir Ihnen aber nicht die von Ihnen gewünschte Position anbieten. Wir wünschen Ihnen für den weiteren Lebensweg alles Gute.“ Das ist einfach super. Das muss man mal ausprobieren. Was meinst du, was dann passiert? Also wirklich eine Minute. Vielleicht sogar noch schneller. Versuche es bitte noch schneller als die Nachfrage kam. Mit so einem komischen Auto-Reply.

00:10:59

Alexander Petsch: Ich finde eigentlich, man sollte vorher vielleicht noch einen Test dazwischen schalten, sodass der Bewerber sich noch ein bisschen mehr zu dir hingezogen fühlt.

00:11:07

Ellen Maier: Meinst du einen Test mit diesen komischen Tierchen, die dafür da sind, um zu überprüfen, ob ich ein Roboter oder ein Mensch bin? Bei denen man sagen muss, welches Tier man tatsächlich von vorne oder von hinten sieht? Aufgrund der Schattierung oder Ähnliches vielleicht noch einbauen, so als Mini-Idiotentest?

00:11:24

Alexander Petsch: Ja, weil du natürlich über die Jahre auch die Erfahrung gemacht hast, dass kaum einer diese Tests noch schafft. Von daher hast du so und so den Level ja so herunter gedimmt, dass es eigentlich auch ein Äffchen schaffen würde, wenn es immer nur konsequent bei demselben Buchstaben als Antwort bleibt. Das ist ja auch sehr beliebt.

00:11:43

Ellen Maier: Dabei sagst du gerade ein ganz tolles Stichwort. Damit können wir weitermachen. Jetzt sind wir beim Bewerber und dabei, was er sich getraut oder erdreistet hat oder wie man das auch bezeichnen mag. Aber die Frage ist, wen wollen wir eigentlich? Es geht ja weiter mit den schönen Tipps. Stichwort Äffchen. Das sollte man sich vielleicht ein bisschen im Vorfeld überlegen, aber diese Überlegung geht ja ganz schnell. Wollen wir jemanden haben, der wirklich die eierlegende Wollmilchsau ist? Das ist übrigens ein weiterer eingeschobener Tipp: Verlange immer nach der eierlegenden Wollmilchsau! Zum einen gibt es die nicht. Zum anderen gibt es manche Wettbewerber, die immer noch denken, dass du solche Wollmilchsäue bei dir im Unternehmen hast. Das ist kein Marketing-Gag und du kannst nach dieser eierlegenden Wollmilchsau verlangen. Die soll ach so eloquent, kommunikativ, verantwortungsbewusst, eigenständig – ganz wichtig eigenständiges Denken und Handeln – sein. Dann solltest du im Hinterkopf behalten, dass du im Grunde genommen doch nur ein Äffchen suchst. Wenn du deine Fühler nach diesem Äffchen ausstreckst, hast du wieder alles richtig gemacht, Alex. Weißt du, was ich meine?

00:13:03

Alexander Petsch: Ich kann es mir so ein bisschen vorstellen. Ich denke, es hat auch noch einen riesigen anderen Vorteil. Wenn du nämlich immer nach der eierlegenden Wollmilchsau suchst, kannst du vielleicht den einen oder anderen Bewerber auch gleich für die nächste Stelle rekrutieren, die du dann auch nicht besetzen wirst. Aber zumindest fühlt es sich gut an, dieses One-size-fits-all. So haben wir nach ganz oben gezielt.

00:13:23

Ellen Maier: Und du kannst noch mehr tun. Du streust ein bisschen vermeintliches Interesse und hoffst natürlich, dass dann im Nachgang bei Hululu oder Bububu gesagt wird „Mensch, der Personalentscheider oder die Personalentscheiderin war vollkommen empathisch und ist total auf mich und meine Kompetenzen eingegangen. Es hat nur halt nicht sein sollen. Aber sie hätte mich sogar für eine andere Position vorgeschlagen.“ Ja, da hast du auf jeden Fall den Weg vollkommen geebnet, sodass man so über dich spricht.

00:14:00

Alexander Petsch: Nächster Punkt wäre natürlich das ganze interne Abstimmen. Das ist natürlich auch noch so ein Bewerbungsprozess-Punkt. Man ist ja nicht alleine auf der Welt und hat viele, die man an diesem ausgiebig langen partizipativen Prozess und an der Terminfindung teilhaben lassen soll. Damit es ja nicht schnell geht.

00:14:25

Ellen Maier: Ja, genau. Und was dann noch erheiternd hinzukäme, das solltest du auch im Hinterkopf behalten: Wenn du ganz viele Besprechungsräume in deinem Unternehmen hast, auf ganz vielen Etagen verteilt, dann lass dir Zeit, nach einem für euch richtigen Besprechungsraum zu suchen. Vielleicht hast du auch schon doppelt und dreifach Buchungen vorgenommen. Ach, dann siehst du, dann ist der Raum doch schon vom Kollegen xy belegt. Mensch, und der ist im Urlaub. Ach okay, dann kannst du ja doch die Findung des entsprechenden Raums auf die lange Bank ziehen. Ja, das ist super. Und dann kommst du ja auch im Rahmen deiner Terminfindung ziemlich langsam voran. Aber das ist gut so! Wir wollen ja nicht schnell sein.

00:15:15

Alexander Petsch: Ja, wir wollen ja nur, dass die Besten übrig bleiben. Und da haben wir jetzt schon mal einige wieder aussortiert.

00:15:23

Ellen Maier: So ist es. Nur die Harten kommen zu uns auf die Dachterrasse und da steht dann – das solltest du unbedingt reinschreiben – da steht dann der Kicker, der Obstkorb, die Kaki, der Kaffee. Manchmal ist er kalt, aber ansonsten Barista-ähnlich. Du kriegst bei uns kostenloses Wasser und kostenlose Parkplätze. Was gibt’s noch bei uns? Was gibt es noch Schönes, was man auf jeden Fall reinschreiben sollte? Hm, Weiterbildungsangebote (nach Bedarf und Betriebszugehörigkeit), eine familiäre Arbeitsatmosphäre, Duz-Kultur…

00:16:21

Alexander Petsch: Bei der familiären Arbeitsatmosphäre bekommt die Hälfte feucht-nasse Hände. Hier hoffen sie, dass es nicht so ist wie zu Hause.

00:16:31

Ellen Maier: Ja, so ungefähr. Aber wir wollen sie doch nicht haben. Nein, nein. Wir wollen uns ganz viel Zeit lassen. Und jetzt machen wir mal mit dem Prozess weiter. Jetzt müssen wir auswählen. Wir haben da so ein paar Bilder und gehen mal einfach vom Klassiker aus. Die wenigsten Unternehmen sagen, dass du weder dein Alter reinschreiben sollst, noch ob du verheiratet bist, Kinder hast etc. Und ein Foto brauchen wir auch nicht – das sagen die wenigsten.

Und jetzt, um auch mal ganz unironisch zu sprechen: Auch ich fand es im Rahmen meiner Tätigkeiten als Personalentscheider und als Festangestellte in den Unternehmen ganz schön ein Bild zu sehen. Das hängt damit zusammen, dass ich persönlich ein sehr visueller Mensch bin und ich die Personen innerhalb des Teams, in der die Stellenbesetzung vonstattengeht, sehen muss. Ich habe einen gewissen Scanner-Blick. Na ja, nach mittlerweile doch so einigen Jährchen (nämlich zwei Jahrzehnten Arbeit im HR) sehe ich sehr schnell, ob diese Person in Aktion im Rahmen des bestehenden Teams passt oder halt eben nicht. Ich will nicht sagen, dass ich immer zu 100 % richtig liege. Wenn ich aber an meinen vorhergehenden, meinen vorletzten Arbeitgeber denke, dann hatte ich mit jeder Einstellung ins Schwarze getroffen. Insofern, das mal nur kurz Off-the-record, Ironie-off gesprochen, ganz faktisch betrachtet.

Ich finde es schon auch schön, ein Bild zu sehen, aber wir wollen die Leute ja nicht einstellen, oder? Das ist ja unser Thema. Also was du alles falsch machen musst, ist vielleicht nach Schönheit und Jugend zu entscheiden. Wenn ich nämlich dann eine 47-Jährige wie die Ellen Maier sehe … Stellen wir uns mal vor, sie würde sich tatsächlich noch auf eine feste Position bewerben. Und dann sieht man nicht nur das Bild, das für den einen oder anderen vielleicht ein bisschen erschreckend sein kann, sondern sie hat ja auch noch einen Psychothriller geschrieben. Um Himmels Willen, die bringt uns ja unsere komplette Belegschaft durcheinander! Und dann sieht man noch den Jahrgang 1975. Das solltest du auf jeden Fall machen: allein nur anhand von Bild und Jahrgang entscheiden. Danach solltest du nur auswählen, wenn du keinen Erfolg haben willst, oder?

00:19:04

Alexander Petsch: Ja, jetzt haben wir die Auswahl getroffen. Wir haben uns natürlich nur für die jungen und hübschen Wollmilchsäue entschieden… Und ja, was haben wir denn jetzt noch? Der Recruiting-Prozess hat ja auch was mit dem Interview und Fragenstellen zu tun. Was sind denn die Abturner-Frage, die jeden – ich glaube, die österreichischen Kollegen sagen Wunderwuzzi dazu – die jeden Wunderwuzzi, der es bis hierher geschafft hat, verschrecken würde? Was fragst du denn jetzt, damit es endlich läuft – nämlich nach Hause und schnell aus deinem Besprechungsraum?

00:19:48

Ellen Maier: Oh, da habe ich ja ganz viele Möglichkeiten. Also zum einen rede ich erst mal nur über das Unternehmen und über mich. Ich stelle also vermeintlich freundlich die Frage „Darf ich Sie erst mal abholen? Und zwar dahingehend, als dass ich Ihnen was über uns erzähle?“ Ja, ja, ja, nickt dann die Wollmilchsau oder der Eber und freut sich natürlich, ein bisschen Zeit zu gewinnen, ein bisschen runterzukommen. Ja, dann solltest du aber unbedingt nur über das Unternehmen erzählen. Und dann vielleicht ganz kurz nur „Ach ja, Sie haben sich ja auf die und die Position beworben. Schaut ganz gut aus. Wie war das eigentlich mit der Gehaltsvorstellung? Also Sie haben da 45.000 im Jahr reingeschrieben. Wie kommen Sie darauf?“ So eine Frage zum Beispiel, die ist herzlich herrlich! Das habe ich auch schon mal erlebt, also nicht erlebt, dass ich es gesagt habe. Aber ich saß neben dem Geschäftsführer, wohl wissend, dass die Person, die wir eingeladen haben, natürlich ihre Gehaltsvorstellung vorab genannt hat. Natürlich wusste der Geschäftsführer Bescheid und er hat es dann tatsächlich in den verbleibenden fünf Minuten angesprochen. Es war ihm total egal, welche Wollmilchsau, Henne, Hahn, Kröte, wie auch immer vor ihm sitzt. Aber sich über die Gehaltsvorstellung zu echauffieren, das kommt gut. Das kommt super.

Oder was könntest du sonst noch richtig schön falsch machen? Diese wunderbaren klassischen Fragen, die vor 30 Jahren mal so modern waren: „Sagen Sie mal was zu Ihren Stärken und Ihren Schwächen.“, „Wo wollen Sie in fünf Jahren sein?“ und „Hm, Sie sind ja wirklich eine sehr attraktive junge Frau, Kinder und so auch in Planung?“. Solche Sachen kommen auch richtig gut.

00:21:49

Alexander Petsch: Ja, okay. Also immer noch nicht weggerannt. Was kannst du zum Schluss noch mitgeben?

00:21:57

Ellen Maier: Zum Schluss kannst du noch den Satz geben, „Wir melden uns dann bei Ihnen.“

00:22:00

Alexander Petsch: Auf jeden Fall im Unklaren lassen. Das ist, glaube ich, ganz wichtig.

00:22:04

Ellen Maier: Logisch.

00:22:08

Alexander Petsch: Immer schön unverbindlich. Da kann man nichts falsch machen und man kann auch nicht festgenagelt werden. Es kann keiner sagen, dass es aber anders vereinbart war. Es war ja nichts vereinbart.

00:22:20

Ellen Maier: Oder „da haben Sie mir etwas versprochen, das Blaue vom Himmel.“ Und so weiter. Nichts. So hast du dann den Fisch, der da noch zappelt. Ja, der ist praktisch schon aus dem Wasser raus und nur noch mit dem Schwänzchen irgendwie drin, aber der Kopf ist eigentlich schon in der Luft. Und eigentlich kann er schon gar nicht mehr atmen. Aber er will doch diesen Job und mein Gott, was sagst du da noch? „Wir haben jetzt noch 30 Bewerber vor uns. Lieschen Müller, bitte gedulden Sie sich.“

00:22:51

Alexander Petsch: Und „Haben Sie Verständnis für unsere Situation?“

00:22:54

Ellen Maier: Ja. Ja. Und dann ist noch nicht alles perfekt, aber fein. Dann sollte ein Bewerber oder eine Bewerberin vor dir sitzen, die nicht ganz so auf den Kopf gefallen ist, was du vielleicht noch nicht mal gewöhnt bist. Und die dann sagt „Okay, verstehe. Ich bin jetzt aber extra von Regensburg nach München gefahren. Die Fahrtkosten: Wo darf ich die dann einreichen?“

00:23:20

Alexander Petsch: Also da musst du erst mal mit Schnappatmung antworten, oder?

00:23:24

Ellen Maier: Da musst du einfach nur sagen „Welche Fahrtkosten? Sie können doch froh sein, dass wir Sie eingeladen haben.“ Ja, und dann passt es.

00:23:38

Alexander Petsch: Und dann immer schön wundern, wenn der Bewerber dich irgendwann ghostet.

00:23:45

Ellen Maier: Meinst du, das passiert? Der wird doch schon weiterhin noch an der Tür kratzen. Und dann kann es sein, dass ich ihm mal auf einer Fachmesse begegne. Er sitzt dann auf Kundenseite. Das ist natürlich schon scheiße, auf gut Deutsch gesagt. Ein Bewerber vergisst nämlich nie. Nein, das sind keine armen Schweine. Und ich drücke das mal ganz klar so aus: Bewerber sind nicht diejenigen, die im Jahre 2022 wild fuchtelnd und mit blutigen Fingernägeln an allen Unternehmenstüren dieser Welt kratzen. Sie haben Gott sei Dank auch eine Würde und das wünsche ich mir auch. Das hört sich jetzt vielleicht aus meiner Perspektive anderen Personalentscheidern gegenüber sehr hart an, sie haben aber eine Würde und die möge man ihnen bitte nicht nehmen. Dementsprechend sollte man sich auch so verhalten, wie man selbst gerne behandelt werden möchte, wenn man das noch irgendwie aus der Vogelperspektive reflektieren kann.

00:24:44

Alexander Petsch: Ja, liebe Ellen, herzlichen Dank. Ich hoffe, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, dass die heutige Folge, wo wir mal ein bisschen fast schon Hörspiel-artig den Spieß umgedreht haben, für euch trotzdem einen Mehrwert hatte und auch den ein oder anderen Hack. Ich bin sicher, ihr kriegt die Transferleistung super hin. Ellen, herzlichen Dank dir! Und ja, ich bin gespannt auf den HR-Psychothriller, der uns da bald erwartet.

Wenn ihr mehr erfahren wollt zum Thema Bewerber abschrecken, einfach auf HRM.de Ellen Maier eingeben, dann wird euch geholfen. Und ich bin sicher, wir werden da auch einen Hinweis auf ihr Buch haben. Ansonsten Glückauf, bleibt gesund und denkt daran, der Mensch ist der wichtigste Erfolgsfaktor für euer Unternehmen. 

Ellen Maier

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