two people shaking hands
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Haben Sie sich schon einmal in einer Situation befunden, in der Sie voller Überraschung feststellten, dass Sie mit Ihrer alten, langjährig bewährten Strategie nicht mehr weiter kamen? In der Sie irritiert waren, die Welt nicht mehr verstanden – oder zumindest Ihrem Gegenüber gedanklich gar nicht mehr folgen konnten? Das Gute an solchen verfahrenen Situationen: Sie können uns öffnen für Neues, weil die alten Konzepte nicht mehr zum gewünschten Erfolg führen. Zielorientiert, schnell, gewinnfokussiert – so argumentieren wir in Diskussionen, wenn es eben darum geht, das Gegenüber zu überzeugen oder durch die besseren Argumente vor einem Publikum zu gewinnen, qualifizierter zu erscheinen, durch Wissen zu überzeugen. In einer Situation, in der es aber gar nicht um Gewinnen oder Verlieren geht, sondern in der ein besseres Verstehen des Konfliktes notwendig ist, sind grundlegend andere, dialogische Qualitäten gefragt: Dem Gegenüber zuhören, um ein wirkliches, tieferes Verständnis zu ermöglichen, und auch in mich selbst hineinhorchen, mir über meine eigenen Gefühle, Bedürfnisse und Denkschablonen klar werden. Also meinen Blick zu weiten, anstatt ihn zielorientiert zu verengen. Solch ein Dialog bedeutet auch einen Verzicht auf Machtgefälle und schafft gleiche Augenhöhe zwischen den Beteiligten.


1. Warum überhaupt Dialog?

„Everything you know is wrong“, dieser für manche vielleicht herausfordernde Kernsatz aus der Erkenntnisphilosophie des Konstruktivismus verweist auf das bruchstückhafte, vorläufige, begrenzte Erkenntnisvermögen des Menschen. Aber, und das wird nicht selten vergessen, auch darauf, dass wir uns in die Falle der Selbstverdummung begeben, wenn wir unser begrenztes Vermögen so verstehen, als wüssten wir wirklich „was ist“: Die Haltung des Wissenden. Diese Attitüde ist eine nicht selten anzutreffende „Berufskrankheit“ in lehrenden und leitenden Berufen. Sie liegt nahe, denn ein lehrender oder leitender Mensch hat diese Position doch auf Grund seiner Qualifikation, seines Wissensvorsprungs, seiner Erkenntnisfähigkeit bekommen – oder? Zumindest ist das eine gängige Zuschreibung. Noch problematischer für das menschliche Zusammenleben wird es, wenn sich Menschen mit ihrem bruchstückhaften Erkenntnisvermögen so zusammen tun, dass sie sich mit ihren begrenzten Anschauungen in ihren (Vor-)Urteilen bestätigen. So entsteht die Dynamik „wir“ gegen die „anderen“, die sich darin begründet, dass wir uns mit unseren Anschauungen identifizieren, so dass wir, wenn unsere Meinungen bedroht sind, uns selbst bedroht fühlen. Gandhi betonte einmal, dass wir völlig gelassen bleiben können, wenn wir wissen, dass unsere Meinung richtig ist, wenn wir dagegen im Unrecht sind, brauchen wir erst recht Gelassenheit, um mehr lernen zu können: „Wenn du im Recht bist, kannst du dir leisten, die Ruhe zu bewahren; Und wenn du im Unrecht bist, kannst du dir nicht leisten, sie zu verlieren.“ Im Dialog arbeiten wir an verschiedenen Kernfähigkeiten, deren zentralste die lernende Haltung ist, eine innere Haltung von Interesse und Neugier am anderen, getragen von dem Bewusstsein des eigenen Nicht-Wissens.


1.1. Wir können Dinge verändern, indem wir unsere Wahrnehmung verändern

Kehren wir zurück zu der Frage der Wahrnehmung und dem Verständnis von zugrunde liegenden Mustern. Meine Wahrnehmungs- und Interpretationskonzepte der Welt stelle ich gemeinhin nicht in Frage, solange sie sich bewähren, oder solange ich mich mit ihnen wohl fühle. Manchmal führen allerdings auch Änderungen äußerer Umstände zu Veränderungen meiner Wahrnehmung.

Sie sind sicherlich schon einmal in einem Wald spazieren gegangen; haben das Rauschen des Windes in den Bäumen gehört, das Leuchten der Blätter im Sonnenlicht genossen, die Strahlen der Sonne, die zwischen dicken Baumstämmen hervor schien, kurz: Sie haben den Wald als Wanderer erlebt.

Waren Sie auch schon einmal im Wald, um dort Holz für Ihre Heizung zu hacken? Um tote Bäume zu fällen, vom Sturm abgebrochene Stämme zu zersägen, zerborstene Kronen zu zerteilen, sich mit Brennholz zu versorgen? Wir leben auf einem landwirtschaftlichen Betrieb, zu dem schon immer einige Hektar Wald gehörten. Durch Änderungen der Besitzverhältnisse in der Nachbarschaft bekamen wir die Gelegenheit, einige Hektar Wald angrenzend an unseren Hof zu erwerben. Zu dieser Zeit waren wir ebenfalls auf der Suche


"Im Dialog arbeiten wir an verschiedenen
Kernfähigkeiten, deren zentrale die lernende Haltung ist,
eine innere Haltung von Interesse und Neugier
am anderen, getragen von dem Bewusstsein
des eigenen Nicht-Wissens."


nach regenerativen Heizmöglichkeiten. Zu Zeiten des Golfkrieges wollten wir uns weiter vom Öl unabhängig machen – mein Mann hatte schon 1980 das erste Windrad im Landkreis konstruiert, mit dem wir das Wasser für unsere Fußbodenheizung erwärmten – jetzt hatten wir eine Holzhackschnitzel-Heizung installiert und wollten alle Wohnungen auf dem Hof mit Holz beheizen. Schon seit vielen Jahren kannte ich das Waldstück, das wir gekauft hatten, oft schon war ich dort spazieren gegangen und hatte dieses Fleckchen Natur genossen. Nun aber ging ich dort anders vorbei. Ich war nicht als Erholung suchende Spaziergängerin unterwegs, sondern ich schaute mir die Bäume daraufhin an, wie sie gewachsen waren, wie und wo sie standen. Würde diese Kiefer die Eiche daneben langfristig zu stark beschatten? Müssten wir nicht die Birke dort fällen, damit die Buche gerade wachsen könnte? Welche würde sich besser entwickeln? Der alten Kiefer war beim letzten Sturm die Krone abgebrochen, sie würde bald absterben, und die tote Eiche trug schon länger kein einziges grünes Blatt mehr – optimal für den Holz-Schnitzler.

Nicht der Wald hatte sich geändert, sondern mein Blick auf ihn, mein „mentales Modell“ vom Wald war ein anderes geworden. Normalerweise bemerken wir solche inneren Brillen nicht, mit denen wir die Welt betrachten. Wie wir selbst die Welt betrachten, scheint uns der einzig mögliche Blickwinkel. Andere Perspektiven können aber eine ebensolche Berechtigung haben wie die unsere. Die größte Herausforderung für die meisten Dialogprozess-Begleitenden ist die Identifikation mit ihren eigenen mentalen Modellen, Urteilen und Bewertungen, die den Blick eher verengt und dem Dialogprozess nicht förderlich ist. Je mehr die Einsicht in die eigenen Wahrnehmungsmodelle und deren Begrenztheit wächst, umso höher wird die Qualität der Präsenz, die den Dialogprozess unterstützt. Im der Ausbildung zur Dialogprozess-Begleitung (siehe www.dialogprojekt.de) vertiefen wir anhand von Übungen, Reflexionen und theoretischen Erörterungen unsere Selbstwahrnehmung.

Es geht in Dialogprozessen weniger um die Frage von richtig und falsch, sondern um unterschiedliche Mentale Modelle, die wir aus ganz verschiedenen Gründen entwickelt haben. Wie können wir uns bewusst machen, dass unsere Wahrnehmungsfilter und solche Modelle existieren? Glücklicherweise besitzen wir nicht nur die Fähigkeit, die Welt sensorisch, gefühls- und verstandesmäßig zu erfassen, sondern auch die Fähigkeit, diese Wahrnehmung zu verändern. Oder: wir können Dinge verändern, indem wir unsere Wahrnehmung verändern.

Das allerdings gelingt nur in einem angstfreien Raum, für dessen Entwicklung jede Gruppe Zeit braucht. In einem solchen Vertrauensraum (Dialog-Container) kann Dialog praktiziert werden, können generative und thematische Dialoge geführt und reflektiert werden. Erst im Erleben kann die Qualität eines Dialogprozesses von Kommunikationsformen wie Diskussion oder Debatte unterschieden werden. (In generativen Dialogen entsteht das Thema im Verlauf des Prozesses – es wird „generiert“, in thematischen Dialogen geht es um die dialogische Vertiefung eines zu Beginn gesetzten Themas.)

1.2. Wie sehe ich dich – wie siehst du mich?

Erinnerungen an Menschen, die uns lieb und wichtig sind, tragen wir als Bilder, Szenen, Gerüche, Worte, Klänge im Gedächtnis. Wir halten so – durch die Erinnerungen – eine Verbindung aufrecht. Oftmals formen diese Bilder aber eine eigene Wirklichkeit, so dass sie bisweilen die Begegnung mit dem tatsächlichen, lebendigen Menschen erschweren. Gerade in familiären Beziehungen halten sich die Bilder über Jahre und Jahrzehnte. Auf der Beerdigung ihres 60-jährigen jüngsten Sohnes wendet sich die Mutter, 88 Jahre, an ihre Nachbarin mit den Worten: „Dat hev ik me oll dacht, dat wi den lüttken nich graut kriget…“ (Das hatte ich mir schon gedacht, dass wir den Kleinen nicht groß kriegen...).

2. Dialogverständnis eines Physikers

Das Abrufen von abgespeichertem Wissen, das Leben nach Mustern aus der Vergangenheit, nennt David Bohm (1917–1992), angloamerikanischer Quantenphysiker, Leben aus bereits „Gedachtem“. Bohm unterscheidet zwischen Gesprächen, in denen lediglich Gedachtes ausgetauscht wird, – was in Diskussionen ja meist der Fall ist – und Dialogen, in denen tatsächlich neues Denken entstehen kann. („Thought” und „Thinking”). Dialog kann so ein Weg sein, von Gedachtem zu kreativem Denken zu kommen. David Bohm fordert dazu auf, im Dialog Prozesse und Strukturen, die unseren Gedanken und Handlungen zugrunde liegen, beständig zu hinterfragen.‘

 

David Bohm, der zum Entwickler der modernen Dialogtheorie für Gruppen wurde, verwendet den Begriff Dialog im ursprünglichen Wortsinn: »Dialog « bedeutet demnach das »Fließen von Sinn«, das Suchen und Entwickeln neuer, zuvor nicht bekannter Bedeutung in einer Gruppe um und durch die Menschen (dia: [hin-] durch, logos: Wort, Sinn, Bedeutung). Der Dialog soll ermöglichen, den Voraussetzungen, Ideen, Annahmen, Überzeugungen und Gefühlen von Menschen auf den Grund zu gehen, die unterschwellig die Interaktionen in der Gruppe beherrschen. Er war von der Vorstellung fasziniert, dass Menschen im Dialog lernen könnten, gemeinsam auf kohärente Weise zu denken, während sich

"Die Basis dialogischer Fähigkeiten
liegt auf dem Viereck von Respektieren,
Sprechen, Zuhören und Suspendieren."

 

die Gedanken in den meisten üblichen Gesprächen fragmentiert, sprunghaft und gegensätzlich entwickeln würden. Inkohärenz ist für Bohm „als würde man eine Uhr nehmen und sie mit einem Hammer zertrümmern, anstatt sie auseinanderzunehmen und die Teile zu sortieren. Die Teile sind Teil eines Ganzen, aber die Fragmente wurden willkürlich auseinandergebrochen. (Bohm, 2002: 102)“. Kohärenz im dialogischen Gespräch, vergleichbar mit im Laserstrahl gebündeltem Licht, kann ein großes Potential an Kreativität freisetzen und neue Gedanken hervorbringen, vom Gedachten zum Denken führen.

Das Wort „Diskussion“ dagegen hat die gleiche Wurzel wie englisch „percussion“ oder gar „concussion“ (Gehirnerschütterung). Diskussion hat eine enge sprachliche Verwandtschaft mit Debatte (latein. „debat(t)uere“, engl. „to beat down“), was so viel bedeutet wie „niederschlagen“. Das einer Diskussion zugrundeliegende Motiv ist in der Regel auch nicht, voneinander zu lernen, sondern den eigenen Standpunkt durchzusetzen, zu gewinnen.

 

2.1. Was Dialog ist und was er nicht ist

Martin Buber, der jüdische Religionsphilosoph und „Vater“ des Dialogs (1878–1965) befaßte sich in seiner Arbeit intensiv mit Fragen zwischenmenschlicher Beziehungen, den Möglichkeiten des Gesprächs, der Begegnung zwischen dem „Ich und Du“. Er stellt den Vergegnungen oberflächlicher Unterhaltungen die Begegnungen eines echten Dialogs gegenüber, in dem sich Menschen vom „Scheinenwollen“ frei machen. Eine Herausforderung – vielleicht sogar ein Paradox in unserer Glitzerwelt, wo Werbemillionen in das „Outfit“ und die „Erscheinung“ gepumpt werden? Eine Reihe von Kern-Kompetenzen lassen sich beschreiben und durch praktische Übungen bewusst vertiefen, um die Entwicklung dialogischer Kompetenzen zu unterstützen.

2.2. Basiskompetenzen

Grundsätzlich basiert dialogische Kommunikation darauf, wie wir uns ausdrücken, sprechen und anderen zuhören. Darüber hinaus betrachten wir es als notwendig, unsere eigenen Meinungen „in der Schwebe halten“ zu können, zu suspendieren, wie wir es nennen, und anderen Personen Respekt entgegenzubringen. Die Basis dialogischer Fähigkeiten liegt auf diesem Viereck von Respektieren, Sprechen, Zuhören und Suspendieren (vgl. auch Isaacs, 1999). Die Meinung eines Andersdenkenden nicht nur zu tolerieren, sondern ihr respektvoll gegenüberzutreten, bedarf einer radikalen Abkehr von einer Kultur der eigenen Profilierung auf Kosten anderer. Sprechen und Zuhören können sich sehr verändern, wenn es nicht mehr in erster Linie um das „in Erscheinung treten“ geht.

2.3. Subjektive Bewertungen als Wahrheitsillusion

Eine neue Qualität liegt in dem dialogischen Anspruch, seine eigenen Meinungen und Bewertungen wahrzunehmen, auszusprechen – und davon innerlich einen Schritt zurückzutreten, um sie als mögliche Meinungen, als subjektive Bewertungen wahrzunehmen und ihnen die Illusion endgültiger Wahrheiten zu nehmen – sie zu suspendieren. David Bohm spricht davon, seine Meinung „in der Schwebe zu halten“.


Unser Sprechen sollte nicht belehrend, abstrakt und unpersönlich bleiben, sondern persönlich und in Beziehung zu unseren eigenen Anliegen, Erfahrungen stehen – Eitelkeiten, intellektuelle Spielereien und theoretische Ergüsse behindern den Dialog und führen zurück in alt bekannte Fahrwasser. Ohne Maske zu sprechen, wie die Indianer es nannten „von Herzen sprechen“, lässt den Menschen hinter dem Wort sichtbar werden. Unser Zuhören kann dazu führen, Neues entstehen zu lassen, zu generieren – in uns selbst und in der Gruppe: wir bezeichnen es als „Generatives Zuhören“. Die respektvolle Haltung dem anderen gegenüber bleibt nicht oberflächlich, sondern benötigt „Radikalität“, d.h. geht „an die Wurzel“, in dem Sinn, dass wir uns um ein tieferes Verständnis bemühen.

2.4. Dialogische Kernfähigkeiten

Die Beziehung zwischen Sprechen und Hören basiert auf dem Erkunden der anderen Position und einem Sprechen, das sich um Produktivität bemüht, mehr den Denkprozess betont, als nur das Denkprodukt präsentiert. Wenn wir mit einer neugierigen, interessierten, nicht belehrenden sondern „lernenden Haltung“ anderen gegenübertreten, wird dieser Respekt unser Sprechen beeinflussen.

Das Suspendieren unserer Meinung gelingt eher in einem Prozess, der durch entsprechende Vereinbarungen und Rituale bewusst verlangsamt wird. Wir können unser Zuhören fruchtbarer werden lassen, wenn der Respekt gegenüber anderen auf Offenheit basiert, die wir neuen, anderen – vielleicht auch konträren – Positionen entgegenbringen. Wenn wir unsere Meinung beim Zuhören zurückstellen und suspendieren können, ermöglichen wir uns die Beobachtung unserer eigenen Reaktionen, unserer eigenen Reaktivität. Bestehende Machtstrukturen stellen große Herausforderungen für den Dialog in Organisationen dar. Wenn in einem Dialog der „Boss“ anwesend ist, fühlt er sich oft verantwortlich und dazu verleitet klarzustellen, „wie die Dinge hier bei uns so liegen“.

Das folgende Beispiel zeigt eine typische Szene aus einem Unternehmensdialog und verdeutlicht, wie Dialog-Begleiter dabei eingreifen können. Die Szene spielt sich in einem großen elektrotechnischen Unternehmen ab, in dem ein Dialog mit 30 leitenden Angestellten stattfand, an dem auch der Geschäftsführer teilnahm.

Szene aus einem Unternehmensdialog

Bob/Produktionsleiter: „Wir vertun hier wirklich zu viel Zeit damit, darüber zu reden, wie wir miteinander reden. Ich habe in der Tat Wichtigeres zu tun. Mir brennen mindestens fünf Problemfälle auf den Nägeln, um die ich mich jetzt eigentlich kümmern müsste.“

Jack/Geschäftsführer: „Und ich gebe eine Menge Geld aus, damit wir hier miteinander reden können. Ich brauche Leute in der Firma, die neue Ideen mittragen. Wir haben uns vorgenommen, eine „lernende Organisation“ zu werden, das kann man unterstützen – oder sich einen anderen Job suchen.“

Dialog-Begleiter: „Jack, ich möchte Sie fragen, ob es Ihnen recht ist, wenn wir uns diese Situation einmal genauer anschauen. Wir könnten versuchen, ob Sie Ihre Bedenken so mitteilen könnten, dass sie besser verstanden werden. Vielleicht erreichen Sie dann eher das, was Sie wollen.“


Jack: „Ja klar, dafür bezahle ich Sie ja schließlich.“


Dialog-Begleiter: „Sie haben sehr klar dargestellt, dass
Sie eine neue Art von kooperativer Verantwortung und Leitung in Ihrer Firma erreichen wollen. Wir könnten also diesen Dialogprozess als ein Praxisfeld nutzen, um so eine Kooperation zu ermöglichen.Lassen Sie uns noch einmal rekonstruieren, was Sie gesagt haben, nachdem Bob gesprochen hatte. Als Bob davon sprach, wie ungeduldig es ihn macht, hier sitzen zu müssen, hat er uns etwas über seine mentalen Modelle wissen lassen. Er hat uns etwas gesagt, worauf wir entweder reagieren können, indem wir es gleich beurteilen oder verurteilen, oder aber wir könnten neugierig darauf werden, was er meint, und versuchen, ihn zu verstehen. Wenn wir uns für seine Annahmen, Werte und seine Sorgen interessieren, die seinen mentalen Modellen zugrunde liegen, und tatsächlich neugierig darauf sind, mehr von ihm zu erfahren, könnten wir mit Bob ein neues Lernfeld betreten. Und wenn es so etwas wie ,gemeinsames‘ Lernen gibt, entsteht auch gegenseitiges Verständnis. Durch dieses Verständnis könnten Sie eher auf Bobs Kooperationsbereitschaft zählen, als wenn sie seine Zustimmung nur durch Angst vor Repressalien erreichen würden. Stimmen Sie dem zu?“

Jack: „Ja, ich glaube, ich habe meine Autorität ihm gegenüber ausgespielt.“

Dialog-Begleiter: „Ich möchte Sie, Bob, auch gerne fragen, ob Sie an einem Coaching interessiert sind.“
Bob: „Ja.“

Dialog-Begleiter: „Bob, Sie haben gesagt, dass ,wir hier zu viel Zeit damit verbringen, darüber zu reden, wie wir miteinander reden.‘ Ist Ihnen klar, dass Sie das so formuliert haben, als ob es sich um eine Tatsache handle, und nicht um Ihre persönliche Meinung?“


Bob: „Na ja, wenn Sie das so sagen...“


Dialog-Begleiter: „Vielleicht erinnern Sie sich daran,
dass wir während der Einführung einige Zeit auf die Unterscheidung von Beobachtungen und Bewertungen verwandt haben und auch darauf, wie wichtig es sein kann, wenn wir Bewertungen nachvollziehbar und akzeptabel machen wollen, sie als unsere persönliche Meinung zu erkennen zu geben und nicht als Fakten hinzustellen.“


Bob: „Ich erinnere mich.“
Dialog-Begleiter: „Wenn Sie Ihre Meinung so vorbringen,
wie Sie es eben getan haben, kann es schnell passieren, dass jemand sie als Angriff auffasst – in diesem Fall fühlte sich Jack angegriffen, der diesen Prozess hier für wichtig hält. Jack, haben Sie sich durch Bobs Äußerung angegriffen gefühlt?“


Jack: „Ja, und deshalb habe ich auch entsprechend
reagiert.“


Dialog-Begleiter: „Ganz genau, und von da an kann es
ganz schnell eskalieren. Jack, könnten Sie sich jetzt im Nachhinein vorstellen, dass es sinnvoller gewesen wäre, Bob etwas zu fragen, vielleicht etwa so: ,Bob, was veranlasst Sie dazu anzunehmen, dass wir hier zu viel Zeit vertun?‘ Wenn Sie diese Frage aus echtem Interesse stellen, haben Sie die Möglichkeit, das zu erfahren, was Bob tatsächlich am Herzen liegt.“


Jack: „Jetzt, im Nachhinein, klingt das sehr vernünftig. Ich
habe aber in dem Moment nicht darüber nachgedacht.“


Dialog-Begleiter: „Um dieses Nachdenken zu ermöglichen,
nehmen wir uns Reflexionspausen, die uns ermöglichen, rückblickend aus unserem Prozess lernen zu können. Bob, ich würde Sie gerne etwas fragen: Können Sie sich vorstellen, dass Sie auch die Chance hätten, etwas über Jacks Vorstellungen zu erfahren, dass wir hier etwas Wichtiges tun, anstatt davon auszugehen, dass dies hier völlig unsinnig ist?“


Bob: „Wie meinen Sie das?“
Dialog-Begleiter: „Ich könnte mir vorstellen, dass es
Ihnen etwa so erging: – Sie können mich ja korrigieren, wenn es nicht stimmt. – Nachdem Sie hier schon über eine Stunde gesessen haben, beginnen Ihre Gedanken um die Probleme zu kreisen, mit denen Sie momentan zu tun haben. Es scheint Ihnen sonnenklar, dass Sie Ihre Zeit sinnvoller mit Ihren eigentlichen Aufgaben verbringen könnten, anstatt hier zu sitzen und zu reden. Ihre Bemerkung zielte darauf ab, dass wir uns hier im Unternehmen zu viel Zeit zum Reden nehmen. Stimmt das so ungefähr,wie ich es darstelle?“

Bob: „Ja, das war etwa so.“
Dialog-Begleiter: „Nun, ich sage nicht, dass Sie unrecht
hatten, und ich möchte auch Jacks Geschichte nicht als falsch oder richtig bewerten. Was ich Ihnen beiden aber anbieten möchte, ist meine Geschichte von der Situation. Ich denke, dass Sie beide eine Gelegenheit versäumt haben, etwas voneinander zu erfahren und voneinander zu lernen, anstatt nur aufeinander zu reagieren. Ich könnte mir beispielsweise vorstellen, dass Sie, Bob, gefragt hätten: ,Kann mir irgendjemand erklären, warum es für mich wichtiger sein soll, hier mehr als eine Stunde herumzusitzen und darüber zu reden, wie wir miteinander reden, anstatt mich um die Probleme zu kümmern, um die ich mich anschließend kümmern muss und die in der Zwischenzeit vielleicht sogar noch schlimmer geworden sind?‘ Dann wäre es vielleicht dazu gekommen, dass Sie begonnen hätten, voneinander zu lernen, anstatt aufeinander zu reagieren.“

Bob: „Das klingt ja ganz gut, aber in dem Moment habe ich eben nur gesagt, was ich gerade dachte.“


Dialog-Begleiter: „Und das ist sehr wichtig für den Dialog
hier in unserer Gruppe, denn wir wollen in diesem Prozess ja daraus lernen, wie wir von unseren automatischen Annahmen gesteuert werden, wie sie sozusagen durch uns hindurch sprechen, ohne dass wir uns dessen bewusst sind. Wenn wir den Prozess verlangsamen und einmal Atem holen können, bevor wir reagieren, haben wir die Möglichkeit zu erkennen, dass wir nicht unbedingt mit einem Gegenargument reagieren müssen, sondern uns statt dessen dafür interessieren können, was unser Gegenüber gemeint hat. Ich möchte Ihnen beiden dafür danken, dass Sie bereit waren, mit uns diese Situation noch einmal durchzugehen. Ich denke, dass wir einiges daraus lernen konnten, denn es geht hier nicht darum, dass jemand etwas richtig oder falsch macht. Sie haben schließlich das getan, was wir alle die meiste Zeit über tun: direkt aus unseren mentalen Modellen reagiert, bevor wir darüber nachdenken, was wir eigentlich erreichen wollen.“

Dieses Beispiel zeigt, wie ein Dialog-Begleiter in den ersten Phasen eines Dialogs den Prozess durch Unterbrechungen und Reflexion des Geschehenen unterstützen kann, um Lernmöglichkeiten zu schaffen, von denen die ganze Gruppe profitiert.

3. Dialog als gelungene Beziehung

Im Gegensatz zu Bohm, der den Gruppendialogprozess neu definierte, gilt der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber (1878–1965) – neben griechischen Klassikern wie Sokrates und Plato – mehr als „Vater“ des Zwiegesprächs (Dialog von gr. dia: zwei, logos: Wort, Sinn). Er beschrieb Dialog als echtes Zusammentreffen von Menschen, „die sich einander in Wahrheit zugewandt haben, sich rückhaltlos äußern und vom Scheinenwollen frei sind“ (Buber, 1994: 295). Buber betont, dass sich im Dialog „eine denkwürdige, nirgendwo sonst sich einstellende gemeinschaftliche Fruchtbarkeit“ entwickeln kann und so „das Zwischenmenschliche“, „das sonst Unerschlossene“ zu erschließen vermag (Buber, 1994). „Wirklich zu tun haben“ kann beispielsweise bedeuten, miteinander ins Gespräch zu kommen. Ein solches dialogisches Gespräch kann uns helfen, ein Bewusstsein davon zu entwickeln, wer wir sind, wie wir gemeint sein könnten. Eine derartige Verbundenheit tritt in einem „echten Dialog“ zu Tage, wenn „… jeder der Teilnehmer den oder die anderen in ihrem Dasein und Sosein wirklich meint und sich ihnen in der Intention zuwendet, lebendige Gegenseitigkeit‘ zu schaffen“. Diese Form der Begegnung unterscheidet sich – nach Buber – von anderen Gesprächsformen: dem „... dialogisch verkleideten Monolog, in dem zwei oder mehrere im Raum zusammengekommene Menschen auf wunderlich verschlungenen Umwegen jeder mit sich selber reden und sich doch der Pein des Auf sich angewiesen Seins entrückt dünken.“


SERVICE

Literatur

Bohm, D. in Nichols, L. (Hrsg., 2002): Der Dialog.
Das offene Gespräch am Ende der Diskussion.
3. Auflage. Stuttgart: 2002.

Buber, M. (1994):
Das dialogische Prinzip.
Lambert Schneider, Gerlingen 7. Aufl. 1994.

Buber, M. (1994):
Elemente des Zwischenmenschlichen,
in: Buber, M. (Hrsg.):
Das dialogische Prinzip.
Gerlingen 7. Aufl. 1994.

Hartkemeyer, J. F. und Hartkemeyer, M.,
Freeman Dhority, L. (2010):
„Miteinander Denken –
Das Geheimnis des Dialogs“.
Klett Cotta, 5. Aufl. Stuttgart: 2010.

Hartkemeyer, J. F. und Hartkemeyer, M. (2005):

Die Kunst des Dialogs – Kreative Kommunikation entdecken.

Erfahrungen, Anregungen, Übungen. Stuttgart: 2005.

Fromm, E. (1974): Im Namen des Lebens.
Ein Porträt im Gespräch mit Hans Jürgen Schultz.
Zuerst als Gespräch im Süddeutschen Rundfunk
Stuttgart am 5. Januar 1974 ausgestrahlt.

Abgedruckt in: Erich Fromm Gesamtausgabe
in zwölf Bänden.
München (Deutsche Verlags-Anstalt
und Deutscher Taschenbuch Verlag) 1999, Band XI, S. 609-630 (Zitat S. 609f.).

Nussbaum, B. (2003): Ubuntu,
in: Resurgence. No 221, Hartland GB: Nov/Dez 2003.

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