Die einen nennen es „Virtuelles Klassenzimmer“, die anderen sprechen von „Online-Collaboration“, und wieder andere reduzieren die Möglichkeiten internetbasierter Kommunikation in Echtzeit auf das Einsatzfeld des „Web- Conferencing“. In der Regel unterscheiden sich die Einsatzformen vor allem durch die gewünschten Ergebnisse. Arbeitet ein virtuelles Team gemeinsam an einem Projekt wird es den Schwerpunkt wahrscheinlich auf andere Funktionen legen als ein Trainer, der in dieser Onlineform eine Schulung abhält. Beides ist mit den gleichen Tools möglich.

A stack of thick folders on a white surface
Foto von Beatriz Pérez Moya

Der Einsatz webbasierter Collaboration-Funktionen hat sich in vielen Unternehmen mittlerweile zu einer strategischen Notwendigkeit entwickelt. Denn die Kommunikation von Mitarbeitern, Partnern und Kunden lässt sich auf diesem Weg am besten pflegen. Dokumente können gemeinsam erstellt und bearbeitet werden. Ad-hoc-Entscheidungen und Diskussionen sind essentielle Bestandteile solcher Online-Kommunikationen, und auch für das E-Learning ist Online- Collaboration eine qualitätssteigernde, bereichernde Komponente.

Die deutschen Anbieter entsprechender Produkte sind allerdings gut überschaubar. Einer davon ist „bit media“ mit „SmileTiger“, einem Produkt, das laut Geschäftsführer Hans Gieringer reges Interesse weckt. Die Stärken von „SmileTiger“ liegen im intuitiven Bedienkonzept und in maximaler Flexibilität. In Onlinepräsentationen kommunizieren die Teilnehmer live per Audio und Video. Dabei bringt „SmileTiger“ jeden gewünschten Bildschirminhalt spontan auf das gemeinsame Whiteboard.

Bereits seit den Anfängen der Online-Kommunikation in Echtzeit ist auch das Unternehmen „Foroso Communication“ als deutscher Anbieter am Markt – bis es 2004 zum Verkauf an die „Virtue Communications“ kam. Bekannt wurde Foroso unter anderem dadurch, dass man die Deutsche Börse AG als Kunden gewinnen konnte. Die Karlsruher Netviewer GmbH hat ihre Web-Collaboration-Lösungen in diesem Jahr um wichtige Features erweitert. So kann der Nutzer nun neben Video- und VoIP-Einsatz auch von einem Whiteboard Gebrauch machen und individuelle Benutzerprofile einstellen. „Für jeden Anwendungsfall werden die zur Verfügung stehenden Funktionen optimal konfiguriert“, beteuerte Geschäftsführer Dr. Andreas Schweinbenz anlässlich der CeBIT 2006.

Weil Lernen und alle Möglichkeiten der Echtzeitkommunikation mittlerweile zusammengehören, entschloss sich der amerikanischen Plattformanbieter „Saba“ Ende vergangenen Jahres, den renommiertesten internationalen Web- Conferencing-Anbieter „Centra“ aufzukaufen. So wurde Centra als eigenständiger Businessbereich integriert, um nach den Worten von CEO Leon Navickas den Marktbedürfnissen Rechnung zu tragen. „Kunden verlangen nach einer kompletten Lösung aus einer Hand. Gemeinsam können Saba und Centra das jetzt bieten.“ In Deutschland setzen Unternehmen wie die Deutsche Telekom, die Lufthansa oder Altana Pharma auf Centra-Lösungen. Mit so genannten „On-Demand-Collaboration-Anwendungen“ hat der amerikanische Anbieter WebEx im ersten Quartal dieses Jahres seine Umsätze um 25 Prozent gesteigert. Peer Stemmler, Geschäftsführer der WebEx Deutschland, breitet das WebEx-Lösungs-Sortiment, das vom WebEx Training Center mit entsprechenden E-Learning-Applikationen über ein Event-Center, ein Meeting-Center und ein Support-Center bis zu einem Sales-Center reicht, auf den namhaften Branchenmessen fachgerecht aus.

Darüber hinaus gelang es Mindjet, dem bekannten deutschen Anbieter von Mind- Mapping-Software, in seine Version MindManager Pro 6 die WebEx Webkonferenz- Lösung zu integrieren, um Instant-Meetings zu ermöglichen. Interwise, gleichfalls bekannter amerikanischer Anbieter im Bereich Enterprise Conferencing Software, vermeldete dieser Tage ein 40-prozentiges Wachstum bei der Nutzungsdauer seiner Enterprise-Conferencing-Lösung ECP Connect im vergangenen Jahr. So konferierten Interwise-Kunden insgesamt 140 Millionen Minuten über VoIP. Dies verdeutlicht, dass die Nachfrage nach IP-basierten Enterprise-Conferencing-Lösungen für die Übertragung von Sprache, Web und Video – unabhängig vom Einsatzfeld – im letzten Jahr deutlich zugenommen hat.

Wachstumsmärkte ziehen häufig auch neue Anbieter an. „Icoya“ ist ein noch wenig bekannter Produktname im Bereich des Online-Collaboration. Im Vertrieb der „struktur AG“, Stuttgart, präsentiert „Icoya Open Content“ nun auch in Deutschland verstärkt Content- und Collaboration-Management-Produkte.

Im E-Learning wird eine Software üblicherweise als „virtueller Klassenraum“ bezeichnet, wenn sie mehrere Funktionen für gemeinsames, netzbasiertes Trainieren oder Lernen in Echtzeit bereitstellt. Der Trainer und die Teilnehmer treffen sich zu einem fest vereinbarten Zeitpunkt, befinden sich dabei an unterschiedlichen Orten und können über das Internet gemeinsam Arbeiten und Lernen. Als artverwandter Begriff wird anstelle von virtuellen Klassenräumen oft auch von „synchronem E-Learning“ gesprochen. Virtuelle Klassenräume besitzen den Vorteil, dass Fachexperten und Trainer vorhandene Materialien unmittelbar für Schulungen über räumliche Distanzen hinweg nutzen können. Eine aufwändige Aufbereitung der Inhalte ist nicht notwendig.

Auswahlkriterien für virtuelle Klassenräume

 

Die sozialen Nachteile klassischer (asynchroner) E-Learning-Szenarien kommen in virtuellen Klassenräumen nicht zum Tragen. Bei der Auswahl eines virtuellen Klassenraumes gibt es drei zentrale Entscheidungsfaktoren:

    1. Die technische Basis ausprobieren
    2. Die Technik spielt eine zentrale Rolle. Virtuelle Klassenräume müssen reibungslos und unkompliziert funktionieren. Als erster Schritt im Auswahlprozess empfiehlt sich die Teilnahme an einer Systempräsentation über das Internet. Ist die Onlinevorführung des virtuellen Klassenraums erfolgreich gewesen und sind die vorgestellten Funktionen interessant, sollte ein ausgiebiger Test folgen. Kostenlose Teststellungen von 14 bis 30 Tage Dauer sind heute in der Branche üblich. Das einkaufende Unternehmen sollte eine oder mehrere Testschulungen mit dem zukünftigen Teilnehmerkreis durchführen. Tipp für den Einkäufer: Durchlaufen Sie den ganzen Prozess: von der Einrichtung des Trainingsraums über die Eintragung der Teilnehmer, ihrer Benachrichtigung per E-Mail bis hin zur anschließenden Durchführung einer Schulung.
    3. Lizenzkosten genau berechnen
    4. Die Anbieter von virtuellen Klassenräumen offerieren zum Teil sehr unterschiedliche Lizenzmodelle. Einige sind eher auf große Unternehmen ausgelegt, andere bieten Bezahlungen per Stunde oder Nutzer, dritte wollen zusätzliche Funktionen wie VOIP (Sprachübertragung) zusätzlich vergütet sehen. Hier hilft nur Rechnen. Der Einkäufer sollte konkrete Szenarien benennen und sich die Lizenzkosten dafür nennen lassen. Manche Hersteller bieten die Möglichkeit, nach einem definierten Testzeitraum das Lizenzmodell zu wechseln. Von großer Bedeutung sind auch die Mindestlaufzeiten der Softwaremiete und beim Kauf einer Software die Höhe der jährlichen Pflege- und Supportkosten. Mit einkalkuliert werden sollten in jedem Fall die Kosten für die Ausbildung der Trainer.

 

  • Interaktive Funktionen
    • Inhalte anzeigen. Die Möglichkeit, Powerpoint-Folien in Form von konvertierten Grafiken oder im Originalformat anzuzeigen, gehört zum absoluten Pflichtprogramm. Es sollte möglich sein, Textstellen durch Pfeile oder Markierungen während einer Präsentation hervorzuheben.
    • Feedbacksymbole. Die Möglichkeit, kurzfristig „Ja-Nein“-Fragen zu stellen oder die Teilnehmer durch „Hand heben“ einzubinden, ist notwendig. Auch die Möglichkeit, dass die Teilnehmer mit einem „Abwesenheits-Symbol“ ihre Abwesenheit anzeigen können, ist in der Praxis sehr sinnvoll.
    • Umfragen und Tests. Während Umfragen und Tests für Webkonferenzen eher von untergeordneter Bedeutung sind, sind sie innerhalb von Lernszenarien von großer Bedeutung. Sie können zur Selbstkontrolle, zur Aktivierung und für Prüfungen eingesetzt werden.
    • Application Sharing. Das bedeutet, dass der Trainer eine Software mit Hilfe des virtuellen Klassenraums den Teilnehmern vorführen kann. Diese Funktion ist für Softwareschulungen ein absolutes Muss und darüber hinaus für viele andere Themen sehr nützlich. So können animierte Powerpoint-Präsentationen, Word- Arbeitsblätter oder Excel-Kalkulationen innerhalb von Fach- oder Methodentrainings schnell eingebunden werden.
    • Whiteboard. Das Whiteboard ist das zentrale Element, um Live-Online- Trainings interaktiv zu gestalten. Der virtuelle Klassenraum sollte ermöglichen, dass mehrere Teilnehmer gleichzeitig auf das Whiteboard schreiben können. Damit lassen sich zeitsparende Übungsaufgaben für die Teilnehmer realisieren. Optimal ist es, wenn nicht nur ein weißes, leeres Whiteboard zur Verfügung steht, sondern darüber hinaus vorbereitete Folien, Übungen und Bilder als Hintergrund genutzt werden können.
    • Chat. Der Chat bildet eine notwendige Ergänzung zu den anderen interaktiven Elementen. Am sinnvollsten ist es, wenn der Chat parallel zu gezeigten Folien genutzt wird. Dadurch können die Teilnehmer während eines Vortrages Fragen schriftlich stellen, die im Anschluss beantwortet werden.
    • Gruppenräume. Die Teilnehmer eines Trainings in kleine Arbeitsgruppen zu splitten, lässt sich auch virtuell nutzen. Der virtuelle Klassenraum sollte die Möglichkeit bieten, die Ergebnisse der Gruppen hinterher im Plenum zu besprechen.
    • Sprachübertragung (Voice over IP). Eine hochwertige Audioqualität ist für ein erfolgreiches Lernerlebnis wichtiger als die Übertragung des Videobildes des Trainers. Die Nutzung von Voice over IP ist einer Telefonkonferenz vorzuziehen, da die Teilnehmer beide Hände für die schriftliche Partizipation nutzen können.
    • Moderatorwechsel oder Co-Moderatoren. Ein hochwertiger „Virtual Classroom“ sollte die Möglichkeit bieten, während des Live-Online-Trainings einzelne Teilnehmer zum Moderator oder mindestens Co-Moderator zu ernennen.
    • Recording. Die Aufnahme von virtuellen Trainings, zum Beispiel für alle, die nicht dabei sein konnten, ist sehr sinnvoll. Der virtuelle Klassenraum sollte die Themenspecial November 2006 „Die schöne Welt des e-Learning“ Möglichkeit bieten, die Aufnahmen nachzuarbeiten und über ein Inhaltsverzeichnis direkt zu den gewünschten Themenblöcken zu springen.

Welche Funktionen für die virtuellen Trainings relevant sind, hängt von den konkreten Einsatzszenarien und Inhalten ab. Bei der folgenden Aufzählung von sinnvollen Funktionen wird von einer Teilnehmerzahl von sechs bis 16 Meeting- oder Seminarteilnehmern ausgegangen:

 

Auch für den Einsatz virtueller Klassenzimmer gilt, was für den E-Learning- Einstieg generell zu einer Art „Mantra“ geworden ist: Nur die detaillierte Analyse des eigenen Bedarfs zusammen mit einer strategischen Ausrichtung führen zu einer sinnvollen Auswahl. Außerdem ist es unbedingt erforderlich, den Anwendern genügend Zeit einzuräumen, die neuen Mittel produktiv in den eigenen Arbeitsablauf einzubauen. Uwe Knüttel, Head Integration of Scientific Content der Novartis Pharma AG, beschrieb erst jüngst in einem Workshop, dass es rund zwei Jahre gedauert habe, bis bei Novartis der Einsatz eines Web- Conferencing-Systems mit all seinen Möglichkeiten tatsächlich sinnvoll und selbstverständlich in den Arbeitsalltag integriert war. Dies muss keine Orientierungsgröße darstellen, doch verdeutlicht es, dass Übungs- und Einarbeitungszeiten unumgänglich sind.

Beitrag übernommen aus wirtschaft & weiterbildung, Ausgabe 6/2006