“Müssen wir „Vielfalt“ tatsächlich erst lernen?“ oder „Keine Angst vor Vielbegabung“

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Dieser Artikel richtet sich sowohl an Führungskräfte als auch an Personalentwickler, die eine ganz besondere „Spezies“ Mitarbeitende in ihrem Team haben: Die Vielbegabten, die spezialisierten Generalisten oder sog. „T-shape profiles“. Woran man sie erkennt, wie Sie sie am besten unterstützen und wieso genau das sich lohnt, das lesen Sie in diesem Artikel

Wenn beim Lesen dieser Überschrift, genauer beim Wort „Vielbegabung“ zunächst eine Augenbraue langsam nach oben wandert und der innere Kritiker sich in Position begibt, kann ich das verstehen. So ähnlich ging es mir auch.

Vielfalt und Diversität

Deshalb starte ich erst einmal mit dem Thema Vielfalt bzw. Diversität. Das Wort taucht immer häufiger auf. In Deutschland gibt es die Charta der Vielfalt e. V.. Der Wunsch nach Vielfalt ist da. Die Dimensionen der Vielfalt sind: Soziale Herkunft, Alter, Hautfarbe, Nationalität, Geschlecht, körperliche und geistige Fähigkeiten, Religion und Weltanschauung sowie sexuelle Orientierung.

Auch wenn der Wunsch da ist, ist die Frage, wie sichtbar und greifbar diese Dimensionen für uns sind? Wie reagiere ich, wenn ich auf Vielfalt treffe, auf Andersartigkeit? Bin ich gleich Feuer und Flamme? Oder ist die Reaktion eher ein- statt vielfältig?

Vielbegabte sind eine Mischung aus „maximaler und sinnstiftender Irritation“, die die Möglichkeit eröffnet, sich aus einer geistigen Erstarrung zu lösen. Eine der genannten Dimensionen der Vielfalt heißt „geistige Fähigkeiten“ und unter diesem Begriff siedle ich das Thema „Begabungen“ in all seinen Facetten an. In diesem Artikel fokussiere ich auf die „Vielbegabung“.

Es geht darum, dass das Thema „Vielbegabung“ für einige Menschen ein Zugang zu ihrem komplexen Innenleben und damit zu ihren Persönlichkeitsmerkmalen ist. Und wenn Vielbegabte für sich zunächst eine Herausforderung sind, wie geht es dann erst ihren Vorgesetzten? Oder den Personalentwicklern?

Die Autorin Barbara Sher bringt 1994 mit ihrem Buch „Du musst Dich nicht entscheiden, wenn Du 1000 Träume hast“ das Thema „Vielbegabung“ zum ersten Mal in dieser Form auf den Markt.

Erkennungsmerkmale der Vielbegabung

Sie werden Scanner-Persönlichkeiten genannt, Neo-Generalisten, Multi-Talente. Tausendsassa. Oder Universalist. Oder Generalist. Oder spezialisierter Generalist.

Häufig verfügen vielbegabte Menschen über eine oder mehrere Expertisen, die um eine Vielzahl von Kenntnissen aus anderen Fachbereichen ergänzt wird. Anders ausgedrückt: Vielbegabte LIEBEN es, zu lernen. Klick?

Vielbegabte Menschen haben eine hohe und schnelle Auffassungsgabe und lernen, wenn es sie interessiert, schnell Neues. Sie sind Komplex-Könner, sind sehr gute Beobachter und Muster-und Zusammenhänge-Erkenner, arbeiten sich in kürzester Zeit in Sachverhalte und kommen zum Kern des Themas.

Durch ihre hohe Lern- und Experimentbereitschaft, durch ihre Neugierde und ihr vernetztes, interdisziplinäres und kreatives Denken machen sie sich immer wieder ihren ganz eigenen Reim auf Dinge und geben unerwartete Denk-Anstöße und Lösungsansätze. Sie versprühen ein „future mindset“, eine Mischung aus Vielseitigkeit und Mut, Lernlust, Unkonventionellem und Forschergeist. Der gelebte Medici-Effekt.

Ihre Begeisterung, ihre Energie und ihre Originalität sind ansteckend. Da ist etwas Magisches, wenn sie „in Fahrt sind“, ihnen die Dinge nur so zufliegen und es „Zufälle“ regnet. Sie sind hungrig, lieben Extreme und sind wahre „Vorwärtsmacher“ und scheren sich wenig bis gar nicht um „politische Spielchen“ und um Standes-Dünkel. Vielbegabte Menschen brauchen Abwechslung und Herausforderungen.

Durch ihre sehr gute Menschenkenntnis, feinfühlige Wahrnehmung und Intuition haben vielbegabte Menschen einen guten Blick für Potentiale … ihrer Mitmenschen, verschiedener Situationen und der Möglichkeiten.

Vielbegabte Menschen erleben sich intensiv als „anders“ und für viele ist die größte Sehnsucht, ihren Platz im Leben zu finden, endlich „ihr Ding“ zu machen und dafür Wertschätzung zu erfahren.

Vielbegabte Menschen haben häufig das Gefühl, weniger zu können. Sie haben von vielem eine gewisse Ahnung, aber nicht in der Tiefe. In der Gesellschaft zählt jedoch immer noch der Experte. Vieles fällt den Vielbegabten leicht. Sie müssen sich nicht anstrengen. Die Gesellschaft lebt immer noch in der Annahme, dass Erfolg hart erarbeitet werden muss.

Spezialisten? Generalisten? Ein Modell für mehr Verständnis

Wie schon erwähnt, ist Vielbegabung ein Persönlichkeitsmerkmal. Ein Irrtum wäre, anzunehmen, dass Vielbegabte alle Antworten hätten. Nein, die haben sie nicht. Sie haben gelernt, die richtigen Fragen zu stellen.

Und hier ein weiterer interessanter Aspekt: Mit den häufig wechselnden Interessen und der Lernfreude vielbegabter Menschen startet der berufliche Weg häufig mit einer Ausbildung oder mit einem Studium. Der weiterführende Weg ist und bleibt geprägt von vielfältigen Interessen, Mut und Dranbleiben. Die Lebensläufe werden bunt(er). Und immer wieder formen sich aus geraden wie auch aus unsteten Wegen das äußerst attraktive „T-shape profile“, das „pi-shape profile“ oder sogar das „comp-shape profile“ (siehe nachfolgende Grafik).

Bei einem I-shaped profile liegt tiefes Fachwissen in einem Spezialgebiet vor.

Menschen, welche die Vorzüge von Generalisten und Spezialisten vereinen, besitzen T-Shaped Skills / Profiles. T-Shaped bedeutet, ihr Können sieht wie ein T aus. 

Der horizontale Balken steht für ein breitgefächertes Fachwissen. Zum Beispiel kennen sie mehrere Programmier- und Script-Sprachen, sie haben ein grobes Wissen von Projektmanagement und kennen den E-Commerce-Markt. Bei jedem Themengebiet können sie gut mitreden oder darin arbeiten – ohne jedoch ein richtiger Vollprofi zu sein.

Der vertikale Balken im T (quasi das I) steht für das tiefgreifende Fachwissen. Beispielsweise beherrschen diese Menschen Java aus dem Effeff und haben damit schon einige Projekte realisiert. In diesem Bereich können die Kollegen nur schwer mit ihnen konkurrieren.

Pi-Shaped besagt, die Person besitzet zwei Spezialisierungen, die aber thematisch voneinander entfernt sind. Diese beiden I ergeben zusammen mit dem Dach des T das Zeichen Pi.

M- oder Comb(ination)-Shaped sind Menschen, wenn sie neben dem breiten Allgemeinwissen mehrere Spezialgebiete mit tiefem Fachwissen besitzen.

Der Medici-Effekt

Und noch mehr zum Thema „Vielbegabung“: In seinem Buch „Der Medici-Effekt“ legt Frans Johansson legt dar, warum bahnbrechende Ideen meistens genau dann entstehen, wenn man Experten verschiedener Fachgebiete gleichzeitig nach der Lösung eines Problems suchen lässt, denn dann wirkt der Medici-Effekt. Frans Johansson zeigt an Beispielen, wie man das optimale Umfeld für das Auftreten des Medici-Effekts schafft und wie man Ideen zu Innovationen weiterentwickelt. Vielfalt ist ein wirtschaftlicher Erfolgsfaktor. Die Inhalte dieses Buches waren in zahlreichen Unternehmen der Anstoß die Abteilung „Diversity & Inclusion“ zu etablieren.

Aufgrund der breitgefächerten Interessen eines Vielbegabten ist der Medici-Effekt eine Art „Werkseinstellung“, gehört zum Standard. Sie tragen die verschiedenen Fachgebiete in sich. Vielbegabte lieben es, genau an der Schnittstelle zwischen verschiedenen Disziplinen und Fachgebieten zu kreisen.

Erfolgreiche Kreative produzieren nicht, weil sie erfolgreich sind, sondern sie sind erfolgreich, weil sie produzieren.

Vielbegabte im Team

Mich erinnert das Thema „Vielbegabung“ an die Szene, wenn ein Hundebesitzer seinen temperamentvollen Hund mit den Worten an einem völlig überraschten Passanten hochspringen lässt: „Er will doch nur spielen.“

So ähnlich ist es, wenn ein vielbegabter Mensch in Ihrem Team ist. Die Arbeitsweise von Vielbegabten ist schnell, fokussiert und spielerisch. Dabei überschreiten sie Grenzen, und zwar nicht in der Absicht, in jemandes Territorium einzudringen, den Job zu übernehmen oder gar die Kompetenz anzuzweifeln. Vielbegabten geht es um die Sache. Sie wollen ihren Beitrag leisten. Sie wollen Erfolg. Sie wollen keine langen Diskussionen. „KZP = Komm zum Punkt“ liegt ihnen sehr.

In seinem Buch „Strengt Euch an“ schreibt Wolf Lotter: „Die Wissensgesellschaft braucht selbstmotivierte Hochleister, für die Engagement und selbstbestimmtes Handeln keine Last, sondern eine Lust bedeutet.“

Tipps für Führungskräfte

Wenn Sie als Führungskraft einen oder mehrere vielbegabte Menschen in Ihrem Team haben, kommen hier meine besten Tipps:

  • Geben Sie ihm oder ihr Freiraum und Vertrauen. Vielbegabte brauchen keinen Micro-Manager (m/w) als Vorgesetzte. Sie übernehmen Verantwortung, handeln pragmatisch, halten sich an Absprachen und liefern.
  • Gut zu wissen: Vielbegabte Menschen haben Lust auf Leistung und auf Ergebnisse. Sie sind Vorwärtsmacher. Geben Sie ihnen Herausforderungen. Es geht ihnen weniger darum, die Karriereleiter hochzuklettern (okay, ein paar Stufen schon, aber nicht unbedingt bis ganz nach oben), sondern darum einen Beitrag zu leisten und dafür gewertschätzt und entsprechend bezahlt zu werden.
  • Bei der Lust auf Leistung kann es passieren, dass Vielbegabte Grenzen überschreiten, in Fettnäpfchen treten oder Dinge tun, die „man“ nicht tut. Vielbegabte arbeiten ohne Hintergedanken. Spielchen am Arbeitsplatz sind ihnen ein Gräuel. Ihnen geht es um die Sache und da sind sie grundehrlich.
  • Spielchen nein, spielerisch ja. Vielbegabte lieben es, ihre Expertise mit spielerischen Elementen umzusetzen. Leichtigkeit zu leben, bedeutet nicht, dass die Expertise weg ist. Das Spielerische ist für Vielbegabte eine ernste Sache. Humorvoll gesagt und sehr wahr.
  • Vielbegabte brauchen ein Umfeld, in dem sie sicher fühlen, wenn sie (respektvoll) anderer Meinung sind oder den Status Quo hinterfragen.
  • Wertschätze sie und sie werden Berge versetzen.
  • Ich beobachte, dass Vielbegabte nicht unbedingt ein eigenes Team brauchen oder wollen. Sie sind Individualisten im Team.
  • Vielbegabte erkennen den richtigen Moment und greifen zu. Das bedeutet, dass manch spontan erscheinende Aktion in Höchstgeschwindigkeit zu klaren (Zwischen-)Ergebnissen führt. Dieses manchmal recht rasante Tempo braucht Platz. Und Vertrauen. Und Verständnis.
  • Vielbegabte lieben Abwechslung, d. h. ein Teil oder der ganze Job sollte Projekte enthalten, die eine gewisse Zeit dauern, um dann neue folgen zu lassen.
  • Vielbegabte lieben das Lernen. Lernen und Leisten gehört für sie zusammen. Binden Sie sie aktiv ein, eine Lern-Kultur im Team und/oder im Unternehmen zu schaffen. Sie werden in strahlende Augen schauen.
  • Lieben Sie die Unterschiede und die Macken. Sie sind nicht wie Sie und das ist das Interessante.

Test

Ich stelle mir in diesem Zusammenhang eine Frage, die mich zunächst selbst überrascht hat: Müssen wir Vielfalt (wirklich erst) lernen? Wie ist es mit der Toleranz des Andersartigen? Was ist, wenn jemand anders ist, anders aussieht, anders denkt, anders fühlt und anders handelt? DAS ist doch Vielfalt. Es ist eine Illusion, Vielfalt zu wollen und Einfalt zu leben, und zu meinen, dass daraus etwas Kreatives entstehen kann.

Es geht in meinen Augen um einen offenen Umgang miteinander, darum den anderen so sein zu lassen, wie er/sie ist, Gemeinsamkeiten zu entdecken und Unterschiede zu respektieren und wertzuschätzen.

Was ist der Nutzen für das Individuum, für Teams und somit für das Unternehmen? Es muss nicht jede-r alles können. Was für eine Erleichterung, oder? Das, was ich nicht kann oder was mir Energie zieht, ist die Expertise von einem Kollegen und er oder sie liebt es, genau das beizutragen. Ein großartiges Gefühl für beide. Wertschöpfung durch Wertschätzung

Katrin Stigge ist BusinessMentorin für vielbegabte Führungskräfte.

Ihre Vielbegabung war ihr Karrierebooster in der Konzernwelt. Erfahren hat Katrin Stigge von diesem Persönlichkeitsmerkmal erst in ihrer Selbständigkeit. Heute begleitet sie vielbegabte Führungskräfte ihr bisheriges Lebenswerk zu veredeln und sichtbar zu machen und damit ihren beruflichen Weg auf die Spitze zu treiben und noch erfolgreicher zu werden.

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