Es gibt auch vorbildliche Arbeitgeber!

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Foto von cetteup

Es ist noch Winter hier in Norddeutschland. Sven T. und ich sitzen zusammen in seinem Wohnzimmer und reden über seine Empfindungen und Erlebnisse während seines Burnout. Führungskraft in einem großen technischen Unternehmen zu sein ist nicht immer einfach, vor allem dann nicht, wenn das Unternehmen finanziell auf der Kippe steht. Sven T. war seinerzeit Abteilungsleiter von drei Abteilungen zur selben Zeit: Er war Kundendienstleiter, Retourenleiter und Leiter der Abteilung Refurbish.

Marion Mueller-West: Wie ist es dazu gekommen, dass Sie drei Abteilungen gleichzeitig zu verantworten hatten?

Sven T.: Zwei Kollegen hatten nacheinander gekündigt, und neue einzustellen war der Geschäftsführung wohl zu teuer, also musste es irgendjemand übernehmen, und die Wahl fiel auf mich. Ich bin am Anfang auch ganz gut damit zurecht gekommen, aber dann kam eine vierte Position dazu.

MMW: Eine vierte?

Sven T.: Ein neuer Chef kam, und der wollte die Retouren-Quote, die zu der Zeit 25% betrug, durch Automatisierung reduzieren. Unser Jahresumsatz war 25 Millionen Euro, da sind 25 Prozent Retoure schon ein erheblicher Posten. Ich war verantwortlich, das so umzusetzen, also bekam ich neben meinen drei Führungspositionen noch den Job des Projektleiters. Und dann fing die Zeitpresse richtig an. Es gab ständig Meetings, der Projektrahmen wurde immer wieder geändert, frei nach Adenauer: „Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern?“ Die Softwareentwicklung dauerte 3 Monate länger als geplant, dann wurde der EDV-Chef gefeuert, neue Termine gesetzt, und alles eskalierte immer mehr und höher. Der neue EDV-Chef kündigte nach einem Monat, dann kamen Unternehmensberater zu uns.

MMW: Unternehmensberater?

Sven T.: Ja, als das Chaos zu groß wurde, versuchte man wohl, es von außen sauber zu machen. Einer der Unternehmensberater sagte mir, ich bin ein „Schreibtischvollmensch“ und soll doch zu einem „Schreibtischleermensch“ werden. Ich könne doch abends auch mal eine Stunde länger machen. Wie bitte, noch eine Stunde mehr? Wenn ich hätte lachen können, hätte ich lauthals losgelacht.

MMW: Hat denn niemand versucht, Sie zu entlasten?

Sven T.: Doch, natürlich. Mein direkter Vorgesetzte wollte mich entlasten, war aber vom Wissen her nicht so wirklich dazu in der Lage, und dann hat er auch noch meine Ideen an als seine eigenen an die Führungsetage verkauft. Und dann fragte ich mich: Welchen Hebel habe ich jetzt noch? Was kann ich noch bewegen? Ich habe das Gefühl, ich schaffe gar nichts mehr!

Und dann kam ein Morgen im Februar 2009, ich wachte auf und konnte nicht mehr. Ich ging zum Arzt und ließ mich für 2 Wochen krankschreiben. Das war schon ganz schön schwierig für mich, ich war vorher – ganz ehrlich! – keinen einzigen Tag krank geschrieben in meiner Karriere. Als ich danach wieder in die Firma kam, kam mein Chef auf mich zu. Er sagte, ich sehe so krank aus und antriebslos, ob denn alles okay sei mit mir. Zunächst dachte ich, er wollte irgendwelche Infos aus mir herauskitzeln, aber andererseits kannte ich ihn schon so lange, dass ich wusste: Das ist ein feiner Kerl.

MMW: Nur ein feiner Kern zu sein, reicht oft nicht. Was passierte dann?

Sven T. Er schickte mich zu einem Unternehmensberater, der lange mit mir sprach und dann die „Diagnose“ Burnout gab. Später stellte sich heraus, dass mein Chef das schon seit vielen Wochen vermutet hatte. Und ich bin heilfroh, dass beide so offen damit umgingen. Sofort hat mein Chef mich aus dem Tagesgeschäft herausgenommen und mich nur noch gebeten, das Projekt Retouren zum Ende zu bringen. Ich arbeitete drei Wochen lang auf Sparflamme, nur an diesem einen Projekt, und dann kam etwas, womit ich nie gerechnet hatte: Mein Chef schlug mir vor, mich krank schreiben zu lassen, um mich zu erholen. Und wenn nötig könne ich ruhig ein Sabbatical von einem oder eineinhalb Jahren nehmen und könnte danach jederzeit wiederkommen. Ist das nicht toll?

MMW: Sie hatten großes Glück!

Sven T.: Das kann man wohl sagen. Ich konnte es kaum glauben. Meine Ärztin stellte Kurantrag, ich verabschiedete mich ordentlich von meinen Kollegen. Dann habe ich mich eine Zeitlang nur ausgeruht, gar nichts getan und nachgedacht. Aber glauben Sie nicht, dass das leicht war! Nach so vielen Jahren Full Power nichts tun … was geschah? Schlafmangel und Schweißausbrüche!

MMW: Ihr Körper hatte es verlernt, sich zu entspannen.

Sven T.: Genau so hat es sich angefühlt. Ich hab mich total erschrocken. Dann ging ich für vier Wochen zur Kur, trieb viel Sport. Es gab auch Gespräche mit Psychologen, zwar viel zu wenig, aber immerhin. Dazu Tai Chi, Gruppengespräche, Ernährungsberatung und so weiter. Und was soll ich sagen, auf dem Rückweg von der Kur fuhr ich bei meiner Firma vorbei, um die Rückkehr zur Arbeit zu planen. Und mein Chef hat Wort gehalten: Ich bekam eine meiner alten Führungspositionen zurück, die anderen beiden wurden von anderen Kollegen geführt. Man hatte wohl dazugelernt in der Firma.

MMW: Und dann gleich wieder Full Power?

Sven T.: Oh nein! Ich wurde langsam wieder eingegliedert, nach dem Hamburger Modell der Rehabilitation: Zunächst vier Stunden am Tag, dann langsam ansteigend auf 8 Stunden. Ich habe noch ein Jahr im Unternehmen gearbeitet, bis es dann doch in die Insolvenz ging und ich am Ende doch gehen musste – aber das ist eine andere Geschichte.

MMW: Über die wir uns vielleicht bald unterhalten.

Sven T.: Sehr gern!

MMW: Ich danke Ihnen für das Gespräch, und wünsche viel Erfolg!

Eine Anmerkung von mir: Sven T.s Fall ist aus einigen Gründen außergewöhnlich. Zum einen ist es sehr besonders, wie sein Arbeitgeber mit ihm umging, zum anderen ist es ungewöhnlich, dass Sven T. den Schritt aus dem Burnout mit nur einer Kur bewältigt hat. Diejenigen, die das schaffen, verdienen vollen Respekt, aber es sind nur Ausnahmen. Denn ohne fundiertes Coaching oder Therapie ist ein langfristiger Weg heraus aus dem Burnout (und, im Idealfall, hinein in den Lebenstraum) nur selten möglich.

Nach seinen Angaben ist Sven T. heute „zu 80 bis 90 Prozent wieder O.K.“ Auf meine Frage, was ihn auf seinem Weg am meisten geholfen hat, erwiderte er: das Nachdenken und nichts tun, Gespräche mit den Kollegen bei der Wiedereingliederung, die Zeit, dieses auch tun zu dürfen und zu können (zeitlich gesehen), sich von außen betrachten, auch mal NEIN zu sagen.

Öfter NEIN sagen und das rechtzeitig – ein Leitsatz, der für viele meiner Klienten sehr, sehr hilfreich ist. Wenn Sie lernen wollen, souverän NEIN zu sagen, rufen Sie mich gern an: 04558-981711

Sebastian Ofer

Chefredakteur bei HRM Research Institute

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