W├Ąhrend Empathie im privaten Leben bereits oft eine Herausforderung ist, gestaltet sich das intensive Miteinander im Arbeitsalltag meist sogar noch vielschichtiger. Hier m├╝ssen Menschen auf professioneller Ebene meist sehr eng zusammenarbeiten, w├Ąhrend sie sich gleichzeitig kaum wirklich pers├Ânlich kennen. Durch hybrides oder Remote-Arbeiten wird die Wechselbeziehung mit Kolleginnen und Kollegen sogar noch herausfordernder und es kann durchaus schwierig sein, sich in seine Gegen├╝ber hineinzuversetzen. Damit Teams aber besser als die Summe ihrer Einzelteile werden, ist Empathie ein ├Ąu├čerst wichtiger Faktor.

Three people sitting on benches at work around a Microsoft laptop
Foto von Windows

Hinter dem einfach klingenden Begriff steckt allerdings ein recht komplexes Konzept, das die vielf├Ąltigen Interaktionsm├Âglichkeiten mit anderen Menschen beschreibt. Durch Empathie wird es uns m├Âglich, dass wir uns in unsere Kollegen und Kolleginnen hineinversetzen, um deren Gef├╝hle in einer schwierigen Situation zu sp├╝ren.

Was sagt die Wissenschaft?

Laut Jamil Zaki, Professor an der Stanford Universit├Ąt und Autor des Buches ÔÇťThe War for Kindness: Building Empathy in a Fractured WorldÔÇŁ, ist Empathie gl├╝cklicherweise eine erlernbare F├Ąhigkeit, die Teams in der Arbeitswelt einsetzen sollten, um eine m├Âglichst effektive Zusammenarbeit zu erreichen. Mehr ├╝ber Zakis Einsichten in die Wissenschaft der Empathie gibt es in diesem Zoom-Webinar (englischsprachig), in dem konkrete Strategien f├╝r den Einsatz von Empathie am Arbeitsplatz vorgestellt werden. Die wichtigsten Erkenntnisse hat unsere Gastautorin Lynne Oldham f├╝r Sie zusammengefasst.

Die Rolle der Empathie am Arbeitsplatz

Manche Menschen bezweifeln die Rolle der Empathie in der Arbeitswelt. Manchmal wird sie dort gar als Schw├Ąche denn als St├Ąrke angesehen. Allerdings k├Ânnte diese Einstellung nicht weiter von der Wahrheit entfernt sein. So zeigen Studien von Google, dass Empathie eine effektive Zusammenarbeit, eine integrativere Einstellung sowie zufriedenere Mitarbeitende f├Ârdern. Arbeitnehmer, die ihr Unternehmen als einf├╝hlsam empfinden, haben dabei oft eine bessere Arbeitsmoral und weniger Stress, was zu einer geringeren Fluktuation f├╝hrt. Dar├╝ber hinaus hilft Empathie auch bei der Entwicklung besserer F├╝hrungskr├Ąfte. Denn dank einer einf├╝hlsamen Denkweise, die ihren F├╝hrungsstil pr├Ągt, k├Ânnen F├╝hrungskr├Ąfte konstruktives Feedback geben und gleichzeitig auf die Bed├╝rfnisse der Mitarbeitenden eingehen, sodass diese sich ebenfalls weiterentwickeln k├Ânnen. Dies belegt auch der BusinessolverÔÇÖs 2018 State of Workplace Empathy Report, der folgende Erkenntnisse brachte: 

  • 87 % der befragten Gesch├Ąftsf├╝hrer sind der Meinung, dass Empathie den Erfolg eines Unternehmens f├Ârdert
  • 90 % der Arbeitnehmer w├╝rden einem einf├╝hlsamen Unternehmen gegen├╝ber loyaler sein
  • 81 % der Arbeitnehmer w├╝rden f├╝r ein einf├╝hlsames Unternehmen l├Ąnger arbeiten

Empathie ist also nicht nur f├╝r die Zusammenarbeit von grundlegender Bedeutung, sondern sie ist auch ein Wettbewerbsvorteil.

Drei falsche Mythen ├╝ber Empathie

Obwohl Empathie ein weit verbreitetes und bekanntes Konzept ist, gibt es immer noch eine ganze Reihe von Missverst├Ąndnissen. So haben manche Menschen das Gef├╝hl, dass diese F├Ąhigkeit unerreichbar oder nur schwer zu verbessern ist ÔÇô was zu einigen Mythen ├╝ber das Einf├╝hlungsverm├Âgen gef├╝hrt hat. Diese drei hat Zakis entlarvt:

  • Mythos Nummer 1: Empathie ist eine Eigenschaft

Tatsache ist, dass Empathie eine Geisteshaltung ist, kein Pers├Ânlichkeitsmerkmal. Zwar spielen unsere Gene eine Rolle, doch das Gleiche gilt auch f├╝r unsere Erfahrungen. Beide Faktoren kommen zusammen, um unsere empathische Seite zu formen. Dabei ist Einf├╝hlungsverm├Âgen etwas, das wir immer weiter verbessern k├Ânnen: ├ähnlich wie wir  unsere Muskeln trainieren und wachsen lassen k├Ânnen, l├Ąsst sich auch die F├Ąhigkeit zu Mitgef├╝hl und Verst├Ąndnis ausbauen. Erreicht werden kann dies beispielsweise durch verschiedene Arten der Meditation, durch das Eintauchen in Geschichten, Romane und Theaterst├╝cke und durch die Pflege vielf├Ąltiger Freundschaften.

  • Mythos Nummer 2: Wir verstehen, was unsere Kollegen durchmachen

F├╝hrungspers├Ânlichkeiten erlangen ihre Positionen oft, weil sie Menschen verstehen und mit ihnen in Kontakt treten k├Ânnen. In dieser Position k├Ânnen sie jedoch auch ihr Einf├╝hlungsverm├Âgen verlieren, was Zaki als "Machtparadox" bezeichnet. Dieses Paradoxon kann zu blinden Flecken der Empathie in den Teams f├╝hren. Dabei f├Ąllt es den F├╝hrungskr├Ąften schwer, die Erfahrungen anderer zu verstehen, da sie selbst die n├Âtigen Instrumente verloren haben, um eine neue Perspektive zu erlangen. Um dieses Paradoxon zu l├Âsen, m├╝ssen sich F├╝hrungskr├Ąfte nicht nur die Wirklichkeit der anderen vorstellen, sondern auch deren Realit├Ąt kennenlernen. Es geht also darum, nicht blo├č Annahmen zu treffen, sondern dem Gegen├╝ber die richtigen Fragen zu stellen. 

  • Mythos Nummer 3: Empathie ist ein Einzelsport

Menschen neigen dazu, die positiven Verhaltensweisen ihrer Umgebung zu kopieren. Empathie ist da keine Ausnahme. Das bedeutet, dass sie eher von Kulturen als von einer einzelnen Person weitergegeben wird. Um seine Theorie zu testen, arbeitete Zaki mit 857 Siebtkl├Ąsslern in vier Mittelschulen der Bay Area in Kalifornien/USA. Die Sch├╝ler wurden einer Empathiestudie unterzogen und dabei davon ├╝berzeugt, dass Empathie beliebt, normal und cool sei. Ziel war es dabei zu sehen, was passiert, wenn diese Gruppe eine kollektive, positive Meinung zu dem Thema bildet. Das Resultat: Als Empathie zu einer sozialen Norm wurde, waren die Menschen umso mehr motivierter, sich einf├╝hlsam zu verhalten. Dies wiederum f├╝hrte zu auff├Ąlligem und weit verbreitetem freundlichen Verhalten. Wenn wir einf├╝hlsames Verhalten zelebrieren, wirkt es ansteckend.

Das Herzst├╝ck des modernen Arbeitsplatzes

Die vergangenen anderthalb Jahre haben die Art und Weise, wie Empathie am Arbeitsplatz funktioniert, stark ver├Ąndert. Wir haben gelernt, dass unsere Kolleginnen und Kollegen so viel mehr sind als nur Mitarbeitende, und dass es wichtiger denn je ist, miteinander verbunden zu bleiben und einander zu verstehen.

Tats├Ąchlich k├Ânnen wir Empathie nutzen, um die Zukunft der Arbeit auf eine tiefere Art zu ├╝berdenken. W├Ąhrend wir derzeit noch herausfinden m├╝ssen, wie eine hybride Realit├Ąt zuk├╝nftig aussieht, wird die soziale Verbindung bald das Herzst├╝ck unserer Arbeitspl├Ątze werden ÔÇô unabh├Ąngig davon, ob sie virtuell oder in echt stattfindet. Und sie wird bestimmen, wo, wann und wie wir miteinander interagieren.