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Foto von Nastuh Abootalebi
Aufgrund des demografischen Wandels kann nur wenig gegen den Fachkräftemangel unternommen werden, außer, die Auswirkungen abzufedern. Um die eigene Innovationskraft zu stärken, gibt es hingegen viele Erfolg versprechende Ansätze und Maßnahmen für Unternehmen. Und dies bezieht sich nicht allein auf die Themenfelder Ideengenerierung sowie Forschung und Entwicklung.

Laut einer Studie der Ruhr-Universität Bochum sind deutsche Unternehmen zwar beispielsweise  Weltmeister, wenn es darum geht, neue Ideen zu generieren, und belegen auch eine Spitzenposition bei den erteilten Patenten, aber die wirklichen „Big Ideas“ werden zu oft nicht erkannt oder einfach im Keim erstickt. Von 100 Produktideen, die für verfolgungswürdig erachtet werden, schaffen es gerade einmal 13 bis zur Markteinführung. Und die Hälfte davon verschwindet auch relativ schnell wieder vom Markt, weil sie nicht erfolgreich sind (siehe Abbildung 1).

Abbildung 1: Innovationen entstehen aus Ideen – doch nur wenige Ideen werden zu Innovationen. (Quelle: Institut für angewandte Innovationsforschung e.V. (IAI) an der Ruhr-Universität Bochum, ‚Big Ideas‘ erkennen und Flops vermeiden)

Was sind die Gründe hierfür? Laut der Studie liegt dies einerseits daran, dass Unternehmen vielversprechende Ideen einfach nicht erkennen. Sie stecken Ressourcen in Projekte, die wenig zukunftsträchtig sind, und diese Ressourcen fehlen dann für die wirklich guten und vielversprechenden Projekte. Auf der anderen Seite stellten die Forscher fest, dass den Führungskräften die Zeit fehlt, um sich mit den kreativen Ideen ihrer Mitarbeiter auseinanderzusetzen. Hier mangelt es einerseits an klar definierten Prozessen, um zielgerichtet Ideen zu sammeln und zu bewerten, und andererseits an Informationen und Erfahrungen, wie Erfolg versprechende Ideen weiter vorangetrieben werden sollen.

Die Studie geht sogar noch weiter ins Detail: Die Probleme und Hemmnisse bei der Umsetzung von Ideen sind vielfältig, angefangen bei Quantität und Qualität des Personals über fehlende Strategie, unzureichende technische Ressourcen, fehlende finanzielle Mittel, suboptimale Prozesse bis hin zu einer innovationskritischen Unternehmenskultur, die wenig offen ist für Neuerungen und in der Fehler nicht als Chancen gesehen werden.

Die professionelle Bewältigung von Krisen gehört zum normalen Lebenszyklus von Unternehmen

Wirtschaftskrisen und andere Notlagen gehören genauso zum Wirtschaftsalltag wie Wachstumsphasen. Sie kommen immer wieder, halten sich in der Regel nicht an irgendwelche Gesetzmäßigkeiten und lassen sich auch nicht verhindern.

So ist es durchaus vorstellbar, dass uns gerade in dem vergleichsweise langen Zeitraum, in dem die geburtenstarken Jahrgänge, die heutigen Know-how- und Leistungsträger, in den Ruhestand gehen, eine Wirtschaftskrise trifft. Ob dies nun in 2020, 2024 oder einem anderen Jahr stattfindet, spielt hierbei keine Rolle. Die Frage ist, welche Auswirkungen eine solche Krise auf ein Unternehmen haben wird.

Muss das Unternehmen Insolvenz anmelden, wenn der berühmte Faden reißt? Oder hält der Faden, weil sich das Unternehmen entsprechend vorbereitet hat? Wie schon erwähnt, lassen sich Krisen nicht verhindern, deren Auswirkungen aber wohl abschwächen.

Ob und in welchem Umfang dies gelingt, hängt von den Maßnahmen ab, die ein Unternehmen zur Vorbereitung ergreift. Nur: Viele solcher Maßnahmen benötigen eine lange Vorlaufzeit, bis sie Wirkung zeigen. Das heißt, es reicht nicht aus, sich dann Gedanken zu machen, wenn sich die nächste Krise ankündigt. Und das Jahr 2020 ist nicht mehr allzu fern!

Entsprechend vorbereitet, sind Krisen auch Chancen, um sich vom Markt abzuheben

Personaler können nicht vermeiden, dass ältere Mitarbeiter in den Ruhestand gehen. Das scheitert schon aus biologischen Gründen. Aber auch viele andere Gründe sprechen dagegen – schon allein auf Grund der immer wiederkehrenden Debatte um das Pensionsantrittsalter. Sicher werden Sie den einen oder anderen Mitarbeiter überreden können, noch einige Monate länger zu arbeiten: Aber auch diese Zeit geht vorbei.

Mit dem Know-how-Abfluss verhält es sich schon anders. Den können Sie beeinfl ussen, egal, ob nun ältere Mitarbeiter in den Ruhestand gehen oder Know-how-Träger Ihr Unternehmen verlassen, weil sie woanders ein vermeintlich besseres Angebot erhalten haben.

Das Lösungswort lautet „Wissensmanagement“. Sammeln Sie systematisch das Wissen in Ihrem Unternehmen und stellen es allen Mitarbeitern zur Verfügung. Dann wird Sie der Generationswechsel nicht so hart treffen wie den Wettbewerber, der dies nicht macht. Auch die Innovationskraft können Sie beeinfl ussen. Können Sie Ihre Innovationsfähigkeit einschätzen, wissen Sie, wo die Stärken und Schwächen liegen? Kennen Sie die Hebel, an denen Sie drehen müssen, um die Innovationsfähigkeit Ihres Unternehmens zu erhöhen? Nein? Warum eigentlich nicht?

Die Durchführung eines Innovationsaudits hilft Ihnen bei der Beantwortung der Fragen und Sie haben danach eine Standortbestimmung, von der aus Sie die nächsten Schritte planen können. Gut entwickelte Innovationsfähigkeiten helfen Ihrem Unternehmen, die Auswirkungen einer neuen Krise abzuschwächen und gestärkt aus Krisen hervorzugehen. Die beiden wesentlichen Themen sind also, die Innovationskraft permanent zu stärken und das Wissen im Unternehmen systematisch zu sammeln.

Leicht gesagt. Aber wie sieht es mit der Umsetzung aus?

Für beide Themen gibt es keine Patentrezepte, aber praxiserprobte Vorgehensweisen, mit denen Sie diese Themen zielgerichtet vorantreiben können. Erwarten Sie aber keine schnellen Erfolge, keine „low-hanging fruits“. Beide Themen sind nicht durch den Einsatz eines Tools zu lösen, wie vielfach angenommen wird. Wenn Sie sich zum Beispiel für ein Content Management System, kurz CMS, entscheiden, praktizieren Sie noch lange kein Wissensmanagement. Wenn Sie hierzu keine anderen Aktivitäten starten, werden Sie nach kurzer Zeit enttäuscht und überzeugt sein, dass dies eine Fehlinvestition war.

Beide Themen, Innovationsfähigkeit und Wissensmanagement, haben viel mit Unternehmensprozessen und Unternehmenskultur zu tun. Um diese weiterzuentwickeln, das wissen Sie selbst, wird Zeit und Mut benötigt. Das heißt, es reicht nicht, wenn Sie in zehn Jahren anfangen, sich mit diesen Themen zu beschäftigen. Dann ist es vielleicht zu spät.

Wenn Ihr Unternehmen wüsste, was es weiß …

Warum ist Wissensmanagement so wichtig? Vor dem Hintergrund, dass die geburtenstarken Jahrgänge in nicht allzu ferner Zukunft in den Ruhestand gehen und die Unternehmen heute schon über einen Fachkräftemangel klagen, muss das vorhandene Know-how weitergegeben werden. Ist der Mitarbeiter erst mal weg, ist in der Regel auch sein Wissen verloren. Aber selbst wenn der Mitarbeiter eigene Aufzeichnungen hinterlässt, ist damit noch nicht sichergestellt, dass diese Aufzeichnungen auch nutzbar und vollständig sind. Hier ist es wichtig, Regeln zu erstellen, die beschreiben, was und in welcher Form dokumentiert und wo abgelegt wird.

Aber der Mitarbeiter muss nicht einmal das Unternehmen verlassen. Eine banale Krankheit kann schon dafür sorgen, dass sein Wissen temporär nicht verfügbar ist. Und dann sind eine Maschine, die stillsteht, oder ein wichtiger Kunde, der eine dringende Anfrage stellt, ein Problem. Wenn das benötigte Wissen sich nur im Kopf dieses Mitarbeiters befi ndet, sieht es möglicherweise schlecht für diesen Auftrag aus.

Und nicht zuletzt die viel zitierten Projektberichte. Oft gibt es diese gar nicht, oder es werden hier nur banale Parameter hinterlegt. Selten erfahren Sie aus diesen Berichten, welche Probleme es gab und wie diese gelöst wurden, um doch noch einen erfolgreichen Projektabschluss sicherzustellen. Somit muss ein anderes Projektteam bei ähnlichen Problemen wieder neue Erfahrungen sammeln.

Oder schauen wir doch einmal auf die Projektlisten im Vertrieb: Verlorene Aufträge sind in der Regel als solche gekennzeichnet. Aber warum wurde der Auftrag verloren? Lässt sich dies eventuell bei einem ähnlichen Auftrag in Zukunft vermeiden? Möglicherweise werden Sie es nie erfahren und weitere Aufträge verlieren.

Dies sind nur einige Beispiele, die zeigen, wie sinnvoll Wissensmanagement sein kann. Und anhand des Beispiels der Projektliste im Vertrieb können Sie wahrscheinlich sogar ausrechnen, welchen monetären Vorteil Ihnen Wissensmanagement an dieser Stelle bringt.

Vorhandenes Wissen kann Innovationen unterstützen

Wie bereits erwähnt, lässt sich Wissensmanagement nicht allein durch den Einsatz eines Tools praktizieren. Ich möchte sogar behaupten, dass Tools maximal eine unterstützende Komponente sind. So können gemeinsame Gruppenlaufwerke zwar erste Ansatzpunkte sein, um Wissen zu teilen. Aber üblicherweise werden wichtige Informationen oft doch nur lokal gespeichert.

Viel wichtiger als Tools sind die Unternehmenskultur und damit auch die persönliche Kommunikation unter den Mitarbeitern. So können cross-funktionale Projektteams helfen, Probleme aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu betrachten und somit auch voneinander zu lernen. Interne Projektpräsentationen, zum Beispiel, wenn wesentliche Meilensteine erreicht wurden oder bei Projektabschluss, dienen dazu, wichtige Informationen im Unternehmen zu verteilen. Somit sind alle Mitarbeiter am Projekt involviert und können mitreden. Oft ist es doch so, dass die Mitarbeiter von den Projekten der Nachbarabteilung nichts wissen und es ihnen demzufolge auch egal ist, ob ein Projekt erfolgreich abgeschlossen wird oder nicht. Wenn aber alle von den Projektinhalten und Fortschritten Kenntnis haben, ja sogar über die Probleme wissen, dann entsteht viel eher ein abteilungsübergreifender Informationsfl uss, der auch das ein oder andere Projekt retten kann.

Wissensaustausch beziehungsweise Wissenstransfer kann nur stattfi nden, wenn die Mitarbeiter auch über die notwendigen Freiräume verfügen. Wir haben alle schon die Erfahrung gemacht, dass wichtige Informationen oft an der Kaffeemaschine ausgetauscht werden. Einige Firmen haben diese Kenntnis dazu genutzt, sogenannte Meetingpoints mit Kaffeeautomaten auszustatten. Hier fi nden informelle Gespräche statt, die aber oft berufl iche Themen behandeln und somit dem Erfahrungsaustausch dienen. Nur wenn der Arbeitsdruck so groß ist, dass für eine gelegentliche Kaffeepause keine Zeit ist, dann können diese Informationen nicht fl ießen. Dann werden aber auch andere Hilfsmittel wie Wikis oder Ähnliches nicht zum Erfolg führen.

Oft sind es auch nicht nur extrinsische Motivationsfaktoren wie Prämien oder Sachleistungen, die das Wissensmanagement befl ügeln. Anreizsysteme wie zum Beispiel Prämien für eine gewisse Anzahl von Beiträgen in einer Wissensablage funktionieren nur so lange, wie diese Prämien auch gezahlt werden. Dient ein solches Prämiensystem nur zur Einführung eines Wissensmanagements, muss sich die Geschäftsleitung nicht wundern, wenn die freiwillige Wissensbereitstellung nach Einstellung der Prämienzahlungen zum Erliegen kommt. Zielführender sind häufig intrinsische Anreize, wie Verantwortung an die Mitarbeiter zu übertragen oder spezielle Interessen und Kompetenzen zu fördern.

Intrinsische und extrinsische Motivation schließen sich aber nicht notwendigerweise aus. Ganz wichtig sind auch Netzwerke. Netzwerke können die Wissensnutzung und die eigenen Fähigkeiten entscheidend fördern. So lassen sich Ideen aus unterschiedlichen Perspektiven betrachten, Ressourcen können untereinander ausgetauscht oder gemeinsam genutzt werden und alle Beteiligten können sich gegenseitig bei der Umsetzung von Ideen unterstützen. Dies ist auch die Basis für Open Innovation, also die Öffnung des eigenen Innovationsprozesses nach außen, mit dem Ziel, die eigenen Innovationspotenziale zu vergrößern.

Die „Wachstumschampions“ verdanken ihren Erfolg einer offenen Wertschöpfung

Die Ergebnisse des Fraunhofer-Projekts „IMP3rove“ zeigen eindeutig, dass das obere Zehntel der „Wachstumschampions“ der KMU in Deutschland – also der kleinen und mittleren Unternehmen – ihren Erfolg einer offenen Wertschöpfung verdankt: Stark vernetzte Vorreiter, die diverse Partner über den gesamten Innovationsprozess hinweg einbinden, machen mehr als 25 Prozent ihres Umsatzes aus Produkt- und Dienstleistungsinnovationen, die jünger sind als drei Jahre. Im Vergleich dazu sind es nur etwa zehn Prozent bei den weniger vernetzten Unternehmen (siehe Abbildung 2).

Abbildung 2: Innovation durch Vernetzung

Dieser Vorsprung wirkt sich direkt auf ein mehr als doppelt so schnelles Wachstum aus: Die Umsatzsteigerung im Durchschnitt der letzten vier Jahre liegt bei sieben Prozent bei den stark vernetzten Unternehmen beziehungsweise bei nur drei Prozent bei den weniger stark vernetzten Unternehmen.

Fazit: Es ist vielleicht schon „fünf vor zwölf“ – aber noch nicht zu spät, um Ihre Chancen sinnvoll zu nutzen!

Wissensmanagement und Innovationsmanagement sind untrennbar miteinander verbunden – ohne praktiziertes Wissensmanagement keine (oder weniger) erfolgreiche Innovationen! Aber: Ohne Standortbestimmung auch keine Navigation!

Es ist in mehreren Studien nachgewiesen worden, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen erfolgreicher Innovationskraft und praktiziertem Wissensmanagement. So schreibt das Fraunhofer IAO in seiner Trendstudie „Wissensmanagement 2.0“: „Das Management von Wissen ist entscheidend für die wirtschaftliche Zukunft von Unternehmen. Sie müssen das Wissen ihrer Mitarbeiter, Kunden und Leistungspartner nutzen und miteinander verknüpfen, um Innovationen zu schaffen.“

Somit stellt sich nicht die Frage, ob Wissensmanagement oder Innovationsmanagement die bessere Alternative ist, sondern vielmehr, wie Wissensmanagement zielführend und nutzbringend praktiziert werden kann, um einerseits dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken und andererseits die Innovationskraft zu stärken!

Und – die Uhr tickt! Alle Maßnahmen zur Einführung eines gelebten Wissensmanagements und zur Steigerung der Innovationskraft wirken erst mittel- bis langfristig. Es reicht nicht, wenn Sie sich mit dieser Thematik erst beschäftigen, wenn die Probleme Sie dazu zwingen – dann ist es zu spät!

Literaturtipps

  • Kluge Köpfe braucht das Land. Von Christina Anger und Axel Plünnecke. In: Technologie & Management 4/2010.
  • Innovationsaudit, Chancen erkennen – Wettbewerbsvorteile sichern. Von Martin Kaschny und Nadine Hürth. Erich Schmidt Verlag 2009. Wo liegt das Innovationspotenzial? Von Matthias Nolden. In: Management und Qualität, 7-8/2010.

Webtipps

  • www.bertelsmann-stiftung.de/bst/de/ media/xcms_bst_dms_20668__2.pdf: Big Ideas erkennen und Flops vermeiden
  • www.epo.org/about-us/statistics/granted- patent_de.html: Erteilte europäische Patente von 2000–2010 nach Sitz beziehungsweise Wohnsitzstaat des Patentinhabers
  • http://idw-online.de/pages/de/news369526: Trendstudie „Wissensmanagement 2.0", Zusammenfassung

Quelle: personalmanger - 6/2011