Wenn nix mehr hilft: Radikal! Wie viel Keule braucht Arbeiten 4.0?

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Foto von Samantha Gades

Die Behäbigkeit des Führungsschwarms

Parallel dazu heißt es aus vielen mittelständischen und konzerneigenen HR-Büros, es würde stromlinienförmiges Personal gesucht. Bloß nicht zu viel Persönlichkeit, bitte nicht so viel Ecken und Kanten. Das mag zum Teil an der Kultur in den oberen Etagen liegen. Die Herren der Titanic machen es sich weiterhin auf ihrem Deck im Liegestuhl bequem – Zitat Thomas Sattelberger aus dem Manager-Magazin vom Mai 2015. Am Fall von Paul Achleitner, erklärte der Ex-Telekom-Mann wie die Deutsche Bank sich viel zu spät mit der Digitalisierung ihres Business auseinandersetzte und nun schwer gegen Crowd-finanzierte mobile Bezahlsysteme im E-Commerce rudern müsse. Sattelbergers Fazit: Oft sichere jetzt nur noch Radikalität das Überleben in Konzernen.

Ob solche Alternativlos-Radikalitäts-Parolen in der behäbigen und Copy-Paste-gewöhnten Wirtschaftslandschaft hilfreich sind, mag dahin gestellt sein. Sie zeigen allerdings, was Sachlage ist: Viele Manager sind nach dem Wirtschaftscrash in 2008 immer noch beratungsresistent. Der Business School-Stempel sitzt tief. Was wurde dagegen nicht schon alles ausprobiert, geschrieben, gesagt. Jetzt soll das Adjektiv radikal also den Auftritt der Moderne stemmen?

Für wen ist was radikal?

Das Radikale im liberalen Joballtag hat wenig Konjunktur. Man zeigt sich gern gemäßigt. Daher sind Innovationen in diesem Milieu auch keine echten Schaufensterzerstörer. Angenommen, das Sankt Pauli-Fußballstadion zelebrierte halbjährlich eine Kinderolympiade, das würde sich für viele Zeitgenossen schon wie ein Innovation anfühlen. Gerade so viel, dass der Platz damit nicht entweiht würde. Originell, aber durchaus konform mit dem Ganzen des Business. So wie der inzwischen an Theatern beliebte Bürgerchor. Beworben wird der Laien-Einsatz beim Theater Trier zum Beispiel mit der Parole, man wolle mal was anderes als Produktionen von der Stange bieten. Was Echtes, was Zeitgemäßes. Unerwähnt bleibt, dass so ein Bürger praktisch fast nix kostet; verglichen mit seinem professionellen Pendant. Innovationsgeist in Trier? Wohl eher hipper Pragmatismus. So macht man das heute. Abgeschaut und konform vorgetragen. Einen Zeitungsbericht gab´s auch noch. Hurra. Radikal? Nö.

Natürlich lässt sich nicht abstreiten, dass so eine Musterübertragung im Copy-Paste-Style mancher Branche und manchem Produkt Frische verleiht. Aber kann diese Trittbrettfahrerei dicke Bretter bohren? Ob aus ihr substantiell Neues entsteht, zeigt sich im Lauf der Zeit. Hat der Kopierer das Betriebsgeheimnis des Kopierten begriffen, kann er es auch weiterentwickeln. Andernfalls klaut, adaptiert und ahmt er weiter nach, ohne dass er daran wächst. 

Hand aufs Herz: Wo wird nicht in diesem Stil gearbeitet – das Internet bietet laufend kostenloses Material. Irgendwann kopiert sich auch die Kopie. Retro-retro ist einfach nur billig und null zukunftsweisend. Das ist es wohl auch, warum die Arbeiten 4.0-Liga derzeit zum Tusch bläst: Raus aus den Konventionen, Businessmodelle neu überdenken, die Besonderheit des Menschen in der „Human Resource“ wiederentdecken. Werdet radikal!

Wenn überhaupt radikal, dann …

Nachsatz zum Radikalen: Wenn überhaupt, dann würde radikal eine tiefgreifende soziale Wende bedeuten. Für die muss man sich richtig anstrengen. Nachdenken, brüten. Ernst muss es einem sein. Ein paar hippe Skizzen, ein „Wow, da geht so richtig voll was ab im Betrieb“-Geblubber – das alles bringt uns nicht weiter.

Es heißt in der new work-Bewegung, die Stunde der Experten sei vorbei. Das ist im Hinblick auf patriarchalische Kultur richtig, aber sonst falsch; sie bricht erst an. Wer wirklich was bewegen will, sitzt jetzt Tag und Nacht vor seiner Zeitgeschichte. Mit Fragen wie diesen: Was bedeutet es, wenn wir Einzelkämpferverhalten durch Leistungstracking fördern und zeitgleich im Produktdesign auf Schwarmintelligenz aller unserer Mitarbeiter setzen?

Na, fühlen Sie schon, wie Ihre Lust verraucht? Mit so viel Arbeit haben Sie nicht gerechnet? Fragen Sie einen Taxifahrer, den Uber weggeputzt hat. Der sitzt jetzt auch Tag und Nacht da und denkt nach. Sie sehen schon – new work ist mehr als freie Pausenregelung für mehr Selbstbestimmung am Arbeitsplatz. Das wäre dann St. Pauli Fußballplatz. Der ist hier nicht gemeint.

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Foto: Christian Heinze | pixelio.de

Wer beruhigt das Meer?

Radikal bedeutet, mit einer Sache vollständig aufzuräumen. Historisch zogen radikale Ideen, Ideologien, Glaubenssysteme und Umbrüche oft Krawall und Randale nach sich. Der Fahrdienst Uber hat das Ende Juni in Paris erlebt, als Taxifahrer in einer Gegenreaktion Straßen in ihre Gewalt brachte und Demonstranten Reifen anzündeten. Die Polizei rückte mit Tränengas an. Uber hat live erlebt, was  es heißt, Corporate Social Responsiblity nicht zu leben. Niedliche Werbespots und Wohlfühl-Werbung haben auch dunkle Seiten. Da zeigt sich: Wirtschaften heißt Überleben. Und es traf in Frankreich eine Gruppe von Menschen, die hart am Rande der Gesellschaft um eine Idee von Wohlstand kämpfen. Was hat Uber getan, damit es nicht zu diesen Szenen kommen musste? Offenbar wenig. Trotz Verbot und Protest blieb Uber online. Die französische Justiz nahm zwei Uber-Verantwortlichen einem Bericht der ZEIT zufolge fest. 

Der Fall zeigt: Solidarität ist gefragt, sinnvolle Kooperationen und eine Zivilcourage, die das Commitment einschließt,  Kannibalisierung nicht zu unterstützen. Die Crowd frisst im Internet nämlich sich selbst und wird vom Top-Management zusätzlich angefressen. 

Bedachtsamkeit könnte verhindern, dass eintritt, was einer der ersten Pioniere des Silicon Valley und Träger des Friedenspreises des deutschen Buchhandels Jaron Lanier in seinem Buch „Gadget“ über Radikalmanöver schreibt: „Wenn eine Revolution ganz plötzlich ausbricht, übernehmen oft die falschen Leute die Macht (siehe Iran).“ Wenn dazu noch weite Teile der Bevölkerung die Maslowsche Pyramide hinab rutschen, dürfte es gefährlich werden, so der Amerikaner. Dass digitale Crowds sich in Troll-Dschungel verwandeln können, in denen dann die Überaktivsten den Ton angeben, haben schon die Kämpfe unter Wikipedia-Editoren oder Attacken auf Leitartikel in führenden Meinungsmedien gezeigt. Die gute Nachricht: Noch besteht die Welt nicht nur aus Bauern und Herren der Cloud; wiewohl es tatsächlich kaum ein Lager zwischen konservativer Denke und Open-Source-Bewegung für null Euro gibt. 

Da hilft nur, die Ruhe zu bewahren und bewährte Techniken weiterzuentwickeln: Kritiker wie Befürworter zu Wort kommen lassen, langsam verhandeln – das geordnete demokratische Verfahren besänftigt. Auch auf der Titanic wäre Panik kontraproduktiv gewesen. Und es ist hilfreich, genau hinzusehen: Zwischen uninspirierter Copy-Paste-Kultur und aktivistischem Losbrechen von völlig Unabsehbarem gibt es eine Zone, in der sich alte und neue Spielregeln finden lassen. Im Grunde ist dieser Alt-Neu-Mix das ewige Geschäft der Ökonomie. In diesem Punkt schlägt Jaron Lanier vor, ein Lager zu bilden, bei dem Neoliberale, aber auch radikale Linke ein Stück ihrer Welt aufgeben. 

Allerdings muss klar sein, was wirklich neu und was schon vorhanden ist. In heiklen Zeiten verbietet sich Marktschreierei eigentlich, da die Gemüter ohnehin erhitzt sind. Taxifahrer, Bauarbeiter und andere Gewerbe merken unlängst, dass ihr Busch trockene Blätter streut. Wäre es da nicht besser, die unter dem Titel „Arbeiten 4.0“ zusammengeführten und inzwischen gut eingeführten Tools und Modelle wie Social media, Crowd-Finances, Mobile Recruiting und Co. nüchtern als wertvolle Boote in aufgewühlter See zu besprechen, statt die Alternativlos-Phrase zu dreschen? Und würde die Tatsache, dass wir jetzt schon viele hilfreiche Ressourcen haben, mit denen wir arbeiten können, nicht beruhigend wirken? Wir wissen ja mit Gerald Hüther: Ohne Lust und Spaß kommt der Mensch nicht so recht vorwärts. 

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