Rezension: Der Ökonom als Menschenfeind?

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Foto von bruce mars

Der Misanthropie im eigenen Unternehmen nachspüren

Wer als Personalverantwortlicher in seinem Unternehmen erwägen möchte, wie misanthropisch seine Leitung oder Beschäftigte eingestellt sind, der kann gemäß der von Sebastian Thiemes Aufstellung weiterführender Forschungsfragen zum Gegenstand diese Aspekte beleuchten:

>> Misanthropie beruht auf Abstraktion und Verdinglichung.
     Wie hoch ist der Grad der Abstraktion von Menschen in unseren
     Leitlinien, unserer Personalpolicy oder HR-Tools?
>> Wie stark herrscht in unserer Leitung die Idee der natürlichen Auslese vor?
>> Welche unserer Wertprämissen beruhen auf dem Konzept der Ungleichwertigkeit?
>> Womit können wir der Misanthropie – wenn vorhanden –
      im Zeichen des Unternehmenserfolges den Boden entziehen?  

Das Märchen von der Wettbewerbsfähigkeit

Nützlich ist ebenfalls Sebastian Thiemes Hinweis darauf, dass die landläufige naturalistische Darstellung von Wettbewerb im Zeichen der Profitmaximierung lediglich dazu dient, jeglicher Begriffs- und Konzeptdebatte den Boden zu entziehen. Nichts soll daran rühren, dass die Marktwirtschaft mit der existentiellen Bedrohung als Anreiz kalkuliert.

Wie krude diese Strategie ist, legt der Autor mit folgender Argumentation offen: Die Wettbewerbsfähigkeit des Einzelnen bestimmt über seinen Fortbestand und ist eine Grundkonstante der Marktwirtschaft. Doch zeigt sich diese Fähigkeit erst im Nachhinein, wenn der Kontrahent nämlich in einem Wettkampf überlebt hat. Mit nichts ist der Ausgang der Kämpfe prognostizierbar. Thiemes Aussagen weitergedacht bedeuten: In einer sich ständig wandelnden Welt, voll von Innovationen und dem Bedarf an immer weiteren, erhöht sich die Dichte der Kämpfe, wenn Innovation nicht durch Kollaboration  geschieht oder auf diese abzielt. Immer weniger können es sich Wirtschaftssubjekte leisten, gespannt auf den Ausgang von personaltechnischen Hahnenkämpfen zu warten. Sie brauchen eine ganz andere Planungssicherheit. Und sie dürfen sich Informationsquellen nicht durch Konflikte verstellen. Feinde von heute können attraktive Partner von morgen sein. Wichtig ist, was man miteinander vor hat. Die Zeichen stehen damit auf Kooperation; der renommierte Managementexperte Peter Drucker hatte dies im letzten Jahr längst prognostiziert. Seine Aussagen müssen nun auch auf Beschäftigte und nicht nur auf Manager bezogen werden.

Besonders wertvoll wird die Lektüre des besprochenen Buches, weil Sebastian Thieme im Text und in der angefügten Literaturliste auf alternative Wirtschaftskonzepte verweist, die schon längst in manchen Teilen der Wirtschaft greifen; darunter zum Beispiel „safety-first“. (Als spannend erscheint auch Thiemes laufende Forschung zur Subsistenz. (Weitere Informationen unter www.mem-wirtschaftsethik.de.)

Misanthropie? Völlig normal! Wo ist die Frage?

Anlass zu Recherche und Schrift fand Dr. Sebastian Thieme unter anderem in der Debatte zur Hartz-Reform. Er stellte an den Äußerungen verschiedener Ökonomen fest, dass eine ökonomistische Einstellung offenbar die systematische Abwertung von Menschen begünstige. Vielmehr noch: Die Redner erschienen im Sinne der aktuellen Mode in der Volks- und Betriebswissenschaftslehre als vernünftig. Den Autor überraschte, dass die Hartz-Auseinandersetzung kaum Nachhall in der Diskussion der Wirtschaftswissenschaft fand. Warum sich dies so verhält, ergibt sich dem Leser aus der Lektüre des Thiemschen Parforce-Ritts auf knapp 90 Seiten: Die misanthropische Haltung ist in weiten Teilen der Wirtschaft derart selbstverständlich, dass sie schlicht jeglicher Debatte entbehrt. Die katholische Kirche diskutiert ja auch nicht, dass sie an Gott glaubt.  

Sebastian Thieme zeigt seinen Lesern anhand historischer Ökonomiebestseller seit 1650 und dem laufenden Wissenschaftsbetrieb, wie mit wissenschaftlicher Autorität Vorbehalte gegenüber Menschen in ihre erfahrbare Lebenswirklichkeit hinein dekliniert werden. Im Rückgriff auf die Erkenntnisse des Konflikt- und Sozialforschers Wilhelm Heitmeyers erklärt Sebastian Thieme, dass dies auf der Grundlage einer inzwischen breit durch die Ökonomisierung des Lebens akzeptierten Ideologie der Ungleichwertigkeit geschieht. Dadurch steht die misanthropische Sicht auf Menschen, Erwerbstätige und Unternehmer in einer Reihe mit Homophobie, Antisemitismus oder Islamophobie; um nur einiges zu nennen. 

Muff aus 400 Jahren für das
Selbstverständnis des modernen Menschen

Misanthropie wurzelt geschichtlich gesehen in den Anfängen der klassischen Ökonomik. Deren Autoren, Vertreter und Werke thematisieren vor allen Dingen Misstrauen und Müßiggang. Der Autor erinnert uns daran, dass Ökonomen ab 1700 den sozial Schwächeren für seine missliche Lage selbst verantwortlich machten; unter Verweis auf Gottes Gesetze und Willen. Der renommierte Philosoph John Locke sah zum Beispiel in der Arbeit einen Schutz „vor der Krankheit der Faulheit“. Thiemes Buch berichtet uns auch von den Iden eines Thomas Robert Malthus. Der Ökonom forderte die Dezimierung der Armen. Er schrieb in 1803 über das Elend als Naturgesetz: “Ein Mensch, der in einer schon in Besitz genommene Welt geboren wird, hat keinen Rechtsanspruch auf die kleinste Menge von Nahrung und hat in der Tat kein Recht, zu sein, wo er ist, falls er nicht von seinen Eltern, gegen die er einen rechtmäßigen Anspruch hat, Unterhalt erlangen kann, und falls die Gesellschaft Arbeitskraft braucht.” (Essay on the Principle of Population). Bis weit in das 20. Jahrhundert hinein zählt Sebastian Thieme weitere folgenschwere Verankerungen von in der Grundsache menschenverachtender Philosophie auf; darunter auch sexistische Sätze über Arbeiterinnen von Max Weber aus 1920.

Ein ungebrochen beliebter Topoi ist die Armut als Bremse für gesellschaftlichen Fortschritt. Konkret: Die vielen Sozialschwachen fressen Gelder, die für die Entwicklung höherwertiger Individuen und Systeme gebraucht werden. Gleichzeitig fungiert Armut als Geißel, mit der Sozialschwache zur Arbeit gezwungen werden. Künftige soziale Innovationen müssten erkennen, dass analog zum Wirtschaftswunder in Deutschland die Entwicklung in der weltweiten Entwicklung ALLER Menschen liegt. 

Die Misanthropie hat in allen Jahrhunderte stets dieselbe Wurzel: Immer werden aus Menschen Dinge, Gegenstände und zu managende Zustände gemacht. Es ist in der Konflikt- und Gewaltforschung ein Stehsatz, dass eine Bemeisterung von Menschen mit ihrer Gesichtslosigkeit arbeitet. 

„Wer verfolgt, wie sich Ökonomen in der Öffentlichkeit zu sozialpolitischen Themen äußern, steht häufig unter dem Eindruck, dass so etwas wie die Selbsterhaltung des menschlichen Individuums, die Menschenwürde und so weiter in der Ökonomik allenfalls eine untergeordnete Rolle spielen“, schreibt Dr. Sebastian Thieme in der Einleitung zu seiner Streitschrift „Der Ökonom als Menschenfeind“. Der Autor ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum für Ökonomische und Soziologische Studien (ZÖSS) der Universität Hamburg. In seinem Werk legt er Zusammenhänge zwischen Ökonomik und Misanthropie offen, indem er dem Phänomen sowie seiner Entstehung durch den Lauf der letzten 450 Jahre nachspürt und aktuelle Zeitereignisse auswertet. Thieme kommt der Verdienst zu, sich mit seiner Themenstellung eines sensiblen und konfliktträchtigen Gegenstandes angenähert und Neuland betreten zu haben, weil er auf fast keinen Forschungsstand zurückgreifen konnte. Er spricht aus, was viele nur denken. 

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