Peter Kruse erliegt mit 60 Jahren einem Herzversagen. Wie gehen wir mit unseren Toten um?

three people sitting in front of table laughing together
Foto von Brooke Cagle

Der Schwarm schwimmt weiter

Die digitalen Medien-Reaktionen auf Kruses Tod zeigen etwas, das Schirrmacher über die sozialen Implikationen des Digitalen hatte sagen wollen und Kruse ereilt es nun: Über 1.000 Zeichen inklusive Leeranschläge veröffentlicht die Firma Kruses. Darin reflektieren die Firmenchefs Andreas Greve und Frank Schomburg vor allem, dass der Forscher geplantes „Großes“ nicht mehr vollbringen kann. Die Online-Version der „Zeit“ bringt es auf über 1.400 Anschläge.

Mitgeteilt werden jeweils Tod, Bestürzung und Bedeutung. Die Texte selbst könnten abzüglich weniger prägnanter Ausdrücke wie zum Beispiel „Netzkultur-Guru“ bei jeder anderen Person auch angebracht werden. Das ist die nüchterne Faktenlage. Fakt ist auch, dass so manch unpopulär Verstorbener besser bedacht wird als Kruse. Das zeigt ein Blick in diverse Trauerseiten diverser großen und kleinen Zeitungen. So positiv Kruse das Mittel des Digitalen sah – nämlich zur Unterstützung von Entwicklungen, wie „gute Menschen sie immer gewollt“ haben (Zitat aus einem Video-Dialog mit Thomas Sattelberger | Youtube) – so negativ gestalten sich am Einzelbeispiel seines Todes die sozialen Effekte: Der mit sich selbst um Quoten, Leads und Feedback kämpfende Internetbusinessmob tobt am 1. Juni vorbei, und gäbe es von Kruse nicht derart viel Material, er würde bald vergessen sein.

Nachtrag vom 8. Juni:

Auch Haufe hat Peter Kruse nun einen Nachruf gewidmet. Der Chefredakteur des Magazins „wirtschaft & weiterbildung“ Martin Pichler geht insbesondere auf eine der größten Innovationen Kruses ein; das Interviewtool „Nextexpertizer“.

Nachruf lesen: http://bit.ly/1IpoI2i

Navigator zwischen Psyche und Systemzwängen

Peter Kruse wurde in Osnabrück am 30. Januar 1955 geboren und einer breiten Öffentlichkeit endgültig bekannt, als die Frankfurter Allgemeine Zeitung den Netzwerkforscher, Organisationspsychologen und Unternehmensberater in 2010 mit einem Portrait abfertigte; als Antwort darauf, dass Peter Kruse in der Süddeutschen Zeitung den internetkritischen Bestseller „Payback“ von Frank Schirrmacher kritisch hinterfragt hatte. Der Bremer bescheinigte dem Herausgeber damals, zu einseitig recherchiert und dargestellt zu haben. Verschiedene Internet-Befürworter griffen Kruses Wortwahl in ihren Kritiken zum Buch auf. Es ist möglicherweise auch diese unter aufmerksamen und engagierten Debattanten übliche Episode, welche die Wochenzeitung „Die Zeit“ dazu bewog, in ihrem aktuellen Nachruf auf den Tod Peter Kruses am letzten Montag (01. Juni.) zu titeln: „Netzwerkforscher: Internetvordenker Peter Kruse ist tot“.

Internetvordenker kann mit etwas Medienexpertise heutzutage so mancher werden. Was Kruse auszeichnete und Menschen ihm Aufmerksamkeit schenken ließ, war seine Persönlichkeit. Gerade auf den Punkt, absolut autonom im Denken und Argumentieren, ein Mann mit Rückgrat, ruhig und zuhörend, vergleichsweise wenig Standesdünkel. Es ging Kruse um die Sache. Dabei ging er in seiner Biographie vom Kleinsten ins Größte. Der Niedersachse studierte zwischen 1976 und 1981 Psychologie, Humanmedizin und Biologie. Bis in die 1990er Jahre beschäftigte er sich wesentlich mit Ordnungsbildungsprozessen im menschlichen Gehirn. Diese forschende Verbindung ins Organische, ins Biologische ließ den Beobachter nah an seinen Forschungsobjekten bleiben. Ihm gelang es, weiche und harte Umweltfaktoren stets zusammen zu sehen. Er war nicht zu viel Idealist, kein zu großer Pessimist – er war Realist mit einem Herz am rechten Fleck.

In 1995 machte sich Peter Kruse als Unternehmensberater selbständig. Dass er eigenständig arbeitete und Veränderungen in der Gesellschaft zu erwirken suchte, machte ihn für viele Experten und Manager sowie Wissenschaftler zu einem wertvollen Gesprächspartner. In 2001 gründete er die nextpractice GmbH, womit er sich stark in die Trend- und Zukunftsforschung einbrachte. Innerhalb von vierzehn Jahren arbeiteten er und sein Team zusammen mit dem Global-Marshall-Plan, der Bertelsmannstiftung, dem Ökosozialen Forum Europa und der Enquete Kommission für Internet und digitale Gesellschaft des Deutschen Bundestages zusammen. Zuletzt erstellte er für das Bundesarbeitsministerium eine Studie über die Qualität von Führung.   
 
Diese Meinungssätze von Kruse zeigen ihn als den
gebildeten Querdenker und pointierten Beobachter, der er war:

>>„Der Turmbau zu Babel droht diesmal nicht an verschiedenen Sprachen zu scheitern,
sondern an der Unfähigkeit zur Aushandlung geteilter Bedeutungssphären.“

>> „Im Bereich der Kreativiät brauchen wir Netzwerke, für die Umsetzung brauchen wir Hierarchien.“

>> „Die Logik der Netze arbeitet gegen eine ideologische Vereinnahmung.“

>> „Wo immer Sie in einem System die Vernetzungsdichte erhöhen, haben Sie immer einen Nebeneffekt; und zwar erhöhen Sie die Nicht-Linearität im System. Und über eine Erhöhung der Nicht-Linearität haben Sie eine Explosion der Komplexität und Dynamik im System. […] Versuchen Sie mal, mit einem so genannten Chaospendel eine Zielvereinbarung auszumachen. In diesen Systemen geht Vorhersagekraft deutlich zurück.“

>> „Die klassischen Machtstrukturen geraten ins Wanken. Und insofern wird uns das Thema Macht heftigst begleiten. Man redet immer dann über etwas, wenn es in irgendeiner Form editiert wird. Und das genau wird hier passieren.“

>> „Die Führungswelt läuft in etwas hinein, was man durchaus als Komplexitätsfalle bezeichnen könnte. […] Wenn man sich für etwas entscheidet, hat man eine gigantische Rückwirkung in den Netzwerken. Die Grundlage für das, was wir entscheiden wird immer vager und schwieriger.“

Was Hornstein dachte und laut sagte

Es war Elisabeth Hornstein, die zwölf Monate vor ihrem eigenen Tod in einem Telefonat mit unserer Redaktion sagte, wie bestürzt sie darüber sei, dass einfühlsame und tiefgehende Nachrufe und Reaktionen auf den Tod ihres Businesspartners Dr. Lutz von Rosenstiel in HR-Branche, Wissenschaft und Medienwelt zum Großteil ausblieben. Von einem Angebot, ihrer Trauer Ausdruck durch einen Beitrag zu geben, sah sie ab. Sie wolle sich nicht weiteren Enttäuschungen aussetzen und in Stille von ihrem Freund Abschied nehmen. Elisabeth von Hornstein ging es im Telefonat um diese Frage: Wie gehen wir mit unseren Toten um?

Menschen wie Peter Kruse waren für die Gesellschaft da. Sie haben Interviews, Videos, Bücher und Radiobeiträge abgeliefert. Es reicht nicht, nun den Content zu managen. Das Internet war Kruses Welt, nun ist sie sein Friedhof; denn der Mann ist abgetreten. Für alle, die mit Kruses Werk weiterarbeiten wollen: Nur, was Bedeutung erlangt, wird den Menschen bilden und ihm bleiben, ihn leiten; die Hirnforschung lässt grüßen. Was bedeutet also das Werk Peter Kruses?

Anmerkung: Dieser Beitrag umfasst über 8.200 Zeichen – so viel wie zum Beispiel Wolters Kluwers „Personalwirtschaft“ für wichtige Themen und Reportagen investiert. Und eigentlich hätten heute andere Texte geschrieben werden müssen. Für uns ist Kruse kein “Netzwerkknoten, der sich auflöst und an dessen Stelle sich das Netz neu verknüpft.” (Futuristisches Zitat aus der Schwarmcommunity). Er war Mensch. Und als solchen verabschieden wir ihn. Angehörigen, die dies lesen sollten, drücken wir unser Mitgefühl aus.   
 

SERVICE: Peter Kruse hören, sehen und lesen

Europas 500 HR-Pioniere: Kurzportrait
Mit Kruse lachen: Führungskabarett – Video
Gedankentennis mit Sattelberger: Dialog-Video
Kruse-Zitate: Wikiquote
 
Foto: de.wikiquote.org

Es gibt wenige Menschen, die in den nächsten 20 Jahren die weiter schwellende gesellschaftliche Orientierungslosigkeit im neuen digitalen Lebensraum mit einer Lebenserfahrung begleiten können, die bis zu den Attentaten der Roten-Armee-Fraktion, Live-TV-Bildern vom Mauerfall oder dem Zusammenbruch des alten Ostblocks zurückgeht. Diese Lebenserfahrung müsste sich außerdem mit einem echten Interesse an den Zuständen verbinden; und nicht wie zeitgenössisch in Mode gekommen mit einem rein ökonomischen Zweck. Wer setzt also das Werk von Prof. Dr. Lutz von Rosenstiel, Dr. Elisabeth von Hornstein und seit dem 1. Juni 2015 nun auch Prof. Dr. Peter Kruse fort? Wer hat Erfahrungen damit, woher die deutsche Gesellschaft kommt und wie die Zukunft für eine globale Gesellschaft vernünftigerweise und damit auf psychologisches Wissen gegründet gestaltet sein könnte? Das ist keine Recruitingfrage. Die Frage lautet im Subtext auch nicht: Wer besitzt den Ehrgeiz, an den Platz von Kruse zu treten? Die Frage lautet: Wer besitzt das Zeug, die Gewissenhaftigkeit und die Begabung dafür?

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