Arbeitssucht. Wie Führungskräfte helfen können

selective focus photography of people sitting on chairs while writing on notebooks
Foto von The Climate Reality Project

Definitionen

Arbeitssucht ist kein Phänomen unserer Tage. Dennoch hat sich der Begriff der Arbeitssucht im deutschsprachigen Raum erst seit den 80er Jahren etabliert. Er ist nicht eindeutig definiert. So beschreibt der Forscher W. Oates Arbeitssucht als exzessives Bedürfnis nach Arbeit, das zu auffälligen Störungen, zu einer Beeinträchtigung der Gesundheit, der persönlichen Zufriedenheit sowie der zwischenmenschlichen Beziehungen führt. Von einem Missbrauch der Droge Arbeit kann zum Beispiel dann gesprochen werden, wenn die betroffene Person:

  • ein unbezwingbares Verlangen nach Arbeit verspürt,
  • eine Tendenz zur Dosissteigerung zeigt (immer mehr, immer länger Arbeiten),
  • eine psychische und meist auch physische Abhängigkeit von der Wirkung der Droge entwickelt und
  • sich selbst und/oder die Gesellschaft dadurch schädigt.

Die Anonymen Arbeitssüchtigen (AAS) haben ein etwas weiter gefasstes Verständnis von Arbeitssucht. Sie gehen davon aus, dass „Arbeitssucht nicht nur das zwanghafte Zuvielarbeiten beinhaltet, sondern auch das Gegenteil, die Arbeitsvermeidung und das Aufschieben von Arbeit aus Angst vor Misserfolgen oder Perfektionismus.“

Als eigenes Krankheitsbild oder diagnostische Kategorie ist die Arbeitssucht bislang nicht anerkannt. Ein Arzt kann die Störung – ebenso wie viele andere stoffungebundene Süchte – nur in Kombination mit anderen klassifizierten Störungen diagnostizieren. Bestimmte Symptome lassen jedoch auf eine Arbeitssucht schließen.

Symptome

Die Grenzen zwischen einem normalen leistungsorientierten Verhalten und einer Arbeitssucht sind fließend. Deshalb ist es nicht leicht einen „Vielarbeiter“ von einem „Arbeitsüchtigen“ zu unterscheiden. Nicht die Zahl der Arbeitsstunden ist entscheidend, sondern die Einstellung der Betroffenen zur Arbeit und deren Auswirkungen auf die psychische Gesundheit. Folgende Fragen helfen den Betroffenen dabei, zu klären, ob Sie gefährdet sind:

  • Haben Sie Angst vor der Arbeit und brauchen Sie lange, um endlich anzufangen?
  • Nehmen Sie sich viel zu viel vor und arbeiten bis zur völligen Erschöpfung?
  • Beurteilen Sie sich selbst und ihren Tag fast ausschließlich nach der Menge der geleisteten – aber mehr noch der nicht geleisteten – Arbeit?
  • Können Sie zwischen Freizeit und Arbeitszeit nicht trennen und denken auch in der Freizeit dauernd an die Arbeit (und umgekehrt)?
  • Glauben Sie, „erst etwas leisten” zu müssen und sich Ihr Lebensrecht durch Arbeit beweisen zu müssen?

    Quelle: www.arbeitssucht.de

Der Psychologe Stefan Poppelreuter hat darüber hinaus festgestellt, dass „bei Arbeitssüchtigen häufig eine zwanghaft-perfektionistische Grundeinstellung vorzufinden ist“. Die Arbeit müsse nach bestimmten Regeln ablaufen, an deren Qualität stelle der Betroffene hohe Anforderungen – unabhängig von der Bedeutung der Aufgabe. „Die Unfähigkeit, unwichtige von wichtigen Aufgaben zu unterscheiden zu können, und das Unvermögen, Aufgaben zu delegieren, kennzeichnen den Arbeitssüchtigen ebenfalls.“

Phasen der Sucht

Den Verlauf der Arbeitssucht teilt der Autor Rainer Schwochow in drei Phasen ein. In der Einleitungsphasebeginnt der Betroffene zunehmend Arbeit mit nach Hause zu nehmen. Er fühlt sich leistungsfähig und voller Tatendrang. Die Ergebnisse der eigenen Arbeit genießt er sehr. Diese Hochgefühle und die dadurch ausgelöste Befriedigung sind jedoch von immer kürzerer Dauer. Gleichzeitig haben die Betroffenen immer weniger Zeit für ihre Mitmenschen. Die ersten Beschwerden stellen sich ein, wie zum Beispiel Erschöpfung, Depression, Ängste und Konzentrationsschwierigkeiten.

In der kritischen Phasenehmen die Beschwerden häufig zu. Die Workaholics verhalten sich ihren Kollegen gegenüber aggressiv. Sie fangen an, Arbeit wie ein Suchtmittel zu horten oder diese vor sich her zu schieben. Sie erkennen häufig, dass sie ihre Einstellung zur Arbeit ändern müssen, können diesen Vorsatz jedoch nicht halten. In der chronischen Phase der Arbeitssucht arbeiten die Betroffenen oft pausenlos. Viele greifen zu Aufputschmitteln, Alkohol und Zigaretten. Schwere körperliche und seelische Erkrankungen sind die Folgen einer solchen andauernden Belastung. Wie jeder Süchtige strebt ein Workaholic nach einem bestimmten Erlebniszustand, den er um jeden Preis erreichen möchte.

Damit schadet er nicht nur sich selbst, sondern häufig auch seinen Angehörigen und seinem Arbeitgeber. Denn aufgrund der Dauerbelastung nimmt die Leistungsfähigkeit von Arbeitssüchtigen mit der Zeit ab. Sie verlieren ihre Freude an der Arbeit und an den beruflichen Kontakten, leiden unter Erschöpfungszuständen, ihnen unterlaufen Fehler. Der Verlierer ist somit nicht nur der Betroffene, sondern auch sein Unternehmen.

Rolle der Führungskräfte

In vielen Unternehmen bleibt Arbeitssucht unerkannt. Wer viel arbeitet, gilt als tüchtig, nicht als süchtig. Deshalb sollten Unternehmen ihre Führungskräfte für das Thema sensibilisieren. Die Vorgesetzten können eine Arbeitsatmosphäre schaffen, die Leistung zwar belohnt, aber gesundheitsschädigendes Arbeiten ablehnt. In Gesprächen mit den Mitarbeitern sollten sie die Bedeutung von Work-Life-Balance betonen und bei Bedarf entsprechende Initiativen anregen und unterstützen.

Wenn Vorgesetzte den Eindruck haben, dass ein Mitarbeiter arbeitssüchtig sein könnte, sollten sie das Gespräch mit ihm suchen. Eventuell können sie sein Problembewusstsein schärfen und ihn auf Hilfsangebote – zum Beispiel Arbeitspsychologen und Selbsthilfegruppen – aufmerksam machen. Wirklich helfen können sich die Betroffenen jedoch nur selbst, indem sie ihre Sucht erkennen und die Bereitschaft entwickeln, ihre Verhaltensmuster zu durchbrechen.

Webtipps:

Die Anonymen Arbeitssüchtigen (AAS) treffen sich in Wien, Krems, Herzogenburg und Lilienfeld.

Das österreichweite Kontakttelefon hat die Nummer: 0664-8745330.

www.arbeitssucht.de

Literaturtipps:

Massenphänomen Arbeitssucht.

Historische Hintergründe und aktuelle Bedeutung einer neuen Volkskrankheit.

Von Holger Heide.

Atlantik Verlag 2002.

Arbeitssucht.

Von Stefan Poppelreuter.

Beltz Verlag 1997.

Quelle: personal manager 1/2005

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