Remote-Arbeit ist längst nicht mehr Ausnahme, sondern gelebte Normalität. Doch während Unternehmen technisch schnell umgestiegen sind, hinken Führungskultur und persönliche Führungskompetenzen häufig hinterher. Viele Führungskräfte erleben Remote-Führung noch immer als Herausforderung: fehlende Nähe, eingeschränkte Wahrnehmung, sinkende Teamdynamik, Unsicherheit über Erwartungen oder mangelnde emotionale Verbindung.
In einer neuen Episode der HRM Hacks spricht Gastgeber Alexander R. Petsch mit Rebekka Illgner, Führungsexpertin, Teamleiterin seit ihrem 28. Lebensjahr, Weiterbildungsenthusiastin und Podcasterin – live zugeschaltet aus Vietnam. Ihr Thema: „Hacks zum sicheren Umgang in der Remote-Teamführung“.
Der folgende Beitrag fasst die wichtigsten Erkenntnisse, Tipps und Hacks zusammen – praxisnah, inspirierend und direkt anwendbar.
Remote Teamführung beginnt bei dir selbst
Viele Führungskräfte empfinden Remote-Führung als schwierig, weil sie das Gefühl haben, weniger Kontrolle zu besitzen. Doch laut Rebekka Illgner liegt der Kern woanders: Unsicherheit entsteht vor allem dann, wenn die Führungskraft sich selbst nicht gut genug kennt.
Selbstreflexion als Fundament wirksamer Remote Teamführung
Bevor du dein Remote-Team führen kannst, musst du:
- deine eigenen Trigger kennen
- wissen, welche Bedürfnisse und Werte dein Verhalten steuern
- deine persönliche Erwartungshaltung klären
- reflektieren, wie du mit Emotionen – deinen und denen anderer – umgehst
Rebekka betont:
„Ob remote oder im Büro – unsichere Führung bleibt unsichere Führung. Remote verstärkt nur, was ohnehin unsicher ist.“
Die Selbstkenntnis hilft nicht nur dir, sondern beeinflusst unmittelbar die Teambeziehung. Denn wenn du deine eigenen emotionalen Muster erkennst, kannst du souveräner reagieren, anstatt von Emotionen gesteuert zu werden.
Emotionale Intelligenz: Die Schlüsselkompetenz der modernen Führungskraft
Einer der roten Fäden im Gespräch ist der Wert von emotionaler Intelligenz (EI). Sie ist laut Rebekka entscheidend für authentische, gesunde und nachhaltige Führung – vor allem im Remote-Kontext.
Warum emotionale Intelligenz im Remote wichtiger denn je ist
Im virtuellen Miteinander fehlen:
- informelle Signale
- spontane Begegnungen
- Körpersprache in voller Intensität
- energetische Präsenz eines Menschen
Daher sind Führungskräfte stärker darauf angewiesen, auf subtile Hinweise zu achten. Emotionen laufen digital anders – aber sie sind dennoch klar spürbar, besonders für empathische Menschen.
Rebekkas Hinweis ist wichtig:
Empathie ist keine Schwäche. Und sie ist nicht gleichbedeutend mit Harmoniesucht.
Man kann empathisch UND klar sein. Empathisch UND konsequent.
Sie unterscheidet zwei Formen von Empathie:
- Affektive Empathie – Gefühle anderer körperlich spüren
- Kognitive Empathie – Verhalten und Emotionen logisch verstehen
Für Führungskräfte reicht kognitive Empathie oft schon aus, um Verhalten richtig einzuordnen:
- Ärger = Hindernis blockiert Zielerreichung
- Rückzug = Überforderung oder Verletzlichkeit
- Widerstand = Angst vor Fehlern oder Bewertung
Wer Emotionen als Informationsquelle versteht statt als Störfaktor, führt deutlich stabiler.
Klare Prozesse – denn Struktur schafft Sicherheit
Ein überraschend wichtiger Punkt im Gespräch:
Viele Teamkonflikte entstehen nicht aus persönlichen Differenzen, sondern aus fehlender Struktur.
Warum klare Prozesse essenziell sind
Menschen brauchen:
- Orientierung
- Zuständigkeiten
- Transparenz
- nachvollziehbare Abläufe
- definierte Deadlines
- ein geregeltes Erwartungsmanagement
Besonders remote verstärken unklare Prozesse Unsicherheit.
Wenn Mitarbeitende ständig Rückfragen stellen, ist das häufig kein Kompetenzproblem, sondern ein Strukturproblem.
Rebekkas Tipp:
„Schaffe einen klaren Rahmen für die Zusammenarbeit – das entspannt alle.“
Erwartungshaltung kommunizieren – aber richtig
Viele Führungskräfte wissen laut Rebekka gar nicht genau, was sie vom Team erwarten. Sie merken nur, wenn sie unzufrieden sind.
Stattdessen empfiehlt sie:
1. Vom Unternehmensziel ausgehen
Welche Rolle spielt dein Team im großen Ganzen?
2. Teamziel definieren
Was muss das Team konkret beitragen?
3. Aufgaben und Zuständigkeiten ableiten
Wer liefert welchen Wert?
4. Persönliche Erwartungshaltung formulieren
Wie möchtest du zusammenarbeiten?
5. Team aktiv einbeziehen
Welche Erwartungen hat das Team an die Führungskraft?
So entsteht ein gemeinsames Verständnis – und damit weniger Konflikte, weniger Unsicherheit, mehr Verantwortung.
Authentizität: Bleib du selbst – sonst hältst du Führung nicht aus
Ein besonders wichtiger Punkt:
Führung geht nicht langfristig, wenn du dich verstellen musst.
Wenn du:
- etwas vertreten sollst, das gegen deine Werte geht
- unehrlich oder manipulativ handeln sollst
- dich in einem Stil bewegen sollst, der nicht zu dir passt
brennst du aus.
Alexander Petsch bringt ein klares Beispiel aus der Praxis:
Er sagt neuen Teammitgliedern immer direkt, dass er mit Kritik gut umgehen kann – aber Lügen sind ein No-Go.
Transparenz, Echtheit und Klarheit schaffen Vertrauen – egal ob im Büro oder remote.
Delegation statt Übernahme – lass dein Team denken
Ein Klassiker unter den Führungsfehlern:
Führungskräfte lösen die Probleme ihrer Mitarbeitenden.
Das Ergebnis:
- Überlastung der Führungskraft
- sinkende Eigenverantwortung im Team
- steigende Abhängigkeit
- Verlust von Entwicklungschancen
Der Hack ist so einfach wie kraftvoll:
„Wenn jemand mit einem Problem kommt – frag zuerst: Welche Lösungen siehst du?“
„Komm bitte mit drei Ideen zurück.“
Mitarbeitende sind erwachsene Menschen.
Sie werden bezahlt, um mitzudenken – nicht, um Fragen nach oben durchzureichen.
Verbindung halten: Remote heißt nicht unsichtbar
Einer der wichtigsten Hacks für Remote-Führung:
Bleib in Beziehung. Bewusst und regelmäßig.
Viele Führungskräfte vergessen Menschen, die sie nicht sehen. Das ist gefährlich.
Praktische Tipps:
- Regelmäßige kurze 1:1-Check-ins
- Nicht nur Aufgaben abfragen – auch fragen: „Wie läuft’s bei dir?“
- Wertschätzung aktiv aussprechen
- Notizen anlegen, um niemanden zu vergessen
- Feste Teamrituale und Meeting-Strukturen
- Meetings nicht verschieben – Verlässlichkeit ist Wertschätzung
Menschen wollen gesehen werden.
Im virtuellen Raum gilt das doppelt.
Remote oder nicht – Menschen handeln immer aus guter Intention
Ein großartiges Schlusswort von Rebekka Illgner:
„Menschen handeln immer aus einer für sich guten Intention.“
Wer das versteht, führt entspannter, gelassener und fairer.
Es bedeutet:
- Niemand ist „schwierig“ ohne Grund
- Verhalten ist immer der Versuch, ein Bedürfnis zu erfüllen
- Vertrauen und Verständnis schaffen bessere Ergebnisse als Druck und Härte
Remote-Führung ist also letztlich keine technische Disziplin – sondern eine menschliche.
Fazit: Remote Teams erfolgreich führen – die wichtigsten Hacks im Überblick
1. Kenne dich selbst
Trigger, Werte, Bedürfnisse, Emotionen.
2. Baue emotionale Intelligenz aus
Verstehen statt reagieren.
3. Sorge für klare Strukturen
Abläufe, Rollen, Deadlines.
4. Kommuniziere Erwartungen – transparent und gemeinsam
Vom Unternehmensziel bis zum individuellen Beitrag.
5. Bleib du selbst
Verstellen macht krank und schwächt Führung.
6. Übernimm keine Aufgaben deiner Mitarbeitenden
Sorge für Eigenverantwortung.
7. Halte aktiv Verbindung zu deinem Remote-Team
Regelmäßig, persönlich, wertschätzend.
8. Menschen handeln nicht gegen dich – sondern für sich
Diese Haltung entschärft 90 % aller Konflikte.














