SERIE | PAUL WATZLAWICK LESEN: Umdeutung als Alltagsweisheit (8)

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Foto von Jonathan Borba

// Die Serie //

Die vorherigen Teile zum Nachlesen:

Teil 7: Sich selbst erfüllende Prophezeiungen

Teil 6: “Wer als Werkzeug nur einen Hammer hat, sieht in jedem Problem einen Nagel

Teil 5: Die Suche war der einzige Grund des bisherigen Nichtfindens. 

Teil 4: „Jede Kommunikation hat einen Inhalts- und Beziehungsaspekt“ 

Teil 3: Auf Befehl etwas spontan zu tun ist ebenso unmöglich wie etwas vorsätzlich zu vergessen oder absichtlich tiefer zu schlafen.

Teil 2: Der Versuch, eine Lücke zu schließen, ist das Problem. 

Teil 1: „Man kann nicht nicht kommunizieren“ 

 

Ist das Leben gar nicht so, wie wir denken; schwer und mühsam? Ist es vielleicht viel einfacher? Könnten wir nicht Tatsachen so deuten, wie wir sie gerne hätten? Wir würden dann faktische Gegebenheiten beliebig betrachten können und ihnen dadurch verschiedene Bedeutungen zuweisen. Bildlich gesprochen gäben wir Ereignissen neue Rahmen. Und diese Rahmen drehen am Bedeutungsgehalt. Hier die überraschende Antwort: Sie werden staunen, wie oft Sie genau das bereits tagtäglich machen, auch wenn Sie glauben, etwas anderes zu tun.

Und das geht so: Wir nehmen die Dinge in unserer Umwelt gefiltert wahr und zwar ganz individuell. Derlei Wahrnehmungsfilter sind zum Beispiel Tilgungen, Verzerrungen und Generalisierungen.  

Wie kommen solche Filter zustande? Durch unserer Erwartungshaltungen und Glaubenssätze bilden wir meist ein spezielles Muster, denen zufolge wir Ereignisse in unserer individuellen Weise wahrnehmen und interpretieren. Beim Umdeuten – auch „Reframen“ in der Fachsprache genannt – wechselt der Interpretierende also von einem Muster zu einem anderen. Kritiker werden an dieser Stelle einwenden, dass sich Sachverhalte natürlich auch „schönreden“ lassen, sie sich aber deshalb nicht verändern. Zugegeben: Die Ereignisse sind im Auftreten und im Moment der Interpretation die gleichen, aber jeder Mensch entscheidet selbst, durch welche „Brille“ er die von allen Menschen sichtbare Welt sehen möchte.

Umdeutung beherrscht übrigens wirklich jeder Mensch. Alltagsbeispiele dafür sind eine humorvolle Betrachtung an sich gar nicht so lustiger Situationen oder ein bewusst positives Denken in schwierigen Lebenslagen. Und um an dieser Stelle einen alten Hut dankbar aufzunehmen: Jeder von uns weiß, dass er ein Glas als halb leer oder halb voll betrachten kann.

Vorausgesetzt, dass Umdeuten oft unbewusst abläuft, wie können wir es bewusst und gewinnbringend für uns in unserem Berufsalltag anwenden? Stellen wir uns einmal vor, Sie würden einen Vertriebsmitarbeiter beschäftigen, der es als Strafe empfindet, jede Woche eine Kontaktzahl an Kundenbesuchen buchstäblich absolvieren zu müssen. Er wird keine Freude empfinden und diese Stimmung werden auch Kunden und Kollegen spüren, was sich auf den Erfolg des Mitarbeiters auswirken kann. Wenn dieser seine vorgeschriebene Kontaktzahl aber zum Beispiel als Herausforderung wahrnimmt und sich freut, wenn er Summe X Kundenbesuche absolvieren darf, wird sich sein Verhalten ändern, es kann als positiver Anreiz für die Kollegen dienen und der Erfolg wird sich ebenfalls einstellen. Oder der Mitarbeiter könnte sich freuen, viele neue Menschen kennenzulernen und seine Netzwerke auf diese Weise auszubauen. Wie Sie sehen, ist die Vorgabe oder Aufgabe die gleiche. Es kommt wesentlich darauf an, aus welchem Blickwinkel man sie betrachtet.

Weiterhin können Sie zum Beispiel Routinearbeiten als lästig und langweilig empfinden oder aber Sie setzen Ihren Interpretationsrahmen anders und schauen, für wen oder was diese Aufgaben gut sind und was Sie damit bewirken können. Versuchen Sie doch einfach einmal bewusst, Aufgaben, Tätigkeiten oder Verhaltensweisen aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten und beobachten Sie, was sich damit an Ihnen, beziehungsweise dadurch verändert.

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