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Foto von Husna Miskandar

3 | Facetten auf dem Weg der Patientenkompetenz

Veränderung | Stärkung | Kommunikation |
    Selbstentdeckung | Intuition

Veränderung
Wenn wir einen Patienten als einen „vom Weg abgekommenen Gesunden“ verstehen, dann bedeutet Heilung seine Rückkehr oder die Suche nach dem für ihn „richtigen“ Weg. Das ist ein bedeutungsschwerer Satz: Jeder von uns weiß, wie schwer es ist, die Lebensführung zu verändern. Sehr schwer. Viele Menschen sind undiszipliniert und skeptisch gegenüber Veränderungen. Lieber verharren wir in unserem Elend oder erfinden x Gründe, als dass wir aufbrechen und uns verändern. Und die Faktenlage ist auch nicht immer eindeutig.  

Dazu ein Beispiel. Zu Beginn einer Erkrankung stellen sich meiner Erfahrung nach alle Betroffenen die Frage, was sie an ihrer Lebensweise ändern wollen. Am augenfälligsten jene, die an ihren Ernährungsweisen erkranken. Was sollen, was können sie tun? Diäten haben allenfalls vorübergehende Effekte, nachhaltige Umstellung der Ernährung ist äußerst schwer und viele Ernährungsempfehlungen widersprechen sich. Es bleibt nach wie vor offen, ob es überhaupt irgendeine grundsätzliche Ernährung gibt, die für alle Menschen gleichermaßen optimal ist. Richtige Ernährung scheint vielmehr individuell zu sein; so wie jede Krankheit eben auch individuell ist und ihre Behandlung es ebenfalls sein sollte.

Stärkung
Gerade in der Zeit der krankheitsbedingten Kraftlosigkeit brauchen Menschen Stärkung. Die Erschöpfung Kranker (Fatigue genannt) hindert Betroffene, tief in ihr Inneres zu den angeborenen Ressourcen zu gelangen. Fatigue versperrt den Zugang zu den geistigen, religiösen und familiären Unterstützungssystemen, den Lebensnotwendigkeiten, von denen jeder abhängt. Körperliche Aktivität hat in diesem Zusammenhang eine große Bedeutung.

Sport ist ein noch immer unterschätztes Hilfsmittel gegen

> Müdigkeit,
> Schlafbedürfnis,
> Antriebslosigkeit,
> Konzentrations- und Aufmerksamkeitsstörungen sowie
> Missstimmung,
> Reizbarkeit,
> Apathie und
> depressionsähnliche Verstimmung.

Es gibt viele Untersuchungen, die das schlüssig belegen. Eine mäßige Ausdauerbelastung von mindestens 30 Minuten zwei bis dreimal pro Woche hat messbar positive Effekte gegen Erschöpfung und stärkt nachhaltig Körper, Geist und Seele.

Kommunikation
Noch etwas hilft: Kommunikation. Während einer Krankheit hilft sie, den Nebelschleier und die Membranen zu durchbrechen, die sich über die Welt legen und manches intensiver und manches so viel weniger hindurch scheinen lassen. Nicht kommunizieren macht einsam.

Sprechende Medizin bedeutet nicht, dass der Arzt viel redet; ein häufiges Missverständnis. Nicht nur Ärzte und Pflegende müssen ihre Fähigkeiten, Gespräche zu führen, verbessern; auch Patienten.

Sie müssten geschult, denn es ist gar nicht so einfach,
sich in nicht vertrauten Situationen zu bewähren, …

… sie müssen lernen, in für sie persönlich guter Art anderen Helfern zu begegnen,
… sie müssen sich zum Teil existenziellen Sinnfragen stellen und brauchen hierfür Hilfe,
… sie müssen mit ihren Kräften haushalten lernen, ihre Konzentration auf das Wichtigste üben,
… sie müssen das Ertragen in Gelassenheit lernen,
… sie müssen nachsichtiger werden.

Krank sein will gelernt sein. Kranke bräuchten also eine regelrechte Ausbildung für das Krank-Sein, damit ihr gesunder Teil nicht auch krank, sondern noch gesünder wird. Hier kann ein Coaching eine sehr gute Unterstützung sein.

Selbst-Entdeckung
Kranke sollen sich selbst entdecken. Sie sollen nicht egomanisch um sich selbst kreisen, aber man braucht eine gute und liebevolle Beziehung zu sich selbst, damit man eine gute und liebevolle Beziehung zu anderen Menschen haben kann. Die Zeit während der Krankheit können Patienten dazu nutzen, wieder Zugang zu sich selbst und zur eigenen Lebenskraft zu finden und zu versuchen, diesen positiven Effekt über die Krankheit hinaus für ihr Leben zu bewahren. Heilung bedeutet meines Erachtens diese positiven Veränderungen halten zu können. Dabei helfen Psychoonkologen, Patienten-Coaches oder eine Rehabilitation.

> Suchen Sie in sich nach Ihren ganz persönlichen Kraftquellen.
> Gehen Sie in sich zum „Tauchen nach den eigenen inneren Perlen“.
> Konzentrieren Sie sich auf Ihre Ressourcen.

Das braucht förderliche Bedingungen: Stille ist wichtig. Beseitigen Sie Lärm und dumpfe mediale Ablenkung aus ihrem Umfeld. Was ist heilsam an den unsäglichen Fernseh-Programmen? Stille hat eine heilsame Dosis; Achtung: Es gibt ein Zuviel und ein Zuwenig.

Intuition
Verhelfen Sie Ihrer inneren Stimme, Ihrer Intuition zu angemessener Lautstärke. Fördern Sie die Kommunikation zwischen Ihrem äußeren und Ihrem inneren Heiler. Holen Sie sich Hilfe dazu – einen verständigen Menschen aus Ihrem Umfeld oder einen professionellen Lotsen; einen Coach, der als Sprecher, Trainer, Informant oder Berater Ihres inneren Arztes handelt.

In meiner Beratungstätigkeit vermittle ich zwischen dem inneren Arzt, dem Patienten und dem äußeren realen Arzt im weißen Kittel. Das ist keine Konkurrenz, sondern eine gute Ergänzung. Ein solcher Berater erhöht die Zufriedenheit auf beiden Seiten und spart Ärzte-Zeit, Doppeluntersuchungen und beschleunigt die Meinungsfindung Kranker und sorgt für „rundere Abläufe“. Das spart Kraft, Zeit und – nicht unwichtig – Geld.

Dauerhafte Heilung ist ein Prozess – wie Gesundheit überhaupt. Kranke entwickeln im besten Falle in einer äußerst schwierigen Phase ihres Lebens ihre persönliche Lebenskunst weiter und werden bereit, das Neue dem Bekannten hinzuzufügen. Das müssen sie wollen – und damit sie es wollen können, müssen sie ihr Können, ihre Fähigkeiten und Stärken weiterentwickeln. Die Gestaltung von Gesundheit ist eine große Anstrengung. Das sollten wir alle um unserer selbst Willen sehr genau zur Kenntnis nehmen und aufhören, im Hinblick auf uns selbst sorglos zu sein. Wir müssen Achtsamkeit uns selbst gegenüber lernen um gesund zu bleiben.

Vertrauen Kranke ihren Stärken und Kompetenzen und nutzen diese, dann leisten sie einen wichtigen eigenen Beitrag und erhöhen so ihre Heilungschance. Im besten Falle werden sie so ihre Krankheit nicht nur bewältigen – sie werden Ihre Krankheit „ÜBER-wältigen“. So kann man krank und trotzdem zufrieden oder sogar glücklich sein.

 

Quelle: Lernende Organisation (LO) – Nr. 56 | Juli & August 2010 | www.lo.isct.net
Foto: (1) Lupo | pixelio.de | (2) Foto: Wilhelmine Wulff | pixelio.de

1 | Die Meilensteine unserer Unachtsamkeit

Jeder Kranke möchte alles in seiner Macht Stehende zu seiner Heilung beitragen. Aber was ist das konkret? Jeder will die eigene Not wenden, das „Not-wendige“ tun und weiß nicht genau, was das Richtige dafür ist und womit er anfangen soll. Wie trifft man Entscheidungen? Welche Beratung braucht man? Es geht um die Frage der persönlichen Orientierung und um den Umgang mit der eigenen Skepsis, der Verzweiflung, den schwierigen Gefühlen, der Ungewissheit. Der eigene persönliche Weg will gefunden sein.

Kranke brauchen dazu an erster Stelle ihren Verstand, ihre Intuition, ihre innere Stimme und ihren so genannten inneren Heiler. Den Verstand dient ihnen dazu, Informationen zu verarbeiten, Sachverhalte logisch zu verstehen; dafür brauchen sie seriöse Quellen und verstehbare Erläuterungen. Es kann wichtig sein, sich mehrere Meinungen einzuholen.

Auch Intuition ist wichtig. Sie gibt bei Entscheidungsfindungen nämlich oft den Ausschlag, sie ist das Zünglein an der Waage. Es gibt wissenschaftliche Erklärungen zum „Bauchgefühl“ und seiner Zuverlässigkeit, beziehungsweise seinem hohen Einfluss. Die Neurobiologie ist zunehmend in der Lage, die „Schmetterlinge im Bauch“, das Herzklopfen bei Verliebtheit und Ähnliches zu erklären. Darum lässt sich zuverlässig sagen: Kranke sollten ihrem inneren Ratgeber – in der Fachsprache: ihrem „inneren Team“ – vertrauen und es trainieren.

Dazu können sie ihren Körper, ihre Seele und ihren Geist beobachten und der inneren Stimme Raum und Zeit geben. Stille ist angesagt, ablenkungsfreie Zeit, um sich auf die Suche zu machen – zum Beispiel nach derjenigen Methode zur Entspannung und Stärkung der Intuition, die dem Einzelnen liegt und gut tut. Man sollte unvoreingenommen und offen ausprobieren, was einem entspricht und was hilft, um wieder achtsamer sich selbst gegenüber zu werden. Dazu muss man sich auf seine Stärken und Talente besinnen. Und manchmal braucht man Hilfe, diese Kräfte in sich zu entdecken und zu stärken.

                 „Gesundheit hängt nicht von einer
           bestimmten Organfunktion ab,
                   sondern basiert auf der Harmonie in den
                            Beziehungen zwischen den Organen.“

Verstand und Intuition arbeiten übrigens eng zusammen und wissen gut voneinander. Dazu eine alte Weisheit: Das altchinesische Schriftzeichen für „Denken“ ist zusammengesetzt aus den Zeichen für „Gehirn“ und „Herz“. Ärzte wissen: Alle Organe sind miteinander verbunden und kommunizieren miteinander. Gesundheit hängt somit nicht nur von einem bestimmten Organ oder dessen Funktion ab, sondern auch von der Harmonie in den Beziehungen zwischen den Organen – der Balance. Heilung ist daher auch Wiederherstellung der Lebensbalance.

Bezogen auf den Beruf bedeutet dies: Selbstverwirklichung wäre im Idealfall ein ausgewogenes Gleichgewicht zwischen Arbeit und Privatleben, zwischen Körperlichem und Geistigem, zwischen Individuellem und Kollektivem. In unseren westlichen Gesellschaften sind die Fähigkeiten zur Erhaltung dieser Balance fast verloren gegangen und wir sehen viele Überbetonungen einer Facette mit schwerwiegenden persönlichen Folgen:

… die Flucht in das Körperliche in der Form des Körperkults oder einer Krankheit,
… die Flucht in die Arbeit und ungesunde Leistungsüberhöhung,
… die Flucht in die Geselligkeit oder auch in Einsamkeit sowie
… die Flucht in Träume und Phantasien als Ausdruck verdrängerischen Realitätsverlustes;

das alles sind Meilensteine unserer Unachtsamkeit uns selbst gegenüber.

Achtsamkeit ist daher ein Schlüsselbegriff in dem Gesundheitskonzept der Lebensbalance und der Salutogenese; also der Frage, wie Gesundheit entsteht. In diesem Konzept des amerikanisch-israelischen Medizinsoziologen und Stressforschers Aaron Antonovsky ist als Grundidee die Kohärenz – die Stimmigkeit des eigenen Lebens mit seinen Grundpfeilern der Verstehbarkeit, Handhabbarkeit und Sinnhaftigkeit als wegweisend für die „heilsamen Ressourcen“ jedes Individuums beschrieben:

Achtsamkeit als Betonung des eigenen ICH.
Patienten müssen sich selbst erforschen und
kompetent in eigener Sache werden.

Dazu können ihnen eine Beratung (z.B. Patienten-Coaching) und eine Art „Ausbildung“ hilfreich sein.

2 | Patientenkompetenz ist immer individuell

Kompetenz bedeutet, alle inneren und äußeren Hilfen zu bündeln und auf ein Ziel zustreben. Kompetente Patienten übernehmen Verantwortung für das Verstehen ihrer Situation, für ihren Körper, ihre Gefühle, ihre Krankheit und ihre Behandlung. Patientenkompetenz ist etwas Individuelles. Jeder hat sie und jeder kann sie kultivieren. Doch nicht jeder weiß, wie kompetent er ist, nicht jeder hört oder vertraut seiner inneren Stimme, seinem „inneren Arzt“ oder „inneren Heiler“. Es sollte zu einer professionellen Begleitung gehören, dem Betroffenen diese bewusst zu machen und dessen Selbstvertrauen zu stärken.


            „Lehne es nicht ab, das Negative zur
       Kenntnis zu nehmen,
weigere Dich lediglich,
              Dich ihm zu unterwerfen“.

Patienten werden dadurch sicherer und finden leichter ihre Antworten auf Fragen nach ihrer Mitverantwortung, wofür sie selbst zuständig und wofür ihre Behandler verantwortlich sind:

> Was trage ich selbst zu meiner Krankheitsbewältigung bei?
> Denke ich gesundheitszentriert oder (– wie die leider meisten Ärzte –) krankheitszentriert?

Der amerikanische Psychoonkologe LeShan hat einmal über Krebspatienten gesagt: Sie haben ihre „Lebensmelodie“ verloren. Sie wieder oder neu zu finden, trägt zur Heilung bei und hat mehr mit Glück zu tun als die meisten materiellen Dinge, denen wir hinterher jagen. Diese Beobachtung gilt auch für die meisten ernsthaften Erkrankungen. Krankheit gibt uns die Zeit, nachzudenken und neue Ideen zu finden, wie die Partitur unserer ganz persönlichen Lebensmelodie sein soll.

            Wichtig für den Mitarbeiterdialog:
       „Es geht nicht um Schuld, es geht um Verantwortung.“


Der US-amerikanischer Pfarrer und Autor Norman Peale („Die Kraft des positiven Denkens“) sagte:„Lehne es nicht ab, das Negative zur Kenntnis zu nehmen, weigere Dich lediglich, Dich ihm zu unterwerfen“. Humor und Optimismus sind ebenfalls wichtig. Nachweisbar wirken sich beide positiv auf unser Abwehrsystem aus. Seien Sie offen, seien Sie Realisten – immer das Beste hoffen und sich auf das Schlimmste vorbereiten, hilft meiner Erfahrung nach sehr! Krankheit ist keine Strafe. Es geht nicht um Schuld, es geht um Verantwortung. Nur wer sie übernimmt, kann auch Verantwortung für die Behandlung übernehmen. Und es ist wichtig, hinter einer gewählten Therapie zu stehen.

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