Personalführung: Die Belegschaft ist tot, es lebe die Community!

photography of three women sits beside table inside room during daytime
Foto von Christina @ wocintechchat.com

Alles ist Community

Die Welt ist kein Dorf, sondern ein Community-Universum. Laufend gebiert es Communities. Ihre Zahl hat nie jemand bestimmt, so wie niemand eine globale Volkszählung vorgenommen hat. Alles geschätzt und erwogen. Auch die ultimative Bibel fehlt, in der die absoluten Gesetze des Entstehens, Wachsens und Vergehens solcher sich zumeist digital selbst organisierender Gruppen in Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft beschrieben steht.

Doch die ungeheure soziale Kraft des Phänomens reizt viele Politiker, Lehrer, Unternehmer oder Lobbyisten zum Träumen und Tüfteln. Es müsste doch gelingen, simple Maßgaben zu kredenzen und gemäß Reiz-Reaktions-Schema ebenfalls simpel anzuwenden, um Menschen zu bewegen. Schön wär´s: Triffst Du nur das Zauberwort, es hebt die Belegschaft, das Volk oder die Schülerschaft zu singen an. Doch so läuft der Hase nicht. 

Die goldene Schatzkiste für
communitybasierte Personalarbeit

Eine Zusammenstellung hilfreicher Merksätze zum Umgang mit Communities hat der Corporate Learning-Berater und Gründer der Corporate Learning Alliance Karlheinz Pape  vor zwei Jahren vorgenommen; mit Fokus auf betrieblichem Lernen. Seine Erkenntnisse sind auf den generellen Umgang mit Mitarbeitern übertragbar.

Papes Anlass für seinen Beitrag war, dass Weiterbildungsorganisationen und -abteilungen damals zunehmend versuchten, Lerner-Communities großer MOOCs in Lehr- und Lernsettings einzubauen. Die Erfahrungen der Verantwortlichen zeigten aber, dass so gut wie kein Teilnehmer mitmacht, die ersten und folgenden Beiträge stammten meist vom Trainer oder Moderator. Der Frust sei groß gewesen; warum tun diese Lerner nicht, was Mitglieder freier Fach-Communities lieben? Karlheinz Pape formulierte eingängige Gesetzmäßigkeiten für störungsfreies, reges Communityleben:

Jeder darf alles, wenn er es will:
Eigeninitiative
rocks!
Eine Fachcommunity kann jederzeit von jedermann eingerichtet werden. Oft gibt es keine Steuerungsinstanz. Wenn Beiträge und Kommentare auflaufen, dann  geschieht das aus Freiwilligkeit.

Symphonie statt Katzenkonzert:
Der Umgangston macht die Musik

Komplimente für hilfreiche Tipps und Ratschläge, Begeisterungsstürme als Antwort auf Lösungen für besonders aussichtlos scheinende Probleme, das ist die offensichtliche Nahrung für den Fortbestand einer Gruppe. Verletzende Rückmeldungen und Hang zur dauernden Kritik an anderen erscheinen als persönliches Egoproblem des Absenders. Erstaunlich ist, dass Communities sogar ein gewisses Immunsystem entwickeln können, um allzu destruktive User auszusperren. Die Mitglieder treten dann dezidiert auf und ermahnen zum korrekten Verhalten.

Im Nebel sind alle Katzen grau: Was zählt,
ist der Gedanke hinter Deinem Gesicht

In vielen Fach-Communities ahnt niemand, wer oder was „Harry89“, „Hellewolke“ oder „Holland2000“ sind. Hierarchien, Titel, Verdienste, Auszeichnungen, all das spielt keine Rolle. Der einzelne Teilnehmer betrachtet allein die Beiträge. Karlheinz Pape verweist dabei auf einen Erfahrungswert Bert Schulzki; ein langjähriger Communitymanager des größten Forums für Automotive Motor-Talk. Er wies beim Communitycamp 2011 darauf hin, dass eine Gemeinschaft oftmals ans Ende ihres Lebenszyklus gelangt ist, wenn einzelne User durch große Anerkennung in der Gruppe aufsteigen und als informelle Leader Mitglieder beeinflussen.

Prinzip Bühne: Vier spielen, 400 gucken zu
Studien zeigen seit den 1990er Jahren, dass in Online-Communities immer nur ein Bruchteil aller Mitglieder aktiv sind. Unter Communitymanagern gilt inzwischen die 10-90-Regel: 10 Prozent tragen aktiv bei, 90 Prozent antizipieren. Daraus ergibt sich, dass eine Gemeinschaft eine beträchtliche Menge Mitglieder braucht, wenn täglich etwas in ihrem Forum los sein soll. Kritisch ist auch die Frequenz – tut sich ein paar Tage nichts, springen immer mehr User ab.

Das Offensichtliche gewinnt nicht dadurch,
dass man es benennt:
Communityzweck
Wo immer Menschen sich treffen, tauschen sie Neuigkeiten aus, weil sie etwas in Erfahrungen bringen möchten, das sie weiterbringt. Es ist also wenig sinnvoll, eine Fachcommunity explizit als Lerncommunity zu betiteln. Die Mitglieder holen sich zu ihren Themen von ganz allein Anregungen und Hilfen. Sinnlos wird die Lerngruppen-Aktion sogar, wenn lauter Laien vernetzt werden, die einander wenig geben können, weil sie alle noch am Anfang stehen. Ohne Professionals und Erfahrene verkümmert die Gemeinschaft.

Helmut Schmidt und die Realität

Besonders geträumt und getüftelt wird in jenen Gesellschafts- und Wirtschaftsbereiche, in denen der Eine wünscht, dass der Andere etwas tut. Nämlich das, was er sich denkt. Das geht dann in der Praxis so: Warum steht der Heiner-Hans abends im Stadtpark aufm Skateboard und segelt damit am Treppengelände auf die Straße runter, aber in unserem Altenheim schiebt der nicht mal ein Bett samt Bewohnerin heil ums Eck? Oder: Die Lia war drei Wochen in Krakau im Urlaub, stell Dir vor, die hat gestern mit unserem Grzegorzweski auf Polnisch geredet, aber beim Businessenglisch, das wir ihr seit einem Jahr zahlen, bricht die sich ein Rad ab.

Der Leser mag nun mit Hausverstand einwenden, dass Heiner-Hans und Lia im Privatvergnügen mehr Potenzial entfalten, als bei der auferlegten Pflicht, die ihnen offenbar schwerer fällt. Das trifft natürlich zu. Niemand wird das bestreiten wollen. Auch wenn es nicht der einzige Grund sein mag. Die Sache hat also einen Haken: Wenn die Dinge so glasklar liegen, dann sollte sich doch die Frage erledigen. Kann es nicht eher sein, dass der Frager sich korrigieren muss, weil er an der Realität vorbeizielt mit dem was er will? Wäre es nicht logischer zu sagen, der Fragende müsste das geistige Wohnzimmer in seinem Kopf umräumen, und nicht Heiner-Hans oder Lia?

Anderes Beispiel, gleiche Aussage: Jeder zurechnungsfähige Elternteil würde bei einem Zweijährigen aus seinen Beobachtungen lernen: Wenn der Kleine X mit Spaß annimmt, dann müsste ich Y tun, um ihm Weiteres beizubringen. Und er würde akzeptieren, dass das Kind manches partout ablehnt. Das nennt sich pädagogisch-didaktisches Grundverständnis.  

Immer noch herrscht unter Zeitgenossen der Glaubenssatz vor, dass der Erwachsene gänzlich anders zu steuern und zu manipulieren sei als ein Kind. Er lässt sich um so viel besser verbiegen. Die Erfahrungen in der Praxis widerlegen das eindeutig, doch zu schwer lastet offenbar das Wunschdenken. Keine noch so hohe Burnoutrate, keine noch so überfüllte Psychatrie, keine noch so schweren sozialen Konflikte scheinen viele Zeitgenossen belehren zu können.

Fakt ist, mit einem vernünftigen pädagogisch-didaktischem Grundverständnis lassen sich direktive Führungsfragen und -ansprüche gar nicht formulieren. Der jüngst verstorbene Helmut Schmidt sagte einmal über seine eigene politische Haltung, er habe stets auf das geblickt, was ist und nicht auf das, was sein soll. Das mag begründen, warum sich der Altkanzler mehr des Aufräumens von Sätzen und Gedanken seiner Gesprächspartner befleißigte, als der visionären Baumeisterei, die heutzutage unter Wirtschaftsevangelisten so beliebt ist. 

Die stille Funktion Reinhard Sprengers:
Community-Fürsprecher

Helmut Schmidts Maßgabe lässt sich um jene erweitern, die der renommierte Managementberater Reinhard Sprenger über Sinn und Wesen von Motivation in seinen zahlreichen Bestsellern herausgearbeitet hatte. Er warf vielen Managern vor, dass sie per se annehmen, sie müssten Mitarbeitern Belohnungen dafür anbieten, damit diese gegen ihre Eigeninteressen für den Geschäftsnutzen arbeiten. Solche Belohnungssysteme taktierten auch mit Strafen. Die Basis dieser Systematik sei ein grundsätzliches Misstrauen gegenüber der Eigenmotivation von Beschäftigten. Daraus entwickelt sich ein Teufelskreislauf: Wer misstraut, wünscht Kontrolle. Um aber zu kontrollieren, plant er oft. Diese Planung verwendet Strafe und Belohnung als Funktionen. Reinhard Sprenger unterstrich, dass es sich bei diesen Ansätzen nicht um Führung, sondern um Steuerung oder Manipulation handle. Diese wiederum schrecken die Adressierten ab, kein vernünftiger Mensch lässt sich gern auf Dauer manipulieren.  

Diese Ausführungen Reinhardt Sprengers führen direkt zum Enigma viriler Online-Gemeinschaften. Jede hat ihre eigenen Erfolgsgründe. Doch ihre Gravitationsgesetze sind immer die Gleichen, und ganz wesentlich in der menschlichen Motivation. Wer Menschen mit der Communitybrille führt – sei es in der Personalführung, in der betrieblichen Weiterbildung oder im Alumninetzwerk – der sollte sich ihrer bewusst sein. Es hilft ihm, überzogenen Erwartungen entgegenzutreten. Psychologische Gesetze umschreiben zu wollen ist nämlich nicht nur kräftezehrend, sondern äußerst dumm. Wenn der Wind kräftig Nordost bläst, fällt das Pappelblatt nicht schnurgerade vom Baum; abgesehen davon, dass Pappelblätter gemäß ihrer Form nie schnurgerade fallen. Und es ist immer noch langfristig jener weiter gekommen, der Wahrheiten aufdecken und sie entfalten konnte.

Communities managt niemand, es sei denn,
er fördert ihre Rahmenbedingungen

Karlheinz Pape schlussfolgert aus seinen Beobachtungen insgesamt: Die so mächtige Selbstorganisation darf nicht direktiv organisiert werden. Die einzigen Aufgaben für Communitymanager liegen darin, extrem destruktive Angriffe abzufedern, förderliche Rahmenbedingungen zu schaffen und durch eigene Beiträge und Fragen zu Diskussionen anzuregen. Das bedeutet: Community Manager können lediglich Aktionen der Mitglieder positiv verstärken, indem sie Interessen managen. Wer dennoch gegen das Selbstorganisationsprinzip verstößt, bewirkt unter Umständen, dass die User sich gegen ihn solidarisieren.

Es gilt also in der Übertragung dieser Learnings auf
die Personalarbeit, Weiterbildung und Führung, alte Zöpfe abzuschneiden.

>> Direktive Lehr- und Lernsettings torpedieren die Motivation
      zur Selbstorganisation, beziehungsweise lösen Verunsicherung aus.
 
>> Rigide Leistungstrackings auf digitaler Basis werden oft als manipulativ
     verstanden und fördern ebenfalls keine Selbstorganisation und rege Beteiligung.

>> Zertifizierungen von Leistungen lösen wie bei Kindern in der Schule bei erwachsenen Lernen
     aus, dass sie Wege finden, mit wenig Aufwand und Strategie gewünschte Ziele
     zu erreichen. Ursprünglich ist beim Lernen der Weg das Ziel. Unter Umständen
     haben die Lernenden nicht verstanden, was sie gelernt haben, weil sie den Sinn     
     gar nicht erfasst haben. Den Sinn erfasst nur, wer sich einlässt.

>> Der Druck, sich an Communities zu beteiligen, wird nur allzu oft als weitere lästige
     To do-Aufgabe empfunden und begeisterungslos abgearbeitet.

>> Wer Mitarbeiter abseits ihrer Aufgabe dazu bewegen möchte, sich im eigenen Betrieb
     für andere Kollegen zu interessieren, sich im eigenen Fach umzusehen oder weitere Aufgaben
      zu übernehmen, der sollte ihre Interessen adressieren. Es ist schon viel gewonnen,
     wenn zum Beispiel ein Redakteur in seiner Mittagspause immer mal wieder auf Youtube     
     Medienfachtagungen mitverfolgt, um mehr über Texten und Titeln zu lernen. Soll er dann
     auch noch selbst etwas für andere darüber schreiben oder die eigenen Produkte
     weiterzuentwickeln, dann muss er dazu inspiriert werden. Er sollte es nämlich von sich
     aus tun wollen.  

Fotos: Cornelia Menichelli | pixelio.de (1) | Karl-Heinz Laube | pixelio.de (2)

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