Einer, der radikale Veränderungen erwartet, ist Jens-Uwe Meyer. Der Managementberater, Autor, Dozent und Geschäftsführer eines Softwareunternehmens hat zahlreiche Studien über die Auswirkungen des digitalen Fortschritts auf das Arbeitsangebot analysiert und die Ergebnisse in seinem jüngsten Buch „Digitale Disruption“ aufgeschrieben. Bis zu 40 Prozent der Jobs werden demnach durch Technik ersetzt.

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Foto von Mario Gogh

„Bestimmte Tätigkeitsprofile werden entfallen“, erklärt Meyer. Dazu gehörten vor allem leicht zu standardisierende Arbeiten wie das Prüfen eines Vorgangs nach bestimmten Regeln – Tätigkeiten also, in denen Computer besonders gut sind. Der Job des Steuerberaters sei so ein Fall, den zu 95 Prozent Algorithmen erledigen könnten.

 

Da standardisierte Aufgaben in vielen Jobs eine Rolle spielen, klingt das zunächst einmal bedrohlich. Da lohnt sich vielleicht der Blick auf eine Webseite der Süddeutschen Zeitung. „Wie wahrscheinlich ist es, dass ich durch einen Computer ersetzt werde?“, fragt mich die Headline. Wenn ich dort meine Berufsbezeichnung eingebe, berechnet das Tool die Wahrscheinlichkeit, mit der mein Job mittelfristig verschwinden wird. Bei Personalmanagern liegt diese Wahrscheinlichkeit bei beruhigend niedrigen 0,6 Prozent. Redakteure verlieren mit einer immerhin 5,5-prozentigen Wahrscheinlichkeit ihre Arbeit. Doch in vielen Sparten sehen die Zahlen laut Onlineberechnung deutlich dramatischer aus. Das liest sich nicht nur auf SZ Online so. Auch die WirtschaftsWoche listet reihenweise Jobs auf, die sich besonders einfach von Computern erledigen lassen – vom Konditor bis zum Chemiker. Der Spiegel machte im vergangenen September die Angst vor Arbeitsplatzverlusten sogar zum Titelthema. Unter der Headline „Sie sind entlassen! Wie uns Computer und Roboter die Arbeit wegnehmen“ greift die Hand eines Roboters nach einem Mann im Anzug, um ihn vor die Tür zu befördern.

Angst vor Jobabbau hat Tradition

Neu sind diese Bedrohungsszenarien allerdings nicht. Schon im März 1965 (!) veranstaltete die IG Metall im deutschen Oberhausen eine internationale Tagung zu den Chancen und Risiken der Automatisierung. Die Angst vor einer umfassenden Freisetzung von Arbeitnehmern durch den technologischen Fortschritt war auf dieser Veranstaltung vor rund 50 Jahren ein zentrales Thema. Das war ganze 17 Jahre bevor das Time Magazine den Computer als neues Leitmedium zur „Maschine des Jahres“ kürte. Im selben Jahr – 1982 – warnte der „Club of Rome“ in seinem Bericht zu „Chancen und Gefahren der Mikroelektronik“ vor Massenarbeitslosigkeit durch Computertechnik.

Jetzt scheint sie wieder aktueller denn je zu sein, die Angst vor dem Jobabbau. Doch es gibt auch Gegenstimmen, die ebenfalls statistische Belege heranziehen. So wendet sich Frank Riemensperger, Vorsitzender der Accenture-Ländergruppe Deutschland, Österreich und der Schweiz sowie Hauptvorstandsmitglied des IT-Branchenverbands Bitkom gegen Angstmache in Sachen Jobabbau. „Alle Studien, die uns vorliegen, sagen ganz klar: Es droht kein massenhafter Verlust von Arbeitsplätzen“.

 

Eine dieser Studien ist ein Gutachten des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW) im Auftrag der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM). In dem Papier, das vergangenen Sommer herauskam, heißt es: „Die Möglichkeit negativer Beschäftigungseffekte wird zwar immer wieder politisch thematisiert und diskutiert, wissenschaftlich lassen sich aber keine Belege für diese Vermutung finden.“ Schließlich sei die Digitalisierung ja bereits seit Jahren in vollem Gange. Und während sie einige Jobs verändert oder vielleicht auch vernichtet hat, sind andere entstanden. Wer hätte schließlich vor 15 Jahren vermutet, dass es irgendwann den Beruf des App-Entwicklers geben wird? In manchen Branchen ist die Produktion sogar schon nahezu vollständig digitalisiert – ohne die befürchteten massenhaften Jobverluste.

Arbeit der Personalisten wird wichtiger

Die Unternehmen und vor allem die Personalabteilungen sind somit stark gefordert, Mitarbeiter ins Boot zu holen, zu entwickeln und zu qualifizieren.„Die Arbeit der Personalisten wird immer wichtiger und notwendiger“, sagt Clemens Zierler, Geschäftsführer des Instituts für Arbeitsforschung und Arbeitspolitik an der Johannes Kepler Universität Linz. Zierler forscht zum Thema Industrie 4.0 und hat eine Reihe von Unternehmen in dieser Hinsicht begleitet. Dabei hat er festgestellt, dass die „gesamte Diskussion um Automatisierung und Digitalisierung sehr technikgetrieben ist. Da werden sehr oft die Anforderungen der Menschen und der sozialen Systeme vergessen“.

Die Gefahr dabei sei, dass Arbeitgeber Mitarbeiter überforderten – einerseits, weil diesen die notwendigen Qualifikationen fehlen, andererseits aber auch, weil sie beim Tempo und der Komplexität der Produktionsprozesse nicht mehr mitkämen. Organisationen sollten auch nicht unterschätzen, wie sich die sozialen Systeme ändern, wenn sich Produktionsprozesse wandeln. Welche Auswirkungen auf das soziale Miteinander hat es, wenn Maschinen plötzlich die Rolle von Führungskräften einnehmen und den Menschen Anweisungen geben? Wie fühlt sich das an, wenn gewohnte Teamstrukturen oder bekannte Hierarchien verschwinden? Auch hier seien Personalverantwortliche gefragt, Veränderungsprozesse in der Organisationsentwicklung zu begleiten.

 

Die Art und Weise, wie Unternehmen Mitarbeiter auf neue Herausforderungen in der betrieblichen Weiterbildung vorbereiten, verändert sich gerade massiv, beobachtet Frank Riemensperger. „Der Arbeitsort wird zunehmend zum Trainingsort, der Trainer ist nicht mehr der Kursleiter, sondern der Kollege.“ Auch die Art, wie gelernt werde, sei einem zunehmenden Wandel unterworfen. Gelernt wird nicht mehr „auf Vorrat“, sondern in kleinen Micro-Trainingseinheiten.

Aus- und Weiterbildung gefragt

Doch nicht nur die bestehenden Mitarbeiter müssen qualifiziert werden, auch Nachwuchs ist notwendig. Hier gibt es gerade in Schlüsselbereichen wie der Mechatronik deutliche Engpässe. Wie finden Unternehmen die Facharbeiter von morgen – und wie gewährleisten sie eine exzellente Ausbildung? Möglicherweise liegt die Lösung in der Kooperation. Zehn Industriebetriebe aus dem Waldviertel sind diesen Weg gegangen. Sie haben vor zwei Jahren die Weinviertler Mechatronik Akademie (WMA) gegründet. In Kooperation mit dem AMS und dem bfi bilden sie am Standort Wolkersdorf aktuell 28 Jugendliche zu Mechatronikern aus.

„Dabei wenden wir uns an orientierungslose Jugendliche, die noch keine Lehrstelle haben“, erklärt Geschäftsführer Dieter Körbisser. Einige von ihnen kommen aus schwierigen Sozialmilieus, haben Gewalt- und Drogenerfahrungen hinter sich. Entsprechend wichtig war Körbisser bei der Auswahl der Ausbildner darauf zu schauen, dass neben den fachlichen Skills die persönlichen Fähigkeiten passen. Unterstützung erhalten die Lehrlingsausbilder durch Psychologen des bfi. In der WMA erhalten die Jugendlichen eine Chance. Für die beteiligten Unternehmen verbindet sich soziales Engagement mit einem realen Bedarf. Entsprechend praxisnah ist die Ausbildung: „Wir erhalten aus unserem Kooperationskreis konkrete Aufträge“, erzählt Körbisser. „Zuletzt haben unsere Lehrlinge eine computergesteuerte Löteinrichtung gebaut, die auch wirklich zum Einsatz kam.“ Der Geschäftsführer hofft, dass die beteiligten Unternehmen nach der vierjährigen Lehre möglichst viele Jugendlichen übernehmen. Die ersten Praktika verliefen jedenfalls erfolgreich.

 

Aus- und Weiterbildung ist eben das Um und Auf für die Arbeitsplatzsicherheit – da sind sich alle Interviewpartner einig. Nur mit Qualifizierung lässt sich der Sorge begegnen, im Beruf nicht mehr mitzukommen. Vielleicht sollten Führungskräfte und HR ihre Mitarbeiter auch zuweilen ermutigen, auf ihre Ressourcen zu vertrauen. „Wir alle sind in den letzten zehn Jahren im Privaten Profis darin geworden, wie man ein Smartphone mit Hunderten von Apps bedient“, kommentiert Frank Riemensperger. „Wir haben sogar positive Erfahrungen damit gemacht. Das können wir auch im Arbeitsleben.“

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Quelle: personal manager - Zeitschrift für Human Resources | Ausgabe 1  Jänner/ Februar 2017

Webtipp

Lesen Sie dazu auch ...

das Interview mit Dieter Körbisser
das Interview mit Roland Sommer
das Interview mit Frank Riemensperger
das Interview mit Hansjörg Tutner
den Bericht über eine Studie des IIR: "Arbeitnehmer haben keine Angst vor Jobverlusten"

Die menschenleere Fabrik wird nicht kommen

Wie sich die Arbeit in der vernetzten Produktion verändert und wie sich die Digitalisierung auf den Arbeitskräftebedarf auswirkt, untersucht aktuell eine Arbeitsgruppe des Vereins „Industrie 4.0 Österreich – die Plattform für intelligente Produktion“. Der Verein wurde 2015 gegründet, um Akteure und Anbieter zu vernetzen und das Thema digitalisierte Produktion in Österreich zu fördern.„Die menschenleere Produktionshalle wird es nie geben“, nennt Roland Sommer, Geschäftsführer des Vereins, ein Ergebnis der Arbeitsgruppe „Mensch in der digitalen Fabrik“. „Es gibt sogar schon erste Beispiele von Unternehmen, die wieder verstärkt Personal in die Produktion einbinden, weil durch eine zu starke Digitalisierung der kontinuierliche Verbesserungsprozess stockt“. Unternehmen brauchten eben nach wie vor Menschen, die auf Probleme hinweisen und um die Ecke denken könnten.

Da die Komplexität der Prozesse laufend zunehme, steige allerdings der Qualifizierungsbedarf – zum Beispiel im Hinblick auf das Prozesswissen: „Einige Unternehmen versuchen, den Mitarbeitern ein Verständnis für die gesamten Prozesse zu vermitteln, andere teilen komplexe Prozessketten in kleine auf und definieren klare Verantwortlichkeiten. Das hängt stark von der Unternehmenskultur ab“, erläutert Sommer. Neben Prozess- und Fachwissen werde ein gekonnter Umgang mit Daten immer wichtiger. Dazu gehöre das Verarbeiten großer Datenmengen ebenso wie Kenntnisse im Datenschutz.

 

Hinzu komme der große Bereich der Selbstkompetenzen. In vielen Jobs seien Flexibilität, Selbstmotivation und Problemlösungskompetenzen zentral. „Ein wichtiger Punkt ist die Eigenverantwortung“, beobachtet der Geschäftsführer. „Einige Unternehmen berichten, dass sie immer größere Probleme haben, Mitarbeiter zu finden, die bereit sind, Managementverantwortung in der Produktion zu übernehmen, weil die Verantwortung für mehrere Maschinen oft schon eine recht große ist.“ Wer jahrelang in einer Facharbeiterposition unter eng definierten Hierarchiegrenzen gearbeitet hat, will diesen Schritt unter Umständen nicht gehen. Andere bringen das notwendige Know-how erst gar nicht mit.

Strukturwandel in der Automobilindustrie

Beispiel Automobilindustrie: Wo früher Scharen von Facharbeitern Türen lackierten und Windschutzscheiben montierten, sind heute zu einem hohen Prozentsatz Roboter am Werk. Dennoch konnte die Branche in Deutschland ihre Beschäftigtenzahlen in den vergangenen zehn Jahren steigern. In Österreich befindet sich Branchengröße Magna Steyr gerade mitten in einem Mammut-Rekrutierungsprojekt. In den nächsten zwei Jahren will der Autobauer 3.000 Mitarbeiter einstellen, um die Großaufträge von Kunden wie BMW und Jaguar/Land Rover und Daimler erledigen zu können. Darunter sind Montage-, Karosseriebau- und Logistikplaner, Qualitätsmanager, Facharbeiter und Mitarbeiter für die Produktion.

„Wir suchen insbesondere im Bereich der Instandhaltung Hundertschaften von Leuten“, erzählt Personalchef Hansjörg Tutner. Gemeinsam mit dem AMS führt das Unternehmen in der gesamten Steiermark Veranstaltungen durch, um Arbeitskräfte zu gewinnen. Auch im nahen Slowenien wird rekrutiert. „Wir rechnen damit, dass wir rund 40.000 Bewerbungen benötigen, um 3.000 passende Leute zu finden“, erläutert Tutner. In den Jahren 2017 und 2018 will die – personell verstärkte – HR-Abteilung des Unternehmens an die 10.000 Vorstellungsgespräche führen.

100 Bewerber will Magna an einem einzigen Tag kennenlernen. Dafür hat das HR-Management einen „Job Day“ konzipiert, an dem es in acht Stunden 100 Bewerber testet, mit ihnen Gespräche führt und die Arbeitsplätze vorstellt. Zu einer Spitzenzeit im Juli 2017 muss HR in einer Woche 400 Leute neu aufnehmen. Das klingt nicht nach Jobbabbau, auch wenn Personalchef Tutner einschränkt: „Vor 20 Jahren hätten wir für diese Projekte natürlich noch viel mehr Menschen benötigt.“

 

Denn Magna hat seine Produktion, wie andere Autorbauer auch, längst weitgehend automatisiert. Die Karosserien werden zu 98 Prozent von Robotern zusammengeschweißt. Und die Entwicklung geht weiter. Das Unternehmen setzt die Idee der „Smart Factory“, der digital vernetzten Produktion, am Standort Graz zunehmend um. „Die Stückzahlen, die wir heute bauen, mit all ihren individuellen Ausfertigungen, können wir nicht mehr manuell herstellen. Das wäre völlig unwirtschaftlich“, betont Tutner. „Wenn ich heute anfangen würde, personalintensiv zu produzieren, könnten wir unsere Autos bald nicht mehr in Österreich bauen.“ Heute überwachen die Mitarbeiter die Maschinen, warten sie, planen die Prozesse. Dafür sei in der Produktion ein höherer Ausbildungsstand notwendig als noch vor 20 Jahren. „Klassische Hilfstätigkeiten gibt es nicht mehr. Die Menschen sind für hochautomatisierte und sündteure Anlagen zuständig, die Eigenverantwortung steigt“, sagt Tutner. Um genügend qualifiziertes Fachpersonal zu haben, bildet Magna derzeit 300 Nachwuchskräfte als Mechatroniker oder Kfz-Techniker aus, die im Frühjahr 2017 ihre Lehre abschließen und in den Beruf einsteigen sollen.