Lernen in China: Einer spricht – alle hören zu. Und wer kann dann was?

An open empty notebook on a white desk next to an iPhone and a MacBook
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Diese Aspekte prägen das Lernen in China zu weiten Teilen:

– Chinesen fragen allgemein weniger nach. Daher ist oft nicht sofort ersichtlich, wer in welchen Sachverhalten und bei welchen Verständnisfragen Unterstützung braucht.

– In China gibt es zu Beginn einer Berufsschul-Ausbildung obligatorischen, monatelangen Frontalunterricht – der Lehrer spricht, die Schüler hören zu. Die Aufnahme und Verarbeitung des Gehörten und Gesehenen ist nicht optimal gewährleistet.

– Bei praktischen Schulungseinheiten sind wenige Schüler im Einsatz – alle anderen schauen zu. Günstiger wäre es, möglichst jeden Lernenden praktisch einzubinden.

– Aufgrund mangelnder Ressourcen in den Bildungsinstitutionen sind Chinesen eine kreative Unterrichtsgestaltung weniger gewohnt. Sie müssen herangeführt werden, begeistern sich jedoch schnell.

– Zwischen Lehrenden und Lernenden bestehen starke hierarchische Unterschiede. Kollegiales, partnerschaftliches Verhalten zwischen beiden Seiten muss geübt werden.

– Chinesische Schüler lernen bis spätabends. Prüfungen bestimmen ihr Leben. Bildung eröffnet ihnen gute Zukunftschancen – das muss jüngeren wie älteren Lernenden nicht vermittelt werden. 

– So wie in China der Lehrer an der Tafel seinen großen Auftritt hat, so müssen Schüler vor allem auswendig lernen. Eigenständiges Denken und Kombinieren von Sachverhalten ist eher unüblich, selbst an höheren Bildungsanstalten. Kreativität wird außerdem durch einen hohen Leistungsdruck und starke Prüfungsorientierung blockiert. Weg vom Pauken eines Faktenwissens, das an Planzahlen orientiert ist – dies muss in China erstmal geübt und begriffen werden.

– Chinesen werden geschult, um in die Fußstapfen derer zu treten, die vor ihnen gehen; immer noch. Dass Lernen erst dann wirklich erfolgreich verläuft, wenn das einzelne Individuum seine Stärken, Ideale und Schwächen – also seine Ressourcen – auszulotet und einzusetzen weiß, ist im Reich der Mitte eine politisch heiß gegessene Wahrheit. Auch in diesem Punkt wird das deutsche Bildungssystem am einzelnen Chinesen auf psychologische Vorbehalte stoßen. Es ist Sache des betrieblichen Alltags, diesen Kurs durch learning by doing ohne große Propaganda zu ändern.


Fotocredit: Dieter Schütz / www.pixelio.de

Sebastian Ofer

Chefredakteur bei HRM Research Institute

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