Ist das Regelwerk des Elitenschachbretts geeignet zum Systemsprung? DIW Berlin meldet Frauenquoten in DAX-30-Vorständen und -Aufsichtsräten

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Foto von Antenna

5,5 Prozent der Vorstandsposten in den DAX-30-Unternehmen seien von Frauen besetzt, ließ das DIW Berlin verlauten. Diese Zahl entspräche zehn Vorständinnen bei insgesamt 183 Vorstandsmitgliedern. Ende des vergangenen Jahres seien zwölf von 191 Posten des Führungsgremiums mit Frauen besetzt (6,3 Prozent) gewesen. Angesichts der Seltenheit von weiblicher Expertise am Steuer der großen Unternehmen hat die Quote auch Gesichter: Als Vorständinnen ausgeschiedenen sind in der ersten Hälfte des Jahres 2014 Elke Strathmann bei Continental, Marion Schick bei der Deutschen Telekom und Angela Titzrath bei der Deutschen Post. Neu hinzugekommen ist Dr. Doris Höpke bei der Munich Re.

Im Fall von Marion Schick sind dem ersten Anschein nach keine Machtränke Grund für ihren Weggang. Dass sie gesundheitlich ihrem Posten nicht mehr gewachsen war, erfuhr der interessierte Bürger am 11. April 2014 Land auf und Land ab einheitlich aus der Presse. Verstörend mag allerdings wirken, dass die Telekom die Öffentlichkeit schon zwei Monate später im Juni darüber informierte, dass sie drei Milliarden Euro einsparen wolle. Laut einem Bericht des Manager Magazins soll McKinsey dem Haus ein Sparprogramm verordnen, durch welches bis 2018 in der Zentrale ordentlich Jobs abzubauen sind. Diese Initiative – so berichtete das Manager Magazin weiter – sei Teil eines neuen Telekom-Programmes für laufende Sparprojekte in ganz Europa: „Im Visier sind etwa Doppelfunktionen in Bereichen wie Strategie, Personal oder Controlling, die es mit den europäischen Ländergesellschaften und Holdings gibt.“ Offenbar will die Telekom-Führung mit der Bildung eines paneuropäischen Netzes experimentieren. Ein Sprecher der Deutschen Telekom bestätigte, dass man die Auswirkungen eines solchen möglichen Netzes auf bestehende Steuerungs- und Verwaltungsfunktionen untersuchen wolle.

Diese Vorgänge sind angesichts der wirtschaftspolitischen Lage, in welcher sich die Telekom befindet, wenig erstaunlich. Der Konzern beschäftigt rund 230.000 Mitarbeiter, gehört teilweise dem Staat und führt operativ ein Geschäft, das die Grundlage der geplanten flächendeckenden Digitalisierung der Gesellschaft dient. Es muss also parallel investiert, aber auch gespart werden.  

Noch weniger Rolemodels: Wer kann live vom Spiel Bericht erstatten?

Für das Managen und Führen in derlei politischen Wellenbecken braucht es zweifelsohne am Steuerrad des Human Resource Managements Lenker mit guten Nerven, stabilem Pulsschlag und großer Fitness. Marion Schick allerdings sah bei ihren letzten öffentlichen Auftritten eher angeschlagen aus, wie zum Beispiel bei einem Videochat-Interview, das sie im Rahmen des Global Economic Symposium 2013 gab.

Sie sprach im Chat über künftige Herausforderungen in den weltweiten Arbeitsmärkten. Sie empfahl allen Führungskräften und Verantwortlichen im Arbeitsmarkt, ein klares Bewusstsein davon zu entwickeln, dass es weltweit Millionen talentierter Menschen gäbe, die eine Chance erhalten müssten, sich aktiv einzubringen. Schick selbst sei kein Freund der Parole „Krieg um Talente“. Wie bei Schicks Vorgänger Thomas Sattelberger klang das Thema Mitbestimmung an. Ob die aktuelle Bereinigungsstrategie der Telekom sich mit einer Haltung, wie von Frau Schick gelebt und mitgeteilt, vertragen hätte, bleibt daher fraglich und letztlich durch den Austritt der Frontfrau unbeantwortet.

So wie Marion Schick haben auch viele andere Top-Frauen die Mitarbeiter im Blick. Die Erhebung des DIW Berlin zeigt, dass die Frauenanteile auf der Arbeitnehmerseite der Kontrollgremien höher sind als auf der Kapitalseite. In sieben der DAX-30-Unternehmen (Deutsche Börse, Deutsche Lufthansa, Deutsche Post, Deutsche Telekom, Henkel, Merck, Munich Re) besteht die Arbeitnehmervertretung mittlerweile zur Hälfte aus Frauen. Die Kapitalseite entsende mit 48 von insgesamt 109 fast die Hälfte aller Aufsichtsrätinnen der DAX-30-Unternehmen.

Auch wenn die DIW-Ergebnisse keine Erdrutsche dokumentieren, so bedeuten sie für die Debatte um weiblichen Führungsnachwuchs einen Dämpfer: Aus soziologischer Sicht ist unbestritten, dass es weibliche Vorbilder braucht, die berichten können, wie es ihnen gelingt, im Elite-Schachspiel zu bestehen. Am ehesten müssten sie schildern, wie dieses Spielfeld aussieht. Angesichts der Koordinaten und Spielregeln ist dort kein Platz für Selbstverwirklichungen und sozialverträgliches Engagement für Dritte.

Die Kräfte des Spiels – so sieht das Schachbrett aus

Wie die Kräfte des Spiels wirken, lässt sich am Fall von McKinsey und der Telekom exemplarisch zeigen: Im Frühjahr veröffentlichte das Manager Magazin einen Bericht über den Überlebenskampf der Beraterszene, mit dem Titel: „McKinsey gegen den Rest der Welt.“ Der Beitrag zeigte, wie die ganze Branche aktuell unter Druck gerät: „Wer zu klein oder zu finanzschwach ist, um eine wirklich globale Präsenz zu erreichen, und zu groß für ein Nischendasein, der ringt um die Existenz.“. Dass McKinsey nun bei der Telekom wieder Umsätze generieren kann, ist dem Beratungsunternehmen also sehr förderlich, aber es ist für aufmerksame Beobachter auch nicht sonderlich verwunderlich, wie ein anderer Bericht des Manager Magazins zeigt: Darin wird berichtet, dass die ehemalige McKinsey-Direktorin Katrin Suder das Mandat bei der Deutschen Telekom hält. Das Manager Magazin schreibt: „Der Bonner Konzern ist Stammklient, auf einen niedrigen zweistelligen Millionenbetrag taxieren Branchenexperten das Honorarvolumen per annum. Über die Jahre ist es gelungen, mit wechselndem Personal dicht dabeizubleiben. Altpartner Jürgen Meffert (51) wurde ersetzt durch Claudia Nemat (45), die unter ihm als Projektleiterin gearbeitet hatte. Als es Nemat in den Telekom-Vorstand zog, betreute Suder den Klienten; sie war damals Juniorpartnerin.“ Das Beispiel Telekom zeige, so der Autor Dietmar Student, wie trick- und beziehungsreich in der Beraterbranche um Aufträge gerungen werde.

Dieser Einzelfall zeigt, dass die Übernahme solcher Kaderpositionen jede Menge Politik zur Tür herein schwemmt. An einem einzelnen Tag oder einer einzelnen Woche läuft viel Wasser den Fluss hinunter, bis auch nur über eine einzige Mitarbeiterumfrage, ein Talentförderungsprogramm oder andere Personalmaßnahmen gesprochen werden kann. Wer die Tür hinter sich schließt, um es trotzdem zu tun, riskiert, dass die Mühlen hinter seinem Rücken gegen ihn arbeiten. Es sei denn, er hätte ein paar absolut zündende Ideen, die Sand ins Getriebe des Spielbetriebs bringen.

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WEITERLESEN: Marion Schick im Portrait: Lehrerin abseits der Glasdecken.
https://www.hrm.de/fachartikel/abseits-der-glasdecken

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Foto: Kaemte | www.pixelio.de

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