Farblosigkeit muss künftig Position beziehen

Nicht nur klassische Führungsphilosophien geraten durch das Internet unter Druck, sondern auch ein gewisses Selbstverständnis all jener, die politisch tätig sind. Peter Kruse erläuterte im Interview, dass viele Machtmenschen sich vor Shitstorms im Netz – und nicht nur dort – zugunsten ihrer Handlungsspielräume schützen, indem sie Farblosigkeit kultivieren. Profillosigkeit nach aussen garantiert seit langer Zeit Macht. Kruse ging aber davon aus, dass die Macht der Vielen durch das Internet es den derzeit noch Lenkenden schwer mache, die Öffentlichkeit weiterhin in eine von ihnen gewünschten Richtung zu lenken. Im Zuge dessen müssten mehr Menschen klar Position beziehen; auch wenn sie dadurch angreifbar werden.


                       „Entscheider können
                                 nur noch auf Sicht segeln.“

man sitting near window holding phone and laptop
Foto von bruce mars

LEARNINGS FÜR HR >> Durch die zahlreichen Infokanäle im Digitalen erfahren Mitarbeitende heute eher davon, was ihre Vorgesetzten und Manager mit Strategien beabsichtigen, es lohnt sich für diese immer weniger Farblosigkeit zu demonstrieren. Ausserdem erfordert echter Wandel zugunsten von Innovation Diskurse und diese Diskurse wiederum erfordern klare Positionen unter Massgabe von Offenheit und Toleranz.

Das Internet verlagert Macht vom Sender zum Empfänger

Peter Kruse wurde im Interview auch danach gefragt, ob und wie die digitale Durchdringung von Wirtschaft, Politik und Gesellschaft Machtverhältnisse generell verschiebe. Kruse hatte nämlich mit Blick auf die letzten arabischen Revolutionen angemerkt, dass Menschen sich im Internet zum Sturz von beispielsweise Diktatoren verabreden können, aber Paradigmenwechsel erforderten mehr als systemische Irritationen. Es sei vielmehr nötig, die Neugier der Nutzer zu wecken und damit Resonanz zu erzeugen. Kruse bemängelte, dass viele Manager und Unternehmen sich dessen nicht bewusst seien. Vielmehr setzten sie alte Systematiken mit den neuen Mitteln des Internets durch und müssten zwangsläufig scheitern. Kruse sagte: „Man versucht mit allen Mitteln, die Skalierungskraft der Netze für sich zu nutzen und Rückenwind zu bekommen.“ Die zeitgenössischen Entwicklungen aber zeigten, dass erfolgreiche Führung sich bewusst sein müsse, dass Unternehmen Kunden in der neuen Welt gleichberechtigt sind. Gute Manager entwickeln ein Verständnis für die Eigendynamik von Systemen, so Kruse. Er sagte dies auch im Hinblick auf das Verhältnis zwischen Mitarbeitern und Führung.

                         „Mit einer reinen
                Senderphilosophie kommt man
                               heut nicht mehr sehr weit.“



LEARNINGS FÜR HR >> Beschäftigte sind heute durch das Digitale in Märkten und in der Öffentlichkeit sehr präsent. Sie erhalten mehr Impulse von Kollegen und Firmenumfeld als jemals zuvor. Dadurch kann Führung Massgaben nicht mehr einfach in die Belegschaften hinein diktieren. Unternehmen müssen zu einer neuen Kommunikationskultur finden.  

Wie Peter Kruse zum Netzwerkvordenker wurde

Peter Kruse verstarb im Sommer dieses Jahres. Er war Unternehmensberater, Hirn- und Trendforscher und HR-Vordenker. Wie er in zahlreichen Interview berichtete, war es ein biografischer Knick, der ihn dazu bewegt hatte, sich damit zu beschäftigen, wie hirnphysiologische Lernvorgänge auf organisationales Lernen im Betrieb übertragen werden können; im Sinne dessen, dass durch analogisches Vergleichen beider Sphären Ideen und Impulse zur Neugestaltung von kommunikativen Systemen herausgearbeitet werden können. Kruse erzählte, dass er fünfzehn Jahre lang im Bereich der Experimentalpsychologie auf der Schnittstelle zur Neurophysiologie gearbeitet habe. Dabei habe ihn die Frage bewegt, wie das menschliche Gehirn Ordnungen anlegt.

Er sattelte beruflich um, als er in seiner Familie an einer Nachfolgeregelung mitwirken musste. Als er sich dieser Aufgabe gestellt hatte, so Kruse, sei er darauf gekommen, dass die Funktionsweisen von Gehirn und Organisation aufeinander bezogen werden können. In der Folge hätten Unternehmer ihn gebeten, sie insbesondere bei Veränderungs- und Innovationsprozessen zu begleiten. Im Zuge dessen gründete Kruse die Beratungsagentur „Nextpractice“. Forschung und Anwendung gingen damit bei Kruse Hand in Hand.

Als einer der ersten Meilensteine seiner Forschung bezeichnete Peter Kruse seine Entdeckung, dass es bei der Konturierung von Lernprozessen und -ergebnissen nicht darum gehe, sich auf Theoriebildungen zu konzentrieren, sondern auf Methodik. Der Experte betrachtete Internetentwicklungen fortan unter methodischen Gesichtspunkten. 

Das Internet: Revolutionär
und kontraproduktiv zugleich


Wie Peter Kruse grundsätzlich über seinen Forschungsgegenstand dachte, zeigt sich an einem seiner Interviews aus dem Jahr 2013. Im Gespräch mit dem C3 Magazine – einem Medium für Content Marketing und digitale Kultur – stellte Peter Kruse seine Kernthesen zur Kraft und Funktion des Internets vor. Er erstaunte die Interviewerin Lisa Geiger dadurch, dass er bekannte, wenig im Netz zu surfen, weil er dieses datenschutztechnisch für höchst entwicklungsbedürftig halte. Nichts sei in dieser Welt nämlich umsonst, jeder Schritt in ihr wäre mit der ihr eigenen Währung „Daten“ zu bezahlen. Die zweite erstaunliche Aussage bezog sich auf die Kraft des World Wide Webs. Kruse betonte, dass diese zwar eine revolutionär wirkende Komplexität entfessle, doch diese Tatsache führe noch lange nicht zu revolutionären Umgestaltungen der Realität. Kruses begründete diese These eingängig: „Ein Medium ist nichts ohne die Inhalte, die es transportiert. Letztlich sind es die Menschen mit ihren Gedanken, die den gesellschaftlichen Wandel hervorbringen.“ Kruse schränkte weiterhin ein: Das Neue aber verlange vom Menschen in jedem Fall grossen persönlichen Einsatz, Risikobereitschaft und den Willen, voll hinter einer Sache zu stehen. Einfach nur ein paar Like-Buttons zu drücken, genüge nicht. Meist sei es doch „tief verstandene Empörung“, die jemanden langfristig an einer Veränderung arbeiten lasse. Tragfähige Entwicklungen müssten immer im Diskurs ausgeleuchtet und erprobt werden.


                       „Das Netzwerk an sich
                                 ist nicht intelligent.“



Dass diese oft nicht zustande kämen, liegt Peter Kruse zufolge sogar teilweise am Internet selbst: Zwar sei Shitstorming für viele Menschen zum Volkssport geworden, und etliche von ihnen mögen auch tief empört sein, doch weil sie ihre Entrüstung relativ einfach im Netz abreagieren können, bewegen sie langfristig nichts. Für Kruse stand fest: Das Netz wirkt oft wie eine „kontraproduktive Beruhigungspille“.


LEARNINGS FÜR HR >> Die blosse technische Umstellung von Personal- und Unternehmensprozessen auf „digital“ bewirkt noch keinen echten Wandel. Wir müssen die Menschen mitnehmen.