Verdient der Kollege mehr, wird er vom Chef häufiger gelobt, öfters auf Seminare geschickt oder womöglich noch befördert, schürt das nicht nur Neid, sondern erhöht auch den Konkurrenzdruck. Leistungsdruck am Arbeitsplatz wirkt sich auch auf das Verhalten zwischen Mitarbeitern aus.
Lieb und nett sein ist einfach, man eckt nicht an und muss sich nicht mit anderen anlegen. Nur, wer zu bescheiden ist, seine Ellbogen nicht einsetzt, wird in der Regel ausgenutzt und zieht im Berufsalltag schlichtweg den Kürzeren. „Die Mehrzahl der Menschen ist so: Macht man ihnen bescheiden Platz, so werden sie unverschämt. Versetzt man ihnen aber Ellbogenstöße und tritt ihnen auf die Füße, so ziehen sie den Hut,” wusste schon der Wiener Volksdichter Johann Nestroy. Aber bei aller Durchsetzungsstärke zugunsten seines eigenen Erfolgs sollte man Höflichkeit und Kooperation nicht gänzlich außer Acht lassen.

Jens Weidner, Professor der Erziehungswissenschaften und Kriminologie an der Hamburger Hochschule für Angewandte Wissenschaften, erklärt in seinen Seminaren, dass ohne Wettbewerb gar nichts läuft, man ihm nicht ausweichen kann und einem bewusst sein sollte, dass die Konkurrenz nicht schläft. Dass man „sich so verhalten soll, dass man erst gar nicht zuschlagen muss. Der andere muss wissen, dass der Angriff einen hohen Preis hat. Respekt ist Selbstschutz,” lautet Weidners Strategie. Demnach tut man gut daran, sich gegenüber Kollegen Respekt zu verschaffen. Oftmals sind es nicht die fachlichen Kompetenzen, die auch gerade jungen Führungskräften Probleme bereiten, sondern der zwischenmenschliche Aspekt. Ist man ein Weichei, hat man seine „Untergebenen“ schon verloren, fehlt die Portion Bauchgefühl, übertreibt man mit der Autorität, lässt bei den Mitarbeitern die Motivation nach. Es gilt alle Mitarbeiter in ein Team zu verwandeln und dazu gehört eben eine gute Portion Respekt und auch Loyalität. Das Gegenüber sollte genauso respektiert werden, wie man selbst respektiert werden will.

Der Konkurrenzforscher Rainer Michaeli leitet das Institut für Competitive Intelligence und will in Deutschland „den verpönten Begriff der Konkurrenz und des Wettbewerbs rehabilitieren. Konkurrenz ist für viele Wirtschaftsleute immer noch ein notwendiges Übel, etwas, das man tun muss, aber nicht will. Wenn es um die Konkurrenz geht, geht es immer nur um Gefühle und fast immer um die falschen.”

Konkurrenz geht man also am besten intelligent an. Weder das strikte Ellenbogenboxen noch die Gute-Freunde-Tour ist die Lösung. Wie so oft bewährt sich der goldene wie theoretische Mittelweg: Man verschafft sich Respekt, kombiniert ihn mit einer gewissen Distanz, vergisst die Fairness nicht und verliert auch das jeweils unternehmerische Ziel nicht aus den Augen.
www.competitive-intelligence.com




person using laptop computer beside aloe vera
Foto von Corinne Kutz