„Bloß nicht auffallen“

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Foto von Danielle MacInnes

Herr Professor Kühl, Personalabteilungen fordern mehr Anerkennung. Zu Recht?
Alle Abteilungen halten sich naturgemäß für den Nabel der Organisation. Da macht die Personalabteilung keinen Unterschied.

Wie groß ist denn die Bedeutung der Personalarbeit für ein Unternehmen?
Da sollten wir die Bedeutung des Personals von der Bedeutung der Abteilung, die diese Ressource betreut und verwaltet, trennen. Der Faktor Personal ist in Organisationen sehr wichtig. Die moderne Soziologie sieht Personal als eine der drei tragenden Säulen von Organisationen. Diese sind die Hierarchie und die Entscheidungswege, dann Programme und Zielvorgaben sowie schließlich die Personen, deren Individualität darüber entscheidet, wie Entscheidungen fallen. Ob ein Jurist oder ein Betriebswirt einen Sachverhalt beurteilt, macht ja einen Unterschied.

Welche Bedeutung hat dann die Personalabteilung?
Schauen wir uns die Realität an: Die wichtige Entscheidung, welche Person auf welche Stelle kommt, trifft in den allermeisten Unternehmen, vor allem im Mittelstand, nicht die Personalabteilung. Und selbst in Großunternehmen mit einer starken Personalabteilung werden die Top-Positionen häufig ohne ihr Zutun besetzt. Da setzt man auf Prinzipien, die im Mittelstand durchweg gängig sind.

Und die wären?
Das ist zum Beispiel das Don Corleone-Prinzip. Also das Aufrechterhalten von Strukturen durch persönliche Netzwerke, wo einer den anderen stützt und fördert. Wirkt die Personalabteilung in solchen Auswahlprozessen mit, hat sie meist nur Alibifunktion. Sie verteilt die Last einer Auswahlentscheidung auf mehrere Schultern und verleiht ihr – aus meiner Sicht – oft eine Scheinobjektivität. Das kann allerdings in Großunternehmen sehr wichtig sein, um Auswahlentscheidungen den mikropolitischen Spielen wenigstens teilweise zu entziehen.

Personalentwicklung als rein politisches Instrument? Das ist nicht der harte Wertbeitrag, mit dem sich Personaler profilieren wollen.
Dieser Wertbeitrag lässt sich jedenfalls nicht messen. Humankapitalberechnung oder komplexe ROI-Bestimmungen dienen allenfalls dazu, Potemkinsche Dörfer aufzubauen, vor deren Fassade man sich präsentieren kann. Dieses Tamtam mag in einigen Unternehmen nötig sein, muss aber keinesfalls immer die beste Strategie sein, den eigenen Status zu festigen.

Was empfehlen Sie dann, um die eigene Daseinsberechtigung nachzuweisen?
Eine provokante Überlegung: Wäre es nicht besser, nicht aufzufallen? Das Personalwesen ist und bleibt eine Gewährleistungsfunktion, deren Aufgabe es ist, dass die wertschöpfenden Kernprozesse reibungslos laufen. Im Falle der Personalabteilung heißt das, dass der Personalbestand ausreicht, Fehler bei der Lohnabrechnung nicht auf die Stimmung drücken und so weiter. Wer anfängt, über die Bedeutung all dessen laut zu reden, stellt sie eigentlich schon in Frage.

Sebastian Ofer

Chefredakteur bei HRM Research Institute

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