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Kultur ist ein verderbliches Gut. Man kann keine Besitzstände erwerben. Was nicht erneuert wird, stirbt. Im Organisationsbereich geht es zum einen um Neu-Beseelung der Menschen, die Organisation tragen, zum anderen müssen Strukturen und Prozessen erneuert werden. Entscheidend ist die Belebung, egal ob Traditionen fortgeführt oder Innovationen vorangetrieben werden. Letztlich geht es dann wieder um einen ewigen Geist und um überzeitlich gültige Werte.

Vor kurzem hatten einige Kollegen und ich ein langes Gespräch mit Lehrerinnen des Buddhismus, sog. Lamas. Wir waren uns einig, dass Geist gepflegt werden muss, sonst zieht Ungeist ein. Dabei kam mir als Parallele der Acker, der bewirtschaftet werden muss, andernfalls zieht das Unkraut ein. Und bei diesem Bewirtschaften geht es um die jährlichen Erträge, aber eben auch um nachhaltige Bodenpflege. Sonst geht es wie bei dem Bauern, der sich beklagt: „Jetzt hab ich endlich der Kuh das Fressen abgewöhnt, jetzt geht mir das Vieh ein.“ Wenn wir uns also für die Felder unserer Gesellschaft verantwortlich fühlen, dann dürfen wir sie nicht verwaisen oder anderen allein zur Bewirtschaftung lassen. Auch das von uns Unbeachtete, das mangels Aufgeklärtheit, Kompetenz oder Engagement Unversorgte werden uns diejenigen, die das auslöffeln müssen, zu recht vorhalten. Zumindest sollten wir ein Auge darauf haben, ob lebenswichtige Felder durch Fehlkulturen entarten oder wegen kurzfristigem Ertragsstreben überstrapaziert werden.

Ich gebe zu, ich bin eher in einem pietistischen Umfeld groß geworden. Und etwas mehr Auflockerung und spontane Lebensfreude, die ich rheinländischer Art seitens einer Großmutter sogar im Blut haben soll, könnten mir und den Menschen um mich gut tun. Daher will ich auch nicht das eine gegen das andere ausspielen. Neben dem empfundenen Pflichtgefühl sind Entspannung, Gleichmut und sich Anheim stellen stärkend. Statt durch Rheinländisches bin ich eher durch spirituelle Anliegen von Menschen, denen ich begegne, gefordert.

Darunter immer wieder Buddhisten, auch im vertrauten Kreis des Instituts. Den Dalai Lama habe ich persönlich schon in den 80er Jahren erlebt, damals noch im Rahmen der Humanistischen Psychologie, die zeitweilig viele neuzeitlichen Denker und geistige Erneuerer verschiedener Herkunft anzog. Und nun leiht mir unsere neue Praktikantin das Buch „Führen, Gestalten, Bewegen“ von Laurenz van den Muyzenberg, in dem von diesem und dem Dalai Lama über Werte und Weisheit für eine globalisierte Welt zu lesen ist. Ich habe es gerne gelesen. Da geht es um die rechte Anschauung, das rechte Handeln, die Schulung des Geistes und um das Glück. Und ich habe sooft innerlich zugestimmt , dass man mich für einen Buddhisten halten könnte. Warum auch nicht.

Da gibt es aber auch etwas, was mir fehlt . Das fehlt mir immer wieder, wenn Menschen von Individuen-bezogenen Ansätzen im Wirtschaftsleben all zu begeistert sind. Seien es Ansätze wie "Die Wertschätzende Organisation"1 von Diana Whitney et al. oder die Übertragung Tiefenpsychologischer2 oder Familientherapeutischer Ansätze auf Organisationen. Und jetzt eben bei den Gesprächen mit den Lamas bzw. beim Lesen.

Da wird überzeugend ausgeführt, dass es der rechten Haltung und der rechten Persönlichkeitsbildung bedarf, damit wirtschaftliches Handeln zu besseren Verhältnissen führt. Ja, gewiss! Aber es sind zusätzlich jede Menge Kenntnisse über wirtschaftliche Zusammenhänge und deren Einbettung in professionelles Können als persönliche Handlungskompetenz von Nöten. Das kommt in solchen Ausführungen oft nicht einmal zur Sprache oder bleibt so global und vage, dass man nicht weiß, wie groß das Niemandsland fehlender Erkenntnis, ja fehlender Fragestellungen ist.

Unaufgeklärte können so den Eindruck bekommen, dass sie sich durch Meditation, durch Selbstanalyse, durch Klärung ihrer Privatbeziehungen oder durch Besinnung auf positive Werte und Visionen für einen relevanten Beitrag zur Entwicklung von Wirtschaftskultur hinreichend rüsten können. Das kommt mir manchmal so vor als würde man sich hauptsächlich durch Besinnung auf einen „grünen Daumen“ in das Verständnis einer Großgärtnerei oder durch Verstehen von Bambushütten in Industriearchitektur einarbeiten wollen.

Ich bin durchaus für Schlichtheit, zu der wir immer wieder zurückfinden müssen, um uns nicht in Kompliziertheiten zu verlieren. Und natürlich soll sich jeder Mensch auf seine Wirklichkeit und das Transzendente darin besinnen. Doch sollte nicht ausgeklammert werden, wie viel Sachkenntnis notwendig ist, um sich als Bürger eine einigermaßen aufgeklärte Meinung zu bilden, erst recht aber als Professioneller, der anderen wieder Orientierung gibt. Erwerb und Umgang mit Sachkenntnis kann durchaus auch mal trocken wirken. Und man kann sich fragen, warum man sich dem stellen sollte. Auf jeden Fall steht denen Würdigung zu, die Anstrengungen auf sich nehmen, sich wirklich sachkundig zu machen und dieses Wissen mit uns zu teilen.

Z.B. wollte ich eine Stunde Rundfunksendung letzte Woche nicht gerne für eine Stunde Meditation oder Selbsterfahrung eintauschen. Im SWR 2 Forum am 5.3. „Osteuropa in der Krise“ wurde dargelegt , dass Westeuropa zum Ruin vieler Haushalte z.B. von Hausbesitzern in den osteuropäischen Ländern beigetragen hat. Zur Zeit der Finanzblase wurden wie in den USA Kredite zu irrational günstigen Konditionen ohne angemessene Sicherheiten gegeben, allerdings in SFR oder EURO. Nun werden diese Währungen abgewertet und die Kreditnehmer sind ruiniert. Hat man sie aufgeklärt oder eher verführt? Waren sie überhaupt urteilsfähig? Die Erkenntnis über diese Zusammenhänge hat meine Meinung über mögliche Stützung dieser Volkwirtschaften verändert. Sachkenntnis hat vorhandene Wertvorstellungen angereichert. Diese hätte ich durch Hinwendung zu mir selbst niemals bekommen. Dasselbe gilt für das Studieren von Berichten, nach denen in Süd-Italien und Spanien illegale Immigranten schamlos ausgebeutet werden, mindestens mit Duldung der dortigen Gesellschaften. Doch profitieren auch wir davon im neuerlich ausgebrochenen Lebensmittelpreiskampf der Discounter. Diese Menschen haben es schlimmer als in den Ländern, aus denen sie unter Lebensgefahr geflohen sind, und sie können aus eigener Kraft kaum etwas dagegen tun.

Klar muss nicht jeder die Welt retten, doch zu viel geistige Selbstgenügsamkeit kann eben doch auch problematisch sein. Glücklicherweise haben wir Zugang zu gut aufbereitetem Wissen3 . Und bitte nicht missverstehen! Das ist keine Kritik am Dalai Lama. Er sagt klar, dass er ein Mönch ist und kein Halbgott als den ihn viele anzusehen scheinen. Und ich finde bewundernswert, wie der Mann seiner Verantwortung gerecht zu werden versucht.


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[1]095 "Bis hier gerne! Doch wie weiter?" - B. Schmid 2004 Institutsschrift ,Erschienen in: Klaus G. Deissler, Kenneth J. Gergen (Hg.): Die Wertschätzende Organisation, transcript-Verlag Bielefeld 2004, S. 148-155.

[2] 907 Seelische Bilder und berufliche Beziehungen - B. Schmid 2004 Vortrag beim Tiefenpsychologiekongress in Lindau 24.-28.10.2004 inChristiane Neuen Hrsg.: Einander anerkennen –Eine neue Beziehungskultur S. 119- 142 Patmos Verlag 2005

[3] Unter Ton- und Videodokumente kann man von meiner persönlichen Website von mir ausgelesene öffentlich zugängliche Informationssendungen herunterladen. http://www.systemische-professionalitaet.de/berndschmid/ton_video_bss.html

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Foto von Annie Spratt