Benedikt Herles: “Die kaputte Elite” – Bekenntnisse eines Business School-Absolventen

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Der Mut schnappt sich die Narrenkappe …


Neu ist das alles natürlich gar nicht. Jeder Leser kann ins Internet gehen und auf ein paar Pages von Business Schools surfen, er muss nur in den eigenen Betrieb sehen und sich selbst anschauen. Flickwerk, wohin das Auge reicht. Neu ist, dass Herles seine Gruppe verpetzt. Was bislang gemutmaßt werden musste aufgrund verstreuter Fakten, hat jetzt einen Zusammenhang, kennt eine Erfahrung und ist bestätigt.

Die wirkliche Power des Buches liegt darin, dass Herles es offenbar vollständig ablehnt, der Elite auch nur noch ansatzweise mit Beweise zu begegnen. Er zitiert zwar Zeitungsberichte und auch Tendenzen und Köpfe der Elite, aber er lässt sich erst gar nicht mehr darauf ein, eine groß angelegte Studie zu schreiben. Er hat uns zu sagen, dass wir nichts mehr wirklich ernst nehmen soll. Denn das, was die Elite bewegt, entbehrt jeder Grundlage für einen Dialog. So ist auch der Schlussappel zu verstehen: Etwas tun! Abspringen! Und nicht: Mal zum Kamingespräch treffen und in Ruhe über Missverständnisse sprechen. Das schmale Tagebüchlein steht in seiner Schlichtheit den opulenten Websites der Business Schools gegenüber. Das eine ist die wahre Erfahrung und braucht wenige Worte – das andere ist der große Bluff.

Wem es gelingt, „Die kaputte Elite“ wirklich von Seite eins bis Seite 174 zu lesen, der wird vielleicht – so ihn das betrifft – einem knallharten Zahlenchef am nächsten Morgen nach der Lektüre die Tür öffnen und im Rahmen einen Menschen stehen sehen, den er nicht mehr für voll nehmen kann. Der Mut tritt dann in der Narrenkappe auf: Alles schon gesehen, Macht entzaubert und vollständig verstanden. Und vielleicht wird dieser Mensch anfangen, hier und da seinen Ton zu forcieren. Fragen beiläufig fallen lassen. Man muss ja nicht mehr konfrontieren. Überhaupt alles ein bisschen mehr im Vorbeigehen tun. Denn das tut die Elite ja auch. Für die alte Profit-Garde ist HR als zahlenfokussierter Business Partner viel zu schade, Personaler können mehr als Mathe. Vorausgesetzt, sie wissen, was ihre Leute können und wie die Märkte ticken. Ab hier beginnt das Terrain der Revolution. Das kann der Elite nicht Recht sein. HR – go for it!

So schnell wird das Wetter nicht schön,
aber es kommt schon …

Benedikt Herles dichtet sich und seinen Lesern keine schönen Aussichten: Geändert werden kann das laufende Elitensystem nur, indem abgetreten wird. Im Original: „Erst wenn die alte Generation abtritt, ist der Weg für neue Erkenntnisse frei.“ Diese Passage leiht sich Herles bei einem hochrangigen Wissenschaftler: Paul Krugmann. Mit anderen Worten: Wir müssten darauf warten, bis ein System personell ausläuft und während dessen die Alternative vorbereiten.

Vielleicht wird es gar nicht so schwer. Herles beschreibt, wie die Eliten-Welt auf Bluff und Vorspiegelung basiert und sich ihre Bürger gegenseitig Pfründe zuschieben. Der junge Autor berichtet, wie enttäuscht er war, als er nach fast klösterlich wirkenden Erziehungseinheiten an Business Schools und in Personalberatungen ins Mekka der Macht vorgelassen wurde – Aufträge, Jobs, Aufgaben – und dann erlebte, wie allein mit Excel-Tabellen, netten Folien, rein mathematischen und vorgefertigten Lösungen Business betrieben wird. Das killt jede Kreativität, jeden persönlichen Einsatz, jede Hoffnung auf lebendiges Leben und Beteiligung. Vor Benedikt Herles entfaltet sich quasi auf europäischem Gebiet das 2.000 alte chinesische Kaiserreich mit all seinen Hofkammern, Hofmeistern und Kammerdienern. Herles beschreibt Groteskes, Kafkaeskes und Schwachsinniges. Diesen Excel-Mathe-Wahnsinn – verkauft als Rationalität – decouvriert Herles als mentale Beschränktheit. Welcher vernünftig denkende Mensch wollte sich dieser Beschränktheit andienen?

Benedikt Herles hat vergessen, seinem Werk einen Endsatz zuzufügen. Ein Buch ohne Schluss also. Seine Schlusspassage „Abspringen lohnt sich. Für uns alle“, müsste weitergeführt werden. Vielleicht so: „Ich wünsche uns allen, dass wir dazu den Mut aufbringen und aus unserer Resignation steigen, angesichts dieser Riesenmaschine, die da auf uns zu kriecht und die wir doch selbst sind. Mein nächstes Buch handelt also vom Mut. Wir haben ihn ja schon. So ganz mutlos läuft niemand von uns durch sein Leben. Und vielleicht müssen wir nur lernen, unsere kleinen Funken zu verbinden – von Mensch zu Mensch.“  

Szenenwechsel: Ein Key Account Manager aus dem Online Business sucht nach einer langen Phase der Weiterbildung nach einem Job. Ansonsten gehen ihm die Lichter aus, die Wohnung im schicken Viertel will bezahlt werden. 3.500 Euro brutto müsste der Markt ihm schon hergeben. Der aber habe sich überhitzt, das sagt er auch seinen Freunden. Dennoch: So viel Gehalt muss schon sein, gemessen an dem was er bisher hatte. Man will sich ja nicht verschlechtern. Selbst sucht er nicht, es ist bequemer, Head Hunter ranzulassen. Das sind eigentlich Personalberater, aber das sagt er so nicht. Zum Schluss wird dann ein Job genommen, der ganz sicher der Gesellschaft nicht so zuträglich ist. Aber was will man machen, die Maschinerie des Marktes ist ja doch unbezwingbar. 

Das ist kein Einzelschicksal. Personaler kennen haufenweise solche Stories. Über solche Leute hat Benedikt Herles nicht geschrieben. Er schrieb über die andere Seite des Verhandlungstisches, wo die ganz großen Weltgeschicke entschieden werden. Aber er schildert ähnliche Szenarien unter den Eliten: Berater, Business Schools, Manager und Regierende balgen sich um Geld, sehr viel Geld. Dieses Buch handelt von nichts anderem als Geld, Mathematik zur Erreichung dieses Geldes und hirnloses Leben. Da überholt auch niemand mehr irgendjemand. Unter dem Eindruck der ganz großen Macht drehen sich die Tänzer in die Trance der Zahlengetriebenheit.

Best of Herles für Personaler:

 

Herles über Vertreter der so genannten „behavioural economics“, z.B. Daniel Kahnemann
„Denn auch Verhaltensökonomen pressen menschliches Verhalten in Modelle. Sie versuchen, die reine Mathematik um Faktoren wie Verlustangst, Gier oder fehlende Entscheidungsfreudigkeit zu ergänzen.“ Herles über Vertreter der so genannten „behavioural economics“, z.B. Daniel Kahnemann

Herles über die Rolle der großen Unternehmensberatungen in der Wirtschaft

„Boston Consulting, McKinsey und Bain begründeten Taylor-Management 2.0. Sie überzeugten ihre Auftraggeber, so Kiechel, „nicht nur die Arbeit eines armen Tropfes mit gezücktem Stift und Stoppuhr zu überwachen, sondern jeden Aspekt des Betriebs eines Unternehmens.“

Über das Verhalten von HR gegenüber Bewerbern aus der Beratungsbranche

„Die Unternehmensberatung dient als gigantisches Karrieresprungbrett. Mit einem Roll-Koffer-Diplom von einer renommierten Adresse bewirbt es sich ganz anders. Kein Personaler fragt sich mehr, ob man wohl Kopfrechnen kann oder wie es mit der Motivation ausschaut, abends zur Not auch länger am Schreibtisch zu sitzen.“

Über die Netzwerke der Mächtigen
„Nicht nur Strategieberatungen, auch Investmentbanken und Business Schools kümmern sich ausgesprochen gut und erfolgreich um ihre früheren Schäfchen. Die Clubs der Ehemaligen sind die mächtigsten Vereine der Welt. Ihre Mitglieder kontrollieren Großkonzerne, Finanzimperien, aber auch internationale Organisationen und Ministerien.”

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Benedikt Herles: Die kaputte Elite.

Ein Schadensbericht aus unseren Chefetagen.
Albrecht Knaus Verlag (München) 2013. 176 Seiten.
ISBN 978-3-8135-0555-9. D: 19,99 EUR


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Benedikt Herles erleben:

“Durch die Nacht mit Herles”
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