Aus Broterwerb wird Leidenschaft

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Foto von Icons8 Team

Matthias Horx hatte gute Nachrichten für die erwartungsvoll verharrende Menge, die sich im Praxisforum zu seinem Vortrag drängte. „In 50 Jahren wird es morgens keine Rush Hour in den Städten mehr geben!“ prophezeite der Vordenker angesichts zunehmend variabler Arbeitszeiten und Einsatzorte. Horx, der jüngst eine „Anleitung zum Zukunftsoptimismus“ veröffentlichte, hat etwas gegen Untergangsstimmung und Panikmache: Aus seiner Warte bringt die Zukunft viele Verbesserungen.

Die Warte des Trendforschers ist die Vogelperspektive, wie Horx auf der Personal Austria verriet. „Wir stecken mitten drin im Wandel – deshalb verstehen wir ihn nicht“, erklärte der Referent. Erst mit der „Supervision des Phänomens“ würden die Zusammenhänge deutlich. Mit Hilfe dieses gängigen „Tricks“ seiner Zunft seien drei entscheidende Transformationen in der wellenartigen gesellschaftlichen Entwicklung erkennbar: Der erste Wendepunkt in der Menschheitsgeschichte habe sich circa 8000 bis 6000 vor Christus vollzogen, als Jäger und Sammler zu sesshaften Bauern wurden. Als zweiten Schritt von fundamentaler Bedeutung bezeichnete Horx die Ablösung des agrarischen Zeitalters durch die industrielle Gesellschaft um 1800. Ad hoc befänden sich die Industrienationen mitten in der dritten Transformation, dem Aufbruch zur Wissensgesellschaft.

Arbeit im Industriezeitalter charakterisierte Horx als fremdbestimmt, hierarchisch und entfremdet. Die neue Arbeit in der Wissensgesellschaft zeichne sich hingegen durch die Attribute emanzipativ, kooperativ und partizipativ aus, kennzeichnete er den Fortschritt: „Firmen brauchen heute Leidenschaft. Arbeit macht sehr viel mehr Spaß als im Industriezeitalter. Sie wird ein wichtiger Teil der Selbstverwirklichung.“ Die zentrale Wertschöpfung erfolge künftig aus Wissensvermehrung, Services und Innovationen, Waren- und Informationsströme würden global vernetzt.

Tragende Säule der Wissensgesellschaft sei die kreative Klasse, deren Aufschwung bereits begonnen habe: Laut einer aktuelle Studie arbeiteten 12,5 Prozent aller Erwerbstätigen im österreichischen Graz derzeit im streng definierten Kreativsektor und produzierten 18 Prozent des Bruttosozialprodukts. Wenn zu den klassischen Kulturberufen (so etwa Autoren, Maler, Musiker, Tänzer) noch die erweiterten Kulturberufe wie Werber,Texter, Mediatoren, Rapper sowie neue Synthese-Berufe (Mentaltrainer, Art Connector, Outplacement-Berater) hinzugezählt und zudem die kreativen Köpfe in konventionellen Berufen berücksichtigt würden, sei schon ein bedeutender Teil der Gesellschaft in der kreativen Klasse anzusiedeln. Als Beispiele für Kreative in konventionellen Berufen führte Horx „wirbelige Winzer, sagenhafte Schreiner, geniale Fleischhauer, visionäre Sportler, begnadete Bauern, außergewöhnliche Apotheker, begabte Buchhändler“ und last but not least „patente Personaler“ an.

Wem gehört die Zukunft? Der findige Trendforscher amüsierte sein Publikum mit einem „kleinen Kreative-Klasse-Test“, der folgende Fragen umfasst: „Verdienen Sie Ihr Geld durch das Erzeugen eines Unterschieds? Kann Ihr Einkommen um mehr als 20 Prozent im Jahr differieren? Wissen Sie nicht genau, wie Ihr Beruf in 10 Jahren heißen wird? Brauchen Sie mehr als 50 Prozent Ihrer Arbeit zum Üben? Kurzum: Wissen Sie immer weniger, wo Arbeit endet und Leidenschaft anfängt?“ All diese Aussagen seien Merkmale der kreativen Klasse, erklärte Horx. Wer eine Frage mit Ja beantworten könne, sei auf dem besten Weg in die Zukunft.

Besonders aufhorchen ließen das Publikum die Thesen zu den Erfolgskriterien künftiger Arbeit. Im New Style Business gehöre „von jedem Planeten einer auf die Kommandobrücke“, sprach sich der Referent zum Beispiel für Diversität aus – einen Anspruch, den bereits viele Personalisten in ihren Unternehmen umzusetzen versuchen. Besondere Aufmerksamkeit widmete Horx zudem den Themen Frauen und Alter, die das Personalmanagement ebenfalls stark beschäftigen. Nach erfolgreicher Aufholjagd in der Bildung sei das weibliche Geschlecht deutlich erstarkt, begründete Horx den „Megatrend Frauen“. Er schätze, dass 2050 Einkommensparität bei den Geschlechtern herrsche.

„Wir hoffen, dass wir schon schneller dort hinkommen“, griff Mag. Thomas Klein, HR-Leiter von Infineon Technologies Austria AG, Horx Aussage in einer Podiumsdiskussion des Arbeitsmarktservices zum Thema „Frauen in Handwerk und Technik“ auf. Angesichts des demographischen Wandels und dem damit einhergehenden Mangel an qualifizierten Kräften besinnen sich derzeit Unternehmen aller Branchen auf das Potenzial von Frauen. „Der War for Talents ist für uns absolute Realität – wir müssen alle Ressourcen ansprechen; bekräftigte Klein. Mag. Sandra Micko von Microsoft Österreich möchte ebenfalls mehr Frauen für ihr Unternehmen gewinnen – nicht nur aus Mangel an männlichen Bewerbern, sondern aus der Überzeugung, „dass Unterschiedlichkeit einen Mehrwert bietet“. Mit verschiedenen Angeboten wie einem aktiven Karenz-Management und flexiblen Arbeitszeitregelungen versuche Microsoft für Frauen attraktiv zu werden. Auch Matthias Horx unterstrich, dass sich die Rahmenbedingungen ändern müssen, um dem Lebensentwurf moderner Frauen gerecht zu werden: Länder mit einem Doppelverdiener-Modell und hohem Emanzipationsgrad verzeichneten auch höhere Geburtenraten, gab er zu bedenken.

In Bezug auf den „Megatrend Aging“ interessiere vor allem die Frage, wie „wir beim Älterwerden immer jünger bleiben“, erklärte Horx. Es sei in Mythos, dass Alter zu beruflicher Passivität verdamme. In anderen Ländern blieben Mitarbeiter zwischen 55 und 64 Jahren keineswegs außen vor – insbesondere in Island, das eine Erwerbsquote von 90, 2 Prozent in dieser Altergruppe der Männer aufweise. Laut der Erhebung aus dem Jahr 2004 sei Österreich mit einer Quote von 27,4 Prozent in dieser Hinsicht eindeutig „Entwicklungsland“.

Aus eindimensional wird vielschichtig: Der vergrößerte Aktionsradius in der globalisierten Welt und die flexibleren Beschäftigungsmöglichkeiten im Zeitalter der kreativen Klasse generiere neue Lebensläufe, meinte Horx. Die bislang vorherrschenden Biographien mit den üblichen drei Stationen Kindheit und Jugend, Erwerbs- oder Familienleben sowie Ruhestand würden von „Multigraphien“ abgelöst: Auf eine verkürzte Kindheit und Jugend folge zunächst eine längere Phase der Post-Adoleszenz, bevor die „Rush Hour“ einsetze. Ein zweiter Aufbruch führe in die „Selfness-Karriere“ – ein Lebensabschnitt, der von beruflicher Selbstverwirklichung geprägt sei. Den Endpunkt der Entwicklung markiere schließlich die „Weisheits-Phase“. Parallel zu diesem Entwicklungsstrang umfasse die Phase der Erwerbstätigkeit typischerweise mehrere Jobs und Berufe, enthalte eine Auszeit in Form eines „Sabbaticals“ und münde im Idealverlauf schließlich in der Berufung. Auch der private Lebensweg umfasse viele Stationen und führe von der Wahlfamilie der Jugend über verschiedene Familiensituationen und -gründungen bis zur erweiterten Wahlfamilie im Alter. „Sie brauchen nicht unbedingt eine neue Frau für die zweite oder dritte Familienphase in ihrem Leben – aber nach bestimmten Abschnitten wie etwa der Kindererziehung müssen Sie mit Ihrem Partner neu verhandeln“, erläuterte Horx das vielschichtige Konzept.

Das Pendant zu den künftigen „Multigraphien“ bilden variable Arbeitsformen und -zeiten: Statt einem Heer von Dauerangestellten beschäftigten Unternehmen zukünftig Mitarbeiter im Kontrakt-Mix, Einheitslohn und Einheitszeiten wichen flexiblen Entgeltformen und an die Stelle lebenslanger Arbeitsplätze („Wie Sie wissen, ein Urteil für Schwerverbrecher!“) trete „Employability“ – Beschäftigungsfähigkeit. Um in der Wissensgesellschaft erfolgreich zu sein, braucht es Horx zufolge folgende neue Schlüsselqualifikationen: Statt Fleiß, Einordnung, Disziplin und Fremdwissen seien Systemkompetenz, Kreativität, Kooperation, Resilienz (Durchhaltevermögen) und Selbstwissen gefragt. Um dorthin zu kommen, bedürfe es nicht zuletzt eines neuen Schulsystems. „Man kann nicht über Arbeit sprechen, ohne über das Lernen zu reden“, leitete Horx über zum Schulsystem: Der Bildungserwerb alten Stils mit paramilitärischen Zügen sei völlig überholt, erklärte Horx. Der Trendforscher vertrat die Meinung, dass Hochbildung für alle prinzipiell machbar sei – mit gutem Beispiel voran gehe etwa Finnland.

Mit Witz und Verve und dieser Fülle an vielversprechenden Ausblicken erreichte Matthias Horx auf der Personal Austria sein erklärtes Ziel, die Zukunft der Arbeit als Chance zu begreifen. Bei seinem atemraubenden Höhenflug in das kreative Zeitalter redete er das Publikum freilich leicht schwindlig. Jedenfalls war der Sauerstoff im Praxisforum nach dem einstündigen Vortrag nahezu verbraucht – und ließ keine Option für eine anschließende Diskussion. Engagierte Personalisten werden sich an Horx’ Ausführungen wohl noch oft erinnern – schließlich müssen sie ihre Unternehmen jetzt auf die neue Mitarbeitergeneration vorbereiten.

Die Präsentation zu dem Vortrag können Sie hier als pdf downloaden.

Weitere Informationen zur Fachmesse Personal Austria und zum Keynote Matthias Horx sind im Internet unter www. personal-austria.at erhältlich.

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